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„Wir wollen keinen Krieg mit euch“ – Russlands Botschafter Netschajew über Leipzig, NATO und die deutsch-russischen Beziehungen
In einem ausführlichen Gespräch mit dem Podcast „ungeskriptet“ von Ben Berndt hat der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, die Vorwürfe nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle zurückgewiesen, die jüngsten diplomatischen Maßnahmen als beispiellose Eskalation bezeichnet und wiederholt betont, Russland wolle keinen Krieg mit der NATO oder Deutschland. Gleichzeitig sprach er von einem Kampf gegen die NATO in der Ukraine, warnte vor begrenzter Geduld und skizzierte die russische Lesart der Konflikturachen. Das Interview entstand kurz nach seiner Einbestellung ins Auswärtige Amt und der Ankündigung, das Generalkonsulat in Bonn sowie das Russische Haus in Berlin zu schließen.
Netschajew beschrieb die Einbestellung als normale diplomatische Praxis: Der Aufnahmestaat könne Unzufriedenheit äußern, Argumente würden ausgetauscht. Den konkreten Anlass, den Vorfall in Leipzig, wertete er jedoch als „pure Provokation gegen Russland“ und „gezielte Provokation“, für die es keine Beweise und keine stichhaltigen Argumente gebe. Hätte Russland wirklich etwas in Leipzig anrichten wollen, „könnte das ganz anders aussehen“. Die darauf folgenden Maßnahmen – Schließung aller fünf Generalkonsulate, insbesondere des großen in Nordrhein-Westfalen (der ehemaligen Botschaft der Sowjetunion), und die Räumung des Russischen Hauses in der Berliner Friedrichstraße binnen einer Woche – seien „drastisch und enorm streng“. Solche Fristen und Eingriffe habe es in den bilateralen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie gegeben. Die politische Führung in Moskau betrachte das als schweren politischen Fehler. Die Situation bleibe nicht ohne Reaktion. Das deutsch-russische Verhältnis stehe auf einem Tiefpunkt, das Vertrauen sei stark zerstört.
Besonders problematisch sei die konsularische Betreuung der großen russischsprachigen Community in Deutschland – gut integrierte Steuerzahler mit deutschen und russischen Familien. Über Jahrzehnte habe Russland Deutschland „nichts angerichtet“ und sich bemüht, mit Politikern aller Couleur eine gemeinsame Sprache zum beiderseitigen Nutzen zu finden. Dazu gehöre die historische Aussöhnung nach 27 Millionen sowjetischen Toten im Zweiten Weltkrieg, die deutsche Einheit 1990 und eine einzigartige Zusammenarbeit.
Über seine lange Karriere in Deutschland und Österreich hinweg schilderte Netschajew die Beziehungen als einst vorbildlich. Deutschland sei Partner Nummer eins in Wirtschaft und Handel gewesen: 83 Milliarden Euro Warenaustausch im Jahr 2013, mehr als 6000 deutsche Unternehmen auf dem russischen Markt, viele davon Mittelstand und Familienbetriebe, die „in der Schokolade“ gewesen seien. Über 400 Hochschul- und Forschungspartnerschaften, Dialogformate wie der Petersburger Dialog mit zahlreichen Gesprächsrunden, das Deutsch-Russische Forum und eine blühende Kulturarbeit (Gastspiele, das Russische Haus) hätten das Verhältnis geprägt. Städtepartnerschaften – etwa Köln-Wolgograd oder Düsseldorf-Moskau – und Schüler- und Studentenaustausch seien selbstverständlich gewesen.
Russland habe aus eigener Initiative keine einzige Brücke, kein Abkommen und keine Partnerschaft zerstört. Einige westliche und deutsche Politiker seien den Weg der Zuspitzung und Vertrauenszerstörung gegangen. Berichte, Russland müsse 2029 oder 2030 einen Krieg gegen Deutschland beginnen, wies er zurück: „Wir wollen keinen Krieg mit der NATO, wir wollen keinen Krieg gegen Deutschland.“ Die Beziehungen zu Sachsen reichten Jahrhunderte zurück; das Leipziger Konsulat sei eines der ältesten.
Den 180-Grad-Wandel in der deutschen Wahrnehmung erklärte Netschajew vor allem mit einseitiger Berichterstattung. Wladimir Putin kenne Deutschland besser als die meisten ausländischen Politiker, habe hier gearbeitet und spreche die Sprache. Heutige deutsche Politiker bräuchten offenbar keinen Dialog mehr. Der Bevölkerung werde auf allen Ebenen und in allen Medien gesagt, die Russen seien schlecht und Aggressoren. Alternative Quellen wie RT seien blockiert, Journalisten ausgewiesen. Wer ständig nur eine Seite höre, glaube sie. Russische Medien und Domains seien verboten worden, während westliche Berichterstattung den Konflikt durchgehend als „russischen Angriffskrieg“ rahme – anders als bei anderen Kriegen.
Netschajew kämpfe nicht gegen Medien, die ihre Arbeit nach den Vorgaben ihrer Chefredakteure und Herausgeber machten. Manche Verlage säßen im Ausland. Historisch seien nicht alle in Europa glücklich über eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland gewesen; manche hätten sie stören wollen.
Den Konflikt datierte der Botschafter auf die 1990er Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion. Westliche Staaten hätten die Ukraine möglichst weit von Russland entfernen und zu einem antirussischen Bollwerk machen wollen. Nationalistische Tendenzen und ein Kult um Helfer aus der Hitlerzeit seien entstanden – selbst Polen hätten darauf hingewiesen. Nazismus sei für Russland in jeder Form inakzeptabel.
