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Unter dem Versprechen des Kinderschutzes entsteht eine Infrastruktur, die künftig darüber entscheiden könnte, welche digitalen Angebote ein Mensch nutzen darf. Microsoft macht mit Windows 11 den Anfang – und die entscheidende Frage lautet: Wird die Altersprüfung zur Voraussetzung für den Zugang?
Microsoft, das von Bill Gates mitgegründete Unternehmen, hat eine neue Schnittstelle für Windows 11 vorgestellt, über die Anwendungen künftig die Altersgruppe eines Nutzers und den Status seiner Altersverifizierung abfragen können. Die technische Dokumentation ist bereits veröffentlicht, die eigentliche Funktion soll später im Jahr aktiviert werden.
Auf den ersten Blick klingt das harmlos: Apps sollen erfahren können, ob ein Nutzer unter 10, zwischen 10 und 12, zwischen 13 und 15, zwischen 16 und 17 oder mindestens 18 Jahre alt ist. Zusätzlich soll die Schnittstelle mitteilen, ob das Alter durch einen Identitätsanbieter verifiziert wurde. Microsoft bezeichnet das als datenschutzfreundliche Lösung, weil Entwickler weder das genaue Geburtsdatum noch andere persönliche Daten erhalten müssen.
Doch genau hier beginnt das Problem. Denn eine Altersgruppe allein ist noch keine Altersverifizierung. Sobald ein System zwischen „verifiziert“ und „nicht verifiziert“ unterscheidet, entsteht die technische Grundlage, den Zugang zu bestimmten Inhalten und Funktionen vom Nachweis der eigenen Identität abhängig zu machen. Wer keinen entsprechenden Nachweis erbringen will oder kann, könnte künftig ausgeschlossen werden.
Microsoft nennt ausdrücklich mögliche Einsatzbereiche wie soziale Netzwerke, Kommunikationsfunktionen, nutzergenerierte Inhalte, In-App-Käufe, virtuelle Währungen und Medien mit Altersfreigabe. Damit geht es längst nicht nur um den Zugang zu pornografischen Inhalten, sondern potenziell um zentrale Bereiche des digitalen Alltags.
Besonders bemerkenswert ist, dass Microsoft bislang offenlässt, welche Identitätsanbieter zum Einsatz kommen und welche Nachweise diese verlangen werden. Gleichzeitig müssen Entwickler sich bei Microsofts Digital-Safety-Plattform registrieren und validieren lassen. Die Schnittstelle soll zudem nur in einer Benutzersitzung mit angemeldetem Microsoft-Konto funktionieren.
Die Entwicklung fügt sich in einen größeren politischen Trend ein. Kalifornien hat mit dem Digital Age Assurance Act, AB 1043, bereits einen gesetzlichen Rahmen geschaffen, der ab 2027 betroffene Betriebssysteme verpflichten soll, Altersgruppeninformationen an App-Entwickler weiterzugeben. Was heute als freiwillige technische Schnittstelle beginnt, könnte damit zur gesetzlich vorgeschriebenen Infrastruktur werden.
Dabei hatte Microsoft selbst im Januar 2024 noch eingeräumt, dass es keine eindeutige technische Lösung zur Altersfeststellung gebe, die ausreichend genau sei, ohne mögliche Risiken für Sicherheit, Datenschutz und Menschenrechte mit sich zu bringen. Diese grundsätzlichen Fragen sind durch die neue API nicht verschwunden.
Noch ist die Windows-Schnittstelle nicht funktionsfähig. Sie liefert derzeit lediglich zurück, dass das Alter unbekannt und die Verifizierung nicht verfügbar ist. Auch gibt es bislang keinen Beleg dafür, dass Microsoft den Zugang zu Windows insgesamt von einer Altersverifizierung abhängig machen will. Die Gefahr liegt vielmehr in der Infrastruktur, die nun geschaffen wird: Ist sie einmal vorhanden, können einzelne Apps, Plattformen oder künftig auch gesetzliche Vorgaben den Zugang an einen verifizierten Status knüpfen.