Was wir als Realität wahrnehmen, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun | Von Dirk C. Fleck

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

Der Physiker Ernst Senkowski (1922–2015) verglich das Gefälle zwischen dem menschlichen Bewusstsein von der Welt und der Welt an sich mit einem Trichter, an dessen unterem Ende wir die Restbestände dessen empfangen, was an Einsichten oben hinein gegeben wird. Senkowski:

„Oben ist das erweiterte System und unten sitzen wir. Jetzt
wird oben ein Bündel Heu hinein geworfen und bei uns landet allenfalls ein dünner Strohhalm.“

Aber selbst der dünne Strohhalm, auf dem wir herumkauen dürfen, vermittelt eines ganz klar: Wir sind endlich. So endlich wie alles, was sich um uns herum materialisiert hat oder noch materialisieren wird. Der Mensch besitzt nichts, weder seinen Körper, der ihm jederzeit genommen werden kann, noch irgendeine andere Lebensversicherung. Von Urbeginn an starben Menschen, Tiere und Pflanzen dahin wie Schaumkronen auf dem Meer. „Die Welt ist nichts Feststehendes,“ lese ich bei Albert Camus (1913–1960) „und sie ist nicht allein Bewegung. Sie ist Feststehendes in Bewegung.“ Wir leben aus dem Nachlass Verstorbener und erleben uns inmitten von Todeskandidaten. Was machen wir also für ein Aufhebens um uns? An dieser Stelle passt das Goethe-Wort wie die Faust aufs Auge:

„Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in
der Welt ist.“

Der Trichter, von dem Ernst Senkowski sprach, lässt uns von der Erkenntnis-Ernte nur einen dünnen Strohhalm übrig. Wir erkennen gerade noch die Cola, in die wir
unseren Strohhalm stecken. Wirklich vertraut sind wir nur mit dem kapitalistischen Cola-Imperium, seinen Gesetzen und scheinheiligen Werten. An ihm orientieren wir uns, das ist unser Maßstab. Den Mut, den eigenen Intentionen nachzugehen und sein eigener Wahrheitssucher zu sein, bringen wenige Menschen in dieser verängstigten, überwachten und auf Sicherheit bedachten Leistungsgesellschaft auf, die mit Hilfe ihrer gleichgeschalteten Medien perfekt auszusortieren versteht, was nicht mit dem Strom schwimmt.

„Erst wenn unsere Zeit abgelaufen ist“, schrieb ich einmal an anderer Stelle, „und es ans Sterben geht, wohlmöglich erst in der Sekunde, wenn unser Atem reißt, wenn wir loslassen müssen und keine Möglichkeit mehr besteht, sich ins vertraute Leben zurückzubeißen, erst dann erkennen wir die Defizite, die unsere persönliche Geschichte geprägt haben. Erst dann sind wir empfänglich für die Wahrheit, die wir so grandios verpasst haben.“

Das Leben ist eine Art Versuchskaninchen geworden, dem man seine Geheimnisse auf dem Seziertisch der Wissenschaft zu entreißen versucht. Sie können aber noch so tief in den Mikro- oder Makrokosmos steigen, sie können die Dinge in Zahlen fassen oder ihnen Namen geben, dem göttlichen Mysterium kommen sie damit nicht auf die Spur. Es sind nur Zahlen und Namen, es sind nur Etiketten. Etiketten sind keine Weisheiten, Etiketten haben keine Seele. Und sie berauben uns der Ehrfurcht. Ein ehrfürchtiger Mensch akzeptiert den Zusammenhalt materieller und nichtmaterieller Existenz, er weiß, dass sich das Mysterium niemals zu Wissen reduzieren lässt. Bewusstsein ist keine Frage des Lernens, es ist eine Frage des Verlernens geworden.

Mit der von Max Planck begründeten Quantenphysik verfügen wir nun über eine Möglichkeit, eine Brücke zu bauen zwischen dem spirituellen Potential des Menschen und seinem Verstand. Natürlich hadert die klassische Physik noch mit dem jungen Wissenschaftszweig. Der Vorwurf lautet auf Verrat am Ideal eines rationalen Weltbildes, und schlimmer noch: auf Mystizismus. Dabei wird es höchste Zeit, dass wir uns von der herkömmlichen Denkweise verabschieden, die ja doch nur retten will, was der Verstand ihr diktiert. Unser Verstand ist dazu gedacht, die Welt zu manipulieren, damit wir sie auf unsere Art begreifen und greifen können, was für das Überleben der Spezies natürlich wichtig ist. Mit der eigentlichen Wahrheit aber hat das nichts zu tun. Was wir als Welt, als Realität wahrnehmen, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Realität kommt vom lateinischen Res, das Ding. Der Mensch lebt in einer dinglichen Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit ist viel mehr als das.

