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Wenige Wochen bevor die Schweizer Bevölkerung über die Neutralitätsinitiative entscheidet, zeichnet der Blick ein dramatisches Bild: Russland befinde sich im „hybriden Krieg“ mit Europa, Deutschland werde von einer Anschlagsserie erschüttert und Moskau eskaliere gezielt. Wer nur die Schlagzeile liest, könnte meinen, die Beweislage sei eindeutig.
Erinner irgendwie an die Covid-Kampagne. CEO von Ringier (Blick etc.) gibt Anweisung die Regierungen in der Pandemie zu unterstützen.
Und heute? Der Staat empfiehlt: Bundesrat und Parlament empfehlen den Stimmberechtigten, die Neutralitätsinitiative am 27. September 2026 abzulehnen (NEIN), weil sie den sicherheits- und aussenpolitischen Handlungsspielraum der Schweiz zu stark einschränken würde.
Doch liest man den Artikel genauer, fällt etwas Bemerkenswertes auf: Für die zentrale Erzählung liefert der Blick keinen öffentlich überprüfbaren Beweis. Stattdessen begegnen dem Leser Formulierungen wie „unklar“, „Möglichkeit“, „plausibel“ und „vermuten“. Ausgerechnet diese Unsicherheit verschwindet jedoch in der Überschrift: Dort heisst es nicht, Russland könnte hinter bestimmten Vorfällen stehen, sondern: „Russland eskaliert den hybriden Krieg“.
Das ist keine belanglose sprachliche Nuance. Bei den Angriffen auf deutsche Umspannwerke schreibt der Blick selbst, die Urheberschaft sei „unklar“. Gleichzeitig liegen taz und FAZ Bekennerschreiben eines 48-Jährigen vor, der ökologische Motive angibt. Innenminister Alexander Dobrindt spricht lediglich von der „Möglichkeit“ einer fremdstaatlich gesteuerten Sabotage. Die vom Blick zitierte Sicherheitsexpertin Ulrike Franke hält eine russische Beteiligung für „plausibel“ und spricht von Anschlägen, hinter denen man Russland „vermutet“.
Mit anderen Worten: Der Artikel liefert Verdachtsmomente – die Schlagzeile liefert den Täter.
Besonders problematisch wird die Konstruktion dort, wo das Fehlen eindeutiger Beweise praktisch selbst Bestandteil der Erklärung wird. Franke weist darauf hin, dass es in der Natur hybrider Kriegsführung liege, dass eindeutige Beweise für eine Zuordnung meist fehlten. Das mag als Beschreibung verdeckter Operationen stimmen. Als Beweisführung funktioniert es jedoch nicht. Fehlende Beweise können nicht gleichzeitig als Argument dafür dienen, dass gerade die behauptete Täterschaft besonders raffiniert verschleiert worden sei.
So entsteht eine Erzählung, die sich kaum noch widerlegen lässt: Gibt es Beweise, war es Russland. Gibt es keine eindeutigen Beweise, entspricht genau das der russischen Strategie.
Für Schweizer Leser erhält der Artikel noch eine zweite politische Dimension. Am 27. September 2026 stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab. Diese will die immerwährende und bewaffnete Neutralität detaillierter in der Bundesverfassung verankern, die Zusammenarbeit mit Militär- und Verteidigungsbündnissen begrenzen und eigenständige Sanktionen gegen kriegführende Staaten weitgehend ausschliessen. Bundesrat und Parlament bekämpfen die Initiative.
Und genau in diesem politischen Umfeld verbindet der Blick die deutsche AfD ausdrücklich mit einer Politik der „Neutralität gegenüber Russland“. Sie wolle Waffenlieferungen an die Ukraine beenden und Verhandlungen anstreben. Anschliessend wird erklärt, eine AfD-Regierung wäre „durchaus in Russlands Sinne“.
Die unterschwellige Botschaft ist kaum zu übersehen: Wer Neutralität gegenüber Russland fordert, vertritt eine Position, von der Putin profitiert.
Natürlich handelt der Artikel von Deutschland und nicht unmittelbar von der Schweizer Abstimmung. Es wäre daher unseriös zu behaupten, der Beitrag sei nachweislich mit dem Ziel geschrieben worden, das Schweizer Abstimmungsverhalten zu beeinflussen. Doch seine politische Rahmung passt bemerkenswert gut in die gegenwärtige Schweizer Debatte: Russland als unmittelbare Gefahr, Neutralität als Vorteil für Moskau und engere sicherheitspolitische Westbindung als logische Antwort.
Dass dieser Zusammenhang nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt ein weiterer Blick-Artikel vom 16. August. Schon dessen Überschrift lautete: „Wie Putin die Schweizer Demokratie ins Visier nimmt“. Darin behauptet Blick, Moskau mische sich in den Abstimmungskampf um die Neutralitätsinitiative ein.
Doch ausgerechnet dieser Artikel enthält eine bemerkenswerte Einschränkung. Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik erklärte gegenüber Blick, bislang gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass Russland Abstimmungen in der Schweiz entscheidend beeinflusst habe. Ein zitierter Forscher weist zudem darauf hin, dass übertriebener Alarmismus über Desinformation selbst das Vertrauen in demokratische Institutionen beschädigen könne.
Das ist beinahe die perfekte Beschreibung des Problems.
Denn nun präsentiert dasselbe Medium seinen Lesern erneut eine Russland-Geschichte, bei der die Gewissheit der Überschrift erheblich weiter geht als die Beweislage im Text.
Russische Geheimdienstoperationen, Sabotage und Einflussversuche grundsätzlich auszuschliessen, wäre ebenso unseriös. Staaten betreiben solche Operationen, und Russland bildet dabei keine Ausnahme. Entscheidend ist jedoch, was im konkreten Fall bewiesen wurde.
Gerade hier müsste Journalismus sauber zwischen Tatsachen, Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden, Verdachtsmomenten und Spekulation unterscheiden.
Der Blick macht das Gegenteil: Aus einer Reihe unterschiedlicher Vorfälle entsteht das Bild einer koordinierten russischen Eskalation. Anschliessend wird diese mit den deutschen Wahlen verbunden und schliesslich mit einer Partei, deren Forderung nach Neutralität angeblich Moskau nützt. Die einzelnen Verbindungsglieder bestehen zu einem erheblichen Teil aus Einschätzungen und Vermutungen.
Das Ergebnis funktioniert wie klassische Bedrohungskommunikation: Anschläge, Russland, Putin, hybride Kriegsführung, kritische Infrastruktur, Angst und politische Destabilisierung werden zu einem Gesamtbild verdichtet. Die emotionale Wirkung entsteht lange bevor geklärt ist, wer für jeden einzelnen Vorfall tatsächlich verantwortlich ist.
Man kann diese Darstellung deshalb durchaus als NATO-kompatibles propagandistisches Framing kritisieren. Nicht weil es einen Beweis gäbe, dass die NATO dem Blick die Texte diktiert – einen solchen Beweis gibt es nicht –, sondern weil praktisch das gesamte Geschehen durch die westliche sicherheitspolitische Bedrohungsperspektive betrachtet wird und Vermutungen über russische Verantwortung zur tragenden Erzählung werden.
Gerade vor der Neutralitätsabstimmung sollten Schweizer Leser deshalb genau hinschauen. Angst ist kein Beweis. Eine Experteneinschätzung ist kein Ermittlungsergebnis. Und eine mögliche russische Beteiligung ist nicht dasselbe wie eine nachgewiesene russische Täterschaft.
Wer von russischer Propaganda und Desinformation warnt, sollte diesen Massstab zuerst an die eigene Berichterstattung anlegen.