Dr. Sloterdijks Impfung gegen Autokratie | Von Paul Clemente

Dr. Sloterdijks Impfung gegen Autokratie | Von Paul Clemente

Das ist selten: Ein Sloterdijk-Buch mit satirischen Cover. Der 78jährige Philosoph ist nämlich Hausautor des Suhrkamp-Verlages. Deren Cover sind radikal asketisch. Auch die rund 40 Bücher des Promi-Denkers: Autorenname, Titel, fertig. Bis auf wenige Ausnahmen.

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Ein Beitrag von Paul Clemente.

Das ist selten: Ein Sloterdijk-Buch mit satirischem Cover. Der 78-jährige Philosoph ist nämlich Hausautor des Suhrkamp-Verlages. Deren Cover sind radikal asketisch. Auch die rund 40 Bücher des Promi-Denkers: Autorenname, Titel, fertig. Bis auf wenige Ausnahmen. Darunter: Sein jüngstes Werk „Der Fürst und seine Erben“ Untertitel: „Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“. Darunter prangt eine Collage: Bestehend aus einem Gemälde, das lange als Porträt des Renaissance-Fürsten Cesare Borgia galt. Der war ein rabiater Gewaltherrscher. Seine Rivalen beförderte er mit Arsen ins Nirwana. Der Philosoph Friedrich Nietzsche pries Cesare Borgia als Vorbild für seine Konzeption des Übermenschen.

Aber für Sloterdijks Buchcover wurde das Gesicht des Giftmischers entfernt und gegen das von Donald Trump ersetzt. Soll sagen: Der US-Präsident steht in der Tradition brutaler Tyrannen. Einige Mainstream-Rezensenten wieherten und grunzten vor Glück: Star-Philosoph Peter Sloterdijk, laut Bild-Zeitung einer der „klügsten Köpfe der Welt“, verdrischt seinen Altersgenossen Trump. Das schien manchem eine Rückkehr zur „verlorenen Frechheit“, die er vor 43 Jahren in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ verspritzt hatte, seiner punkig-nihilistischen Zeitgeist-Diagnose. Sloterdijks damaliger Held: Der antike Philosoph Diogenes. Ein Anti-Plato, der in einer Tonne hauste. 

Inzwischen wohnt der Star-Autor in einer Berliner Schicki-Wohnung, in vierter Ehe mit einer Hamburger Journalistin. Bundespräsident Steinmeier lädt ihn zum Tee, Christian Lindner nimmt den FDP-Wähler als Trauzeugen. Ein Hof-Denker der neuen Aristokratie. Seine Loyalität? Liegt bei 100 – was auch sein aktuelles Buch belegt. 

Sloterdijk, studierter Historiker, beginnt mit einem Klassiker der Staats-Philosophie. Mit einem Denker, der von „zynischer Vernunft“ nur so triefte: Die Rede ist vom Renaissance-Philosophen Niccolo Machiavelli. Dessen Abhandlung „Der Fürst“ reflektiert über Machtpolitik. Wie er Macht erlangen und halten kann. Ein Coaching-Klassiker im Fach Enthemmung. Als Modell diente Machiavelli der eigene Brötchengeber: Cesare Borgia. Aber trotz des halben Jahrtausends, das ihn von der Gegenwart trennt, ist das Frischhalte-Datum seiner Werke keineswegs abgelaufen. 

Im Gegenteil. Schließlich verzichtete Machiavelli völlig auf religiöse, göttliche Fundierung von Herrschaft. Ganz so, als hätte er Europas säkulare Zukunft bereits geahnt. Anstelle von Gott setzt der italienische Denker auf den „Erfolg“. Nur durch „Success“ erlangen Diktatoren die nötige Anerkennung. Leider lässt der sich mit „sauberen“ Mitteln oft schwer oder gar nicht erreichen. Also rät der Florentiner Diplomat den Machthungrigen: Ihr müsst das Schlechtsein erlernen. Ja, Du musst ein Schwein sein. Und keine Angst vor schmutzigen Händen.