Ich hatte vor Jahren das Glück, den Quantenphysiker Hans-Peter Dürr (1929–2014) anlässlich eines Abendessens kennenzulernen. Ich erinnere mich an die Geduld und
Hingabe, mit der er uns Gästen das Wesen der Quanten nahe zu bringen versuchte. Die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde, gefiel ihm. Er blickte uns
eindringlich an: „Die Quantenphysik hat herausgefunden, dass Geist und Materie sich zueinander verhalten wie die Ahnung zum Gedanken.“ In der kleinen Pause, die er entstehen ließ, konnte man uns denken hören. „Bevor wir einen konkreten Gedanken fassen, gehen wir durch ein Stadium, wo wir sagen, ich habe eine Ahnung,“ fuhr Dürr
fort.

„Und jetzt frage ich Sie, was ist eine Ahnung? Man kann es nicht sagen. Wenn wir nämlich über das sprechen, was eine Ahnung ist, verwandeln wir die Ahnung schon in etwas konkretes, in Bilder. Aber die Ahnung kommt, bevor man gesprochen hat. Ich will es mal pathetisch ausdrücken: Sie küsst unser Herz und formt unsere Seele. Sie verbindet uns mit dem allumfassenden Ganzen – man kann es auch Gott nennen. Wir können also sagen, die Wirklichkeit hat mehr die Form einer Ahnung, bevor ein konkreter Gedanke in unserem Kopf willkommen ist. Aber wenn der da ist, verschwindet die Ahnung. Eigentlich handelt es sich jedes Mal um einen wahren Massenmord an gedankliche Angeboten.“

Das Faszinierende an dieser Privatvorlesung war die Intensität, mit der sie vorgetragen wurde. Hans-Peter Dürr schien lächelnd durch einen anderen Raum zu schreiten. „Das ist mit unserem herkömmlichen Physikverständnis nicht vereinbar,“ nahm er seine Rede wieder auf. „In unserer Realität ist nicht möglich, was in der Quantenwelt passiert. Und dennoch passiert nur, was dort vorgeschrieben ist. Ich möchte es vergleichen mit dem Schreiben eines Gedichtes. Die Natur hat vor, ein Gedicht zu schreiben, Inhalt und Form stehen noch nicht fest. Aber sie weiß, dass es nie ein Gedicht geben wird, wenn die Buchstaben gegeneinander kämpfen, um herauszufinden, welcher von ihnen der Bessere ist. Also sorgt sie dafür, dass sie sich arrangieren und erste Kombinationen bilden, die zunächst nur ein fürchterliches Blabla ergeben. Aber dieses Blabla ist bereits eine erste Ausdrucksform, die höher zu bewerten ist, als der einzelne Buchstabe. Die Kooperation hat sich also bewährt. Mit der Zeit differenziert sich das Blabla aus und bildet Worte, die sich irgendwann zu Sätzen fügen. So ungefähr funktioniert Evolution. Welches Gedicht am Schluss entsteht, ist nicht vorherbestimmt. Die Schöpfung der Welt ist ein andauernder Prozess und in jedem Augenblick ein Gesamtkunstwerk. Nichts und niemand kann sich aus diesem Prozess herausnehmen. Das ist keine Behauptung, das ist ein Naturgesetz.“

An dieser Stelle hätte ich ein weiteres Goethe-Wort parat: „In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer du tun kannst oder wovon du träumst, fang es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“

Hans-Peter Dürr griff wieder zum Besteck, das er zu Beginn seiner Ausführungen beiseite gelegt hatte: „Der Mensch hat sehr wohl die Möglichkeit, seine Zukunft zu gestalten,“ sagte er abschließend. „Die Zukunft ist offen und deshalb brauchen wir das Instrument der Hoffnung. Hoffnung kann realisiert werden! Sie ist praktisch die Energiequelle der Zukunft. Die Naturgesetze sagen uns, wir können mit der Zukunft spielen, kreativ spielen.“

Ilse Aichinger (1921–2016) formuliert es noch ein wenig klarer:

„Es ist alles zum letzten Mal. Wenn wir das einsehen würden, ginge uns die Liebe auf.“

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Quantengrafik
Bildquelle: Vink Fan / shutterstock

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