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Von Dagmar Henn
Sowas kommt wohl raus, wenn man nicht weiß, wo man hin soll, zwischen der Propaganda von heute und der Wahrheit von gestern: ein Titelbild mit „Unser Krieg gegen Russland“, dessen erstes Wort die ganze erste Person Plural aufruft, mit der man heutzutage in Deutschland so gern belästigt wird. „Unsere Demokratie“. „Unsere Werte“.
Freud hätte daran seine Freude, denn die Wahrheit liegt in diesem Fall nicht tief begraben; anders als die Erinnerung an das Unternehmen Barbarossa, den Überfall am 22. Juni 1941 und all die Gräuel, die folgten. Die sind nämlich mitnichten „verscharrt“, nur oberflächlich bedeckt, wie im Text behauptet wird, den zu kochen es ganzer fünf Spiegel-Redakteure bedurfte.
Die Wahrheit erblickte nur kurz das Licht der (west-)deutschen Öffentlichkeit, genau in der Zeitspanne zwischen der Fernsehdokumentationsreihe „Der unvergessene Krieg“, die die USA und die Sowjetunion gegen Ende des Kalten Kriegs gemeinsam produzierten (in den USA 1978 erstmals gezeigt), und der Wehrmachtsausstellung 1995 – die selbst schon am Ende dieser kurzen Pause steht, weil bereits die Erinnerungspolitik zur Auslöschung der DDR an dieser Wahrheit zog und zerrte und die offizielle Politik schwer damit beschäftigt war, die alte Mär von rot gleich braun wieder aufzupolieren.
Ganz zu schweigen von heute. Die FAZ reagierte schnell und mit Empörung auf den Spiegel-Titel und erklärte, der Spiegel „spielt Putins Propaganda in die Hände“. Darauf folgt dann die erwartbare Suada über das „verzerrte Geschichtsbild“ des Kremls. Die kurze Atempause zwischen dem ersten und dem zweiten Kalten Krieg ist nun einmal schon lang vergessen.
Der Spiegel-Artikel selbst, übertitelt mit „Die verscharrte Schuld“, beginnt mit Gebein: „Über Jahrzehnte ausgeblichen, das schwarze Knochenmark im Inneren vertrocknet.“ Es geht um ein Massengrab von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in Friedrichsfelde bei Berlin.
Und dann kommt eine sehr kurze Beschreibung des Kriegs im Osten. Ohne zu erwähnen, dass die Auslöschung der vorhandenen Bevölkerung geplant war, beginnend mit dem Aushungern zum Versorgen der Wehrmacht, und ohne zu erwähnen, wie zentral in den Naziplänen die Zerlegung der Sowjetunion in möglichst viele Kleinstaaten war, und welche Rolle die Kollaborateure spielten, die ukrainischen wie die baltischen, nicht zu vergessen die russischen der Wlassow-Armee.
Ja, das wäre auch schwierig, weil das zu sehr ans Heute erinnert. Und es ist zu wichtig, an die Stelle der Sowjetunion ein ethnisiertes Bündel zu setzen und davon zu schreiben, dass „Russen“ als Zwangsarbeiter gehalten wurden. Auch wenn eben jene, die sich auch nur ansatzweise derart als Ukrainer verstanden, wie das heute in Kiew erzählt wird, vor allem aus einer kleinen Region im Westen stammten, die bis 1939 nicht einmal Teil der Sowjetunion war: Galizien. Und die „Ukrainerinnen“, von denen die Rede ist, sich selbst als ukrainische Sowjetbürgerinnen beschrieben hätten.
„Viele wissen bis heute wenig darüber, was ihre Väter, Großväter und Urgroßväter in der Sowjetunion angerichtet haben, wie sie mordeten und halfen, Menschen nach Deutschland zu verschleppen, und wie viele Osteuropäer auf deutschem Boden zu Tode kamen.“
Das klingt für jeden, der die Geschichte kennt, sehr schräg. Denn es gab Verbündete der Nazis in Osteuropa, die sogar am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt waren. Rumänische Einheiten beispielsweise. Und eben das Bataillon Nachtigall, oder später die Waffen-SS-Division Galizien. Richtig, die, die in die Schlagzeilen geriet, als das kanadische Parlament beim Besuch Selenskijs einem ihrer Mitglieder stehend applaudierte.
