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In einem ausführlichen Gespräch mit Danny Haiphong wertet der geopolitische Analyst Pepe Escobar diesen Kontrast als Kern des gegenwärtigen Moments: auf der einen Seite der Aufbau eines multipolaren Systems, auf der anderen die Rückkehr auf eine Eskalationsleiter, die Vermittler in Pakistan, Katar und Oman gerade erst wieder hatten verlassen wollen.
Das Interview entstand unmittelbar nach dem US-Schlag gegen Stellungen auf der Insel Larak im Persischen Golf und der iranischen Gegenreaktion auf jordanische Basen mit US-Präsenz. Escobar schildert, wie er nach einem Wochenende in der Bretagne „geradewegs in die Hölle“ aufwachte: Bilder vom Angriff auf Larak, Gegenangriffe auf die Basen Muwaffaq Salti (Al-Azraq) und King Hussein, Drohnen in Richtung der Al-Minhad-Basis südlich von Dubai. Satellitenaufnahmen und iranische Angaben zu Hangars, in denen F-35 stationiert gewesen sein sollen, sind umstritten; Jordanien und Washington sprechen von Abfangungen, Teheran von Treffern. Escobar nimmt die Eskalation nicht als isolierten Zwischenfall, sondern als Symptom.
Escobar beginnt bewusst nicht bei den Raketen, sondern beim SCO-Gipfel in Bischkek. Die Stadt, so Escobar, modernisiere sich rasch; der Gipfel falle mit dem 25-jährigen Bestehen der Organisation zusammen und setze die Linie des Vorjahresgipfels in Tianjin fort. Wichtige Bilaterale liefen bereits: Putin und Xi, Putin und Modi. Für den Folgetag erwartet er eine Erklärung, die den multipolaren Anspruch der SCO fortschreibt. Parallel beginne in Wladiwostok das Östliche Wirtschaftsforum – für Escobar der zentrale Ort, an dem Russland, China und Partner über Sibirien, die Arktis und die nördliche Seeroute (von Peking als „Polar-Seidenstraße“ bezeichnet) sprechen.
Im kollektiven Westen, so seine These, werde beides kaum wahrgenommen. Frage man hundert Beltway-Experten, was die SCO sei, wann sie gegründet wurde und wer ihr angehöre, blicke man in 99 Fällen in ratlose Gesichter. Dabei sei die SCO neben den BRICS die wichtigste multilaterale Organisation der multipolaren Welt. Gegründet 2001 als „Shanghai Five“ – China, Russland und drei zentralasiatische Staaten – nur drei Monate vor dem 11. September, habe sie zunächst die „drei Übel“ bekämpft: Terrorismus, Separatismus und religiösen Extremismus. Escobar erinnert daran, dass Peking damals bereits CIA- und MI6-Einfluss in Xinjiang und Moskau wahhabitisch-salafistische Netzwerke im Nordkaukasus bekämpfte. Später kamen Indien, Pakistan und Iran hinzu. Aus einer Antiterror-Plattform sei eine geoökonomische Organisation geworden: In den 2010er Jahren seien die Treffen voller Geschäftsgespräche gewesen, oft ohne westliche Teilnehmer. Die Erklärung von Tianjin 2025 habe bereits den Bau einer multipolaren Ordnung in den Mittelpunkt gestellt.
Lukaschenko habe vor zwei Jahren vorausgesagt, BRICS und SCO würden sich irgendwann annähern oder verschmelzen. Escobar hält das für logisch: Russland, China und Iran sitzen in beiden Formaten, Indien und Pakistan in der SCO, Pakistan könnte den BRICS näherkommen. Dazu kommt die Eurasische Wirtschaftsunion. Alle drei zeichneten die Landkarte einer eurasischen Integration. Westliche Berichterstattung reduziere das auf ein „Treffen von Autokraten“ – und damit ende die Story.
Dann der Umschlag. Vermittler aus Pakistan, unterstützt von Katar, Oman, im Hintergrund der Türkei und mit chinesischer Deckung, hätten in den Tagen zuvor an einem zeitweiligen Navigationsregime für die Straße von Hormus und an der Freigabe eingefrorener iranischer Gelder gearbeitet. Escobar und Larry Johnson hätten den Prozess fast stündlich verfolgt. Erwartet worden sei, dass Washington innerhalb von 24 bis 72 Stunden zum Memorandum of Understanding zurückkehrt – „Humpty Dumpty wieder zusammenzusetzen“. Stattdessen der Schlag gegen Larak.