Natürlich ist die Gestalt des Fürsten historisch abserviert. Aber Sloterdijk zieht eine Aktualisierung aus dem Hut: Den Autokraten. Und der ist wirklich „gottverlassen“. Hätten Diktatoren des 20. Jahrhunderts wie Hitler, Stalin oder Mao noch mit metaphysischer Symbolik gespielt, so bleibe ihren Nachfolgern nur noch eins: Die Medien. O-Ton Sloterdijk:

Was an Höhe fehlt, muss durch Reichweite kompensiert werden.

Adel verwandelt sich in Online-Prominenz. Mehr noch: In eine durch Rohheit und Unverschämtheit „verwilderte Prominenz“.

Bleibt die Frage: Welche Art von Erfolg müssen heutige Autokraten vorweisen oder versprechen, damit die Wähler sie ermächtigen? Sloterdijks These: Der Anwärter muss geloben, sich ins Haifischbecken gesellschaftlicher Probleme zu stürzen. Der Autokrat ist der „Erwachsene“, der die Bevölkerung, seine „Kinder“ entlastet, indem er die Drecksarbeit verrichtet. Dabei darf er auch mal Gesetze übertreten.

Natürlich teilt Sloterdijk die Einschätzung des Bürgers als „Kind“ oder „Nicht-Erwachsenen“. Der Mensch als Vernunftwesen? Ach was! Das Wollen moderner Großstadtbewohner sei „nicht selten auf das kleine Spiel der Konsumsouveränität beschränkt, bei welcher der König »Kunde« zwischen Kaufen und Nicht-Kaufen entscheidet.“. – Also sprach der Intellektuelle aus dem Nobelviertel.

Zurück zu den Autokraten: Als Prototyp wird natürlich US-Präsident Trump vorgeführt. Dessen Regime, so Sloterdijk, beinhalte

„die Einschüchterung der freien Meinungsaussprache, die allmähliche Gleichschaltung der Medien und die Aufstachelung des putschistischen Mobs. Es kann kein Zweifel bestehen, dass Trumps Amerika alle diese Anzeichen der autoritären Transformation aufweist.“  –

Seltsam, merkt der FDP-Philosoph nicht, dass die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die mediale Gleichschaltung und das Aufstacheln des Mobs aktuell auch in westeuropäischen Ländern prosperiert?

Schimmer noch: Erst vor wenigen Jahren haben Politiker wie Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach ihre Machtanmaßung mit quasi-religiösen Mythen legitimiert. Motto: Ich bin die Wissenschaft. Ich bin das Medium der virologischen Forschung. – Für die Legitimation sorgten „Experten“ wie Christian Drosten oder ein erpresstes Robert Koch-Institut, während Bill Gates den Propaganda-Trash des Spiegels belohnen. Auch DAS waren Nachfolger von Machiavellis „Fürsten“ – und nicht bloß Trump.

Aber Sloterdijk erwähnt diesen autokratischen Putsch der Lockdown-Politiker mit keinem Wort. Kein Wunder, outete er sich während der Pandemie doch als Verteidiger der Maßnahmen. O-Ton:

„Was nutzen mir die schönsten Freiheitsrechte, wenn sie mit unverantwortlich erhöhten Lebensverlusten erkauft werden?“

Das Statement impliziert eine komplette Übernahme der Mainstream-Narrative. Kein Abgleich mit Argumenten der Opposition. Nichts. Selbst eine Impfpflicht – so Sloterdijk – sei

„in der gegenwärtigen Lage alternativlos“.

Im Nachwort zu „Der Fürst und seine Erben“ empfiehlt der Meisterdenker ebenfalls eine Impfung. Angeregt durch Nietzsches „Ich impfe euch mit dem Wahnsinn.“ Das, so ergänzt der Hof-Denker, verleihe Immunität gegen den Mega-Wahnsinn der Autokraten. Schließlich sei der erste Weltkrieg ein Krieg der „Ungeimpften“ gewesen.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: 25. Juni 2005 – Berlin: Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk während einer Podiumsdiskussion im Berliner Ensemble, Berlin.

Bildquelle: 360b / shutterstock  

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