⚡

Alle gegen Russland und China! Im Pazifik formiert sich ein immer dichteres Netz westlicher Militärallianzen

Beitrag teilen

Im Asien-Pazifik-Raum entsteht eine neue militärische Architektur. Sie trägt nicht den Namen NATO, besitzt kein gemeinsames Hauptquartier in Brüssel und kennt bislang auch keinen mit Artikel 5 vergleichbaren kollektiven Beistandsmechanismus. Doch aus russischer Sicht ist die Richtung eindeutig: Die USA knüpfen aus bestehenden Bündnissen und immer neuen kleineren Militärformaten ein Sicherheitsnetz, das Russland, China und Nordkorea zunehmend einkreisen soll.

Der Kommandeur der russischen Pazifikflotte schlägt deshalb Alarm. Die militärpolitische Lage in der Region sei bereits angespannt und zeige eine „stabile Tendenz zur Verschärfung“. Verantwortlich dafür seien aus seiner Sicht vor allem westliche Staaten, die das Sicherheitssystem im Asien-Pazifik-Raum umbauten, ihre militärische Präsenz verstärkten und neue, von Washington dominierte Bündnisse schüfen.

Seine Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Bei diesen neuen militärpolitischen Zusammenschlüssen handle es sich faktisch um „Elemente der NATO – nur unter einer anderen Maske“.

Die Wortwahl ist russische Sichtweise. Die Entwicklung dahinter ist jedoch real.

Mit AUKUS haben die USA, Großbritannien und Australien eine weitreichende Sicherheitspartnerschaft geschaffen. Parallel dazu wurde die militärische Zusammenarbeit zwischen den USA, Japan und Südkorea erheblich vertieft. Erst am 22. Juli bekräftigten Washington, Tokio und Seoul erneut ihre gemeinsame Abschreckungspolitik und eine engere sicherheitspolitische Koordination. Offiziell richtet sich diese insbesondere gegen die Bedrohung durch Nordkorea. (en.yna.co.kr)

Weiter südlich wächst das nächste Dreieck. Die USA, Japan und die Philippinen vertiefen ihre maritime Zusammenarbeit. Im Juni vereinbarten die drei Staaten bei ihrem trilateralen Maritimen Dialog in Manila eine stärkere Koordinierung, gemeinsame Operationen und Übungen sowie weitere Maßnahmen zum Aufbau militärischer und maritimer Fähigkeiten. (pna.gov.ph)

Hinzu kommt das als SQUAD bezeichnete Format aus den USA, Japan, Australien und den Philippinen. Daneben bestehen der QUAD mit den USA, Japan, Australien und Indien sowie weitere bilaterale und trilaterale Partnerschaften.

Was auf dem Papier wie ein schwer überschaubares Geflecht verschiedener Kooperationen aussieht, kann militärstrategisch etwas wesentlich Größeres ergeben: ein Netzwerk aus Staaten, die zunehmend miteinander trainieren, ihre militärischen Strukturen verzahnen und im Krisenfall aufeinander zurückgreifen können.

Genau diese Entwicklung wird inzwischen sogar in der westlichen Wissenschaft mit einer möglichen „asiatischen NATO“ verglichen. Eine 2026 veröffentlichte Studie in Asia & the Pacific Policy Studies untersucht QUAD und SQUAD ausdrücklich unter der Frage, ob aus diesen „Lattice Alliances“ – also gitterartig miteinander verbundenen Bündnissen – eine NATO-ähnliche Struktur entsteht. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass sich tatsächlich ein multilaterales Sicherheitsnetz herausbildet, das mit der NATO vergleichbar sei. Er beschreibt es ausdrücklich als Instrument der Abschreckung gegenüber China. (onlinelibrary.wiley.com)

Damit liegt allerdings auch die entscheidende Korrektur an der russischen Darstellung auf dem Tisch: Dieses Netzwerk richtet sich nicht einfach „gegen Russland“. China steht im Indo-Pazifik mindestens ebenso stark, in vielen dieser Formate sogar wesentlich stärker im Zentrum. Nordkorea ist insbesondere für Japan und Südkorea ein weiterer entscheidender Faktor.

Russland gerät jedoch zunehmend mit hinein.

Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die sicherheitspolitische Trennung zwischen Europa und Asien immer stärker verschwindet. Russland und China haben ihre strategische Zusammenarbeit vertieft, während Nordkorea seinerseits enger mit Moskau kooperiert. Auf der anderen Seite zieht die NATO ihre asiatischen Partner näher an sich.

