Naher Osten: Die geliehene Legitimität | Von Dirk Ellerbrock

Naher Osten: Die geliehene Legitimität | Von Dirk Ellerbrock

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Wie die Abraham- und Isaac-Abkommen die territoriale Expansionspolitik der Netanjahu-Koalition diplomatisch absichern

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Am 7. August 2026 unterzeichnen Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei in Mekka ein gemeinsames Verteidigungsabkommen. Offiziell richtet es sich gegen niemanden – weder gegen Iran noch, wie mehrfach betont wird, gegen Israel. Und doch lohnt die Frage, warum ausgerechnet jetzt drei langjährige Verbündete der Vereinigten Staaten beginnen, sich regional neu zu sortieren, während Israel zeitgleich sein eigenes Bündnisnetz auf der anderen Seite der Welt – in Lateinamerika – immer dichter knüpft. Beide Bewegungen laufen parallel, aber in entgegengesetzte Richtungen: Während sich Israels traditionelle Nachbarschaft neu ordnet, ohne auf Israel Rücksicht zu nehmen, baut Tel Aviv seit Jahren gezielt dort Allianzen auf, wo ideologische Nähe zählt, nicht geografische. Genau hier setzt dieser Text an: Wie funktioniert diese Diplomatie, und wem dient sie konkret?

Die Blaupause

Die Blaupause dafür sind die Abraham-Abkommen von 2020. Vermittelt von Jared Kushner, brachten sie die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Marokko und den Sudan in eine formelle Anerkennung Israels – ohne dass sich am Kern des Konflikts, der Lage der Palästinenser, irgendetwas geändert hätte.

Das ist der Punkt, der oft übersehen wird: Diese Normalisierung war kein Ergebnis gelöster Konflikte, sondern ein politisches Instrument gegen wachsende internationale Isolation. Sie kaufte Anerkennung ein, wo Anerkennung aus substanziellen Gründen eigentlich hätte verweigert werden müssen.

Der Bruch: explizit religiös codiert

Was sich mit den Isaac-Abkommen ändert, ist nicht die Funktion, sondern die Offenheit, mit der sie benannt wird. Die Idee stammt vom argentinischen Präsidenten Javier Milei, erstmals öffentlich formuliert bei der Verleihung des Genesis Prize im August 2025. Formell unterzeichnet wurde das Abkommen am 19. und 20. April 2026 in Jerusalem, gemeinsam mit Benjamin Netanjahu. Die offizielle Erklärung des israelischen Außenministeriums beschreibt den Zweck der Abkommen wörtlich als Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Argentinien, Israel und gleichgesinnten Partnern in der westlichen Hemisphäre – „the descendants of Isaac and nations of the Judeo-Christian tradition“. Das ist bemerkenswert: Eine sicherheits- und wirtschaftspolitische Partnerschaft wird hier nicht über gemeinsame Interessen definiert, wie es diplomatische Sprache sonst tut, sondern über eine biblisch-genealogische, zivilisatorische Zugehörigkeit.

Es folgte eine Kettenreaktion – Botschaftsverlegungen nach Jerusalem, die Einstufung von Hamas, Hisbollah und der IRGC als Terrororganisationen durch Ecuador, Costa Rica und Paraguay, die Übernahme der IHRA-Antisemitismusdefinition durch Costa Rica. Auffällig ist dabei die Trägerschicht: Es sind fast durchweg rechte bis rechtsextreme Regierungen, die sich dieser Architektur anschließen – keine breite, ideologisch neutrale Anerkennung, sondern eine gezielte Bündnisbildung entlang politischer Kompatibilität.

Die territoriale Programmatik, die diese Diplomatie flankiert

Diese Bündnisdiplomatie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie fällt zeitlich zusammen mit einer Phase, in der die territorial-maximalistische Fraktion innerhalb der Netanjahu-Koalition ihre Programmatik ungewöhnlich offen in Regierungshandeln übersetzt. Bezalel Smotrich, Vorsitzender der Partei „Religiöser Zionismus“ und Finanzminister, verfolgt seit 2017 seinen sogenannten „Entscheidungsplan“: die vollständige Anwendung israelischer Souveränität auf Judäa und Samaria, verbunden mit der Auflösung der Palästinensischen Autonomiebehörde und, in Smotrichs eigenen Worten, der Wahl für die dortige arabische Bevölkerung zwischen einem Leben ohne politische Rechte oder der Auswanderung. Im September 2025 konkretisierte er diesen Plan auf einer Pressekonferenz in Ost-Jerusalem: Israelische Souveränität solle auf 82 Prozent des Westjordanlands ausgeweitet werden, nach dem Prinzip „maximales Land, minimale arabische Bevölkerung“. Eine Zweistaatenlösung werde es „nie“ geben. Itamar Ben-Gvir wiederum, heute Vorsitzender der Partei Otzma Jehudit, war in seiner Jugend Anführer der Jugendorganisation der 1988 wegen Rassismus verbotenen Kach-Partei des Rabbiners Meir Kahane – eine politische Herkunft, die in der internationalen Berichterstattung regelmäßig als zentrales biografisches Element benannt wird.

