Fisch, Kapital und die Grenzen des Beitritts – was Island wirklich verweigert hat | Von Dirk Ellerbrock

Fisch, Kapital und die Grenzen des Beitritts – was Island wirklich verweigert hat | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Als Island am 30. August gegen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen stimmte, überschlugen sich die Deutungen. Die einen feierten einen Sieg der nationalen Vernunft über die Brüsseler Bürokratie, die anderen beklagten einen weiteren Riss im europäischen Einigungsprojekt.

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Als Island am 30. August gegen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen stimmte, überschlugen sich die Deutungen. Die einen feierten einen Sieg der nationalen Vernunft über die Brüsseler Bürokratie, die anderen beklagten einen weiteren Riss im europäischen Einigungsprojekt. Beide Lesarten teilen eine gemeinsame Schwäche: Sie erklären eine ökonomische Verteilungsfrage mit dem Vokabular von Werten, Identität und Willen. Genau dieses Vokabular verdeckt, worum es tatsächlich ging.

Island exportiert zu vierzig Prozent Fisch. Das ist keine Nebensache der isländischen Volkswirtschaft, es ist ihr Rückgrat – und es ist, anders als etwa Kohle oder Stahl, eine Ressource, die sich nicht outsourcen, nicht verlagern und nur schwer durch Subventionen kompensieren lässt. Gleiches gilt für den zweiten Pfeiler der isländischen Wirtschaft: die Kombination aus geothermischer Energie und der darauf aufbauenden Aluminiumverhüttung. Auch hier basiert das Wirtschaftsmodell darauf, den Standortvorteil billiger, verstaatlichte Energie direkt im Land zu veredeln – ein Modell, dessen Kern – die Verfügung über Erzeugung und Preis des eigenen Stroms – unter der Marktkopplungs- und Entflechtungslogik des EU-Energiebinnenmarkts faktisch nach Brüssel wandern würde. Wer die Fanggründe und Energienetze kontrolliert, kontrolliert die Rente, die aus ihnen gezogen wird.

Die Gemeinsame Fischereipolitik der EU ist kein neutrales Regelwerk zur Bestandserhaltung, sie ist ein Verteilungsmechanismus, der Fangquoten unter den Mitgliedstaaten nach historisch gewachsenen, das heißt: nach Kapitalstärke und Verhandlungsmacht gewachsenen Schlüsseln zuteilt. Große Flotten – spanische, niederländische, französische – sind in diesem System strukturell begünstigt. Hinzu kommt die juristische Hebelwirkung des EU-Binnenmarkts: Während das isländische Recht Mehrheitsbeteiligungen ausländischen Kapitals an heimischen Fangflotten konsequent blockiert, hätte ein EU-Beitritt über die liberale Kapitalverkehrsfreiheit den Weg frei gemacht für das finanzstarke Aufkaufen isländischer Fangrechte durch europäische Konzerne. Ein Beitritt Islands hätte bedeutet, eine bislang genossenschaftlich und staatlich kontrollierte Rente in ein supranationales Quotensystem einzuspeisen, in dem am Ende nicht mehr die isländische, sondern die europäische Kapitalstärke über den Zugriff entscheidet.

Bemerkenswert ist deshalb weniger, dass Island ablehnte, sondern dass es ablehnen konnte. Der Unterschied zu Ländern wie Bulgarien, deren Landwirtschaft dem EU-Beitritt zum Opfer fiel, oder zu jenen postsowjetischen Staaten, denen ein EU-Kurs gegenwärtig als alternativlos verkauft wird, liegt nicht in überlegener Weitsicht der isländischen Bevölkerung. Er liegt in der Struktur der Verhandlungsposition. Island war bereits über den Europäischen Wirtschaftsraum und Schengen so weit integriert, wie es für Marktzugang nötig ist – ohne die Verteilungsmechanismen der Vollmitgliedschaft übernehmen zu müssen. Seine Sicherheitsanbindung läuft über die NATO, nicht über die EU; ein Beitrittsdruck aus geopolitischer Verwundbarkeit, wie ihn etwa Armenien oder die Ukraine erfahren, existiert schlicht nicht. Und die Ressource, um die es geht, ist konzentriert, gut organisiert und politisch bewusst vertreten – vierzig Prozent Exportanteil lassen sich nicht wegdiskutieren, wie man es mit diffuseren Interessen kann. Wo eine Volkswirtschaft dagegen fragmentiert, verschuldet oder sicherheitspolitisch erpressbar ist, fehlt genau diese Verhandlungsbasis, und aus dem „Beitritt als Option“ wird der Beitritt als Sachzwang.

Wenn Marine Le Pen aus diesem Ergebnis ein „Europa freier, souveräner Staaten“ herausliest, spricht sie als Charaktermaske ihrer eigenen politischen Fraktion, nicht als objektive Beobachterin. Ihr Souveränitätsbegriff ist selektiv: Er gilt, wo er der eigenen Machtbasis nützt, und schweigt dort, wo dieselbe Erweiterungslogik anderen Staaten aufgezwungen wird. Die Wahrheit, die im isländischen Nein sichtbar wird, ist unspektakulärer und deshalb unbequemer: Beitritt oder Ablehnung sind selten eine Frage von Charakter oder Weltbild. Sie sind eine Funktion davon, ob ein Land etwas zu verteilen hat, das andere begehren – und ob es stark genug ist, die Verteilung selbst zu bestimmen.

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Bildquelle: Palmi Gudmundsson /shutterstock

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Quellen:

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie“ und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung“. 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift“, das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock

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