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Podcast: Altana-Chef: „Deutschland ist unsere Innovationszentrale”

Viele Chemiekonzerne stecken in der Krise, bei Altana laufen die Geschäfte bestens – auch weil das Unternehmen nur noch zehn Prozent des Umsatzes in Deutschland macht. Wieso der Chef dennoch an den Standort glaubt

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Viele Chemiekonzerne stecken in der Krise, bei Altana laufen die Geschäfte bestens – auch weil das Unternehmen nur noch zehn Prozent des Umsatzes in Deutschland macht. Wieso der Chef dennoch an den Standort glaubt

Der Chemiekonzern Altana sitzt in Wesel am Niederrhein, beschäftigt mehr als 8000 Menschen weltweit und produziert Spezialchemikalien, zum Beispiel Zusatzstoffe für Lacke und Batterien oder Isoliermaterialien für Elektromotoren. Das Unternehmen hat 2025 über 3 Mrd. Euro umgesetzt, nur etwa ein Zehntel davon in Deutschland. Altana gehört zur Beteiligungsgesellschaft SKion der BMW-Großaktionärin und Quandt-Erbin Susanne Klatten. SKion hat sie mittlerweile an ihre Kinder übergeben, ist aber weiter Geschäftsführerin

CAPITAL: Herr Babilas, in letzter Zeit wird viel über Deutschland geklagt. Sie jedoch warnen davor, den Standort schlecht zu reden. Wieso?
MARTIN BABILAS: Es gibt in Deutschland tatsächlich viele Herausforderungen. Die muss man auch klar benennen. Ich bin nur der Meinung, es ist nicht angemessen, diesen Standort komplett schlecht zu reden. Man kann auch heute noch in Deutschland erfolgreich arbeiten. Wir haben als Land erhebliche Stärken: eine sehr gute industrielle Basis, die duale Berufsausbildung, tolle Universitäten, Netzwerke zwischen Unternehmen und Universitäten. Da ist also ganz viel, mit dem man wuchern kann, und das immer noch zum Erfolg vieler Unternehmen beiträgt. Wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre anguckt, hat sich allerdings einiges verändert, und Deutschland muss jetzt bestimmte Hausaufgaben machen.

Welche sind das?
Dazu zählt beispielsweise die wirklich komplett aus dem Ufer gelaufene Bürokratie, die zurückgeschraubt werden muss, und das mutig. Im Alltag halten uns zu viele Dinge auf. Zu den Aufgaben gehört auch das Thema Energiekosten. Wir haben mittlerweile Wettbewerbsnachteile, insbesondere gegenüber Nordamerika, aber auch gegenüber einigen asiatischen Ländern. Diese Nachteile sind auf Dauer nicht tragbar und stehen auch der Energietransformation im Weg. Dann sind da die Themen Digitalisierung und Ausbau der Infrastruktur. Wir haben an vielen Stellen Nachholbedarf. Deutschland muss jetzt mutige politische Schritte gehen, damit wir das wieder in die Spur kriegen.

Die Bundesregierung ist jetzt seit einem guten Jahr im Amt. Wie gucken Sie auf dieses Jahr?
Da darf und muss noch mehr kommen. Die Bundesregierung hat viele Reformen angekündigt, aber vom Ankündigungs- in den Handlungsmodus sind wir nur in Teilbereichen gekommen. Ich hoffe sehr, dass in den nächsten Monaten einiges passiert.

Lassen Sie uns auf das Unternehmen schauen. Altana ist ein Anbieter von Spezialchemie. Was versteht man darunter und wo begegnen wir Ihren Produkten im Alltag?
Es gibt keine trennscharfe Definition. Die vielleicht beste ist, dass Sie typischerweise für Produkte unseres Hauses keine chemische Formel einfach so an die Wand malen können. Unsere Produkte sind typischerweise erklärungsbedürftig. Ein Beispiel: Wir sind ein führender Anbieter der Dichtungsmasse, die in Flaschenverschlüssen steckt. Wir haben vor einigen Jahren eine Innovation auf den Markt gebracht, die hilft, 0,3 Gramm aus dem Verschluss an Stahl bzw. Blech rauszunehmen. Das klingt wenig, aber bei 300 Milliarden verkauften Flaschen jedes Jahr kommen schon ganz schöne Mengen zusammen. Da reden wir über 90.000 Tonnen Stahl, die Sie einsparen können. 

Welches sind Ihre Blockbuster und wichtigsten Produkte?
Richtige Blockbuster, die Sie beispielsweise aus der Pharmabranche kennen, haben wir nicht. Das ist auch ein charmanter Aspekt, weil es das Geschäft stabiler macht. Das größte Produkt, das wir im Unternehmen haben – und ich sage Ihnen ganz ehrlich, das kann ich Ihnen nicht mal nennen – macht nur den Bruchteil eines Prozents von unserem Gesamtumsatz aus. Das Produktportfolio ist also sehr kleinteilig.

