Pepe Escobar: Der Iran schlägt gegen die strategischen Lebensadern des Golfs zurück – und Washington verliert die Kontrolle über die Eskalation

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In einem ausführlichen Gespräch mit dem politischen Kommentator Danny Haiphong analysiert der brasilianische Journalist und Geopolitik-Kenner Pepe Escobar die jüngste Eskalation des Krieges gegen den Iran. Im Mittelpunkt stehen die Angriffe auf die König-Fahd-Brücke zwischen Bahrain und Saudi-Arabien, iranische Schläge gegen Energie- und Hafeninfrastruktur am Persischen Golf, ein rätselhafter Notfall mit einem F-35-Kampfjet sowie die wachsende Gefahr, dass auch der Jemen und die Meerenge Bab al-Mandab vollständig in den Konflikt hineingezogen werden. Escobar sieht hinter dem Krieg längst mehr als einen regionalen Konflikt: Für ihn richtet sich der Angriff zugleich gegen die wirtschaftliche Integration Eurasiens, gegen China, Russland und die BRICS-Staaten sowie gegen den schrittweisen Niedergang des Petrodollar-Systems.

„Brücke für Brücke“: Der Iran beantwortet Angriffe auf seine Infrastruktur

Zu Beginn des Interviews beschreibt Haiphong eine neue Stufe der iranischen Vergeltung. Nachdem die Vereinigten Staaten nach seinen Angaben mehrere Brücken im Iran bombardiert hatten, habe Teheran seinerseits einen strategisch hochsensiblen Verkehrsknoten angegriffen: die König-Fahd-Brücke, die Bahrain mit Saudi-Arabien verbindet.

Gleichzeitig seien US-Militärstützpunkte in den Vereinigten Arabischen Emiraten ins Visier geraten. In zeitlicher Nähe zu diesen Angriffen habe es einen Notfall mit einem F-35-Kampfjet gegeben. Ein direkter Zusammenhang mit einem iranischen Angriff sei zwar nicht bestätigt worden. Auffällig sei jedoch, dass das US-Zentralkommando CENTCOM bei Berichten über eigene Verluste oder technische Probleme regelmäßig nur sehr zurückhaltend informiere.

Auch Bahrain sei in der Nacht schwer getroffen worden. Die dortige BAPCO-Raffinerie beziehungsweise die für den Golf wichtige Energieinfrastruktur sei nach den im Interview genannten Berichten von iranischen Raketen getroffen worden. Gleichzeitig erklärte CENTCOM, Dutzende Ziele entlang der iranischen Südküste angegriffen zu haben.

Escobar macht deutlich, dass die iranischen Angriffe seiner Einschätzung nach nicht wahllos erfolgen. Sie seien Teil einer kontrollierten und schrittweise gesteigerten Antwort. Teheran versuche, Schaden zu verursachen, ohne sofort sämtliche Eskalationsmöglichkeiten auszuschöpfen.

Die Botschaft laute: Der Iran sei fähig, strategische Verkehrsadern, Häfen, Raffinerien, Luftwaffenstützpunkte und Energiezentren der US-Verbündeten im Golf zu erreichen. Bislang beschränke er sich jedoch auf dosierte Warnungen.

Die König-Fahd-Brücke als strategisches Warnsignal

Die rund 25 Kilometer lange König-Fahd-Brücke ist weit mehr als eine gewöhnliche Straßenverbindung. Sie verbindet die Insel Bahrain direkt mit dem saudischen Festland und besitzt damit eine enorme wirtschaftliche, militärische und politische Bedeutung.

Escobar erklärt, er sei selbst über diese Verbindung gereist. In ihrer regionalen Bedeutung könne man sie – mit gewissen Einschränkungen – mit der Krim-Brücke vergleichen. Nicht, weil beide Bauwerke identisch seien, sondern weil sie als technisch aufwendige und politisch hochsymbolische Verbindung zweier strategisch wichtiger Gebiete fungieren.

Zum Zeitpunkt des Interviews sei das tatsächliche Ausmaß der Schäden noch unklar gewesen. Es sei möglich, dass der iranische Angriff zunächst nur als Warnschuss gedacht gewesen sei. Doch Escobar warnt zugleich:

„Von jetzt an wird es keine Warnschüsse mehr geben.“

Für ihn ist der Angriff daher weniger wegen der unmittelbar entstandenen Schäden entscheidend als wegen der damit verbundenen Botschaft. Der Iran habe gezeigt, dass er eine zentrale Lebensader Bahrains und Saudi-Arabiens erreichen könne. Sollte die Eskalation weitergehen, könne ein künftiger Angriff wesentlich zerstörerischer ausfallen.

