25. Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit – Der Kalender der Multipolarität | Von Dirk Ellerbrock

25. Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit – Der Kalender der Multipolarität | Von Dirk Ellerbrock

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Während westliche Nachrichtenredaktionen am Wochenende mit dem nächsten Eskalationszyklus zwischen Washington und Teheran beschäftigt waren – ein amerikanischer Angriff auf die iranische Insel Larak, iranische Vergeltungsschläge gegen US-Stützpunkte in Jordanien, die übliche Choreografie aus Ankündigung, Gegenschlag und neuer Ankündigung –, fand zeitgleich in Bischkek etwas statt, das in der westlichen Berichterstattung, wenn überhaupt, mit einem Satz abgehandelt wird: der 25. Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall, sondern die eigentliche Nachricht. Sie zeigt zwei parallele Weltordnungsprojekte, die sich nicht mehr aufeinander beziehen, sondern zunehmend unabhängig voneinander operieren – das eine gestützt auf Zerstörung und Drohung, das andere auf den stillen, unspektakulären Aufbau institutioneller Infrastruktur.

Die SCO wurde vor 25 Jahren, drei Monate vor dem 11. September 2001, in Shanghai gegründet – damals als „Shanghai 5“ aus China, Russland und drei zentralasiatischen Staaten, mit dem erklärten Ziel, gegen Terrorismus, Separatismus und religiösen Extremismus in der Region vorzugehen. Aus einer sicherheitspolitischen Nischenorganisation wurde in zweieinhalb Jahrzehnten das, was heute neben den BRICS-Staaten (dem 2009 gegründeten Staatenbund, dem inzwischen unter anderem Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrica, Iran, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate angehören) als tragende Säule der multipolaren Architektur gilt: Indien und Pakistan sind seit 2017 Vollmitglieder, Iran seit zwei Jahren, die Türkei und Afghanistan drängen als Beobachter auf Vollmitgliedschaft. Aus den ursprünglichen drei „Übeln“ ist eine geoökonomische Organisation geworden – die Abschlusserklärung des letztjährigen Gipfels in Tianjin war im Kern bereits ein Bekenntnis zum Aufbau einer multipolaren Weltordnung.

Was in Bischkek an diesem Wochenende hinzukommt, ist konkreter, als es die Floskel vom „Autokratentreffen“ – so die zu erwartende Einordnung westlicher Medien, sofern überhaupt eine stattfindet – vermuten lässt: die Ankündigung einer SCO-Entwicklungsbank, die Kredite in den jeweiligen Landeswährungen der Mitgliedstaaten vergeben soll, also am US-Dollar vorbei. Der Vergleich mit der bestehenden BRICS-Bank (der New Development Bank, NDB) ist aufschlussreich: Deren Satzung ist, wie einer ihrer Mitgründer kürzlich einräumte, in Dollar formuliert und an den Dollar gebunden – ein struktureller Geburtsfehler, der die Bank trotz zwölf Vollmitgliedern zu einer Art Mini-Weltbank degradiert hat, unfähig, ihrem eigentlichen Auftrag als Entwicklungsfinanzierer des globalen Südens gerecht zu werden. Ob die SCO-Bank diesen Fehler vermeidet, wird sich zeigen – aber allein der Versuch, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen, markiert einen Reifegrad, den man in Washington offenkundig nicht für möglich hält.

Fast zeitgleich, ab Mittwoch, findet in Wladiwostok das Östliche Wirtschaftsforum statt – die zentrale Plattform für die Erschließung Sibiriens, des russischen Fernen Ostens und vor allem der Nordostpassage, die China als „arktische Seidenstraße“ bezeichnet. In gut zwei Wochen, am 12. und 13. September, folgt der BRICS-Gipfel in Neu-Delhi. Dass die belarussische Führung schon vor zwei Jahren öffentlich die perspektivische Verschmelzung von BRICS und SCO vorhersagte, wirkt vor diesem Kalender plausibler denn je: Russland und China sind tragende Mitglieder beider Formate, Iran ist in beiden vertreten, Indien könnte es werden. Ergänzt wird dieses Geflecht durch eine weitere, bislang kaum beachtete Neugründung: die von der Türkei angekündigte „Mecca Defence Alliance“ (MDA) – ein trilaterales Verteidigungsbündnis mit Sitz des Sekretariats in Riad, für die ersten drei Jahre unter pakistanischer Führung, dem laut türkischem Außenminister bereits fünf bis sechs weitere Staaten, darunter Bangladesch und Syrien, beitreten wollen. Ob und wie diese Struktur sich zu SCO und BRICS verhält, ist offen – bemerkenswert ist allein die Dichte, in der neue institutionelle Formate entstehen, ohne dass der Westen an ihrer Konstruktion beteiligt wäre oder auch nur um Zustimmung gefragt würde.

Und hier liegt die eigentliche Pointe. Der Westen tritt in diesem Bild nicht als Gegenspieler auf gleicher Ebene auf, sondern als das, was in Bischkek am Rande diskutiert worden sein dürfte: als Belastung, die man zunehmend zu umgehen versteht. Während in der Straße von Hormus erneut eskaliert wird und der US-Finanzminister mit dem Ausschluss aus dem Dollarsystem droht, prüfen just jene Staaten, die von den Sanktionen betroffen sind, bereits die Einrichtung eines eigenen Verschiffungsregimes durch die Straße – ohne Rücksprache mit Washington. Das Drohpotenzial des Westens erzeugt exakt das Gegenteil seiner Wirkung: Es beschleunigt den Aufbau jener Parallelstrukturen, die es eigentlich verhindern soll. Jede neue Sanktionsliste, jeder neue Angriff verbraucht amerikanisches Kriegsmaterial und diplomatisches Kapital, während er auf der anderen Seite die Kooperationsdichte erhöht. Was der Westen dabei verliert, ist nicht in erster Linie Prestige oder ein Gipfeltreffen in den Nachrichten. Es ist das Monopol darüber, welche Institutionen überhaupt zählen – und mit ihm die Fähigkeit, den Preis der eigenen Aggression noch selbst zu bestimmen.

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Bildquelle: Poetra.RH / shutterstock

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Quellen:

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie“ und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung“. 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift“, das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock

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