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Von Gleb Prostakow
Anfang September 2026 trafen Korruptionsskandale gleichzeitig das engste Umfeld der Präsidenten der Philippinen und der Ukraine. In Manila wurde der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, Martin Romualdez, ein Cousin von Präsident Ferdinand Marcos Jr., festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, Schmiergelder in Höhe von über 100 Millionen US-Dollar angenommen zu haben. In Kiew wurde im Rahmen der Operation „Karthago“ ein Netzwerk betrügerischer Callcenter aufgedeckt, das unter der Protektion von Mitarbeitern der Generalstaatsanwaltschaft agierte. Daraufhin trat Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko zurück.
In beiden Ländern folgte eine öffentliche Reaktion. Marcos erklärte, er sei weder der Präsident seiner Familie noch der Präsident seiner Freunde. Selenskij führte ein Gespräch mit Krawtschenko, woraufhin dieser sein Amt niederlegte. Damit enden die Parallelen.
Auf den Philippinen löste der Skandal einen institutionellen Ermittlungsmechanismus aus. Ein Sondergericht erließ einen Haftbefehl gegen einen nahen Verwandten des Präsidenten, amtierende Senatoren wurden festgenommen, Bankkonten von Beamten und Auftragnehmern wurden eingefroren. Minister treten zurück, der Präsident räumt öffentlich Verstöße bei der Verwendung staatlicher Mittel ein und berichtet über den Stand der Ermittlungen. Die Festnahme des Cousins des Präsidenten lässt sich nicht als bloße Inszenierung des Kampfes gegen Korruption abtun. Die Justiz erwies sich als fähig, selbst gegen diejenigen vorzugehen, die zum engsten Familienkreis des Staatsoberhauptes gehören.
Man muss sich bewusst machen, dass sowohl die Philippinen als auch die Ukraine zu den Ländern mit hohem Korruptionsniveau zählen und in den einschlägigen internationalen Rankings dicht beieinanderliegen. Bei der strafrechtlichen Verfolgung hochrangiger Amtsträger wegen Korruptionsdelikten erwiesen sich die Philippinen jedoch als institutionell stärker.
In der Ukraine brechen Korruptionsskandale mit erstaunlicher Regelmäßigkeit aus, doch das Ergebnis ist stets dasselbe. Beamte verlieren ihre Posten, verschwinden mitunter aus der Öffentlichkeit oder schaffen es rechtzeitig, ins Ausland zu fliehen (ein Privileg, das keinem Mann im mobilisierungsfähigen Alter zusteht), landen jedoch nicht hinter Gittern. Krawtschenko, der den veröffentlichten Unterlagen zufolge jener „Chef“ war, der das System zur Protektion betrügerischer Callcenter leitete, bezeichnete seinen Rücktritt als politisch motiviert. Seine Stellvertreterin, bei der bei Durchsuchungen Schmuck und teure Uhren gefunden wurden, trat zurück, bleibt jedoch auf freiem Fuß.
Zuvor waren die ukrainische Botschafterin in den USA Oxana Markarowa, der Leiter des Präsidialamtes Andrei Jermak, dessen Stellvertreterin Irina Mudraja sowie viele andere der Korruption beschuldigt worden – sie alle verloren ihre Ämter, ihre Freiheit jedoch nicht.
Bezeichnend ist das Schicksal von Irina Mudraja, der ehemaligen stellvertretenden Leiterin des Präsidialamtes. Sie befindet sich zwar in Untersuchungshaft, doch auch hier stellt sich die Frage: Ist ihre Verhaftung das Ergebnis einer echten Korruptionsbekämpfung oder vielmehr die Folge eines Machtkampfs innerhalb des Staatsapparats, wobei Selenskij gezwungen war, einen Teil seines Teams zu opfern, um die Kontrolle über den Rest zu behalten? Die Ermittlungen der von Europäern betreuten Antikorruptionsbehörden NABU und SAP werden häufig nicht als Instrument der Justiz, sondern als Waffe im Machtkampf zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der ukrainischen Regierung und ihren westlichen Schirmherren eingesetzt.
