Geht doch, Deutschland!: Das heimliche Start-up-Wunder

Deutschlands Gründerszene wird immer bedeutender. Aktuell gibt es 38 Start-up-Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als 1 Mrd. US-Dollar – die meisten in Europa

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Deutschlands Gründerszene wird immer bedeutender. Aktuell gibt es 38 Start-up-Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als 1 Mrd. US-Dollar – die meisten in Europa

Hohe Arbeitslosigkeit, steigende Insolvenzzahlen, Rekordschulden – die negativen Nachrichten über den Wirtschaftsstandort Deutschland reißen nicht ab. Längst haben die Missstände im Land die Stimmung der Deutschen eingetrübt. Fast drei Viertel aller Bürger rechnen laut einer repräsentativen Umfrage für RTL und ntv mit einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse. So pessimistisch haben die Deutschen in diesem Jahr noch nie die ökonomische Lage bewertet.

Nicht wenige Politiker und Wirtschaftsbosse halten die wirtschaftliche Lage sogar für noch schlechter als die Stimmung. Sicher hat Deutschland einen erheblichen Reformbedarf, bei der Rente, im Gesundheitswesen, in der Steuerpolitik. Aber es gibt jede Menge Erfolgsgeschichten in diesem Land. Eine solche Erfolgsgeschichte schreibt gerade die heimische Gründerszene. Die deutschen Start-ups wachsen und wachsen. Laut dem Global Unicorn Index 2026 des Hurun Research Institute gibt es hierzulande inzwischen 38 sogenannte Einhörner – also nicht börsennotierte Start-ups mit einer Bewertung von mindestens 1 Mrd. US-Dollar. Ein Plus von 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In der Europäischen Union liegt Deutschland auf Platz eins und weltweit auf Rang fünf – hinter den USA (806), China (306), Großbritannien (80) und Indien (61). Heimlich hat sich Deutschland, das Land der Dichter und Denker, zum Start-up-Mekka entwickelt.

Schon im vergangenen Jahr hat der Start-up-Verband mit 3568 Gründungen einen neuen Rekord gemeldet. Jetzt kamen allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres noch einmal 3053 Neugründungen hinzu – ein Plus von 52 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schon dieser zahlenmäßige Anstieg der Unternehmensgründungen in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld ist bemerkenswert. Noch eindrucksvoller ist die Tatsache, dass es immer mehr deutschen Start-ups gelingt, das Geschäftsmodell schnell zu skalieren und hohe Summen an Investorengeldern einzusammeln. Im Vergleich zum Vorjahr haben zwölf Start-ups den Sprung in die Unicorn-Liga geschafft. Neue – so viele wie nie zuvor. Mit 18 Unicorns ist Berlin weiter das Zentrum für erfolgreiche Start-ups in Deutschland. München folgt mit acht Milliarden-Start-ups. Zusammen stellen beide Städte rund 68 Prozent aller deutschen Milliarden-Start-ups.

Helsing ist das wertvollste deutsche Start-up

In der Europäischen Union führt Deutschland die Unicorn-Rangliste klar vor den Niederlanden mit elf Milliarden-Start-ups, der Schweiz mit acht und Schweden mit fünf. Zusammen kommen die 38 deutschen Unicorns auf eine Bewertung von knapp 119 Mrd. Euro. Vor einem Jahr lag der Wert noch bei 74 Mrd. Euro. Das wertvollste deutsche Start-up ist Helsing. Das 2021 gegründete Unternehmen entwickelt KI-Technologien für den Verteidigungssektor und wird mit 16,6 Mrd. Euro bewertet, ein Plus von 11,6 Mrd. Euro gegenüber dem Vorjahr. Auf Platz zwei folgt Trade Republic mit 13,8 Mrd. Euro, danach Personio mit 7,8 Mrd. Euro. Besonders stark wachsen deutsche Start-ups in Zukunftsbranchen wie Künstliche Intelligenz, Verteidigungstechnologie, Raumfahrt und Fusionsenergie. Zu den neuen Einhörnern zählen unter anderem das Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace, das Fusionsenergie-Start-up Proxima Fusion und der Drohnenhersteller Quantum Systems.

Der Aufstieg von Start-ups wie Helsing, Quantum System und Stark Defence belegt eindrucksvoll, wie stark die Zeitenwende in der Sicherheitspolitik mehr und mehr privates Kapital in KI-Rüstungsunternehmen lenkt. Quantum Systems entwickelt KI-gestützte Drohnen für zivile und militärische Anwendungen. Stark Defence, das erst 2024 gegründet wurde, hat es mit Großaufträgen der Bundeswehr für Kamikazedrohnen in kurzer Zeit zu einer Milliardenbewertung geschafft. Die rasante Entwicklung dieser Unternehmen zeigt zwei Dinge. Erstens, dass aus Deutschland mit die besten Ideen für innovative Rüstungsgüter kommen. Und zweitens, dass Verteidigung längst kein Nischenthema mehr ist, sondern sich zum relevanten Wachstumssektor entwickelt hat, der das globale Interesse von Wagniskapitalgebern auf sich zieht. Während in den vergangenen Jahren Fintechs und Software-Anbieter die deutsche Unicorn-Rangliste dominierten, ist es jetzt mit Helsing ein Unternehmen, das Militärtechnologie mit künstlicher Intelligenz verbindet.

Der Erfolg deutscher Start-ups wird noch durch eine andere Zahl untermauert. Im ersten Halbjahr 2026 sammelten hiesige Gründer rund 5,3 Mrd. Euro Wagniskapital ein – 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, wie aus dem aktuellen Start-up-Barometer von EY hervorgeht.

Politische Maßnahmen weisen in die Zukunft

Glücklicherweise hat die Bundesregierung die wachsende Bedeutung von jungen Unternehmen für den Wirtschaftsstandort Deutschland längst erkannt und im Juli eine umfassende Start-up- und Scaleup-Strategie beschlossen. Sie umfasst über 150 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern, um den gesamten Lebenszyklus junger Wachstumsunternehmen zu verbessern, den Zugang zu Wagniskapital zu erleichtern und den Technologietransfer aus der Forschung zu beschleunigen. Unter anderem soll der staatliche Zukunftsfonds für Zukunftstechnologien über das Jahr 2030 hinaus weiterentwickelt werden, um privates und öffentliches Wachstumskapital zu mobilisieren. Zudem werden Wege geprüft, um privates Kapital aus der Altersvorsorge verstärkt in Start-ups zu lenken und so die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern zu reduzieren. Und um Talente besser zu binden, sollen die steuerlichen Bedingungen für Mitarbeiteraktien attraktiver gestaltet werden.

Jetzt muss die Bundesregierung die Beschlüsse nur noch zügig umsetzen. Dann könnte der Startschuss für eine neue Gründerzeit in Deutschland fallen. Mit noch mehr erfolgreichen Unicorns Made in Germany. Die Chancen stehen gut. Denn die klugen Köpfe gibt es schon.

Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.

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