Der Iran könnte versuchen, die Brücke vollständig außer Betrieb zu setzen und Bahrain damit zumindest zeitweise vom direkten Landweg nach Saudi-Arabien abzuschneiden. Dies wäre besonders heikel, weil Bahrain nicht nur ein enger Verbündeter Washingtons ist, sondern auch das Hauptquartier der Fünften US-Flotte beherbergt.

Angriff auf Chabahar: Washington bombardiert nicht nur den Iran

Besonders wütend reagiert Escobar auf die Bombardierung der Hafeninfrastruktur von Chabahar im Südosten des Iran. Er betont, dass der dort getroffene Kontrollturm nicht in erster Linie eine militärische Anlage gewesen sei. Er habe den zivilen Frachtverkehr und die Abwicklung des Hafens kontrolliert.

Escobar kennt den Hafen aus eigener Anschauung. Für eine Dokumentation mit dem Titel „The Golden Corridor“ habe er Chabahar besucht und dort die Bedeutung des Standorts für die zukünftige wirtschaftliche Vernetzung Eurasiens untersucht.

Chabahar liegt in der Provinz Sistan und Belutschistan am Golf von Oman, unweit der pakistanischen Grenze. Der Hafen ist ein zentraler Bestandteil des Internationalen Nord-Süd-Transportkorridors, der Indien über den Iran mit Russland, Zentralasien und darüber hinaus verbinden soll.

Dieser Korridor ermöglicht es, einen Teil des Warenverkehrs an traditionellen westlich dominierten Handelswegen vorbeizuführen. Dazu gehört insbesondere die Route durch den Suezkanal. Zugleich schafft er neue Transportmöglichkeiten, die nicht vollständig vom Dollar-basierten Handelssystem abhängig sind.

Escobars zentrale These lautet daher: Mit dem Angriff auf Chabahar bombardieren die Vereinigten Staaten nicht nur einen iranischen Hafen. Sie greifen einen der wichtigsten zukünftigen Verbindungskorridore zwischen Russland, Iran und Indien an.

Chabahar sei ein ziviler Knotenpunkt einer neuen eurasischen Handelsarchitektur. Der Angriff richte sich deshalb indirekt gegen mehrere Staaten gleichzeitig.

Escobar formuliert es drastisch: Wer Chabahar bombardiere, bombardiere einen Teil der neuen Seidenstraßen und damit zugleich Iran, Russland, Indien und China.

Chabahar und Gwadar: Zwei Häfen, ein strategisches Netzwerk

Nur rund 80 Kilometer von Chabahar entfernt liegt auf pakistanischer Seite der Hafen Gwadar. Dieser bildet einen zentralen Bestandteil des China-Pakistan Economic Corridor, einem der wichtigsten Projekte innerhalb der chinesischen Belt-and-Road-Initiative.

Escobar zufolge entwickeln sich Chabahar und Gwadar zunehmend zu Schwesterhäfen. Sollte Chabahar aufgrund der amerikanischen Angriffe zeitweise nicht voll nutzbar sein, könnten iranische Waren über Land nach Pakistan transportiert und von Gwadar aus verschifft werden.

Damit werde deutlich, wie schwierig es sei, den Iran tatsächlich wirtschaftlich abzuschneiden. Die USA könnten einzelne Häfen, Straßen, Brücken oder Eisenbahnverbindungen bombardieren. Doch das entstehende Netz aus alternativen Handelswegen lasse sich nicht ohne Weiteres zerstören.

Pakistan habe mehrere Landkorridore für den iranischen Handel geöffnet. Dadurch könne der Iran Exporte auch dann fortsetzen, wenn seine Häfen am Persischen Golf blockiert oder beschädigt seien.

China unterstütze diese Entwicklung, weil Peking sowohl mit Pakistan als auch mit dem Iran strategische Partnerschaften unterhalte. Beide Länder seien wichtige Bestandteile der Belt-and-Road-Initiative.

Escobar sieht darin den tieferen Grund für die Angriffe: Washington versuche, nicht nur iranische Einnahmen und Transportwege zu treffen, sondern die gesamte eurasische Vernetzung zu stören.