Die NATO selbst macht daraus inzwischen keinen Hehl. Sie bezeichnet Japan, Australien, Südkorea und Neuseeland ausdrücklich als ihre vier Partner im Indo-Pazifik und erklärt, die Sicherheit des euro-atlantischen und des indo-pazifischen Raumes sei zunehmend miteinander verbunden.

Mit Japan wurde die Zusammenarbeit in Bereichen wie Cyberverteidigung, Technologie und maritimer Sicherheit ausgebaut. Die NATO erklärt ausdrücklich, den politischen Dialog und die praktische Zusammenarbeit mit Tokio weiter vertiefen zu wollen.

Ähnlich sieht es bei Südkorea aus. Noch im Juni 2026 diskutierten NATO und Seoul über eine Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit. Cyberverteidigung, Rüstungsindustrie, neue Technologien und militärische Kooperation gehören inzwischen zum gemeinsamen Programm.

Moskau reagierte darauf mit deutlicher Kritik. Seoul wiederum wies die russischen Vorwürfe zurück und erklärte im Juli, die Zusammenarbeit mit der NATO richte sich nicht gegen Russland, sondern solle zur internationalen „Friedens- und Stabilitätsordnung“ beitragen. Gleichzeitig betonte Südkorea ausdrücklich, weiterhin stabile Beziehungen zu Russland anzustreben. (en.yna.co.kr)

Genau hier treffen zwei völlig unterschiedliche Erzählungen aufeinander.

Washington und seine Verbündeten sprechen von Abschreckung, einer „freien und offenen“ Indo-Pazifik-Region und dem Schutz einer regelbasierten internationalen Ordnung. Sie verweisen auf Chinas wachsende militärische Macht, den Streit im Südchinesischen Meer, Taiwan, Nordkoreas Nuklearprogramm und die immer engere Zusammenarbeit zwischen Peking, Moskau und Pjöngjang.

Moskau und Peking sehen dasselbe Bild von der anderen Seite.

Für sie baut Washington rund um China und Russlands pazifische Flanke Schritt für Schritt ein System militärischer Partnerschaften auf. Statt eine einzige große „asiatische NATO“ zu gründen, entstehen zahlreiche kleinere Bündnisse, die sich personell und strategisch überschneiden: Die USA sind fast überall dabei, Japan taucht in mehreren Formaten auf, Australien ebenso, während Südkorea und die Philippinen weitere strategische Knotenpunkte bilden.

Gerade diese Struktur könnte sogar flexibler sein als ein klassisches Großbündnis.

Es braucht keinen neuen NATO-Vertrag und kein asiatisches Brüssel. Washington kann unterschiedliche Staaten je nach Konfliktfeld zusammenbringen: Japan und Südkorea mit Blick auf Nordkorea, Japan und die Philippinen mit Blick auf das Südchinesische Meer und Taiwan, Australien und Großbritannien über AUKUS sowie Japan, Australien und andere Partner über zusätzliche Formate.

Aus vielen kleinen Bündnissen entsteht so schrittweise ein großes strategisches Netz.

Doch von einem geschlossenen Block „alle gegen Russland“ zu sprechen, wäre trotzdem zu einfach. Indien etwa arbeitet im QUAD mit den USA, Japan und Australien zusammen, unterhält aber gleichzeitig enge Beziehungen zu Russland. Südkorea erklärt ausdrücklich, keine Konfrontation mit Moskau anzustreben. Und selbst unter den engsten amerikanischen Partnern unterscheiden sich die Interessen erheblich.

Was sich jedoch kaum noch bestreiten lässt, ist die zunehmende Blockbildung.

Auf der einen Seite verdichten die USA ihre Beziehungen zu Japan, Australien, Südkorea und den Philippinen und verbinden diese zunehmend mit der NATO. Auf der anderen Seite rücken Russland, China und Nordkorea sicherheitspolitisch enger zusammen.

Damit droht ausgerechnet im Pazifik eine Entwicklung, die Europa bereits seit Jahrzehnten prägt: Militärische Sicherheit wird zunehmend in konkurrierenden Blöcken organisiert. Jede Seite bezeichnet ihre eigene Aufrüstung als Abschreckung und diejenige der Gegenseite als Bedrohung. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

Rund um China und Russlands Pazifikflanke wächst ein immer dichteres Netz amerikanischer Verbündeter – während sich auf der Gegenseite Moskau, Peking und Pjöngjang enger zusammenschließen. Aus Abschreckung wird Blockbildung. Und aus Blockbildung kann irgendwann Konfrontation werden.

Beitrag teilen

Neue Beiträge und
Informationen direkt
per E-Mail erhalten.