Gewalteskalation im Westjordanland: Die Spirale, die sich selbst füttert | Von Dirk Ellerbrock

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Am vergangenen Wochenende brannten im Westjordanland zwei Moscheen. In Qusra wurde ein noch unfertiger Sakralbau schwer beschädigt, in Kour konnten Gläubige das Feuer gerade noch löschen. Beide Gebäude waren mit hebräischen Schmähungen beschmiert. Dazwischen: ein niedergebranntes Wohnhaus in Beit Furik, verwüstete Äcker, zerstörte Autos, ein Angriff auf palästinensische Arbeiter in einem Steinmetzbetrieb. Auslöser war ein tödliches Gefecht im Dorf Tal, bei dem vier Palästinenser und zwei israelische Soldaten starben – unter Umständen, die keine Seite der anderen überlässt.

Man kann diese Meldung lesen wie tausend ähnliche zuvor: als weiteren Eintrag in einer Chronik, die sich seit Oktober 2023 beschleunigt, mit fast täglichen Übergriffen, mit einem UN-Bericht, der israelischen Sicherheitskräften eine wachsende Verstrickung in Siedlergewalt attestiert, und mit einer israelischen Regierung, die diesem Befund vorwirft, eine unzulässige Gleichsetzung von Kombattanten und Zivilisten zu konstruieren. Man kann darin aber auch etwas Grundsätzlicheres erkennen: den Mechanismus, der solche Wochenenden erst produziert – und der sich mit keiner noch so sorgfältigen „Ermittlung“ stilllegen lässt, weil er keine Panne im System ist, sondern das System selbst.
Zwei Jungen, eine Gewissheit

Ich habe für mein derzeitiges Buchprojekt über die Struktur moralischer Urteile ein Gedankenbild entwickelt, das mir bei jeder neuen Meldung aus dieser Region wieder einfällt: Der palästinensische Junge wächst im Flüchtlingslager auf und lernt, dass sein Volk vertrieben wurde, dass es Opfer ist, dass ihm Rache zusteht.

Der israelische Junge wächst mit Sirenen auf und lernt, dass die Araber ihn vernichten wollen, dass er Opfer ist, dass ihm Härte zusteht. Beide haben recht – mit ihrer jeweiligen geschichtlichen Erfahrung. Und beide irren – in der Absolutheit ihrer Gewissheit. Beide sind Gefangene derselben Spirale, beide kämpfen gegen Gespenster: gegen die Gewalt, die schon ihre Großeltern erlitten, und die sie nun, im Namen von Gerechtigkeit und Überleben, selbst weitertragen.
Das ist keine Gleichmacherei. Es ist der Hinweis darauf, dass eine reine Innenperspektive – „wer hat mehr gelitten, wer hat mehr recht“ – aus dieser Spirale nicht herausführt, weil sie von innen betrachtet für beide Seiten schlüssig ist. Genau diese Innenperspektive ist es aber, die der RT-Artikel unfreiwillig offenlegt, wenn er notiert, dass beim Zusammenstoß in Tal „beide Seiten einander die Schuld gaben“. Diese Formel klingt nach Ausgewogenheit. Sie verschleiert aber, dass die beiden Seiten strukturell nicht symmetrisch sind: Die eine verfügt über Armee, Siedlungsausbau, Verwaltungsmacht und die Deutungshoheit über „Sicherheit und öffentliche Ordnung“; die andere über Ackerland, Gotteshäuser und die Erfahrung, dass Ermittlungen gegen Siedler, wie es sowohl israelische als auch palästinensische Menschenrechtsgruppen festhalten, so gut wie nie zu rechtlichen Konsequenzen führen.

Das moralische Betriebssystem in Betrieb

Genau hier zeigt sich, wie moralisches Urteilen praktisch funktioniert – nicht als Erkenntnisinstrument, sondern als vierstufiger Mechanismus. Zuerst die Spaltung: hier „Siedler“, dort „Palästinenser“, hier Militär, dort Zivilbevölkerung – Kategorien, die im Ereignis selbst schon feststehen, bevor irgendetwas untersucht ist. Dann die Bewertung: das israelische Militär „verurteilt“ die Angriffe, verspricht Aufklärung, beruft sich auf öffentliche Ordnung – dieselbe Instanz, die laut UN-Bericht zunehmend an der Gewalt beteiligt ist, tritt als deren moralischer Schiedsrichter auf. Dann die Legitimation: der Verweis auf Sicherheit, auf historisches Leid, auf das Recht auf Selbstverteidigung – bei beiden Jungen aus meinem Beispiel identisch strukturiert, nur mit vertauschten Vorzeichen. Und schließlich die Sanktionierung, die faktisch ausbleibt: Ermittler werden entsandt, Beweise gesammelt, doch die 45 im Jahr 2025 angegriffenen Moscheen zeigen, was aus diesen Ermittlungen in der Regel wird.

Dieses Betriebssystem braucht keine böswilligen Einzeltäter, um zu funktionieren. Es braucht nur Menschen, die – wie die beiden Jungen – ihre eigene Geschichte für die ganze Wahrheit halten. Die Empörung über brennende Moscheen ist berechtigt. Sie wird aber folgenlos bleiben, solange sie sich in derselben Logik bewegt, die den Brand erst ermöglicht hat: der Logik, dass die eigene Opfergeschichte automatisch das eigene Handeln rechtfertigt, und dass „die andere Seite“ per Definition der Aggressor ist.

Was bleibt

Was die Spirale tatsächlich am Laufen hält, ist nicht in erster Linie mangelndes Bewusstsein oder fehlendes Mitgefühl – es sind die materiellen Strukturen, die aus einzelnen Wutausbrüchen ein System machen: Landnahme, die einer Bevölkerungsgruppe Boden entzieht; ein Militärapparat, der Straflosigkeit organisiert, statt sie zu verhindern; eine internationale Ordnung, die „falsche moralische Gleichsetzung“ ruft, sobald ihre eigene Rolle benannt wird, aber selbst tagtäglich genau das tut, was sie dem UN-Bericht vorwirft. Die beiden Jungen aus meinem Buchmanuskript haben mit ihrer je eigenen Gewissheit recht – und genau deshalb wird keiner von ihnen sie aus eigener Kraft aufgeben. Aufzubrechen ist diese Spirale nur dort, wo die Strukturen selbst verändert werden, die sie täglich neu produzieren. Solange das nicht geschieht, werden auf dieses Wochenende weitere folgen.

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Bildquelle: mosab577 / shutterstock

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Quellen:

RT DE: „Blutiges Wochenende im Westjordanland: Gotteshäuser in Flammen und tödliche Gewalt eskaliert“, 28.07.2026

UN Independent International Commission of Inquiry on the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, and Israel: Bericht vom 09.06.2026, der Israel eine Beteiligung an bzw. Duldung von Siedlergewalt attestiert und von einem „de facto Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen Siedlern und Soldaten“ spricht

OHCHR-Bericht vom 17.03.2026 zur Siedlungsausweitung und Vertreibung im Westjordanland (Berichtszeitraum bis 31.10.2025): 1.732 Vorfälle von Siedlergewalt mit Personen- oder Sachschaden, gegenüber 1.400 im Vorjahreszeitraum

Israelische Regierungsreaktion auf den UN-Bericht: Vorwurf einer „falschen moralischen Gleichsetzung“ zwischen Hamas-Kämpfern und israelischen Zivilisten

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