Bandar Abbas soll vom übrigen Iran abgeschnitten werden

Neben Chabahar seien auch Brücken und Verkehrsverbindungen in der Nähe von Bandar Abbas angegriffen worden. Bandar Abbas ist der wichtigste iranische Hafen am Persischen Golf und von zentraler Bedeutung für den Energieexport des Landes.

Escobar berichtet, auch diesen Hafen persönlich besucht zu haben. Er beschreibt ihn als riesigen Komplex und als entscheidendes Drehkreuz der iranischen Wirtschaft.

Nach seinen Angaben wurde unter anderem eine wichtige Brücke bombardiert, die den Süden des Landes mit dem Hafen verbindet. Diese Angriffe könnten Teil einer Strategie sein, Bandar Abbas und die gesamte iranische Golfküste vom Landesinneren abzuschneiden.

Einige Stimmen im Iran betrachteten die Zerstörung von Brücken und Verkehrswegen sogar als mögliche Vorbereitung für eine spätere Bodenoperation. Escobar hält eine solche Invasion zwar nicht für ausgeschlossen, zweifelt jedoch daran, dass ausländische Truppen ein Gebiet rund um Bandar Abbas dauerhaft halten könnten.

Die Region sei stark mit Raketen- und Drohnensystemen abgesichert. Jeder Versuch einer größeren Landung oder Besetzung wäre daher mit extrem hohen Risiken verbunden.

Für Escobar besteht das unmittelbarere Ziel der amerikanischen Angriffe darin, den iranischen Handel zu lähmen, die Bevölkerung zu verunsichern und möglichst großen Schaden an der zivilen Infrastruktur zu verursachen.

Eine Strategie gegen die Bevölkerung

Washington behauptet, die Angriffe dienten der Schwächung der iranischen Streitkräfte. Im Interview wird jedoch die Vermutung geäußert, dass die USA zunehmend zivile und wirtschaftliche Ziele angreifen, weil sie das iranische Militär nicht entscheidend ausschalten können.

Stattdessen werde versucht, den Süden des Landes zu isolieren, Lieferketten zu zerstören und die iranische Wirtschaft von außen zu strangulieren. Diese Strategie sei keineswegs neu. Seit mehr als vier Jahrzehnten versuchten die Vereinigten Staaten, den Iran durch Sanktionen, Embargos, Finanzblockaden und politische Isolation vom Rest der Welt abzuschneiden.

Neu sei nun, dass diese wirtschaftliche Kriegsführung in offene Angriffe auf Häfen, Straßen, Brücken und Energieanlagen übergehe.

Escobar sieht darin eine bewusste Strategie zur Erzeugung maximaler Schäden im zivilen Alltag. Es gehe darum, Transportwege zu unterbrechen, Versorgungsketten zu schwächen, Arbeitsplätze zu vernichten und das Leben der Bevölkerung immer schwieriger zu machen.

Der Iran „kontrolliert die Uhr“

Trotz der amerikanischen Luftangriffe sieht Escobar den strategischen Vorteil aufseiten Teherans. Der Iran kontrolliere das Tempo des Konflikts.

Seine Antwort werde täglich angepasst, erweitert und verfeinert. Teheran versuche, den USA und ihren Verbündeten empfindliche Schäden zuzufügen, ohne voreilig alle verfügbaren Mittel einzusetzen.

Escobar zufolge weiß die iranische Führung, dass die Zeit auf ihrer Seite ist. Die Vereinigten Staaten müssten für ihre militärische Präsenz enorme logistische, finanzielle und politische Kosten tragen. Je länger der Krieg andauere, desto stärker würden sich die Belastungen summieren.

Iran könne dagegen schrittweise reagieren, seine Ziele auswählen und die Eskalationsleiter kontrolliert hinaufsteigen.

Gerade diese Geduld treibe Donald Trump nach Escobars Einschätzung zunehmend zur Verzweiflung. Die Bombardierung ziviler Infrastruktur sei ein Ausdruck dieser Frustration.

Doch solche Angriffe würden weder den Iran einschüchtern noch ihn automatisch an den Verhandlungstisch zurückbringen. Sie könnten vielmehr das Gegenteil bewirken: eine wesentlich härtere iranische Antwort.

