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Brian Berletic zur Lage im Iran-Konflikt: Vergeltung, überdehnte US-Macht und das Rennen um die multipolare Welt. In einem ausführlichen Gespräch mit Danny Haiphong analysiert der geopolitische Kommentator Brian Berletic (The New Atlas) die jüngsten iranischen Vergeltungsschläge gegen US-Marineeinheiten, die Grenzen der amerikanischen Militärmacht und die übergeordneten Ziele Washingtons. Der ehemalige US-Marine verbindet den Iran-Krieg mit den Konflikten in der Ukraine, der Militarisierung Asiens und dem Aufstieg Chinas. Seine Kernbotschaft: Man muss das Gesamtbild betrachten, statt einzelne Schlachten zu isolieren.
Die jüngsten Ereignisse – iranische ballistische Raketenangriffe auf einen US-Flugzeugträger und einen Zerstörer sowie amerikanische Gegenschläge auf iranische Öltanker – sind Teil eines seit Februar 2026 andauernden Konflikts um die Straße von Hormuz. Die USA bestreiten Treffer und sprechen von erfolgreichem Ausweichen; Iran behauptet Schäden. Berletic sieht darin kein isoliertes Seegefecht, sondern einen weiteren Versuch Washingtons, Energieflüsse zu stören.
Berletic betont, dass die USA als modernes globales Imperium nicht einzelne Kriege führen, sondern ein zusammenhängendes System von Konflikten. Eine kleine Gruppe besonderer Interessen in den Vereinigten Staaten steuere Außen- und Innenpolitik primär nach Profit und Macht. Alle Schauplätze – Iran, Ukraine als Stellvertreterkrieg gegen Russland, die Militarisierung des asiatisch-pazifischen Raums und politische Einflussnahme über Organisationen wie das National Endowment for Democracy – dienten demselben Ziel: Rivalen zu schwächen und die unipolare Vormachtstellung zu verteidigen.
Irans Fähigkeit zur Vergeltung sei ein positives Zeichen für Teheran. Es zeige, dass das Land überlebe, sich verteidigen und die Kosten für die USA erhöhen könne. Washington stoße dabei an militärische Grenzen. Munitionsvorräte seien schon vor 2022 durch den Jemen-Konflikt und den Ukraine-Krieg belastet gewesen; der Iran-Krieg verschärfe das Problem. Die USA gingen nicht „aus der Munition“, produzierten aber nicht schnell genug für die großangelegten „Shock-and-Awe“-Kampagnen früherer Jahrzehnte. Stattdessen kühle Washington Konflikte zeitweise ab, um aufzustocken, bevor die nächste Eskalationsrunde folge.
Präsident Trumps Aussagen auf Truth Social und in der Öffentlichkeit seien primär Wahrnehmungsmanagement. Weder die Trump- noch die Biden-Administration bestimmten die eigentliche Politik; sie setzten sie fort und verkauften sie der Öffentlichkeit. Man solle Trumps Worte weitgehend ignorieren und stattdessen das tatsächliche Verhalten beobachten.
Ein zentrales Motiv laut Berletic ist die Störung der Kohlenwasserstoff-Lieferungen aus Westasien nach Asien, insbesondere nach China. Die USA hätten über Jahre LNG-Exportkapazitäten aufgebaut – ökonomisch zunächst unsinnig, aber explizit als Antwort auf „umstrittene Wasserwege“ und maritime Engpässe geplant. Jetzt werde dieser Plan umgesetzt.
Die Straße von Hormuz diene als Hebel. Washington inszeniere einen politischen Zirkus um „Offenhalten“ versus „Schließen“, während das eigentliche Ziel eine globale Wirtschaftskrise sei, die Asiens wirtschaftlichen Aufstieg bremse. Würde die USA offen zugeben, Energieflüsse bewusst zu unterbrechen, entstünde internationaler Gegenwind. Deshalb werde Iran als Störer dargestellt, obwohl Washington den Konflikt begonnen habe. Gleichzeitig sichere man sich Marktanteile und versuche, asiatische Staaten in langfristige LNG-Verträge mit den USA zu drängen.
Profitinteressen der Ölkonzerne und das Ziel, Konkurrenten wie Iran, Russland und China aus Energie-märkten zu drängen, spielten eine Rolle. Berletic verweist auf Kontinuität: Das 1992 in der New York Times diskutierte Ziel, keine Rivalen aufkommen zu lassen, finde sich in heutigen Think-Tank-Papieren fast wortgleich wieder.