Sie selbst sind seit 1998, also seit fast 30 Jahren, bei Altana. Haben Sie in dieser Zeit einmal ernsthaft über einen Wechsel nachgedacht?
1998 habe ich das nicht geahnt, so etwas plant man ja nicht. Ich hatte über diese fast 30 Jahre immer wieder interessante Herausforderungen und Aufgabenstellungen – die manchmal auch eine Nummer zu groß waren. Ich würde außerdem sagen: Ich war in den letzten 28 Jahren fast ein bisschen zu beschäftigt, um da intensiv drüber nachzudenken.

Sie sagten eben, manches war eine Nummer zu groß. Was waren das für Momente oder Situationen?
2001 wurde ich, in noch relativ jungen Jahren, zum Beispiel gebeten, den Bereich Unternehmensentwicklung der damaligen Chemiesparte aufzubauen, Altana hatte ja auch mal eine Pharmasparte. Mittlerweile bin ich seit 18 Jahren im Vorstand, da gab es auch immer wieder interessante Momente, den Rückzug von der Börse zum Beispiel.

Die BMW-Großaktionärin und damalige Altana-Eigentümerin Susanne Klatten verkaufte die Pharmasparte, nahm das Unternehmen von der Börse und integrierte es in ihre Beteiligungsgesellschaft SKion. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Das war natürlich eine ganz spannende Phase. Sie war auch von erheblichen weltwirtschaftlichen Verwerfungen geprägt. Im September 2008 fiel Lehman Brothers, der Fall der Investmentbank löste die Finanzkrise aus. Angela Merkel und Peer Steinbrück traten vor die Kameras und sagten, die Spareinlagen seien sicher. In dieser Phase machte unsere Aktionärin dieses Angebot, weil sie eine unternehmerische Chance erkannte. Das war ein sehr mutiger Schritt.

Hat der Rückzug von der Börse die Unternehmenskultur verändert?
Um ehrlich zu sein: gar nicht so sehr. Wir waren vorher schon im Mehrheitsbesitz der Familie. Eine fundamentale kulturelle Veränderung war aus meiner Sicht damit nicht verbunden, aber natürlich viel Organisatorisches. Ihr Kalender ist ein anderer, wenn Sie als Vorstand eines kapitalmarktorientierten Unternehmens agieren. Diese Freiräume konnten wir dann auf das Unternehmen fokussieren.

Wie nah dran ist die Eigentümerfamilie im täglichen Geschäft?
Susanne Klatten ist unsere stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und in den Aufsichtsratssitzungen natürlich präsent. Sie nimmt an der Meinungsbildung und Diskussion teil, wenn es um die fundamentalen strategischen Entscheidungen geht. Im Tagesgeschäft haben wir als Vorstand einen großen Handlungsspielraum.

Altana hat 2025 einen Rekordgewinn verzeichnet. Dabei steckt die Chemiebranche in Deutschland seit Jahren in der Krise, unter anderem wegen hoher Energiepreise. Warum scheint Sie das weniger zu betreffen?
Das Jahr 2025 ist für uns im Vergleich zu der Entwicklung der allgemeinen Industrie in Deutschland und Europa tatsächlich gut gelaufen. Wir haben gegen den Trend ein leichtes operatives Wachstum erzielt im Umsatz und eine Ergebnissteigerung. Das ist aus unserer Sicht ein Stück weit eine Bestätigung des langfristigen Weges, den wir gehen, unabhängig von konjunkturellen Zyklen in das Unternehmen zu investieren, in Innovation und in Nachhaltigkeit. Dazu kommt unsere Finanzkraft. Das andere ist das Thema Energieintensität. Unsere Prozesse sind energieärmer als die vieler andere Unternehmen in der Branche. Gleichzeitig sind wir weltweit in allen wichtigen Märkten präsent, auch mit eigener Produktion. Dort sind wir Teil von lokalen Wertschöpfungsketten. Wir können also mit Dingen wie Herausforderungen in grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten und Zollthemen ganz gut umgehen. 

Verdienen Sie in Deutschland Geld?
Ja. Wir verdienen Geld in allen wesentlichen Märkten, in denen wir tätig sind, auch in Deutschland. Das ist unser Anspruch. Wir machen in Deutschland noch etwa 10 Prozent unseres Umsatzes. Vom Markt her gedacht ist die Bedeutung des Landes also nicht mehr so entscheidend. Deutschland ist aber die Innovationszentrale. Viele unserer Entwicklungen und Patente kommen nach wie vor hierher. Deswegen hat Deutschland für uns als Basis und als Kraftzentrum nach wie vor eine hohe Bedeutung.

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