Brisant: «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» – Rafael Lutz deckt auf

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Im Gespräch mit Rafael Lutz legt der Verlag Zeitpunkt offen, wie ein transatlantisches Netzwerk in Verwaltung, Armee, Thinktanks und Medien die Schweizer Neutralität schrittweise aushöhlt – und warum das Buch «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» genau jetzt erscheint.

Das Video «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» – Rafael Lutz im Gespräch ist ein langes, ungeschöntes Interview. Der Investigativjournalist Rafael Lutz spricht mit Christoph Pfluger von der Edition Zeitpunkt über sein neues Buch «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz. Wer die Neutralität globalen Machtinteressen opfert». Lutz, der zweieinhalb Jahre für die Weltwoche zu Aussen- und Sicherheitspolitik recherchiert hat, schildert darin nicht eine zentrale Verschwörung, sondern ein dichtes Geflecht aus Beamten, Offizieren, NGOs, Thinktanks, Rüstungsindustrie und Medien. Dieses Netzwerk, so die These, bestimmt faktisch grosse Teile der Schweizer Sicherheits- und Aussenpolitik – und drängt Neutralitätsbefürworter systematisch an den Rand.

Ein stiller Kurswechsel nach dem 24. Februar 2022

Lutz beginnt mit dem offensichtlichen Bruch: Unmittelbar nach der russischen Invasion in der Ukraine übernahm die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Russland. Das geschah «nicht ganz unfreiwillig», wie der Autor formuliert. Damit habe Bern die Neutralität faktisch aufgegeben. Gleichzeitig stiegen die Rüstungsausgaben, die Zusammenarbeit mit NATO und EU wurde intensiviert, und die unabhängige Verteidigungsfähigkeit der Schweiz trat hinter der Integration in internationale Strukturen zurück.

Die Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger steht nach wie vor hinter der Neutralität – Umfragen sprechen von über 80 Prozent Zustimmung zum Prinzip. Die grossen Medienhäuser (mit Ausnahme der Weltwoche) und grosse Teile des Apparats in Bern hingegen treiben einen anderen Kurs. Lutz spricht von einem «asymmetrischen Informationskrieg»: Das VBS verfüge über mehr als hundert Kommunikationsstellen, während kritische Redaktionen nur über eine Handvoll Journalisten verfügen.

Das Netzwerk: Drehtüren zwischen Thinktanks, Verwaltung und Medien

Besonders detailliert beschreibt Lutz die personellen Verflechtungen. Ein zentrales Beispiel ist der Thinktank Foraus. Gegründet von Nicolas Forster, der auch die Global Shapers Bern (ein WEF-Projekt) kuratiert, wird Foraus vom EDA und anderen Bundesstellen mit Hunderttausenden Franken jährlich finanziert. Lutz nennt die Organisation eine Rekrutierungsplattform für junge, transatlantisch ausgerichtete Akademiker.

Nach 2022 tauchten Foraus-Vertreterinnen plötzlich in zentralen Kommissionen auf. Elisa Cadelli, damalige Präsidentin von Foraus, sass in der Studienkommission Sicherheitspolitik unter Katja Gentinetta. Anna-Lina Müller, ebenfalls aus dem Foraus-Umfeld, erklärte plötzlich landesweit die Neutralität und plädierte für Waffenlieferungen an die Ukraine – obwohl sie sich zuvor kaum mit dem Thema beschäftigt hatte. Kurz darauf machte sie Karriere.

Ähnlich beim Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Der Thinktank liefert der Regierung regelmäßig Studien und Umfragen zur Neutralität, die dann genutzt werden, um den «Anti-Neutralitätskurs» voranzutreiben. Daniel Möckli, langjähriger hochrangiger EDA-Beamter unter Ignazio Cassis und zuständig für Strategieentwicklung, begleitete das CSS. Benno Zogg, der noch 2022 eine russische Invasion öffentlich für unwahrscheinlich hielt, wurde wenige Monate später Chef Strategie und Antizipation im neuen Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (SEPOS) des VBS – und Leiter der interdepartementalen Gruppe für Beeinflussungsaktivitäten.

Lutz betont: Es gibt keinen einzelnen Strippenzieher. Es ist ein Ameisenhaufen mit gemeinsamer Grundausrichtung. Wer in diesem Netzwerk Karriere machen will, muss NATO-affin sein. Neutralitätsbefürworter und NATO-Kritiker hätten heute «keine Chance mehr», in höhere Positionen zu gelangen.

Die «Säuberungswelle» im Militärdepartement

Besonders brisant sind die konkreten Fälle im VBS. Lutz schildert drei detailliert dokumentierte Beispiele.

Jean-Daniel Ruch, ehemaliger Botschafter in Israel und der Türkei, wurde 2023 zum Staatssekretär für Sicherheitspolitik designiert. Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 geriet er unter massiven Druck der NATO- und Israel-Lobby und trat zurück. Ruch selbst sagt später, er sei intern zu NATO-skeptisch gewesen.

Ein hoher Militärberater bei der OSZE in Wien, der Kontakte zwischen Russland und der Schweiz aufrechterhielt, steht unter Beschuss und sieht sich mit Spionage- und Landesverratsvorwürfen konfrontiert. Der ehemalige Verteidigungsattaché in Paris, der 2024 in einem Radiointerview die Neutralität verteidigte und sagte, er müsse als Attaché mit allen reden, verlor kurz darauf seine Personensicherheitsprüfung (PSP).