Was auf dem Papier Parteiprogrammatik ist, zeigt sich praktisch in mehreren Bewegungen zugleich: in der Ausweitung israelischer Militärpräsenz über die Waffenstillstandslinie von 1974 hinaus in die syrische Pufferzone nach dem Sturz Assads im Dezember 2024, begleitet von der offiziellen Ankündigung Netanjahus, das Abkommen von 1974 sei hinfällig; in dokumentierten Höchstständen bei Baugenehmigungen für Siedlungen und der Legalisierung wilder Außenposten im Westjordanland 2023–2025 (Peace Now, B’Tselem); und in der Bündelung ziviler Verwaltungszuständigkeiten für das Westjordanland in Smotrichs eigenem Finanzministerium – einer De-facto-Verwaltungsannexion unterhalb der offiziellen Souveränitätserklärung.

Dass diese Praxis diplomatisch honoriert statt sanktioniert wird, zeigt sich exemplarisch an einem Fall, der zeitlich in dieselbe Woche fällt wie der Mekka-Pakt: Am 10. August 2026 erkannte Kolumbien unter seinem neuen Präsidenten Abelardo de la Espriella offiziell die israelische Souveränität über die Golanhöhen an – als zweites UN-Mitglied nach den USA (2019) – und vollzog gleichzeitig die vollständige Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen, die Verlegung seiner Botschaft nach Jerusalem sowie den Rückzug aus dem Südafrika-Verfahren vor dem IGH. Das ist zwar formal kein Teil der Isaac-Abkommen, sondern eine separate bilaterale Initiative im Rahmen von Außenminister Sa’ars „Jahr Lateinamerikas“ – aber sie folgt exakt demselben Muster: ideologisch kompatible neue Regierungen honorieren israelische Gebietsansprüche im Austausch für diplomatische und wirtschaftliche Nähe, unmittelbar nachdem der Amtswechsel dies ermöglicht.

Isolation kompensieren, nicht Konflikte lösen

Daraus ergibt sich die Kernthese dieses Textes, und sie sollte bewusst eng formuliert werden: Die Abraham- und Isaac-Diplomatie dient faktisch dazu, den diplomatischen Preis territorialer Expansion zu senken. Nicht, weil sie zu diesem Zweck geschaffen worden wäre – die einzelnen Kooperationsfelder, KI-Zusammenarbeit, Anti-Terror-Abkommen, Luftfahrtprotokolle, sind für sich genommen politisch neutral. Sondern weil sie in ihrer Summe ein Netz loyaler Partner erzeugen, die im entscheidenden Moment – bei UN-Abstimmungen, bei der Frage völkerrechtlicher Anerkennung strittiger Gebietsansprüche – nicht mit der eigentlich zu erwartenden internationalen Kritik reagieren, sondern mit Rückendeckung. Der Unterschied zwischen Funktion und Absicht ist hier keine rhetorische Feinheit, sondern der Punkt, der die These vor Überdehnung schützt.

Der Mekka-Pakt als Symptom des Scheiterns dieser Strategie
Und damit schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt. Trotz jahrelanger, sorgfältig aufgebauter Allianzpolitik in Lateinamerika und Afrika bleibt Israel in seiner eigenen Nachbarschaft zunehmend isoliert. Selbst traditionell amerikanisch orientierte Staaten wie Saudi-Arabien und die Türkei bauen jetzt ein Sicherheitsbündnis auf, das explizit ohne Rücksicht auf Israel funktioniert – weder als Bedrohung formuliert noch als Bündnispartner mitgedacht. Die Pointe: Ferne ideologische Allianzen können eine Isolation in der eigenen Region nicht kompensieren. Sie verschieben lediglich, wo der Druck entsteht, ohne ihn aufzulösen. Dass Kolumbien in derselben Woche seine Golan-Anerkennung verkündete, in der der Mekka-Pakt unterzeichnet wurde, zeigt die beiden Ebenen, auf denen sich Israels Außenpolitik gerade gleichzeitig bewegt: erfolgreich in der Ferne, isoliert in der Nähe.

Was die Gegenseite einwenden würde

Verteidiger dieser Diplomatie würden argumentieren, dass Normalisierungspolitik legitime Außenpolitik sei, dass wirtschaftliche und sicherheitspolitische Kooperation für sich genommen neutral seien und dass jeder Staat seine Partner nach Wertenähe wähle – das mache die Beziehungen nicht automatisch zum Instrument einer Expansionsideologie. Dieser Einwand trifft im Kern zu. Er verfehlt aber den entscheidenden Unterschied: Es geht nicht um den Inhalt der einzelnen Kooperationen, sondern um die explizit religiös-zivilisatorische Rahmung, die sich das Abkommen selbst gibt, und um die zeitliche wie politische Konvergenz mit der territorial-maximalistischen Regierungspraxis, die diese Diplomatie begleitet.

