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Kolumne: Die Chemiekonzerne laufen der Krise hinterher

Nun streicht also auch Evonik weitere Arbeitsplätze – wie die anderen Unternehmen in der Chemieindustrie auch. Doch wieder einmal kommt alles spät. Warum eigentlich?

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Nun streicht also auch Evonik weitere Arbeitsplätze – wie die anderen Unternehmen in der Chemieindustrie auch. Doch wieder einmal kommt alles spät. Warum eigentlich?

Manchmal ist es ein einziger Halbsatz in einer länglichen Verlautbarung, der die ganze Misere eines Unternehmens verrät. In der vergangenen Woche verkündete Evonik den Abbau von 3200 weiteren Jobs und die Schließung seines gesamten Geschäfts mit der Chemiefaser Polyester. In diesem Bereich fallen weltweit rund 350 Arbeitsplätze weg. Zur Begründung heißt es, die Standorte in Marl und Witten seien „seit Jahren nicht mehr profitabel“. Stellt sich die Frage: Warum schließt Evonik erst jetzt die vergleichsweise kleine Produktion mit einem Jahresumsatz von 150 Mio. Euro, wenn man mit dem Massenprodukt Polyester seit langem kein Geld verdient?

Ein Teil der Antwort liegt in dem innigen Bündnis zwischen dem Management und der mächtigen Gewerkschaft IG BCE. In keiner Industrie verfügen die Funktionäre über so viel Einfluss wie in der Chemie. Das zeigt sich an dem außerordentlich hohen Lohnniveau, aber auch bei den ungewöhnlich starken Hürden für den Personalabbau. Die Manager scheuen den Konflikt mit der Gewerkschaft und reagieren bei vielen kleinen Baustellen zu spät. Und müssen dann aber irgendwann doch handeln und in großem Stil Jobs streichen. So wie jetzt bei Evonik, wo ein Zehntel der gesamten Belegschaft gehen soll.

Evonik-Chef Christian Kullmann macht die „weltpolitische Lage“ und das „schwache Wachstum“, „große Unsicherheiten“ und immer „härteren Wettbewerb“ für alles verantwortlich. Alle diese Faktoren wirken jedoch seit mindestens fünf Jahren auf das Chemiegeschäft ein. Genauso lange hört man die Klagen und Forderungen der Industrie. Und Kullmann gehört seit langem zu den schrillsten Lautsprechern der Branche, wenn es um Vorwürfe gegen die deutsche Politik geht. Offenbar fehlt es aber an der gleichen Energie, wenn es um die selbst lösbaren Probleme im eigenen Konzern geht.

Die Probleme der deutschen Chemiekonzerne sind hausgemacht

Evonik und die anderen Chemiekonzerne laufen der Krise immer noch hinterher, statt sich proaktiv auf die neue Gesamtlage einzustellen und endlich vor die Welle zu kommen, die über der gesamten Branche zusammenschlägt. Auf vielen Feldern fehlt den deutschen Konzernen die notwendige Masse, um mit den großen Wettbewerbern mitzuhalten. Vor allem mit den aggressiven Herstellern aus Asien. Die Chinesen stellen mit ihren halbstaatlichen, hoch subventionierten Konzernen mittlerweile 60 Prozent des Weltbedarfs an Polyester her. Das Evonik mit 45 (!) Beschäftigten am Standort Shanghai nicht mit den chinesischen Riesen mithalten konnte, kann kaum verwundern.

Es zeigt sich immer wieder, dass die deutschen Chemiekonzerne zum größten Teil selbst an ihren heutigen Problemen schuld sind. Die ständigen Klagen über die Rahmenbedingungen der Branche kann man nur als Nebelwand bezeichnen. So liegen die Energiepreise inzwischen deutlich unter ihrem Höhepunkt – aber in der Gewinn- und Verlustrechnung der Konzerne spiegelt es sich kaum wider. Es wäre Zeit für die Unternehmen, sich ehrlich zu machen und sich endlich ihrer eigenen Verantwortung zu stellen.  

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