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In einem aktuellen Interview analysiert der iranische Professor Seyed Mohammad Marandi die jüngsten Entwicklungen im Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Er beleuchtet die Krise an Bord des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln, widersprüchliche Signale aus Washington und die wachsende strategische Position Teherans. Marandi argumentiert, dass der Westen die iranischen Fähigkeiten systematisch unterschätzt habe und dass die aktuelle Situation die Grenzen der amerikanischen Macht offenbare.
Die US-Navy steckt in einer tiefen internen Krise, während der Konflikt mit dem Iran andauert. Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln soll in Kürze durch die USS George Washington ersetzt werden. Grund dafür sind nicht operative Verluste im Kampf, sondern eine ernsthafte moralische und personelle Krise an Bord: Mehrere Seeleute haben sich das Leben genommen, die Bedingungen auf See nach monatelangem Einsatz im Indischen Ozean werden als extrem belastend beschrieben. Gleichzeitig droht US-Finanzminister Scott Bessent dem Iran mit „wirtschaftlichen Maßnahmen, wie sie noch nie dagewesen sind“. Parallel dazu erklärt Vizepräsident JD Vance, die Benzinpreise in den USA seien die absolute Priorität der Regierung. Diese Widersprüche sind laut Marandi kein Zufall.
Marandi betont, dass Aussagen aus Washington grundsätzlich mit größter Skepsis zu betrachten seien: „Alles, was aus Washington kommt, ist wahrscheinlich eine Lüge oder Täuschung.“ Während Trump und seine Administration behaupten, die Straße von Hormus sei vollständig offen und unter amerikanischer Kontrolle, steigen die Ölpreise und wachsen globale Versorgungsengpässe. Die Realität sei anders: Die Zahl der Schiffe, die die Straße täglich passieren, sei dramatisch gesunken – von früher 30 bis 180 auf inzwischen nur noch 7 bis 17. Iran lasse selektiv Schiffe durch, etwa solche aus China, dem Irak oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sich diplomatisch distanziert hätten. Besonders betroffen seien nicht nur Rohöl, sondern vor allem Helium, Schwefel, Düngemittel, Raffinerieprodukte, Petrochemikalien und LNG. Die parallele Verschärfung des Konflikts am Roten Meer zwischen Jemen und Saudi-Arabien verstärke den Druck zusätzlich.
Die USA hätten dem Iran in den vergangenen Tagen über Drittparteien drohende Botschaften übermittelt und ihre militärische Präsenz in der Region erhöht. Teheran bereite sich entsprechend vor: Die Produktion von Raketen und Drohnen laufe auf Hochtouren, unterirdische Basen und Führungsstrukturen würden ausgebaut. Sollte Washington erneut zivile Infrastruktur angreifen, drohe Iran mit „unerbittlicher Vergeltung“ gegen alle Staaten, die den USA und Israel logistische Unterstützung leisten – darunter Saudi-Arabien, die Emirate, Kuwait, Bahrain, Katar und möglicherweise Oman sowie Jordanien. Diese Länder hätten bereits im zwölftägigen Krieg US- und israelische Flugzeuge betankt und seien damit kompromittiert.
Die Frage, wie Iran den weit überlegenen amerikanischen Streitkräften standhalten konnte, beantwortet Marandi mit einer Mischung aus Geschichte, Ideologie und langfristiger Vorbereitung. Iran sei ein Zivilisationsstaat mit Jahrtausenden Erfahrung und einer schiitischen Tradition, die Widerstand gegen Unterdrückung und Solidarität mit den Unterdrückten betone. Seit den US-Invasionen in Afghanistan und Irak – und besonders angesichts der NATO-Osterweiterung – habe Teheran systematisch unterirdische Raketen- und Drohnenbasen aufgebaut. Die iranische Drohnentechnologie sei erst durch den Einsatz in der Ukraine weltweit bekannt geworden, nachdem westliche Medien sie jahrelang belächelt hätten. Die USA hätten ihre eigene Propaganda geglaubt: Iran sei ein kollabierendes, unpopuläres Regime, dessen Waffen unbedeutend seien. Doch nach 40 Tagen Bombardements sei keine einzige unterirdische Raketenbasis zerstört worden. Marandi hält es daher für unwahrscheinlich, dass die iranischen Nuklearanlagen – ebenfalls tief unter der Erde und unter IAEA-Aufsicht – wirklich vernichtet wurden.