Escobar betont, dass Teheran klare rote Linien formuliert habe. Eine davon sei die systematische Zerstörung ziviler Infrastruktur. Da diese Schwelle inzwischen erreicht werde, müsse mit einer deutlichen Ausweitung der Vergeltung gerechnet werden.

Angriffe auf US-Spezialkräfte und Energiezentren

Im Interview wird auch ein angeblicher iranischer Angriff auf US-Spezialkräfte in Syrien thematisiert. Dabei sollen hochrangige amerikanische Offiziere getötet und ein Radarsystem zerstört worden sein.

CENTCOM habe diese Berichte rasch zurückgewiesen. Haiphong bezeichnet die Dementis jedoch als wenig überzeugend.

Unabhängig davon steht fest, dass der Iran seine Angriffe immer stärker auf die militärische und wirtschaftliche Infrastruktur der amerikanischen Verbündeten am Golf ausrichtet.

Besonders bedeutsam ist der Angriff auf BAPCO in Bahrain. Das Unternehmen betreibt eine zentrale Raffinerie und wichtige Anlagen für die regionale Energieversorgung.

Iran demonstriert damit, dass es nicht nur Militärbasen treffen kann. Es kann auch jene wirtschaftlichen Zentren ins Visier nehmen, von denen die Golfmonarchien und der gesamte westliche Energiemarkt abhängen.

Der F-35-Notfall als Symbol eines verwundbaren Imperiums

Der im Titel des Interviews erwähnte F-35-Notfall bleibt unaufgeklärt. Während iranische Angriffe auf US-Einrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten gemeldet wurden, geriet zur selben Zeit offenbar ein F-35-Kampfjet in eine Notlage.

Eine iranische Einwirkung wurde nicht bestätigt. Escobar weist zudem darauf hin, dass die F-35-Flotte seit Jahren mit technischen Problemen, Wartungsengpässen und hohen Betriebskosten kämpft.

Daher sei es ebenso möglich, dass der Notfall auf einen technischen Defekt zurückzuführen gewesen sei. Gerade darin liege jedoch eine gewisse Symbolik: Während Washington seine modernsten Waffen als Beweis uneingeschränkter militärischer Überlegenheit präsentiere, zeigten diese Systeme im praktischen Einsatz immer wieder erhebliche Schwächen.

Der F-35 stehe damit stellvertretend für eine westliche Militärindustrie, die extrem teure Waffensysteme produziere, deren tatsächliche Leistungsfähigkeit häufig hinter den politischen Versprechen zurückbleibe.

Saudi-Arabiens rätselhaftes Verhalten

Ein zentraler Teil des Gesprächs beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle Saudi-Arabien in dieser neuen Eskalationsphase spielt.

Escobar und sein Gesprächspartner erklären, dass selbst pakistanische Vermittler offenbar keine klare Antwort darauf hätten, warum Riad Schritte unternehme, die den Konflikt weiter verschärfen könnten.

Besonders schwer wiege der saudische Angriff auf die Start- und Landebahn des internationalen Flughafens von Sanaa im Jemen.

Zuvor hatte ein iranisches Flugzeug die Blockade des Flughafens durchbrochen, um eine jemenitische Delegation zu transportieren. Auf dem Rückflug sei die Landebahn von Sanaa bombardiert worden. Der Pilot habe kurzfristig nach Hodeidah ausweichen müssen und sei dort unter schwierigen Bedingungen gelandet.

Escobar bezeichnet den Piloten als Helden. Die Ausweichlandung sei nur möglich gewesen, weil die Landebahn von Hodeidah wenige Tage zuvor repariert worden war.

Für ihn stellt sich die Frage, warum Saudi-Arabien ausgerechnet jetzt erneut gegen den Jemen vorgeht, obwohl zwischen beiden Seiten ein Verständigungsprozess existiert und Riad eigentlich ein Interesse daran haben müsste, eine weitere Front zu vermeiden.

Der Jemen könnte den gesamten Welthandel erschüttern

Der saudische Angriff auf Sanaa könnte nach Escobars Einschätzung Ansarallah und die jemenitischen Streitkräfte dazu bewegen, sich aktiv in den Krieg einzuschalten.

Sollte der Jemen die Meerenge Bab al-Mandab blockieren, wären die Folgen kaum zu überschätzen.

Bab al-Mandab ist eine der wichtigsten Schifffahrtsstraßen der Welt. Sie verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und damit den Suezkanal mit dem Indischen Ozean.

