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Nachruf: Alan Greenspan – der entzauberte Magier

Nach Jahren des Aufschwungs und niedriger Inflation galt Alan Greenspan vielen als Magier der Märkte. Kritiker sahen in ihm dagegen einen Verursacher der Finanzkrise von 2008. Jetzt ist der frühere Fed-Chef gestorben. Wer war er wirklich?

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Nach Jahren des Aufschwungs und niedriger Inflation galt Alan Greenspan vielen als Magier der Märkte. Kritiker sahen in ihm dagegen einen Verursacher der Finanzkrise von 2008. Jetzt ist der frühere Fed-Chef gestorben. Wer war er wirklich?

Einer der letzten Auftritte des Maestros gleicht einem Verhör. Es ist Oktober 2008. Die Welt befindet sich in der schlimmsten Finanzkrise seit Jahrzehnten. An den Börsen wurden bereits Milliarden Dollar vernichtet. Und während noch Millionen Menschen um ihre Jobs bangen, hat sich ein Untersuchungsausschuss bereits auf die Suche nach den Schuldigen gemacht. „Lagen Sie falsch?“, fragt der Vorsitzende des Ausschusses. „Teilweise“, sagt Alan Greenspan in der Videoaufnahme.

Der Mann, der von 1987 bis 2006 die mächtigste Zentralbank der Welt leitete, drückte sich zeitlebens bewusst unverständlich aus. „Wenn ich Ihnen zu deutlich erscheine, haben Sie meine Worte wohl missverstanden“, bleibt eines seiner bekanntesten Zitate. Und genauso schwer ist es, einen klaren Schluss über das Schaffen des ehemaligen Zentralbankers zu finden. Manche feiern ihn noch immer als Maestro, den großartigsten Zentralbanker aller Zeiten, der den Weg ebnete für den längsten wirtschaftlichen Aufschwung der US-Geschichte. Kritiker sehen in ihm den Verantwortlichen für die größte Finanzkrise seit den 1930er-Jahren. Jetzt ist Alan Greenspan im Alter von 100 Jahren gestorben. Wer war der Mann?

Vom Jazzmusiker zum Fed-Präsidenten

Alan Greenspan wurde 1926 als einziger Sohn des Börsenmaklers Herbert Greenspan und der Hausfrau Rose Goldsmith geboren. Die Ehe seiner Eltern hielt nur wenige Jahre. Mit fünf zogen er und seine Mutter bei den Großeltern ein. Schon damals ließen die Verwandten den jungen Greenspan oft seine Rechenkünste vorführen. Doch der Großvater, ein Kantor in einer Bronxer Synagoge, wollte ihm lieber die Musik nahebringen. Greenspan lernte, Klarinette zu spielen.

So wurde er, als das Militär ihn 1944 nach seinem Schulabschluss wegen Tuberkuloseverdachts ablehnte, Jazz-Musiker. Als 18-Jähriger heuerte er als Klarinettist in der Big Band des Trompeters Henry Jerome an. „Ich war fasziniert vom Musik und stellte mir vor, mit dem Glenn Miller Orchester zu spielen oder ein zweiter Benny Goodman zu werden“, sagte Greenspan einmal in einer Video-Ansprache an High-School-Schüler.

Doch die Musik war nicht seine Welt. In den Pausen verzog sich Greenspan immer öfter in die Hinterzimmer, erinnert er sich in seinen Memoiren. „Die haben sich schnell mit dem Geruch von Tabak und Marihuana gefüllt“. Er aber habe dagesessen und Wirtschaftsbücher gelesen.

Eine gute Entscheidung. Denn bald stellte sich heraus, wo Greenspans wahres Talent lag. Nach fünf Jahren schloss er die New York University 1950 mit einem Master in Volkswirtschaftslehre ab und machte sich schnell als Finanz- und Unternehmensberater einen Namen in der City.

Zur selben Zeit sympathisierte er mit den Ansichten der libertären Denkerin Ayn Rand. 1968 schloss sich Greenspan daher der Präsidentschaftskampagne des Republikaners Richard Nixon an. Dessen Nachfolger sollten in ihm ihren Lieblingsökonomen finden. Gerald Ford machte Greenspan 1974 zum Mitglied im ökonomischen Beratergremium des Präsidenten. Greenspan holte zu dieser Zeit mit 51 seinen Doktortitel nach. Der nächste republikanische Präsident, Ronald Reagan, kürte Greenspan mit 61 schließlich zum Fed-Vorsitzenden.