Das Image der amerikanischen Unbesiegbarkeit sei damit nachhaltig beschädigt. Marandi verweist auf weitere Zeichen der Schwäche: US-Seals, die in Nordkorea angeblich von Fischern entdeckt und getötet wurden; Angriffe auf Fischerboote in der Karibik, die als Drogenboote ausgegeben worden seien; und die Behandlung der eigenen Soldaten auf den Trägern. Hollywood-Mythen wie „Top Gun“ stünden im krassen Gegensatz zur Realität. Auch die Geschichte, Trump habe sich in Ankara in einem Catering-Wagen versteckt, weil israelische Geheimdienste vor einem iranischen Anschlag gewarnt hätten, sei für Marandi ein Symbol der Abhängigkeit Washingtons von Tel Aviv. Er zweifelt inzwischen sogar an der offiziellen Darstellung des Attentatsversuchs auf Trump und an der 9/11-Erzählung – eine Haltung, die er selbst früher abgelehnt habe.
Iran werde durch den Konflikt regional und global gestärkt. Marandi sieht das Land bereits als mit Abstand mächtigste Kraft in Westasien und Nordafrika. Der Beitritt Irans zur New Development Bank der BRICS in Shanghai sei Teil eines größeren Trends: Nicht-westliche Institutionen und Kooperationen – BRICS, Shanghai Cooperation Organization – würden an Bedeutung gewinnen, weil der Westen den Iran offen als Feind behandle. Selbst iranische Liberale, die früher auf den Westen gesetzt hätten, hätten ihre Sichtweise nach dem Krieg verändert. Die massiven Trauerfeiern für die Opfer – mit zig Millionen Teilnehmern – hätten selbst westliche Medien nicht mehr ignorieren können.
Regional warnt Teheran Syrien vor einem Eingreifen gegen die Hisbollah im Libanon und droht mit Hunderten vorbereiteten Zielen. Gleichzeitig fordert Iran explizit ein Ende der Kämpfe in Libanon, Palästina (einschließlich Gaza), Jemen und Irak als Voraussetzung für jede Vereinbarung. Das ursprüngliche Memorandum of Understanding habe bereits „alle Fronten, einschließlich Libanon“ genannt; inzwischen sei das präzisiert worden. Saudi-Arabien stecke in seinem Konflikt mit dem Jemen in Schwierigkeiten. Die Achse des Widerstands – Iran, Hisbollah, Jemen – sei die einzige Kraft, die den Palästinensern konkret beistehe.
Marandi betont, der Krieg sei noch nicht vorbei. Die USA würden weiter versuchen, dem iranischen Volk Schaden zuzufügen. Doch die Motivation sei ungleich: Iraner kämpften um das Überleben ihrer Zivilisation, während viele Amerikaner den Konflikt als Opfergabe für ein „genozidales zionistisches Regime“ empfänden und ihn ablehnten. Die iranische Standhaftigkeit resultiere aus dem Wissen, Opfer zu sein. Die Schuld der Iraner, so Marandi sarkastisch, bestehe darin, den Völkermord in Gaza nicht zu tolerieren – und genau das mache sie für westliche Eliten unerträglich.
Am Ende des Interviews fordert Marandi, den Blick weiterhin auf Gaza zu richten: auf die Kinder, Frauen und Männer, die dort leiden. Hisbollah, der Jemen und Iran stünden für die Menschen in Gaza ein – und das sei eine Verantwortung, die alle teilen müssten.