Eine Blockade würde nicht nur Öl- und Gastransporte treffen, sondern einen erheblichen Teil des globalen Containerhandels.

Escobar beschreibt ein strategisches Dreieck:

  • die Straße von Hormus im Osten,
  • Bab al-Mandab im Süden,
  • Sanaa beziehungsweise der Jemen im Zentrum der regionalen Eskalation.

Würden Hormus und Bab al-Mandab gleichzeitig geschlossen oder weitgehend unpassierbar, könnten die wichtigsten Energieexportwege Westasiens zusammenbrechen.

Saudi-Arabien hätte dann kaum noch Alternativen. Die Exporte durch den Persischen Golf wären blockiert. Zugleich könnte der Hafen Yanbu am Roten Meer gefährdet werden. Auch die Ost-West-Pipeline, über die saudisches Öl an die Küste des Roten Meeres transportiert wird, könnte zum Ziel werden.

Ein solches Szenario wäre für das Königreich wirtschaftlich verheerend.

Escobar warnt, dass Saudi-Arabien mit der erneuten Konfrontation mit dem Jemen gegen seine eigenen Überlebensinteressen handle.

Ölpreis von 200 Dollar – oder noch weit darüber

Im Interview wird auf frühere Berechnungen von Goldman Sachs verwiesen. Demnach könnte eine längerfristige Blockade der Straße von Hormus den Ölpreis zunächst auf 150 Dollar, später auf 200 Dollar und im Extremfall sogar noch weit höher treiben.

Escobar geht davon aus, dass eine gleichzeitige Blockade von Hormus und Bab al-Mandab die Preisentwicklung noch drastischer beschleunigen würde.

In einem solchen Fall könne der Ölpreis möglicherweise innerhalb einer Woche auf 200 Dollar steigen.

Entscheidend sei nicht nur der Ölpreis selbst. Wenn beide Meerengen blockiert wären, käme ein großer Teil des westasiatischen Energieexports zum Stillstand. Gleichzeitig würden sich Transportkosten, Versicherungsprämien und Lieferzeiten explosionsartig erhöhen.

Die Weltwirtschaft sei auf einen derartigen Schock nicht vorbereitet.

Jebel Ali und Fujairah im Visier

Der Iran habe bereits deutlich gemacht, dass weitere Häfen der Golfstaaten zu möglichen Zielen werden könnten.

Dazu gehört insbesondere Jebel Ali in Dubai, einer der größten Containerhäfen der Welt.

Auch Fujairah spielt eine zentrale Rolle. Der Hafen liegt außerhalb der Straße von Hormus am Golf von Oman und gilt als wichtigste Ausweichroute für die Vereinigten Arabischen Emirate, falls Hormus blockiert wird.

Nach den im Interview erwähnten Angriffen sei der Betrieb in Fujairah offenbar teilweise oder vollständig zum Erliegen gekommen. Selbst ein begrenzter Schlag habe ausgereicht, um den Hafen zeitweise zu lähmen.

Für Escobar handelt es sich erneut um eine Warnung: Wenn ein kleiner Angriff bereits einen derart wichtigen Standort beeinträchtigen könne, sei kaum abzusehen, welche Folgen ein massiver Schlag gegen Jebel Ali oder andere große Häfen hätte.

Der Angriff auf die König-Fahd-Brücke, der Schlag gegen Fujairah und die Attacken auf BAPCO seien deshalb als Teile derselben Strategie zu verstehen. Iran demonstriere, dass es die wirtschaftlichen Lebensadern seiner Gegner treffen könne, ohne bislang seine gesamte militärische Kapazität einzusetzen.

Eine kalkulierte Zerstörung der Weltwirtschaft?

Im wohl brisantesten Abschnitt des Interviews entwickelt Escobar eine weitreichende These. Auf die Frage, warum Washington gleichzeitig gegen den Iran eskaliere, China angreife, über neue Operationen gegen Kuba spreche und weitere globale Fronten eröffne, antwortet er, es gebe möglicherweise nur eine logische Erklärung:

Eine „kalkulierte Implosion der Weltwirtschaft“.

Escobar stellt diese Vermutung ausdrücklich als seine eigene Einschätzung dar und nicht als bewiesene Tatsache. Er erklärt jedoch, auch von gut informierten Kontakten ähnliche Überlegungen gehört zu haben.