Die zweite Linie sei die NATO-Osterweiterung. Beim 2+4-Vertrag sei versprochen worden, die NATO gehe „keinen Zentimeter nach Osten“. Die Tinte sei noch feucht gewesen, als die erste von insgesamt sechs Erweiterungswellen begann. Militärische Infrastruktur nahe russischer Grenzen habe Sorgen bereitet. Angebote Russlands zum NATO-Beitritt seien abgelehnt worden. Die Ukraine sei Ziel der Erschließung gewesen, inklusive Stützpunkte im Süden.
Den Maidan 2014 wertete Netschajew als Staatsstreich. Präsident Janukowytsch sei legitim gewesen; eine von drei europäischen Außenministern (Deutschland, Polen, Frankreich) abgesegnete Vereinbarung über vorgezogene Wahlen sei am nächsten Tag durch einen bewaffneten Umsturz gebrochen worden. Russland habe sich auf Bitten des Westens nicht eingemischt. Danach seien Neutralität, Mehrsprachigkeit und die Ablehnung von Militärbündnissen aus der ukrainischen Verfassung verschwunden.
Die Referenden auf der Krim und in den Donbass-Regionen stünden im Einklang mit dem Selbstbestimmungsrecht. Es habe dort tausende Opfer einer „Antiterroroperation“ gegeben. Die Regionen seien überwiegend russischsprachig und historisch mit Russland verbunden. Acht Jahre lang habe man die Minsker Vereinbarungen umzusetzen versucht; die Ukraine habe ihre Verpflichtungen (u. a. Autonomie und Sprachrechte) nicht erfüllt. Später sei bekannt geworden, dass das Ziel gewesen sei, Zeit zu gewinnen und die Ukraine aufzurüsten. Vorschläge vom Dezember 2021 an USA und NATO seien abgelehnt worden.
Trotz der Eskalation versuche man zu retten, was zu retten sei. Besonders die Erinnerungskultur: Über 4000 russische und sowjetische Kriegsgräber in Deutschland mit rund 700.000 Toten (Soldaten, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter) würden gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt. Das Abkommen von 1993 funktioniere. Im Unterschied zu manchen anderen Staaten würden Denkmäler nicht planiert. Netschajew kündigte Besuche von Gräbern in Nordrhein-Westfalen an, darunter Stalag-Standorte mit zehntausenden Toten.
Die „Sonderoperation“ sei ursprünglich kein großer Krieg gewesen und hätte schnell enden sollen. Im März 2022 habe es bereits parafierte ukrainische Vorschläge gegeben. Russische Truppen seien im guten Willen von Kiew zurückgezogen worden. Dann sei Bucha inszeniert und der britische Premierminister Johnson habe den Ukrainern die Unterzeichnung untersagt. Ziel mancher westlicher Politiker sei die strategische Niederlage Russlands und die Schwächung beider Länder gewesen.
Heute kämpfe Russland „gegen die NATO in der heutigen Situation“. Waffen, Munition, Berater, Ausbildung, Finanzierung und sogar weltraumgestützte Unterstützung kämen von NATO-Staaten. Die Behauptung, man sei keine Konfliktpartei, überzeuge Moskau nicht. Deutsche Leopard-Panzer in der Region Kursk würden entsprechend wahrgenommen. Manche Waffensysteme könne die Ukraine nicht allein steuern.
Auf die Frage, wann NATO-Stellungen außerhalb der Ukraine angegriffen würden, antwortete Netschajew, er sei kein Militär. Bislang gebe es Zusicherungen der höchsten Ebene, keinen Krieg mit der NATO oder Deutschland zu wollen. Die Ankündigung westlicher Staaten, der Ukraine weitreichende Raketen für Angriffe in die Tiefe Russlands zu geben, habe Empörung ausgelöst: Dann seien entsprechende Ziele auch für Russland legitim. Er hoffe, dass es nicht so weit komme und die Vernunft siege.
Russland sei „noch nicht bereit“, seine mächtigsten Waffen zu nutzen; es gebe Nukleardoktrinen. „Aber unsere Geduld ist auch nicht grenzlos.“ Besonders empörend seien gezielte ukrainische Angriffe auf zivile Ziele wie Schulen. Russland bekämpfe keine Zivilisten, sondern militärische Objekte, Energie, Logistik und Infrastruktur – wobei die Ukraine militärische Objekte unter zivilen Einrichtungen verstecke.
Für Frieden brauche es den guten Willen der ukrainischen Führung (deren verfassungsmäßige Legitimität er infrage stellte), eine vernünftige Position der europäischen Staaten statt Ultimaten und dauerhaften Frieden mit Sicherheitsgarantien statt einer provisorischen Waffenruhe. Die Voraussetzungen seien bekannt und von Putin und dem Außenminister mehrfach genannt. Die neue US-Administration unter Trump zeige ehrliches Interesse; aus Europa komme Widerstand.
Netschajew schloss mit der Mahnung: Freundschaft und Vertrauen mit Russland hätten dem deutschen Volk stets positive Ergebnisse gebracht. Schlechte Beziehungen hätten beiden Völkern Katastrophen und Tragödien beschert. „Schluss damit.“
Das Gespräch endete, weil der Botschafter nach den Sanktionen weitere Termine wahrnehmen musste. Der Moderator betonte, er spreche mit allen Seiten, um sich ein eigenes Bild zu machen.