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Die Kriege dieser Welt rücken näher an unseren Alltag heran. Nicht unbedingt durch Raketen, die auf europäische Städte fallen, sondern durch das, was bald an der Supermarktkasse sichtbar werden könnte. Während Russland die Exportinfrastruktur der Ukraine – oft als „Kornkammer Europas“ bezeichnet – unter Druck setzt, erschüttert der Krieg um Iran gleichzeitig eine der wichtigsten Energieadern der Welt: die Straße von Hormus.
Man muss diese Entwicklungen miteinander verbinden. Denn wenn eine der wichtigsten Getreideregionen der Welt ihre Produkte nicht mehr zuverlässig exportieren kann und gleichzeitig Energie, Dünger, Schifffahrt und Versicherungen massiv teurer werden, entsteht eine gefährliche Kettenreaktion.
Nach Angaben des ukrainischen Agrarrats, über die Reuters berichtete, haben die ukrainischen Schwarzmeerhäfen infolge der jüngsten Angriffe etwa ein Drittel ihrer Getreideexportkapazität verloren. Die monatliche Kapazität sei von rund sechs auf vier Millionen Tonnen gesunken.
Das ist weit mehr als ein wirtschaftliches Problem der Ukraine. Das Land gehört zu den bedeutenden Exporteuren von Weizen, Mais und Pflanzenöl. Ukrainische Agrarprodukte werden nach Europa, Asien, Nordafrika und in den Nahen Osten geliefert. Die Landwirtschaft ist zudem eine der wichtigsten Quellen für ukrainische Exporterlöse.
Russlands Angriffe treffen damit eine wirtschaftliche Lebensader des Landes – und gleichzeitig einen wichtigen Teil der internationalen Lebensmittelversorgung.
Die Auswirkungen zeigen sich bereits an den Märkten. Nach der jüngsten Eskalation reagierten die internationalen Weizenpreise deutlich nach oben. Händler kalkulieren längst nicht mehr nur die vorhandene Getreidemenge ein. Sie kalkulieren das Risiko: Was passiert, wenn weitere Terminals ausfallen, Reedereien ukrainische Häfen meiden und Versicherer ihre Prämien erhöhen?
Genau hier trifft die Krise im Schwarzen Meer auf den Krieg um die Straße von Hormus.
Durch die Meerenge zwischen Iran und Oman läuft normalerweise ein erheblicher Teil des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Öls. Auch große Mengen Flüssigerdgas passieren diese Route. Jede längerfristige Störung wirkt deshalb weit über den Persischen Golf hinaus.
Denn Öl bewegt die Weltwirtschaft. Traktoren und Erntemaschinen brauchen Treibstoff. Lastwagen bringen Getreide zu den Häfen. Frachtschiffe transportieren Lebensmittel über die Ozeane. Kühlketten müssen betrieben werden. Lebensmittel werden verarbeitet und anschließend über Tausende Kilometer verteilt.
Wenn Energie dauerhaft teurer wird, wird irgendwann auch das Essen teurer.
Doch die möglicherweise größte Gefahr liegt beim Dünger. Die moderne Landwirtschaft ist auf Düngemittel angewiesen. Besonders die Herstellung von Stickstoffdünger benötigt große Mengen Erdgas. Gleichzeitig spielen die Golfstaaten eine bedeutende Rolle auf den internationalen Energie- und Düngemittelmärkten.
Steigen Gaspreise und Transportkosten oder werden Handelswege gestört, steigen die Produktionskosten der Landwirtschaft. Zunächst trifft das die Bauern. Danach die Ernten. Und schließlich die Verbraucher.
Wenn Landwirte weniger Dünger einsetzen, weil dieser zu teuer geworden ist, können die Erträge sinken. Die Wirkung der heutigen Energiekrise zeigt sich dann möglicherweise erst Monate später bei der nächsten Ernte.
Genau darin liegt die Gefahr.