Das erwähnt der Spiegel natürlich nicht. Aber ziemlich schnell wird abgeleitet, dass das Gedenken politisch aufgeladen sei, weil „der russische Präsident Wladimir Putin“ den Krieg, den er heute in der Ukraine führe, „mit dem Kampf gegen „neue Nazis“ rechtfertigt“. „Eine böswillige Instrumentalisierung der Geschichte“.
Jeder Stadtplan von Kiew zeigt eine große, breite Straße mit dem Namen Stepan-Bandera-Allee. Sie führt genau nach Babi Yar. Es war keine russische Spezialeinheit, die zu Propagandazwecken die lieben, netten Kiewer Behörden mit vorgehaltener Waffe zwang, diese Straße so umzubenennen. Das taten die Ukrainer, die angeblich keine „neuen Nazis“ sein sollen, von ganz alleine.
Die Wehrmacht habe sich verrechnet, wird weiter erzählt, dann gibt es einen halben Satz zur Blockade von Leningrad und einen ganzen Satz zur Ideologie: „In der nationalsozialistischen Ideologie galten alle Slawen als ‚Untermenschen‘, die es zu unterjochen galt.“ Schon das ist beschönigend – das Ziel war überwiegend Ausrottung, nicht Unterjochung. Denn am Ende, das kann man im Generalplan Ost nachlesen, sollte das eroberte Land mit deutschen Siedlern bestückt und „germanisiert“ werden (wem dabei Assoziationen an einige Ereignisse der Gegenwart kommen, hat einen weiteren Grund entdeckt, warum der Spiegel so oberflächlich bleiben muss).
Dann gibt es eine kleine Personality-Geschichte zur „Aufarbeitung“, getragen von der Enkelin eines Generals. Drunter macht es der Spiegel nicht. Das liegt vermutlich an der sozialen Zusammensetzung der Schüler jener Journalistenschulen, in denen der Spiegel seinen Nachwuchs pflückt – neben den Kunststudenten die handverlesenste Anhäufung obersten Bürgertums, die sich findet. Die Geschichten der Proleten, die in diesen Krieg geschickt wurden, die in seinen Panzern verbrannten oder zwischen den Ruinen von Stalingrad verhungerten, die sehen anders aus. Herr General betrachtete das alles wohlversorgt aus der Etappe, und seine Enkelin zieht das Fazit, er habe Böses getan, ohne böse gewesen zu sein, weil das Blut an den Händen seiner Untergebenen klebte.
Es ist nicht die Unzugänglichkeit des Bundesarchivs, die die Wahrnehmung dessen blockiert hat, was nach dem 21. Juni 1941 geschah. Eine Öffnung der Personalakten der Wehrmacht hätte, wie eine Öffnung der Mitgliederkartei der Nazipartei, Ende der 1960er die Republik erschüttert und womöglich von ihrem finsteren Erbe reinigen können, aber heute, fünfzig Jahre später? Sind die Naziakten eine Werbekampagne für den Spiegel. Man müsste zumindest über den Artikel 131 Grundgesetz sprechen, der die ganzen willfährigen Nazis wieder in den Staatsapparat zurückbeförderte, in der Bundesrepublik, damit diese Daten noch überhaupt etwas bewirkten.
Der „Sieg über Nazi-Deutschland“ gelte in Russland „bis heute als wichtigste Säule des staatlich propagierten Geschichtsbilds, eine Art zweiter Gründungsmythos der Nation, die sich als Bezwingerin des Faschismus versteht“. Ist das verwunderlich, wenn man weiß, dass es ein Kampf um das Überleben nicht nur der Nation, sondern all ihrer Menschen war, deren Vernichtung geplant war? Wobei man auch hier nicht vergessen darf, dass nach 1992 nicht nur in der Ukraine, sondern noch schneller in den baltischen Ländern diese Verehrung für die Nazikollaborateure begann. Was eben genau signalisierte, dass man dieses Ringen nicht zu den Akten legen und vergessen kann. Und gerade diese Verehrung dieser alten Kollaborateure wurde vom Westen gezielt gefördert.
