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Toka: Neue Technologie kann sich in fremde Kameras einloggen und Aufnahmen unbemerkt verändern

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Überwachungskameras gelten vor Gericht, bei Polizeiermittlungen und in der Öffentlichkeit als besonders glaubwürdige Zeugen. Bilder sollen dokumentieren, was tatsächlich geschehen ist. Doch eine Technologie des Cyberunternehmens Toka stellt genau dieses Vertrauen infrage: Sie soll fremde vernetzte Kameras aufspüren und übernehmen sowie Live- und bereits gespeicherte Aufnahmen manipulieren können.

Toka wurde 2018 unter anderem vom ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister Ehud Barak sowie Yaron Rosen gegründet, einem ehemaligen Brigadegeneral und früheren Leiter des Cyber-Stabs der israelischen Streitkräfte. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben ausschließlich mit Militär, Geheimdiensten, Heimatschutz- und Strafverfolgungsbehörden der USA und enger Verbündeter zusammen.

Wie weit die technischen Möglichkeiten reichen sollen, zeigte eine Recherche der israelischen Zeitung Haaretz anhand interner Firmenunterlagen. Demnach entwickelte Toka Werkzeuge, mit denen Kameras in einem bestimmten Gebiet identifiziert und anschließend aus der Ferne übernommen werden können. Der Zugriff soll nicht auf das bloße Betrachten der Bilder beschränkt sein. Auch gespeichertes Material sowie Bild und Ton könnten verändert werden. Die Unterlagen beschrieben zudem die Möglichkeit, Aktivitäten bei verdeckten Operationen zu „maskieren“. Besonders brisant ist die Behauptung, solche Manipulationen könnten vorgenommen werden, ohne forensisch erkennbare Spuren zu hinterlassen.

Damit entsteht ein Problem, das weit über die bekannte Debatte über Massenüberwachung hinausgeht. Bisher lautet die zentrale Frage: Wer darf uns beobachten? Mit einer solchen Technologie kommt eine wesentlich gefährlichere hinzu: Wer kann verändern, was die Kamera angeblich gesehen hat?

Der Unterschied ist fundamental. Überwachung ist ein Eingriff in die Privatsphäre. Die unbemerkte Manipulation einer Aufzeichnung kann dagegen die Grundlage dafür verändern, wie ein Ereignis später rekonstruiert wird. Wenn historische Aufnahmen tatsächlich spurlos verändert werden können, könnte theoretisch eine Person aus einer Sequenz verschwinden, eine Handlung verborgen oder ein Ablauf anders dargestellt werden. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Toka für solche kriminellen Manipulationen eingesetzt wurde. Die technische Möglichkeit allein wirft jedoch erhebliche rechtsstaatliche Fragen auf.

Genau deshalb bezeichnete ein von Haaretz befragter Menschenrechtsanwalt die Technologie als „dystopisch“. Denn Videoaufzeichnungen dienen längst nicht mehr nur der Überwachung öffentlicher Plätze. Sie entscheiden mit über Ermittlungen, Anklagen und Urteile und können staatliches Fehlverhalten ebenso dokumentieren wie Straftaten von Privatpersonen.

Toka will diese Fähigkeiten ausdrücklich staatlichen Stellen zur Verfügung stellen. TechCrunch berichtete, dass das Unternehmen sein Geschäft mit amerikanischen Behörden ausbauen wollte und dafür Mitarbeiter mit Kontakten und Erfahrung beim Pentagon sowie bei US-Sicherheitsbehörden suchte. Toka erklärte gegenüber dem Medium, seine Produkte ausschließlich an Militär-, Geheimdienst-, Heimatschutz- und Strafverfolgungsbehörden der Vereinigten Staaten und enger Verbündeter zu verkaufen.

Für Geheimdienste und Militärs liegt der Nutzen auf der Hand. Wer gegnerische Kameras übernehmen kann, gewinnt Zugang zu Informationen, ohne eigene Sensoren installieren zu müssen. Wer zusätzlich beeinflussen kann, was diese Kameras speichern, besitzt ein mächtiges Instrument für verdeckte Operationen. Genau hier beginnt jedoch das Problem: Eine technische Fähigkeit unterscheidet nicht zwischen einem legitimen Einsatz und ihrem Missbrauch.

Bemerkenswert ist zudem, wer Toka finanziert. Zu den Investoren gehört Andreessen Horowitz, eine der einflussreichsten Risikokapitalgesellschaften des Silicon Valley. Derselbe Investor steht hinter Flock Safety, dessen automatisierte Kennzeichenkameras inzwischen von Tausenden amerikanischen Polizeibehörden genutzt werden. Andreessen Horowitz führte 2025 eine Finanzierungsrunde über 275 Millionen Dollar für Flock an; das Unternehmen wurde dabei mit 7,5 Milliarden Dollar bewertet.

Für eine technische Zusammenarbeit zwischen Flock und Toka gibt es keinen öffentlichen Beleg. Dennoch zeigt die Investitionsstrategie, wohin sich der Sicherheitsmarkt entwickelt: Vernetzte Kameras, automatisierte Erfassung, künstliche Intelligenz und offensive Cybertechnologie wachsen zu einem milliardenschweren Geschäftsfeld heran.

Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht in einer einzelnen Firma. Sie entsteht durch eine Infrastruktur, in der immer mehr Kameras miteinander vernetzt werden, während gleichzeitig Werkzeuge entwickelt werden, die solche Systeme aus der Ferne übernehmen können. Je größer dieses Netzwerk wird, desto entscheidender wird die Frage nach der Unveränderbarkeit seiner Daten.

Denn eine Kamera besitzt als Beweismittel nur deshalb einen besonderen Wert, weil wir davon ausgehen, dass ihre Aufnahme unabhängig vom späteren Betrachter entstanden ist. Sobald diese Voraussetzung nicht mehr selbstverständlich ist, verliert der Satz „Es gibt ein Video davon“ einen Teil seiner bisherigen Bedeutung.

Bret Weinstein bringt die mögliche Konsequenz drastisch auf den Punkt: Er warnt vor einer Welt, in der mächtige Akteure Verbrechen begehen könnten, während ein technischer Dienst anschließend die digitalen Spuren beseitigt. Für ein solches Szenario gibt es bislang keinen Nachweis. Aber die zugrunde liegende Sorge ist berechtigt: Technologien, die nicht nur Überwachung ermöglichen, sondern potenziell auch deren Aufzeichnungen manipulieren, verlangen besonders strenge technische und rechtliche Kontrollen.

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