Seine These lautet: Teile der amerikanischen Machtelite könnten zu dem Schluss gekommen sein, dass sich der wirtschaftliche und geopolitische Niedergang der USA nicht mehr aufhalten lasse.

Eine kontrollierte oder bewusst herbeigeführte globale Krise könnte aus dieser Sicht genutzt werden, um untragbare Schulden zu entwerten, Finanzstrukturen neu zu ordnen und anschließend ein neues System aufzubauen.

Escobar spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen Bedeutung des „Great Reset“: Nicht der geordnete Umbau des Systems, sondern zunächst dessen gezielte Zerstörung.

Er formuliert die denkbare Logik folgendermaßen: Wenn die bestehende Ordnung ohnehin nicht mehr zu retten sei, könne man sie vollständig zum Einsturz bringen, dabei bestimmte Gewinne abschöpfen, Schulden beseitigen und danach einen Neustart versuchen.

Diese These bleibt spekulativ. Sie zeigt jedoch, wie Escobar die scheinbar widersprüchliche amerikanische Außenpolitik interpretiert.

Trump als Bote, nicht als Entscheider

Escobar betrachtet Donald Trump nicht als eigentlichen Architekten dieser Strategie.

Trump sei vielmehr ein Bote und öffentliches Instrument mächtigerer Interessen. Die tatsächlichen Entscheidungen würden seiner Ansicht nach in einem Netzwerk aus Geheimdiensten, Finanzeliten, Militärindustrie und dauerhaften staatlichen Machtstrukturen getroffen.

Das übergeordnete Ziel bestehe darin, drei Staaten zu neutralisieren, die in Washington als existenzielle Bedrohungen betrachtet würden:

  • Russland,
  • China,
  • Iran.

Diese drei Staaten seien durch strategische Partnerschaften zunehmend miteinander verbunden.

Russland stelle die militärische und nukleare Macht dar. China sei die größte geoökonomische Herausforderung. Iran kontrolliere eine entscheidende geostrategische Position in Westasien und an den wichtigsten Energie- und Handelswegen.

Ein direkter Krieg gegen alle drei wäre nicht kontrollierbar. Deshalb versuche Washington, sie durch Stellvertreterkriege, Sanktionen, politische Destabilisierung, Informationskampagnen und gezielte militärische Angriffe zu schwächen.

Krieg gegen den Iran als Krieg gegen die BRICS

Escobar kritisiert die BRICS-Staaten scharf. Obwohl der Iran vollwertiges Mitglied der Gruppe sei, bleibe eine entschlossene gemeinsame Reaktion auf die Angriffe aus.

Mit der Bombardierung von Chabahar werde nicht nur iranische Infrastruktur getroffen. Da der Hafen Teil des Nord-Süd-Korridors sei, richte sich der Angriff zugleich gegen Russland und Indien. Durch die Verbindungen zur Belt-and-Road-Initiative sei auch China betroffen.

Damit würden faktisch mehrere BRICS-Staaten gleichzeitig angegriffen.

Escobar bezeichnet die bisherige Reaktion der Gruppe als schwach und enttäuschend. BRICS müsse eigentlich ein System schaffen, das seine Mitglieder wirtschaftlich und politisch vor westlichem Druck schützt.

Dazu gehörten alternative Zahlungssysteme, Handel in nationalen Währungen und Transportwege außerhalb westlicher Kontrolle.

Zwar werde daran gearbeitet, doch viel zu langsam.

Das Ende des Petrodollars

Hinter dem Krieg sieht Escobar einen grundlegenden Konflikt um die globale Finanzordnung.

Immer mehr Staaten versuchen, ihren Handel außerhalb des Dollars abzuwickeln. China internationalisiert den Yuan. Russland, Iran und andere Staaten nutzen zunehmend nationale Währungen. Innerhalb der BRICS wird über multilaterale Zahlungssysteme, digitale Abrechnungseinheiten und neue Handelsmechanismen diskutiert.

Der Petrodollar war über Jahrzehnte eine zentrale Grundlage amerikanischer Macht. Solange Öl weltweit überwiegend in Dollar gehandelt wird, besteht eine enorme internationale Nachfrage nach der US-Währung.

Wenn große Energieexporteure und Importländer beginnen, Öl und Gas in anderen Währungen abzurechnen, verliert Washington einen entscheidenden wirtschaftlichen Vorteil.

Escobar sieht die Angriffe auf den Iran deshalb auch als Versuch, das Petrodollar-System zu verteidigen.