Schluss

Die belastbare These lautet daher enger, als es die Überschrift zunächst vermuten lässt: Die Abraham- und Isaac-Abkommen sind kein Beleg für gelöste Konflikte, sondern ein Instrument zur Kompensation der Isolation einer Regierung, deren Koalition offen territoriale Maximalforderungen vertritt. Und ihre Wirksamkeit stößt gerade jetzt, mit dem Mekka-Pakt, an ihre geografischen Grenzen – dort, wo es eigentlich am meisten zählen würde.

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Bildquelle: photocosmos1 / shutterstock

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Quellen

Mekka-Pakt

  • Al Jazeera (07.08.2026): „Turkiye, Saudi Arabia, Pakistan sign joint defence agreement: What’s in it?“ – offizieller Name laut Vertragstext: „Mecca Joint Defence Agreement“ bzw. teils „Mecca Joint Deterrence Agreement“; unterzeichnet von Erdoğan, Kronprinz Mohammed bin Salman, Ministerpräsident Shehbaz Sharif
  • Atlantic Council (07.08.2026): „Why Saudi Arabia, Pakistan, and Turkey just signed a defense pact“
  • PBS News (08.08.2026): Einordnung als „purely defensive“, explizit nicht gegen Iran gerichtet laut pakistanischer Seite
  • Al Jazeera (11.08.2026): „What are Saudi Arabia, Turkiye and Pakistan’s joint military capabilities?“ – Verweis auf „concerns over Israel’s expanding military reach“ als einen der Kontextfaktoren
  • Wikipedia: „Mecca Joint Defence Agreement“ – Vorgeschichte über die bilaterale Strategic Mutual Defence Agreement (SMDA) vom 17.09.2025 zwischen Saudi-Arabien und Pakistan

Abraham-Abkommen (2020)

  • Allgemein bekannt. Primärquellen: U.S. Department of State, Archiv „The Abraham Accords“ (state.gov, Bureau of Near Eastern Affairs); israelisches Außenministerium, „The Abraham Accords“ (gov.il/en/departments/general/the-abraham-accords) – Unterzeichnung am 15.09.2020 in Washington, D.C., mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain; Marokko und Sudan folgten in gesonderten Erklärungen im Dezember 2020

Isaac-Abkommen

  • Israelisches Außenministerium, Pressemitteilung vom 20.04.2026: „Israel and Argentina announce the launching of the Isaac Accords“ – Quelle des Zitats „the descendants of Isaac and nations of the Judeo-Christian tradition“
  • Genesis Prize Foundation (20.04.2026): „Netanyahu and Milei Sign Historic Isaac Accords“ – Details zu Ursprung bei der Genesis-Prize-Verleihung 2025, El-Al-Direktflügen, Ecuador/Costa-Rica/Paraguay-Terrorlisten, IHRA-Definition
  • DLA Piper, Client Alert (23.04.2026): „The Isaac Accords: Argentina’s new strategic framework with Israel“
  • AJC (01.05.2026): „What To Know About the Isaac Accords“
  • Jerusalem Post (06.03.2026 bzw. 01.07.2026): zu den 12 lateinamerikanischen Staaten, die die Initiative unterstützten, sowie zum Nachfolgetreffen
  • JNS (09.07.2026): zum Vernetzungstreffen in Buenos Aires
  • Wikipedia: „Isaac Accords“ – chronologische Übersicht mit Verweisen auf JPost, Al Jazeera, AP, JTA

Territoriale Programmatik

  • Smotrichs „Entscheidungsplan“ (2017): Palquest, „Bezalel Smotrich: Israel’s Decisive Plan“ (Volltext-Dokumentation); Al-Zaytouna Centre, akademische Analyse; Assafir al-Arabi (10.02.2025), „Decision Time in the West Bank: Bracing for Smotrich’s Plan“
  • 82-Prozent-Annexionsankündigung: Press TV / globalsecurity.org (03.09.2025), Pressekonferenz-Zitate im Original
  • Ben-Gvir/Kahanismus: durchgängig in etablierter Berichterstattung dokumentiert (Times of Israel, Haaretz, The Guardian – regelmäßige biografische Einordnung, keine strittige Zuschreibung)
  • Syrien/Golan-Ausweitung nach Assads Sturz (Dezember 2024): allgemein dokumentiert, u. a. über Reuters/AP-Berichterstattung zur israelischen Vorrückung über die Waffenstillstandslinie von 1974
  • Siedlungsausbau/Außenposten-Legalisierung 2023–2025: Peace Now, B’Tselem (NGO-Monitoring)
  • Kolumbien-Anerkennung Golanhöhen (10.08.2026): israelisches Außenministerium (globalsecurity.org-Spiegelung der offiziellen Erklärung), Times of Israel, Jerusalem Post, i24NEWS, ColombiaOne, JNS – durchgehend übereinstimmend dokumentiert, inklusive Zitat Außenminister Sa’ars: er wolle weitere Staaten zur Anerkennung bewegen, „under President de la Espriella“ nach dem Vorbild der USA.

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Dirk Ellerbrock ist Dipl.-Sozialwissenschaftler und politischer Kommentator. Weitere Texte von ihm erscheinen auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock

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