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Auf die Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen Indien und der EU freuen sich Unternehmen beider Seiten. Auch Anish Shah, CEO der Mahindra-Gruppe im Mumbai, sieht darin eine große Chance.
Capital: Europa freut sich über die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit Indien. Was erwartet man von dem Abkommen in Indien?
ANISH SHAH: Das Abkommen ist gut ausbalanciert, ein Gewinn für beide Seiten. Indische Unternehmen werden dadurch mehr in Europa tun können, auch in Europa produzieren. Wir freuen uns darauf, unsere Präsenz in Europa auszuweiten. Unsere Autos sind Weltklasse und kommen bei den Kunden extrem gut an. Wir möchten diese Autos in Zukunft nach Europa bringen.
Europa war bisher kein besonders attraktiver Exportmarkt für indische Unternehmen, auch wegen der höheren Anforderungen. Können Sie mit europäischen Konzernen konkurrieren?
Wir haben unseren Marktanteil in Indien in den letzten Jahren verdoppelt, obwohl auch hier eine sehr starke, internationale Konkurrenz herrscht. Fast alle globalen Autokonzerne produzieren inzwischen bei uns, dennoch konnten wir unsere Absatzzahlen vervierfachen. Wir sind heute der zweitgrößte Autoproduzent in Indien. Wir werden uns weiter auf den indischen Markt konzentrieren, der immer noch großartige Wachstumschancen bietet. Bei der Qualität unserer Autos wollen wir künftig aber nicht nur den europäischen Markt ins Visier nehmen, sondern auch andere Märkte weltweit.
Bei den elektrischen Fahrzeugen sind die Chinesen weltmarktführend. Was ist der Wettbewerbsvorteil von Mahindra gegenüber chinesischen E-Fahrzeugen?
Wir können mit den chinesischen und auch mit den europäischen E-Fahrzeugen konkurrieren. Wir haben mehrere Preise für unsere Modelle gewonnen, sie schnitten hervorragend in verschiedenen Tests ab. Wir bieten modernste Technologie und gute Handhabung und erfüllen strengste Sicherheitsstandards. Unsere Devise war immer: Denk lokal und baue Autos für diesen Markt. Denn jeder Kunde hat unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen – die Autofahrer in China haben andere als in Indien, und auch in Europa sind sie anders. Wir konnten die Wünsche der Kunden in Indien erfüllen, deswegen hatten wir Erfolg. So wollen wir auch in Europa vorgehen: Autos produzieren, die gezielt für den europäischen Markt entwickelt sind – Fahrzeuge, die den Geschmack der europäischen Kunden treffen und sich nach deren Bedürfnissen richten. Auch preislich sind wir wettbewerbsfähig.
Die Mahindra-Gruppe ist weltweit der größte Produzent von Traktoren. Werden Sie nach der Ratifizierung des Freihandelsabkommens auch in dieser Sparte nach Europa expandieren?
Wir prüfen derzeit unsere Marktchancen in allen Geschäftssparten von Mahindra. Europa ist ein großer Markt. Ja, bei Landwirtschaftsgeräten sehen wir Wachstumschancen. Mit Mahindra Tech sind wir bereits in Europa vertreten – und wollen uns weiter verstärken. Das Gleiche gilt für den Tourismus und das Gastgewerbe; wir wollen unsere bisherige Präsenz in Skandinavien geografisch ausbauen.
Mit dem Freihandelsabkommen werden auch mehr europäische Erzeugnisse nach Indien kommen. Können indische Produzenten dadurch Absatzprobleme bekommen?
Der Wettbewerb in Indien ist seit 20 Jahren stark, viele europäische Konzerne fertigen bereits hierzulande. Mit dem Freihandelsabkommen wird die Zahl neuer Investitionen steigen, denn die Produktion in Europa plus der Transport nach Indien sind teurer als die Produktion vor Ort. Wettbewerb ist jedoch etwas Gutes – er hilft uns, besser, effizienter und innovativer zu werden. Indische Unternehmen sind sehr anpassungs- und widerstandsfähig und arbeiten hart. Nehmen Sie Mahindra: Wir sind groß geworden, obwohl man uns schon nach der Liberalisierung in den 1990er-Jahren abschreiben wollte. Und wir haben bewiesen, dass wir mit Unternehmen in der ganzen Welt konkurrieren können.
Die Verhandlungen über das Abkommen kamen lange kaum voran. Ist der Erfolg jetzt der aggressiven US-Zollpolitik und geopolitischen Spannungen geschuldet?
Die indische Regierung arbeitet seit Jahren konsequent an der Öffnung der Märkte und am Abbau von Handelsschranken. Indien und die EU sind zwei starke Partner, die sich trotz kultureller Unterschiede sehr nahestehen. Sie stehen für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Möglicherweise wurde die Annäherung durch die geopolitische Lage zusätzlich beschleunigt.
Deutsche Investoren in Indien klagen immer wieder über Rechtsunsicherheit und Intransparenz der Regeln. Zu Recht?
Die Rahmenbedingungen für Unternehmen haben sich dramatisch verbessert. Im Geschäftsklima-Ranking der Weltbank hat Indien einen gewaltigen Sprung gemacht. Natürlich gibt es noch Punkte, die angegangen werden müssen. Aber die Regierung ist bemüht und hört auf unsere Ratschläge.
Kann das Freihandelsabkommen zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung führen?
Das wäre ein großer Gewinn für Unternehmen auf beiden Seiten. Wir könnten gemeinsam Produkte entwickeln, die weltweit Maßstäbe setzen. Der Schutz des geistigen Eigentums – der früher nicht den westlichen Standards entsprach – hat sich stark verbessert. Heute ist Indien in dieser Hinsicht mit entwickelten Volkswirtschaften vergleichbar: Man kann die Ideen anderer nicht einfach übernehmen und kopieren. Darüber wachen auch Unternehmen wie Mahindra, die über viele eigene Patente und Entwicklungen verfügen.
Ist Indien auf die KI-Revolution gut vorbereitet?
In all unseren Industrien nutzen wir KI bereits, um Fertigungsprozesse zu verbessern und effizienter zu gestalten. Sie hilft uns, Kosten zu reduzieren, und spielt eine wichtige Rolle in der Qualitätsprüfung. Wir investieren nicht in Rechenzentren oder Halbleiterproduktion. Ansonsten glaube ich, dass wir zur Spitzengruppe gehören.
Indien ist ein Vorreiter der Digitalisierung. Wie wirkt sich die Digital Public Infrastructure (DPI) auf die Wirtschaft aus?
Indien profitiert stark von der DPI. Sie macht Geschäfte wettbewerbsfähiger, reduziert Bürokratie, vereinfacht und beschleunigt Abläufe, erhöht die Transparenz, senkt Transaktionskosten und ermöglicht Geldüberweisungen in Echtzeit. Viele Plattformen, die an die DPI angebunden sind, erleichtern den Handel erheblich. Es ist ein ganzes Ökosystem entstanden, das die Arbeit der Unternehmen unterstützt.
Was wäre Ihrer Meinung nach das größte Risiko für einen deutschen Mittelstands-Investor in Indien?
Der deutsche Mittelstand verfügt über hervorragende Produkte und Technologien, die er in Indien anbieten kann. Mit 1,45 Milliarden Menschen bietet Indien einen riesigen Markt, und es gibt keinen Mangel an Arbeitskräften. Man muss den Markt jedoch verstehen und das eigene Produkt entsprechend anpassen. Dann kann man erfolgreich sein.