Iran ist nicht nur ein großer Energieproduzent. Das Land liegt zudem an den entscheidenden Handelswegen zwischen Asien, Europa, Russland, dem Indischen Ozean und dem Persischen Golf.

Ein souveräner Iran, der eng mit Russland und China zusammenarbeitet, stellt aus dieser Perspektive eine direkte Bedrohung für die westlich dominierte Finanz- und Handelsordnung dar.

Die eurasische Integration lässt sich nicht mehr aufhalten

Escobar beschreibt die wirtschaftliche Integration Eurasiens als einen Zug, der den Bahnhof bereits verlassen habe.

China, Russland, Iran, Pakistan und zahlreiche Staaten Zentralasiens seien zunehmend durch Eisenbahnen, Häfen, Pipelines, Straßen und Zahlungssysteme miteinander verbunden.

Die Vereinigten Staaten könnten einzelne Projekte verzögern, Staaten unter Druck setzen und Infrastruktur zerstören. Sie könnten den Gesamtprozess jedoch nicht mehr vollständig stoppen.

Die amerikanische Präsenz in Eurasien nehme langfristig ab. Zwar blieben die USA in Japan, Südkorea und einigen weiteren Ländern militärisch stark vertreten. Doch in Zentralasien, Westasien und großen Teilen Südasiens wachse der Einfluss Russlands und Chinas.

Viele Staaten des Globalen Südens sähen den Krieg gegen den Iran deshalb nicht als isolierten Konflikt. Sie betrachteten ihn als Krieg gegen die wirtschaftliche Emanzipation des Globalen Südens und gegen die BRICS.

China als unsichtbarer Vermittler

Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews ist Chinas Rolle hinter den Kulissen.

Peking habe ein starkes Interesse an stabilen Beziehungen zwischen Iran, Saudi-Arabien und Pakistan. China importiert große Mengen Öl aus Saudi-Arabien und Gas beziehungsweise Energieprodukte aus dem Iran.

Zugleich ist Pakistan über den China-Pakistan Economic Corridor eng in die Belt-and-Road-Initiative eingebunden.

Nach Escobars Darstellung begann die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran zunächst mit russischer Vermittlung. Moskau habe getrennte Gespräche mit beiden Seiten geführt und anschließend China den diplomatischen Ball zugespielt.

Peking habe den Prozess schließlich öffentlich abgeschlossen und die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Riad und Teheran vermittelt.

China wolle vor allem Stabilität, freien Handel und sichere Transportwege in Westasien.

Der Krieg gegen den Iran und die unklare saudische Haltung gefährdeten nun jahrelange diplomatische Arbeit.

Pakistan zwischen Iran und Saudi-Arabien

Pakistan befindet sich in einer besonders schwierigen Lage.

Das Land unterhält enge Beziehungen zum Iran und profitiert von grenzüberschreitendem Handel. Zugleich besitzt es ein militärisches Bündnis mit Saudi-Arabien.

Der pakistanische Armeechef Asim Munir habe kurz vor der neuen Eskalation Riad besucht und mit Kronprinz Mohammed bin Salman über eine Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit gesprochen.

Nach Darstellung im Interview enthält dieses Bündnis Sicherheitsgarantien, die einen Angriff auf Saudi-Arabien als Angriff auf Pakistan behandeln könnten.

Iran wiederum will Saudi-Arabien nach Escobars Einschätzung derzeit nicht angreifen. Teheran verlange jedoch Klarheit darüber, ob Riad lediglich gegen den Jemen vorgehe oder womöglich ein doppeltes Spiel betreibe und sich erneut an amerikanischen Angriffen auf den Iran beteilige.

Pakistan müsse daher beiden Seiten versichern, dass der Konflikt nicht außer Kontrolle gerät.

Escobar berichtet von unbestätigten Informationen, wonach Islamabad die Saudis bereits aufgefordert habe, sich zurückzuhalten, da eine weitere Eskalation „alles in die Luft sprengen“ könne.

Ein Machtkampf innerhalb Saudi-Arabiens?

Escobar hält es für möglich, dass das saudische Vorgehen nicht vollständig von Kronprinz Mohammed bin Salman kontrolliert wurde.

MBS habe nach Informationen pakistanischer Vermittler die Bemühungen um eine Verständigung mit Iran unterstützt. Der Angriff auf Sanaa könne deshalb auch Ausdruck interner Machtkämpfe innerhalb des saudischen Systems sein.

