Trotz Irankrieg: „Erstaunlich solide“ – Deutsche Wirtschaft wächst stärker als erwartet

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal stärker gewachsen als zunächst berechnet – dank höherer Exporte. Doch schwache Investitionen, ein hohes Staatsdefizit und das Rhein-Niedrigwasser trüben den Ausblick

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Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal stärker gewachsen als zunächst berechnet – dank höherer Exporte. Doch schwache Investitionen, ein hohes Staatsdefizit und das Rhein-Niedrigwasser trüben den Ausblick

Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr trotz Belastungen durch den Irankrieg schneller gewachsen als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni dank höherer Exporte um 0,3 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Eine frühere Schätzung hatte nur ein Plus von 0,2 Prozent ergeben. „Die Wachstumsdynamik der deutschen Wirtschaft vom Jahresbeginn setzt sich fort“, sagte die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes, Ruth Brand. Das gehe erneut „auf die gute Exportentwicklung zurück“. Europas größte Volkswirtschaft wuchs dadurch bereits das dritte Quartal in Folge: Ende 2025 reichte es zu einem Wachstum von 0,3 Prozent, in den ersten drei Monaten 2026 zu 0,4 Prozent.

„Das sind erfreuliche Nachrichten“, sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. „Gemessen an den stellenweise düsteren Konjunkturaussichten in Anbetracht des Irankrieges fällt das deutsche Wachstum erstaunlich solide aus.“ Die guten Nachrichten könnten sich fortsetzen, fügte Gitzel hinzu und verwies auf den rekordhohen Auftragsbestand der Industrie. „Deutsche Maschinen- und Anlagenbauer gehören zu den Profiteuren des KI-Booms“, betonte der Chefvolkswirt. „Für den Bau von Rechenzentren bedarf es in vielen Bereichen deutscher Technik.“

Das gewerkschaftsnahe IMK-Institut geht nach der unerwartet guten ersten Jahreshälfte davon aus, dass viele Ökonomen ihre Wachstumsprognose für 2026 heraufsetzen werden. Die deutsche Wirtschaft dürfte „um mindestens 1,1 Prozent wachsen“, sagte der wissenschaftliche IMK-Direktor Sebastian Dullien. Bislang waren viele Experten nur von einem etwa halb so starken Plus ausgegangen.

Investitionen bleiben schwach

Im Frühjahr wurden insgesamt 2,0 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als in den ersten drei Monaten, während die Importe um 1,5 Prozent zulegten. In Ausrüstungen – also vor allem in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge – wurde deutlich weniger investiert als noch im Vorquartal (-1,4 Prozent). Die Bauinvestitionen legten mit 0,1 Prozent minimal zu. Ein stärkerer Anstieg nach dem – auch wegen ungewöhnlich kalter Witterung – schwachen Jahresbeginn blieb jedoch aus. Die Konsumausgaben entwickelten sich im zweiten Quartal verhalten (+0,1 Prozent). Sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben stiegen mit jeweils 0,1 Prozent zum Vorquartal nur leicht.

Trotz besserer Konjunktur hat der Staat im ersten Halbjahr tiefrote Zahlen geschrieben. Die Ausgaben von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung überstiegen die Einnahmen um rund 71,3 Mrd. Euro, wie das Statistische Bundesamt außerdem bekanntgab. Damit fiel das gesamtstaatliche Defizit um 36,6 Mrd. Euro höher aus als ein Jahr zuvor. Die Summe entspricht einem Defizit von 3,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Der EU-Wachstums- und Stabilitätspakt sieht eine Obergrenze von drei Prozent vor.

Top-Rating in Gefahr?

Das Minus ist zu großen Teilen auf das Finanzierungsdefizit des Bundes von 48,1 Mrd. Euro zurückzuführen. Es wuchs damit um 29,0 Mrd. Euro. „Maßgeblich für den Bund sind die Mehrausgaben im Bereich Verteidigung und zusätzliche Investitionen und Subventionen, die aus den Sondervermögen finanziert werden“, sagte Steuerexperte Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Zudem liefen die Steuereinnahmen „eher moderat“. Auch stiegen die Zinsausgaben deutlich. „Sofern die deutsche Wirtschaft weder auf einen soliden Wachstumskurs zurückkehrt noch glaubwürdige Konsolidierungsanstrengungen unternommen werden, besteht die Gefahr, dass angesichts der Haushaltszahlen der Bund sein Top-Rating für seine Anleihen verliert und die Zinskosten nochmals beschleunigt zulegen“, warnte Boysen-Hogrefe.

Viele Konjunkturdaten wiesen im Sommer trotz der anhaltend hohen Ölpreise infolge des Irankriegs nach oben. So kletterte der Einkaufsmanagerindex für das deutsche Verarbeitende Gewerbe im August auf den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren. Auch wegen der besseren Lage der Industrie, die nicht zuletzt von staatlichen Großaufträgen für Infrastruktur und Verteidigung profitiert, haben sich die Konjunkturaussichten zuletzt aufgehellt.

Das Rekord-Niedrigwasser auf dem Rhein dämpft der Bundesbank zufolge jedoch die Erholung. Nur noch begrenzt nutzbare Transportwege auf wichtigen Flüssen wie dem Rhein und kräftig steigende Transportkosten dürften Industrieproduktion und Exportwachstum deutlich beeinträchtigen. „Das Niedrigwasser belastet damit auch die gesamtwirtschaftliche Aktivität im dritten Quartal spürbar“, schreibt die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte „allenfalls noch leicht zulegen“. 

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