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Die Alten gehen in Rente, die Jungen können die Lücke nicht füllen. Eine Studie zeigt, wie viel Zuwanderung es dafür bräuchte – und was sich bei der Integration verbessern muss.
Die Rente soll reformiert werden. Die Krankenversicherung auch. Und die Pflege sowieso. Dass die Bundesregierung parallel an allen großen Säulen der Sozialversicherung schraubt, hat einen gemeinsamen Grund: Deutschland altert. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand, werden krank und pflegebedürftig. Und es kommen nicht genug Junge nach, um das zu bezahlen.
Doch es gibt einen Joker, der die Vergreisung Deutschlands aufhalten oder gar stoppen kann. Mehr Zuwanderung und eine bessere Integration dieser Menschen in den Arbeitsmarkt könnten Deutschland entscheidend dabei helfen, den Fachkräftemangel zu lindern, die Steuereinnahmen zu erhöhen und die Sozialkassen zu stabilisieren. Das zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung.
In den nächsten zehn Jahren geht etwa jeder vierte Beschäftigte in Rente. Und die Lücken, die die Babyboomer am Arbeitsmarkt hinterlassen, wären schon heute wesentlich größer, wenn sie nicht durch Zuwanderer teilweise ausgeglichen würden. So ist die Zahl der deutschen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr um 269.000 Personen auf knapp 29 Millionen gesunken. Die Zahl der ausländischen Beschäftigten hingegen stieg um 194.000 auf insgesamt rund 5,9 Millionen Personen.
Unterm Strich blieben im ersten Quartal fast 1,2 Millionen Stellen unbesetzt, ohne das Plus bei den ausländischen Beschäftigten wären es deutlich mehr gewesen, heißt es in dem Bertelsmann-Papier. „Ohne Zuwanderung in beträchtlicher Höhe geraten viele Branchen in Schwierigkeiten“, sagt Studienautor Tobias Ortmann. „Auch, wenn mancherorts Stellen abgebaut werden, gibt es weiterhin über eine Million offene Stellen in Deutschland. Wer den Wohlstand unserer Gesellschaft bewahren will, muss die Integration von Zugewanderten verbessern.“
In einigen Bereichen würde ohne Zugewanderte auch schon heute nicht viel laufen. Vor allem in unterdurchschnittlich bezahlten Berufen ist der Anteil ausländischer Arbeitskräfte hoch. In Reinigungsberufen stellt die Gruppe fast jeden zweiten Beschäftigten, in der Lebensmittelbranche sind es vier von zehn. Auch im Tourismus-, Hotel- und Gaststättengewerbe sowie auf dem Bau sind mehr als ein Drittel der Beschäftigten Ausländer.
Insgesamt haben derzeit rund 17 Prozent der in Deutschland sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine ausländische Staatsangehörigkeit. Um die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland stabil zu halten, bräuchte es in den kommenden Jahren laut Szenario-Rechnungen zwischen 288.000 und 368.000 Zuwanderer netto jährlich. Tatsächlich kamen im Jahr 2025 nur 220.000 mehr ins Land, als auswanderten.
Aber auch bei denen, die schon da sind, sehen die Studienautoren noch erhebliche Potenziale. So zeigt die Analyse zwar, dass geflüchtete Männer ein paar Jahre nach Ankunft genauso häufig einen Job haben wie Nicht-Ausländer. Bei den Frauen ist die Erwerbsbeteiligung aber stark unterdurchschnittlich. Gründe sind laut Studie unter anderem Probleme mit der Kinderbetreuung, sprachliche Hürden, fehlende Netzwerke sowie die kulturellen Prägungen.
Zudem sind Ausländerinnen und Ausländer auf dem Arbeitsmarkt gleich doppelt benachteiligt: Sie haben im Schnitt eine geringere Qualifikation, und landen trotzdem häufiger in Jobs, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Helfen würde daher nicht nur mehr Fortbildungen, sondern auch eine bessere Anerkennung von im Ausland erworbenen Ausbildungen. „Themen wie Sprache, Behördenprozesse und Kinderbetreuung müssen als durchgängige Integrationskette funktionieren“, sagt Studienautor Roman Wink.
Eine große Rolle spielt letztlich auch das gesellschaftliche Klima. „Eine Debatte, in der Migration vor allem als Problem verstanden und diskutiert wird, steht im Widerspruch zu der realen Rolle, die Migranten für Arbeitsmarkt und Gesellschaft in Deutschland spielen“, heißt es im Fazit der Studie. Wertschätzung hingegen wirke sich positiv auf Zugehörigkeit, Motivation und die Entscheidung zu bleiben aus.
Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.