Krisenmanager oder Krisenverursacher

Seine Zeit bei der Fed sollte ihm ungekannten Ruhm einbringen. Greenspan wurde so oft wie kein anderer Zentralbankvorsitzender in seinem Amt bestätigt, selbst dann, wenn die Demokraten an der Macht waren.

Bill Clinton lobte Alan Greenspan in den höchsten Tönen, als er den 73-Jährigen am 4. Januar 2000 für eine weitere Amtszeit wählte. „Er war einer der Allerersten, der die Macht der New Economy erkannt hat, sämtliche Regeln und Möglichkeiten zu verändern“, sagte Clinton über ihn, noch kurz bevor die New Economy Bubble platzte. Der republikanische Senator John McCain toppte Clintons Lob 1999 noch: „Ich würde Greenspan nicht nur wieder wählen. Wenn er sterben sollte – Gott bewahre –, würde ich ihn hinter seinem Schreibtisch aufrichten, ihm eine Sonnenbrille aufsetzen und ihn so lange wie möglich behalten“, sagte er. 

Politiker liebten Greenspan, weil er die Wirtschaft immer am Laufen hielt. Schon kurz nach seiner Amtsübernahme 1987 musste er die erste Krise meistern. Am 19. Oktober, dem „Schwarzen Montag“, brachen die Börsenkurse weltweit um bis zu 20 Prozent ein. Doch unter Greenspan senkte die Fed den Leitzins prompt. Er fiel von knapp sieben Prozent bis 1992 auf zeitweise bis zu drei Prozent. Die Wirtschaft wuchs bald wieder, die Aktienkurse stiegen. Ob Ölpreisschock oder Dotcom-Bubble, auf Greenspan, so wusste die ganze Welt, ist Verlass.

Für diese Verlässlichkeit gab es bald sogar einen eigenen Begriff: der Greenspan Put. Denn Greenspans Geldpolitik wirkte wie ein Put, ein Termingeschäft, mit dem Investoren die Kurse ihrer Papiere nach unten absichern können.

Doch Greenspans Medizin für die Wirtschaft kam mit vielen Nebenwirkungen. Die US-Haushalte verschuldeten sich immer stärker, der Immobilienboom erreichte beängstigende Dimensionen, die Hypothekenschulden hatten sich in der Ära Greenspan verdreifacht. Höhere Zinsen für höheres Risiko wurden immer wieder von einer Politik des billigen Geldes weggeblasen. Vor allem aber hielt Greenspan wenig davon, sich für die Regulierung komplexer Finanzinstrumente einzusetzen. Als Greenspan die Zinsen nach der Dotcom-Bubble auf ein Prozent gesenkt hatte, sprach der britische „Economist“ Mitte der 2000er-Jahre gar von der größten Blase der Geschichte.

Dass es Mitte der 2000er-Jahre eine Blase gab, dass Immobilienkredite viel zu leichtfertig vergeben wurden, all das ist heute bekannt. Greenspan war da nicht mehr im Amt. 2006 übergab er an seinen Nachfolger Ben Bernanke.

Dennoch sehen im Oktober 2008 viele Politiker in Greenspan den Verantwortlichen für die Finanzkrise. Und obwohl er selbst 2008 noch die guten Seiten seiner Geldpolitik verteidigt, findet er vor dem Untersuchungsausschuss überraschend klare Worte: „Ich habe einen Fehler gemacht, als ich annahm, dass die Eigeninteressen von Organisationen, insbesondere von Banken und anderen, so beschaffen sind, dass sie am besten in der Lage sind, ihre eigenen Aktionäre und ihr Eigenkapital in den Unternehmen zu schützen.“

Greenspan selbst trat nach einigen Jahren als Bankberater und Rentner noch einmal 2019 in Erscheinung, als er zusammen mit den ehemaligen Zentralbanken Paul Volcker, Ben Bernanke und Janet Yellen einen Aufruf für eine unabhängige US-Notenbank unterzeichnete, die sie durch den damaligen und heutigen US-Präsidenten Donald Trump gefährdet sahen.  

Währenddessen arbeiteten sich einige Ökonomen und Autoren an Greenspan ab. Der liberale Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman nannte Greenspan gar den „schlechtesten Ex-Chairman der Geschichte“, der Greenspan-Biograf Sebastian Mallaby kam 2016 immerhin zu dem Schluss, dass Greenspan sich für mehr Regulierung eingesetzt habe, aber nicht stark genug durchgegriffen habe.

Man sollte Greenspan für beides in Erinnerung behalten, seine lange, erfolgreiche Zeit als Stütze der Wirtschaft auch in schwierigen Zeiten, und als Marktgläubigen und Mitverantwortlichen für die Finanzkrise, aus dessen Fehlern die Nachwelt lernen kann.

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