Die US-Begründung lautet: IRGC-Kräfte hätten Raketen mit Seeminen in die Straße von Hormus vorbereitet. Escobar hält den Zeitpunkt für verräterisch: Die Minen seien bereits ausgebracht gewesen, der Schlag also militärisch wirkungslos, politisch aber eine Botschaft. Teheran habe verhindern wollen, dass Washington die Kontrolle über die Schifffahrt beanspruche. Die iranische Antwort auf die jordanischen Basen und die Drohnen Richtung VAE seien die unvermeidliche Gegenbewegung gewesen. Trump kündigte weitere Schläge an. Die Leiter, von der alle zehn Tage zuvor hätten heruntersteigen wollen, sei wieder aufgebaut.
Escobars Schlussfolgerung ist hart: Eine friedliche diplomatische Lösung des Iran-Kriegs sei unter den gegenwärtigen Bedingungen unmöglich. Jeder Vermittler scheitere, weil Washington nicht Diplomatie betreibe, sondern Bomben und Sanktionen. Selbst wenn Pakistan, Oman und Iran ein Zeitfenster anböten – zurück zum MOU, dann verhandeln –, folge die nächste Eskalation.
Für Iran sei das kein Problem, im Gegenteil. Die ungeschriebene Linie der neuen Doktrin, so Escobar, bestehe darin, Trump in den zwei Monaten vor den Midterms „durchzudrehen“ zu lassen. Teheran habe es nicht eilig. Mohsen Rezaee habe gesagt, man habe die neuen Systeme noch gar nicht gezeigt. Die Raketenproduktion liege Berichten zufolge deutlich über dem Vorkriegsniveau.
Iranische Medien argumentieren offen, dass Vergeltungsschläge den USA nutzen: Sie verbrauchen Abfangraketen, treiben den Ölpreis und zwingen Washington, Inventare aufzubrauchen. Escobar hält das für strategisch plausibel. Die IRGC kommuniziere mal direkt („die Entleerung der amerikanischen Bestände funktioniert“), mal nur durch den Einschlag selbst. Die Angriffe auf jordanische Basen seien besonders relevant, weil ein Teil der amerikanischen Infrastruktur der Region noch dort liege, bevor sie nach Israel verlegt werde. Escobars Lesart der iranischen Planung: Je mehr US-Vermögen ins „israelische Kästchen“ wandert, desto konzentrierter wird das Ziel. Die Antwort werde nicht eins zu eins erfolgen, sondern mindestens zwei zu eins – „ein Doors-Remake: No one here gets out alive“.
Die Rolle Israels behandelt Escobar knapp und scharf. Er wolle dem „genozidalen Apparat“ wenig Aufmerksamkeit schenken, weil dessen Modus operandi bekannt sei: Kontrolle über Washington, Drohungen, selbst im Falle eines amerikanisch-iranischen Arrangements weiterzuschlagen. Typisches „zionistisches Bluster“. Iran könne Israel „in einen Parkplatz verwandeln“, habe die entsprechenden Waffen aber noch nicht eingesetzt. Deshalb schlage in der Praxis meist die USA zu, während Netanyahu die Rhetorik liefere. Trumps Ankündigung weiterer Schläge über Fox News wirkt auf Escobar kindisch; informierte Beobachter weltweit lachten darüber.
Was aus dem angekündigten „ökonomischen D-Day“ geworden sei? Escobar stellt fest, das Narrativ sei innerhalb weniger Tage aus dem Nachrichtenzyklus verschwunden. Auslöser seien klare Zurückweisungen aus Peking und Moskau gewesen: Sanktionen gegen Firmen, die mit Iran handeln, träfen vor allem China – rund 90 Prozent des iranischen Öl- und Gasexports gehen dorthin – sowie zentralasiatische und eurasische Partner. Das sei keine Iran-Politik, sondern ein Angriff auf das gesamte eurasische Handelsnetz und auf die BRICS. Deshalb müssten SCO und BRICS ihre Linie vereinheitlichen. Diplomatie unter Trump heiße Bombardieren plus Sanktionen. Das zwinge den Globalen Süden zur Organisation.
