Nach Hormus droht Europas nächste Preiskrise: Der Rhein wird zum gefährlichen Nadelöhr

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Während Europas Aufmerksamkeit auf die Straße von Hormus und die Folgen des Iran-Krieges für Öl- und Energiepreise gerichtet ist, entwickelt sich mitten in Europa eine zweite Krise, über die bislang deutlich weniger gesprochen wird: Der Rhein, eine der wichtigsten Wirtschafts- und Energieadern des Kontinents, ist durch extremes Niedrigwasser zeitweise an die Grenze seiner Transportfähigkeit geraten. Am Engpass bei Kaub sank der Pegel Mitte August auf nur sechs Zentimeter – ein neuer Rekord. Große Teile des Güterverkehrs mussten auf Straße und Schiene ausweichen.

Die Dimension wird deutlich, wenn man betrachtet, was über diesen Fluss transportiert wird: Diesel, Heizöl, Chemikalien, Kohle, Erze, Getreide und industrielle Rohstoffe. Der Rhein verbindet die großen Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen mit dem industriellen Herzen Deutschlands und reicht als Versorgungsader bis in die Schweiz. Fallen die Wasserstände, können Frachtschiffe nur noch einen Bruchteil ihrer normalen Ladung aufnehmen. Mehr Schiffe werden für dieselbe Menge benötigt – sofern überhaupt genügend verfügbar sind.

Und genau hier beginnt die nächste Preiswelle. Laut OilPrice explodierten die Frachtraten auf der Route Amsterdam–Rotterdam–Antwerpen nach Karlsruhe zeitweise von rund 45 auf 215 Euro je Tonne. Transporte Richtung Basel erreichten sogar etwa 275 Euro je Tonne. Solche Kosten verschwinden nicht in den Bilanzen der Logistiker. Sie wandern durch die Lieferketten – vom Treibstoff über Chemikalien und Kunststoffe bis zu zahlreichen Industrie- und Konsumgütern.

Die Auswirkungen sind bereits in der Industrie angekommen. Chemieunternehmen meldeten Probleme bei der Versorgung mit Rohstoffen, Stahlproduzenten mussten reagieren, und die Bundesbank warnt inzwischen, dass die niedrigen Flusspegel die ohnehin schwache deutsche Konjunktur zusätzlich belasten. Reuters berichtete außerdem von höheren Kosten, Transportengpässen und Produktionsproblemen bei Chemie, Stahl, Energie und Agrarhandel.

Besonders kritisch ist die Lage bei Treibstoffen. S&P Global warnt ausdrücklich vor zunehmendem Druck auf die europäischen Diesel-Lieferketten. Wenn Binnenschiffe weniger Diesel und andere Ölprodukte transportieren können, steigen die Logistikkosten genau in einer Phase, in der Europas Energiemärkte bereits durch die Krise im Nahen Osten belastet werden.

Damit treffen Europa zwei unterschiedliche Risiken gleichzeitig: Hormus verteuert und gefährdet die Zuführung von Energie nach Europa – der Rhein erschwert deren Weitertransport im europäischen Binnenland. Das eine ist ein geopolitischer Engpass am Persischen Golf, das andere ein logistischer Engpass mitten im Zentrum Europas. Reuters beschreibt die diesjährige Hitze bereits als zusätzlichen Druck auf Lebensmittelpreise und Lieferketten in einem Marktumfeld, das vom Energiepreisschock des Iran-Krieges belastet ist.

Wie schnell daraus Inflation werden kann, zeigt sich inzwischen auf vorgelagerter Ebene. Die deutschen Erzeugerpreise stiegen im Juli um 3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der stärkste Anstieg seit mehr als drei Jahren. Energie verteuerte sich dabei um 3,8 Prozent, Vorleistungsgüter um 5,4 Prozent. Niedrigwasser und geopolitische Energieprobleme gehören zu den Belastungsfaktoren. Erzeugerpreise sind keine Garantie für spätere Verbraucherpreiserhöhungen, aber sie zeigen, welcher Kostendruck sich bereits in der Wirtschaft aufbaut.

Das eigentlich Beunruhigende an der Rheinkrise ist jedoch ein Paradox: Europa kommt bislang nicht deshalb relativ glimpflich davon, weil seine Versorgung besonders robust wäre – sondern weil seine Industrie bereits schwach ist.

OilPrice weist darauf hin, dass europäische Steamcracker nur mit rund 70 Prozent ihrer Kapazität laufen. Hohe Energiekosten, schwache Nachfrage aus Bau und Automobilindustrie sowie internationale Konkurrenz haben die Produktion gedrückt. Dadurch müssen momentan weniger Rohstoffe, Chemikalien und Energieträger transportiert werden. Die wirtschaftliche Schwäche Europas wirkt ausgerechnet als Puffer gegen den Zusammenbruch einer überlasteten Transportader. (OilPrice.com)

Das ist ein bemerkenswerter Zustand: Eine Industriekrise verhindert, dass eine Logistikkrise noch schlimmer wird.

Seit einigen Tagen bringt steigendes Rheinwasser zwar Entlastung. Am 21. August lag Kaub wieder bei 45 Zentimetern, und S&P Global erwartete für den 24. August mehr als 70 Zentimeter. Die akute Situation hat sich damit gegenüber dem Rekordtief verbessert. Das strukturelle Problem ist jedoch nicht verschwunden: Die Episode hat gezeigt, wie schnell eine zentrale europäische Versorgungsroute zum Flaschenhals werden kann.

Und die zusätzlichen Kosten verschwinden nicht automatisch mit dem nächsten Regen. Der französische Logistikkonzern CMA CGM kündigte erst am 21. August wegen der niedrigen Wasserstände einen „Inland Emergency Fee“ für betroffene Transporte an.

Europa blickt deshalb zu Recht nach Hormus. Es sollte dabei aber nicht übersehen, was vor der eigenen Haustür geschieht. Wenn ein Energiepreisschock aus dem Nahen Osten auf steigende Transportkosten, angeschlagene Industrie und fragile Lieferketten innerhalb Europas trifft, können sich diese Belastungen gegenseitig verstärken.

Die nächste europäische Preiskrise muss deshalb nicht allein aus Hormus kommen. Ein Teil davon könnte den Rhein hinauffahren – sofern die Schiffe überhaupt noch genug Wasser unter dem Kiel haben.

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