„Den Krieg gegen die Ukraine möchte Putin als Fortsetzung des ‚Großen Vaterländischen Krieges‘ verstanden wissen, weil damals auch ukrainische Unabhängigkeitskämpfer mit Hitler kollaborierten. Eine absurde Geschichtsverdrehung, die aber zeigt, wie stark das ‚Unternehmen Barbarossa‘ im Russland der Gegenwart nachwirkt“.
Nein, es wird an keinem Punkt erläutert, warum das eine „absurde Geschichtsverdrehung“ sein soll. Warum auf einmal der nach dem Modell von „Heil Hitler“ gebastelte ukrainische Nazigruß „Slawa Ukraini“ keinen Bezug mehr zu den als Nationalhelden inthronisierten Bandera und Schuschkewitsch haben soll. Aber so, wie der Halbsatz „in Leningrad ließ die Wehrmacht in einer 872 Tage dauernden Blockade mehr als eine Million Zivilisten verhungern“ – was Deutschland übrigens bis heute nicht als Genozid anerkennt – nicht einmal ansatzweise vermittelt, von welchem Schrecken hier die Rede ist, so ist der Halbsatz, dass „auch ukrainische Unabhängigkeitskämpfer mit Hitler kollaborierten“ eine ungeheuerliche Verharmlosung. Jener Truppen, vor denen sich laut damaligen Dokumenten selbst die deutschen SS-Wachen in Auschwitz gruselten.
Es sind die Leerstellen, die diesen Text so sehr ins Falsche rutschen lassen. Nicht einmal taucht der düstere Gedanke auf, wie die Welt aussähe, hätte die Sowjetunion das Nazireich nicht niedergerungen. Die beschriebenen Planungslücken der Wehrmacht klingen so, als wäre es wünschenswert gewesen, sie hätte es besser gemacht, als wären diese Fehler nicht ein Teil dessen gewesen, was die Menschheit vor einem Sieg der Nazis bewahrt hat.
Besonders schräg klingt das dann zusammen mit dem aktuellen Geschrei des Luftwaffenchefs Generalleutnant Holger Neumann, technisch gesehen der Nachfolger von Hermann Göring, der erklärt, die Luftwaffe könne jederzeit gegen Russland in den Krieg ziehen, „fight tonight“. Fast jeder sowjetische Film, in dem der 22. Juni 1941 eine Rolle spielt, beginnt mit einem Luftangriff auf friedlich schlafende Menschen.
Und es waren nicht Planungsfehler der Wehrmacht, veraltete Straßenkarten oder die berühmten vergessenen langen Unterhosen für den Winter, an dem das Unternehmen Barbarossa scheiterte, sondern der Widerstandswillen der Sowjetmenschen. Dem in dem ganzen langen Artikel genau ein Satz gewidmet ist: „Vor allem standen sie einem Gegner gegenüber, der sich viel stärker wehrte, als die Generäle geglaubt hatten.“
Nun, schon 2014, beim Putsch auf dem Maidan, wettete der Westen wieder darauf, Russland werde zerfallen. Dieser Hintergedanke verbarg sich hinter der NATO-Osterweiterung, und mit diesem Hintergedanken wurden 2022 die Friedensverhandlungen in Istanbul sabotiert. Aber die Fantasien des Amts Rosenberg (das im Text auch nicht vorkommt) funktionierten seitdem ebenso wenig, wie sie das nach dem 22. Juni 1941 taten. Die Spiegel-Mannschaft hat mit ihrem Titelbild mehr über sich verraten, als sie verraten wollte. Denn letzten Endes war und ist es ihr Krieg gegen Russland.
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