Alt-Bundesrat Ueli Maurer, ehemaliger Verteidigungs- und Finanzminister, spricht gegenüber Lutz von einer «Säuberungswelle» im VBS. Höhere Offiziere berichten, seit über zwei Jahren kämen keine Kader ab Brigadier aufwärts mehr durch, die die NATO-Anbindung nicht befürworten.

Cassis und Pfister: Treiber und Getriebene

Aussenminister Ignazio Cassis und Verteidigungsminister Martin Pfister spielen laut Lutz zentrale Rollen – sie treiben den Prozess und werden gleichzeitig von ihm getrieben. Das EDA habe aktiv gegen die Neutralitätsinitiative und den Gegenvorschlag im Parlament lobbyiert, Druck auf die Aussenpolitische Kommission und die Einigungskonferenz ausgeübt. Cassis soll gesagt haben, er müsse sich «bei der ganzen Welt entschuldigen», falls die Initiative durchkomme.

Das VBS und das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik erklärten bereits 2024 in der Ämterkonsultation, weder Initiative noch Gegenvorschlag dürften angenommen werden, weil sonst die künftige Zusammenarbeit mit der NATO unmöglich werde. Beide Departemente seien die entscheidenden Motoren für die Annäherung an NATO und EU.

Medien im Kriegsmodus

Ein eigenes Kapitel widmet Lutz den Medien. Die NZZ fungiere als «Sturmgeschütz» gegen die Neutralität. In der NZZ Academy säßen fast ausschliesslich Transatlantiker: der ehemalige Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Christoph Heusgen, HSG-Professor James Davis (der angeblich für die Münchner Sicherheitskonferenz an einer Nuklearstrategie gegen Russland mitgearbeitet haben soll), Ex-Armeechef Thomas Süssli.

Besonders hervor sticht Georg Häsler. Der NZZ-Sicherheitsexperte ist gleichzeitig Oberst im Generalstab und kommandiert eine Festungsminenwerferkompanie. Er tritt teilweise in Kampfanzug auf Pressekonferenzen auf und hat das Buch «Alpenallianz statt Sonderfall» zusammen mit Thomas Süssli geschrieben. Lutz fragt: Ist das noch Journalismus oder PR für das Departement? Häsler habe das Manuskript von Lutz’ Buch offenbar schon vor der Veröffentlichung gekannt und es auf seinem Portal kritisiert.

Die published opinion (veröffentlichte Meinung) decke sich nicht mit der öffentlichen Meinung. Viele Schweizerinnen und Schweizer sähen mit Sorge, wie ihr Land in Strukturen integriert werde, deren Kernländer – Deutschland hochverschuldet, Frankreich in politischer Krise – selbst in desolatem Zustand seien.

Warnungen von Insidern und die Abstimmung vom 27. September

Lutz hat für das Buch mit Ueli Maurer, Jean-Daniel Ruch und Boris Scholl (ehemaliger Ausbildungchef des Nachrichtendienstes) gesprochen. Alle drei äussern grosse Sorgen. Scholl beobachtet seit 2014/15 ein Umdenken: Viele ehemalige Kollegen seien bereit, die Schweiz «auf dem Altar der NATO-Integration zu opfern». Den heutigen Staatssekretär Markus Mäder bezeichnet er als Opportunisten, der früher Neutralität befürwortet habe und nun mit dem Wind drehe.

Am 27. September 2026 stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab. Sie will die immerwährende und bewaffnete Neutralität in der Verfassung präzisieren, die Zusammenarbeit mit Militärbündnissen auf den Verteidigungsfall beschränken und Sanktionen gegen kriegführende Staaten (ausser UN-Sanktionen) verbieten. Bundesrat und Parlament lehnen sie ab.

Lutz hält eine Ablehnung für wahrscheinlich. Das wäre ein Boomerang: Das VBS und das EDA würden den bisherigen Kurs dann noch intensiver vorantreiben. Viele Bürger unterstützten Neutralität im Prinzip, scheuten aber die konkreten Konsequenzen der Initiative (etwa das Aufheben der Russland-Sanktionen). Der abgeschwächte Gegenvorschlag hätte bessere Chancen gehabt, wurde aber im Parlament ebenfalls versenkt.

Was jetzt nötig ist

Lutz fordert mehr investigative Recherche. Die veröffentlichten Meinungen der Eliten entsprächen nicht der Haltung der Mehrheit. Whistleblower aus Medien und VBS seien willkommen – ihre Identität würde geschützt. Das Buch ist in der Reihe «Brennende Bärte» erschienen, benannt nach einem Lichtenberg-Zitat: Es sei fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen. Einige Bärte, so Lutz, hätten bereits gebrannt.

Die offizielle Buchpräsentation findet am 2. September 2026 im Zürcher Falkenhaus statt, unter anderem mit Ralph Bosshard. Das Buch selbst ist über die Edition Zeitpunkt erhältlich.

Das Interview ist kein polemischer Rundumschlag, sondern eine dichte Bestandsaufnahme aus zweieinhalb Jahren Recherche. Ob man Lutz’ Gesamtschau teilt oder nicht: Die beschriebenen personellen Verflechtungen, die Karriereverläufe und die konkreten Fälle im VBS verdienen eine öffentliche Debatte – gerade jetzt, wenige Wochen vor der Neutralitätsabstimmung.

Das Buch gibt es hier.

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