Enter your email address below and subscribe to our newsletter

Wie man das Denunziantentum spielerisch hoffähig macht | Von Dirk C. Fleck

Wie man das Denunziantentum spielerisch hoffähig macht | Von Dirk C. Fleck

Beitrag teilen

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

Ist eigentlich hinreichend bekannt, dass siebzig Prozent aller Verhaftungen, die von der Gestapo vorgenommen wurden, nicht auf eigenen Recherchen, sondern auf Hinweisen aus der Bevölkerung beruhten? Diese Information in Verbindung mit den Impressionen, die ich während der RAF-Hysterie in den siebziger Jahren sammeln konnte, brachten mich Mitte der Achtzigerjahre auf die Idee für einen Spielfilm namens „JACKPOT“. Ich reichte das Exposé bei der Filmförderungsanstalt in Berlin ein. Im ersten Absatz heißt es:

„JACKPOT ist eine realistische Fiktion. Unter realistischer Fiktion verstehe ich eine Zukunftsperspektive, die sich aufgrund der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse schon heute abzeichnet. In JACKPOT wird fortgeschrieben, was mit der Datenerfassung längst begonnen hat.“

Der Hintergrund für diese Geschichte ist schnell erzählt. Ich hatte mir vorzustellen versucht, wie es einem Staat gelingen könnte, das Denunziantentum so spielerisch in die Gesellschaft zu integrieren, dass niemand Skrupel zu haben braucht, wenn er am Nachbarn, unter Freunden oder in der Familie Verrat übt. Das geschieht in JACKPOT über eine staatliche Lotterie, in der jede Woche eine siebenstellige Gewinnzahl ermittelt wird. Pro Runde werden zehn Millionen — Euro, Dollar, egal — ausgeschüttet. Sollte sich kein Gewinner finden, erhöht sich der Jackpot automatisch um weitere zehn Millionen. In unserem Fall ist die auszuschüttende Summe auf hundert Millionen angeschwollen. Das Land liegt im Jackpot-Fieber. Die Spielregeln besagen, dass der Gewinner des Jackpots 50
Prozent des Gewinns ausbezahlt bekommt. Die anderen 50 Prozent erhält er, wenn es ihm gelungen ist, das ihm ausbezahlte Geld innerhalb eines Jahres unerkannt
auszugeben.

Der Reiz der Lotterie besteht darin, dass jeder Teilnehmer im Spiel bleibt, und zwar über die sogenannte Tipp-Stimme. Mit dieser Stimme kann er der Zentrale melden, wenn jemand in seinem Umfeld verhaltensauffällig ist. Allerdings muss dem Tipp immer eine Begründung beigefügt werden. Diese Begründungen sind es letztlich, mit denen die Persönlichkeitsprofile gemästet werden, die der Staat von seinen Bürgern anlegt. Wer der Zentrale den Gewinner nennen kann, bekommt die anderen 50 Prozent des Gewinns zugesprochen.

In JACKPOT wird die Geschichte eines Menschen erzählt, der von potenziellen Denunzianten umgeben ist und versucht, unter ihnen das gewonnene Vermögen auszugeben, ohne aufzufallen. Es wird das Bild einer sich selbst zerfleischenden
Gesellschaft gezeichnet, in der Angst, Neid und Missgunst alles an zwischenmenschlicher Kommunikation zertrümmern, was ein erträgliches Miteinander noch möglich macht.

Nach Monaten des Wartens fand ich folgenden Bescheid der Filmförderungsanstalt in meinem Briefkasten:

„Der Antrag auf Zuerkennung von Förderungshilfen (Zuschuss zur Herstellung eines Drehbuchs) für das Projekt PD 306/85 JACKPOT wird abgelehnt. Der Bescheid ergeht gebührenfrei. Begründung: Jackpot ist eine zu kleine Geschichte, um für einen abendfüllenden Spielfilm auszureichen. Zudem stellt die Kommission fest, dass Jackpot keine realistische Fiktion ist. Die Geschichte ist grässlich überzogen und viel zu unglaubwürdig. Die Ablehnung der Kommission erfolgte einstimmig.“

Vierzig Jahre später ist der Begriff „realistische Fiktion“ mehr als angebracht. Unter der Ampel-Regierung hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser ein „Gesetz zur Deradikalisierung der Republik“ in Vorbereitung. Die Süddeutsche Zeitung nannte den Plan eine „Lizenz zum Anschwärzen“. Faesers Entwurf sah vor, dem Verfassungsschutz deutlich mehr Macht zu geben. Künftig sollten die Schlapphüte ihre Erkenntnisse an Unternehmen und Privatpersonen weitergeben dürfen, wenn sich ein Bürger radikaler Ansichten verdächtig gemacht hat. Heißt: Wenn jemand eine Wohnung oder einen Job sucht, hätte der Verfassungsschutz das Recht gehabt, ihn beim potenziellen Vermieter oder Arbeitgeber anzuschwärzen.

Während der vierjährigen Corona-Plandemie, als das Fingerheben gegen den Nächsten quasi zur staatsbürgerlichen Pflicht erhoben wurde, feierte das Denunziantentum fröhliche Urständ. Dass die EU beschlossen hat, Kritik an dem Gender-Wahnsinn mit Terrorismus und Menschenhandel gleichzustellen, ist ebenfalls mehr als eine realistische Fiktion, die aber von der Filmförderungsanstalt noch vor wenigen Jahren als grässlich überzogen, unglaubwürdig, zu klein und zu unbedeutend eingestuft wurde.

Neuester Schock für alle, die es mit der Meinungsfreiheit halten, sind die geplanten beziehungsweise sich bereits in Umsetzung befindlichen Gesetzesvorhaben der Europäischen Kommission (EK) zur Bekämpfung von Hassrede und Hasskriminalität in der Europäischen Union. Ende 2022 trat der Digital Services Act (DSA) in Kraft. Er verpflichtet die Plattformen der sozialen Medien dazu, „illegale Inhalte“ zu melden und darauf zu reagieren. Zudem hat das Europäische Parlament gerade erklärt, dass der Schutz vor Hassrede und Hasskriminalität über neue Kategorien wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung ausgeweitet werden soll. Damit ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Flagge der Meinungsfreiheit, die den Kern der Demokratie symbolisiert, ist eingeholt worden. Ob sie je wieder im Wind flattern wird, ist
zweifelhaft.

Das Problem von uns Autoren ist, dass wir vorgreifen müssen, wenn wir auf gesellschaftspolitische Entwicklungen und Gefahren hinweisen wollen. Aber selbst ein Science-Fiction-Autor sieht die Realität mittlerweile sehr schnell im Rückspiegel auf die Überholspur wechseln. Ein gutes Beispiel dafür ist meine Maeva-Trilogie, in der mindestens die Hälfte aller vorausgesagten Entwicklungen bereits eingetreten sind – sowohl die guten, als auch die schlechten.

+++

Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

+++

Bild: Illustration eines Jackpot-Gewinns
Bildquelle: StudioGraphic / shutterstock

Beitrag teilen

Neue Beiträge und
Informationen direkt
per E-Mail erhalten.