In und außerhalb des königlichen Machtzirkels gebe es Akteure, die dem Kronprinzen feindlich gegenüberstünden.

Ein militärischer Schritt, der die diplomatische Annäherung an den Iran sabotiert, könnte daher zugleich ein Angriff auf die Politik von MBS gewesen sein.

Escobar betont jedoch, dass diese Möglichkeit nicht bestätigt sei. Das Verhalten Saudi-Arabiens bleibe zum Zeitpunkt des Interviews weitgehend unerklärlich.

Ansarallah entscheidet selbst

Escobar kritisiert westliche Medien dafür, Ansarallah im Jemen häufig lediglich als iranischen Stellvertreter darzustellen.

Berichte, wonach die jemenitischen Streitkräfte nur auf einen Befehl aus Teheran warteten, um Bab al-Mandab zu schließen, seien falsch.

Er habe selbst mit Mitgliedern des politischen Rates von Ansarallah gesprochen. Die Entscheidungen würden innerhalb der jemenitischen Führung getroffen und nicht einfach vom Iran diktiert.

Iran und Ansarallah seien Verbündete, doch die Jemeniten handelten eigenständig.

Die Schließung von Bab al-Mandab werde in Sanaa als äußerstes Druckmittel betrachtet – vergleichbar mit einer strategischen „Nuklearoption“.

Deshalb sei eine sofortige vollständige Blockade nicht zwingend. Dennoch müsse nach dem Angriff auf den Flughafen von Sanaa mit einer Reaktion gerechnet werden.

Alles hängt an einem Faden

Am Ende des Interviews warnt Escobar vor einem extrem gefährlichen Moment.

Das gesamte regionale Vermittlungsnetz zwischen Iran, Saudi-Arabien, Pakistan, China, Oman, Katar und der Türkei hänge nur noch an einem dünnen Faden.

Eine einzige Fehlentscheidung könne die diplomatischen Bemühungen vollständig zum Einsturz bringen.

Der Angriff auf Sanaa habe genau dieses Potenzial besessen. Sollte Saudi-Arabien weiter eskalieren, könnte Ansarallah Bab al-Mandab schließen. Iran könnte seine Angriffe auf Häfen, Energiezentren und strategische Verkehrswege der Golfstaaten massiv ausweiten.

Die Vereinigten Staaten wiederum könnten darauf mit neuen Bombardierungen reagieren.

Aus einem Krieg gegen den Iran würde dann ein regionaler Flächenbrand, der die globale Energieversorgung und den Welthandel unmittelbar bedroht.

Fazit: Washington bombardiert die alte Ordnung – und beschleunigt die neue

Pepe Escobars Analyse zeichnet das Bild eines Krieges, dessen Bedeutung weit über Iran, Israel und die Vereinigten Staaten hinausgeht.

Der Angriff auf Chabahar richtet sich demnach gegen neue eurasische Handelswege. Die Bombardierung iranischer Brücken und Häfen soll das Land wirtschaftlich isolieren. Die iranischen Angriffe auf Bahrain, Fujairah und die König-Fahd-Brücke zeigen jedoch, dass auch die Gegner Teherans über hochverwundbare Infrastrukturen verfügen.

Der Iran antwortet bislang kontrolliert, aber mit zunehmender Härte. Er demonstriert, dass er die wichtigsten Energie- und Handelszentren des Golfs erreichen kann.

Sollten Hormus und Bab al-Mandab gleichzeitig blockiert werden, könnte der Konflikt einen globalen Wirtschaftsschock auslösen.

Escobars zentrale Botschaft lautet: Die USA versuchen, den Aufstieg einer neuen eurasischen Ordnung militärisch aufzuhalten. Doch mit jedem Angriff auf Häfen, Schienen, Brücken und Handelswege könnten sie genau jenen Prozess beschleunigen, den sie verhindern wollen.

China, Russland, Iran und Pakistan werden durch den äußeren Druck enger miteinander verbunden. Alternative Transportwege gewinnen an Bedeutung. Der Handel in nationalen Währungen nimmt zu. Der Petrodollar verliert schrittweise an Einfluss.

Washington kann Infrastruktur zerstören. Doch es kann die geographische, wirtschaftliche und politische Neuordnung Eurasiens nicht dauerhaft wegbomben.

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