Als institutionelle Antwort erwartet Escobar Fortschritte bei einer SCO-Entwicklungsbank: Kredite in Mitgliedswährungen, Umgehung des Dollars, der Petrodollar-Logik und der Sanktionsarchitektur. Iran werde ohnehin oft in Yuan bezahlt. Escobar vergleicht das mit der New Development Bank der BRICS, deren Statuten noch an den Dollar gekoppelt seien – ein Konstruktionsfehler, den Paulo Nogueira Batista, einer der Mitgründer, intern längst kritisiert habe. Die NDB sei zu klein, zu langsam, mit internen Blockaden und „trojanischen Pferden“. Eine SCO-Bank, von Anfang an anders gebaut, könne schneller wirken, auch für assoziierte Partner wie Afghanistan, sofern Russland und China die innerafghanischen und afghanisch-pakistanischen Konflikte einhegen. Taliban-Delegationen säßen bereits bei Foren in St. Petersburg und Wladiwostok am Tisch – nicht als Terrorakteure, sondern als Interessenten an Investitionen.
Ein weiteres, von Escobar hervorgehobenes Puzzle-Stück ist die Ankündigung des türkischen Außenministers Hakan Fidan: Die Vereinbarung zwischen Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan trägt nun den Namen Mekka-Verteidigungsallianz (MDA). Sekretariat in Riad, erster Generalsekretär für drei Jahre ein Pakistani. Fünf oder sechs weitere Staaten seien interessiert; sicher genannt werden Bangladesch und Syrien, Ägypten gilt als Kandidat. Die VAE, selbst BRICS-Mitglied, wollten offenbar nicht beitreten. Escobar sieht darin eine weitere Schicht eurasisch-westasiatischer Selbstorganisation – von Westasien bis Südasien –, die auf SCO- und BRICS-Gipfeln unvermeidlich mitverhandelt werde.
Zusammen ergibt das für ihn ein Bild: SCO in Bischkek, Wirtschaftsforum in Wladiwostok, MDA-Institutionalisierung, BRICS in Neu-Delhi am 12. und 13. September. Überall Integration. Auf der anderen Seite Bombardierungen und ein Präsident, der auf eine mögliche lame-duck-Phase zusteuere. „Selbst Kamele in der Gobi-Wüste sehen das.“
Den Besuch des CIA-Direktors in Moskau – Anreise bei Tage, Zwischenstopp in Lettland, kaum geleakte Inhalte – liest Escobar als Zeichen von Verzweiflung, nicht von Überlegenheit. Peskow nannte das Treffen Routine, ohne Putin. Naryschkin sprach von normalen Geheimdienstkontakten, erwähnte aber ein besonders sensibles Dossier, ohne es zu benennen. Escobar sieht zwei plausible Themen: NATO/Ukraine oder Iran/USA.
Zur Ukraine-Linie erklärt er die russische Entscheidungspyramide: Erst Lawrow, dann eine Stimme aus der Duma (Verteidigungsausschuss), schließlich Putin. Erst wenn Putin spreche, sei die Entscheidung gefallen – oft schon umgesetzt. Gegenstand sei die russische Antwort auf NATO-Angriffe auf russisches Territorium. Aus Moskauer Sicht führten die Briten bereits einen offenen Krieg gegen Russland; die Phase des Samthandschuhs sei vorbei. Der CIA-Flug passe zu amerikanischer Nervosität, nicht zu Stärke.
Dasselbe Muster erkennt Escobar in Trumps Truth-Social-Rhetorik: Iran sei ein gescheiterter Staat ohne Marine und Luftwaffe – und müsse trotzdem weiter bombardiert werden. Das sei der Widerspruch eines Imperiums, das wirtschaftliche Isolierung versprochen und militärische Eskalation geliefert habe.
Escobars Botschaft an das westliche Publikum ist praktisch: Folgt Bischkek, folgt Wladiwostok inklusive Putins langer Plenarsitzung, folgt Neu-Delhi. Dort werde in zwei Wochen sichtbar, wie weit Eurasien bei der Umgehung von Dollar, Sanktionen und unilateraler Gewalt bereits gekommen sei. Der Krieg um Iran sei in dieser Lesart nicht nur ein regionaler Schlagabtausch um Hormus und F-35-Hangars. Er sei der Versuch, mit Bomben eine Integrationsdynamik zu stoppen, die diplomatisch und ökonomisch schon weiter ist als die Eskalationsleiter, auf die Washington immer wieder zurückkehrt.
Ob die Satellitenbilder von Muwaffaq Salti einen durchgeschlagenen Hangar zeigen oder nur eine dunkle Stelle auf grober Copernicus-Auflösung, ändert an Escobars Rahmen wenig. Für ihn zählt die Struktur: Während die SCO eine Entwicklungsbank, Sicherheitszentren und Handelskorridore beschließt, kehrt der Krieg in den Golf zurück – nicht weil Diplomatie unmöglich gewesen wäre, sondern weil sie in Washington nicht als Off-Ramp, sondern als Schwäche gilt.