Die USA könnten China weder industriell noch wirtschaftlich einholen. China steige durch Handel, Rohstoffimporte und Fertigwarenexporte auf und sei für die Mehrheit der Nationen der wichtigste Handelspartner. Washingtons Antwort sei nicht Wettbewerb, sondern Störung: globale Lieferketten unterbrechen, Energie- und Rohstoffflüsse nach China kappen, chinesische Exporte (Huawei, E-Autos) politisch blockieren.
Berletic warnt vor einer Fehlinterpretation: Er halte die USA nicht für unaufhaltsam. Im Gegenteil, er spreche seit Jahren vom terminalen Niedergang des Empires und dem Aufstieg der Multipolarität. Die Gefahr liege darin, dass Washington diesen Niedergang verstehe und deshalb versuche, „alles zu zerstören“, um aus den Trümmern wieder als stärkster Akteur hervorzugehen.
Gleichzeitig räumt er Einbußen der multipolaren Seite ein. Der Zusammenbruch Syriens Ende 2024 habe Iran und Russland einen strategischen Rückschlag beschert und einen Luftkorridor für Angriffe auf Iran geöffnet. In Libanon kontrolliert Israel inzwischen weite Gebiete nördlich des Litani, auch dank des von den USA unterstützten Regimes in Damaskus. Hezbollah stehe schlechter da als 2006. Russland zahle im Ukraine-Konflikt enorme Kosten an Ressourcen und Menschen. Wer nur Siege der multipolaren Seite zähle, verfehle die Realität.
China habe sich über Jahrzehnte auf genau dieses Szenario vorbereitet: Einkreisung, interne Spaltung, Unterbrechung von Energiezufuhr. Der massive Ausbau erneuerbarer Energien, Kernkraft und der Belt-and-Road-Initiative (inklusive Landkorridore über Pakistan und Iran) diene der Resilienz. Sobald diese Infrastruktur kritische Masse erreiche, könne Washington sie militärisch kaum noch stoppen. Deshalb handle die USA jetzt mit dem, was sie noch habe – auch auf Kosten eigener Proxies in Westasien und Europa.
Berletic und Haiphong sehen ein „großes Rennen“: Die USA versuchen, den Aufstieg zu unterbrechen, bevor es zu spät ist. Die multipolare Seite (China, Russland, Iran, BRICS, SCO) baut parallele Handelswege und Integrationsprojekte. Landrouten seien schwerer zu blockieren als Seewege. Deshalb bleibe der Druck auf Iran so hoch.
Beide Gesprächspartner warnen vor wachsender Nuklearrhetorik in US-Think-Tanks. Washington könne über Proxies handeln: Israel als Eckpfeiler in Westasien (mit wahrscheinlichem Nukleararsenal und „Samson-Option“), europäische Atommächte gegen Russland, potenziell Japan gegen China. Die USA selbst blieben geografisch geschützt. Eine direkte Konfrontation zwischen Nuklearmächten sei unwahrscheinlich, aber der Einsatz durch Stellvertreter nicht auszuschließen.
Die multipolare Welt versuche den Übergang so friedlich wie möglich zu gestalten, um eine katastrophale Eskalation zu vermeiden. Direkte Angriffe auf US-Heimatboden wären kontraproduktiv. Stattdessen gelte es, Zeit zu gewinnen, bis die eigene wirtschaftliche und industrielle Basis unangreifbar werde.
Berletic zeigt sich skeptisch, dass die Bevölkerung im kollektiven Westen das System von innen stoppt. Die Menschen seien von der Wiege bis zur Bahre durch Propaganda geprägt – er selbst sei als junger Mann in die US-Armee eingetreten, bevor er die Realität erkannt habe. Die multipolare Welt müsse daher vor allem ihre eigene Informationssouveränität stärken.
Die eigentliche Aufgabe der Menschen in den USA, Europa und den Vasallenstaaten bestehe darin, die aggressive Seite zu stoppen. China, Russland und Iran könnten das US-politische System nicht von außen ändern; sie bauten lediglich eine Alternative.
Berletics Analyse ist klar parteiisch und steht im Widerspruch zu offiziellen US-Darstellungen, die erfolgreiche Abwehr und fortgesetzte militärische Überlegenheit betonen. Sie fügt jedoch die einzelnen Konflikte zu einem kohärenten Bild zusammen: ein Imperium, das seine relative Schwäche erkennt und deshalb auf Störung und Zerstörung setzt, während rivalisierende Mächte versuchen, das Fenster zu schließen, ohne den großen Krieg auszulösen. Ob dieser Kurs aufgeht oder in einer noch größeren Eskalation endet, bleibt die zentrale Frage der kommenden Monate.