Der Unterschied zwischen den beiden Ländern liegt nicht im Ausmaß der Korruption, sondern darin, was mit den Eliten nach den Enthüllungen geschieht. Auf den Philippinen führen Ermittlungen zu Gerichtsurteilen, Verhaftungen und einer öffentlichen Debatte über die Grenzen der staatlichen Verantwortung. Marcos ist gezwungen, im Rahmen der institutionellen Logik zu handeln: Wenn ein Gericht die Verhaftung eines seiner Verwandten anordnet, kann er diese Entscheidung nicht einfach außer Kraft setzen.
In der Ukraine gibt es eine solche Logik nicht. Korruptionsskandale sind dort zu einem Ritual geworden, das sich mit ermüdender Regelmäßigkeit wiederholt: eine aufsehenerregende Enthüllung, Durchsuchungen, an die Presse durchgesickerte Details, eine Entlassung, die Ernennung eines Nachfolgers – und einige Monate später beginnt alles von vorn. Selbst nach Anklageerhebung kommt die Entlassung aus der Untersuchungshaft gegen Kaution in der Ukraine praktisch einer Freilassung gleich, da die Gerichtsverfahren vor den von Selenskij kontrollierten Gerichten entweder im Sande verlaufen oder sich endlos hinziehen.
Während Selenskijs Amtszeit gab es schon fünf Generalstaatsanwälte, doch kein einziger hochrangiger Beamter aus seinem engsten Umfeld kam wegen Korruptionsvorwürfen ins Gefängnis.
Der Grund liegt in der Natur des ukrainischen Machtsystems selbst. Selenskij errichtete ein System, in dem Korruption kein Ausrutscher, sondern ein Herrschaftsinstrument darstellt. Die Loyalität der Beamten wird durch den Zugang zu Pfründen erkauft – und sollte man beginnen, alle Beteiligten ernsthaft strafrechtlich zu verfolgen, würde das System nicht mehr funktionieren. Daher ist die Reaktion auf Enthüllungen stets dieselbe: Man räumt diejenigen aus dem Weg, die zu sehr ins Rampenlicht gerückt sind, lässt das zugrunde liegende Prinzip jedoch unangetastet.
Der Vergleich zwischen den Philippinen und der Ukraine offenbart einen grundlegenden Unterschied zwischen zwei Arten von Korruptionsregimen. Auf den Philippinen existiert Korruption innerhalb des Systems, doch dieses bewahrt die Fähigkeit zur Selbstreinigung. Die philippinischen Institutionen können – wenn auch unter dem Druck der Umstände – gegen die Interessen der herrschenden Familie vorgehen. In der Ukraine hingegen ist Korruption zu einem systemtragenden Element der Macht geworden, weshalb jede Antikorruptionsmaßnahme zwangsläufig zur bloßen Inszenierung verkommt. Es kommt zu Amtsniederlegungen, Skandale werden öffentlich gemacht, doch keine der wirklich einflussreichen Persönlichkeiten wird zur Rechenschaft gezogen.
Die Philippinen durchleben derzeit eine Krise, die den Präsidenten vor den nächsten Wahlen schwächen könnte. Doch gerade die Fähigkeit, eine solche Krise zu überstehen, ohne dass die Staatlichkeit zerstört wird, zeugt von einer gewissen Widerstandsfähigkeit. Während in Manila ein Gericht Haftbefehle gegen Angehörige des Staatsoberhauptes erlässt, reicht in Kiew der nächste Generalstaatsanwalt sein Rücktrittsgesuch ein, und die Korruptionsmaschinerie läuft weiter wie bisher.
Der entscheidende Unterschied liegt auf der Hand. Auf den Philippinen existiert die Korruption innerhalb des Staates. In der Ukraine existiert der Staat innerhalb der Korruption. Genau deshalb kann der philippinische Skandal den Präsidenten zwar schwächen, das Land jedoch nicht zerstören. Der ukrainische Skandal – selbst der aufsehenerregendste – wird hingegen niemals diejenigen betreffen, die das System tatsächlich lenken. Denn das System ist die Korruption selbst.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. September 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Gleb Prostakow ist ein russischer Wirtschaftsanalyst.
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