Die Ukraine kann weniger Getreide exportieren. Der Krieg um Hormus verteuert Energie und Schifffahrt. Höhere Energiepreise verteuern Dünger. Teurer Dünger erhöht die Produktionskosten und kann zukünftige Ernten belasten. Höhere Ölpreise verteuern gleichzeitig jeden Kilometer Transport, während Kriegsrisiken die Versicherungsprämien für Schiffe steigen lassen.
Am Ende dieser Kette steht der Verbraucher. Auch in Europa.
Brot und Mehl sind dabei nur der Anfang. Getreide ist zugleich Tierfutter. Steigen die Preise für Mais und Weizen, steigen die Kosten für die Tierhaltung und damit möglicherweise auch für Fleisch, Milch und Eier. Gleichzeitig schlagen höhere Energie- und Transportkosten auf nahezu jedes Lebensmittel durch.
Europa wird deshalb wahrscheinlich nicht hungern. Aber Europa könnte erheblich mehr für Lebensmittel bezahlen.
Für die ärmeren Regionen der Welt sieht die Rechnung völlig anders aus. In Teilen Afrikas, Nordafrikas, des Nahen Ostens und Asiens sind Staaten stark von Lebensmittelimporten abhängig. Millionen Familien geben dort einen wesentlich größeren Anteil ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel aus als Menschen in Europa.
Dort können steigende Weltmarktpreise existenziell werden.
Noch ist eine weltweite Hungersnot nicht unausweichlich. Der Weltmarkt verfügt über andere Produzenten, Lagerbestände und alternative Handelsrouten. Doch gefährlich wird es, wenn mehrere Krisen gleichzeitig auftreten und über längere Zeit anhalten.
Und genau das geschieht derzeit.
Im Schwarzen Meer steht eine der wichtigsten Getreideexportregionen unter militärischem Druck. Rund um Hormus steht eine der wichtigsten Energierouten der Welt unter Druck. Gleichzeitig sind Landwirtschaft und Düngemittelproduktion von Energie abhängig, während der internationale Lebensmittelhandel auf funktionierende und bezahlbare Transportwege angewiesen ist.
Ein Dominostein trifft den nächsten. Und ein schnelles Ende der Konflikte ist derzeit nicht absehbar.
Wirtschaftliche Infrastruktur wird immer stärker selbst zum Schlachtfeld. Häfen werden angegriffen. Energieanlagen werden bombardiert. Tanker geraten ins Visier. Handelswege werden zu militärischen Hochrisikozonen.
Doch diese Lebensadern sind Teil einer globalisierten Weltwirtschaft. Wer einen wichtigen Getreidehafen ausschaltet, trifft nicht nur die Ukraine. Wer eine der wichtigsten Ölstraßen der Welt blockiert, trifft nicht nur die unmittelbaren Kriegsparteien.
Die Rechnung wandert weiter – vom Hafen zum Frachtschiff, vom Frachtschiff zum Großhändler, vom Produzenten zum Supermarkt und schließlich zu uns.
Der Krieg erreicht unsere Teller.
Zunächst in Form höherer Preise. In den ärmsten Regionen der Welt im schlimmsten Fall durch Hunger.
Die wirklich gefährliche Entwicklung besteht deshalb nicht in einem einzelnen zerstörten Getreideterminal oder einem angegriffenen Tanker. Sie besteht darin, dass gleichzeitig mehrere zentrale Säulen der weltweiten Versorgung ins Wanken geraten.
Die Kornkammer Europas steht unter Beschuss. Eine der wichtigsten Energieadern der Welt ist Teil eines Krieges geworden. Dünger und Transport werden teurer. Und niemand kann derzeit seriös sagen, wann diese Konflikte enden.
Wenn diese Entwicklung anhält, könnte die nächste große Krise längst begonnen haben. Wir sehen sie nur noch nicht vollständig.
Aber wir werden sie möglicherweise schon bald an der Supermarktkasse spüren.
Und andere werden sie mit Hunger bezahlen.
World Bank Commodity Markets: Daten zu Energie-, Düngemittel- und Agrarrohstoffpreisen.