{"id":10374,"date":"2026-06-19T16:04:23","date_gmt":"2026-06-19T14:04:23","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/das-politische-ukrainertum-gaerte-ueber-jahrhunderte\/"},"modified":"2026-06-19T16:04:23","modified_gmt":"2026-06-19T14:04:23","slug":"das-politische-ukrainertum-gaerte-ueber-jahrhunderte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/das-politische-ukrainertum-gaerte-ueber-jahrhunderte\/","title":{"rendered":"Das politische Ukrainertum g\u00e4rte \u00fcber Jahrhunderte"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Igor Karaulow<\/em><\/p>\n<p>In letzter Zeit sto\u00dfe ich im Internet auf ausf\u00fchrliche \u00c4u\u00dferungen verschiedener Blogger, die sich f\u00fcr oder gegen die These &#8222;Lenin hat die Ukraine geschaffen&#8220; aussprechen. Ein Meinungsaustausch, bei dem der Leser unweigerlich viel Interessantes erf\u00e4hrt, ist an sich zu begr\u00fc\u00dfen. Doch das Thema ist meiner Meinung nach ungl\u00fccklich gew\u00e4hlt und lenkt uns vom Problem der &#8222;ukrainischen Identit\u00e4t&#8220; hin zur Figur Lenins selbst, was die Diskussion zu einer weiteren Fortsetzung des endlosen Streits zwischen Roten und Wei\u00dfen (Kommunisten und Monarchisten im russischen B\u00fcrgerkrieg) macht. Den einen ist es wichtig, die Unbescholtenheit des Anf\u00fchrers des Proletariats auch in dieser speziellen Frage zu verteidigen, w\u00e4hrend die anderen das Ergebnis eines langen historischen Prozesses auf eine einzige Person abw\u00e4lzen wollen, weil es so einfacher ist.<\/p>\n<p>Lenin hat die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik geschaffen, aber das Wesen der Ukraine existierte nat\u00fcrlich schon vor Lenin: Da der Dichter Taras Schewtschenko in seinem Testament verlangte, in der &#8222;lieblichen Ukraine&#8220; beigesetzt zu werden, gab es anscheinend schon damals (im 19. Jahrhundert) einen Ort, an dem man ihn begraben konnte. Und auch beim Dichter Alexander Puschkin gibt es die &#8222;stille ukrainische Nacht&#8220; und keine andere \u2013 das hat sich Lenin ganz sicher nicht ausgedacht, genauso wenig wie er sich den Hetman Iwan Masepa ausgedacht hat.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus kann man nicht behaupten, dass die Geschichte des Ukrainertums erst im 17. Jahrhundert beginnt, als der Moskauer Staat zum ersten Mal auf politischer Ebene mit den Kleinrussen in Kontakt kam, indem er ein B\u00fcndnis mit den Saporoschjer Kosaken unter Bogdan Chmelnizki schmiedete.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Spaltung des einheitlichen russischen Raums muss wohl im 12. Jahrhundert beginnen, als F\u00fcrst Andrej Bogoljubski \u2013 \u00fcber den in Russland k\u00fcrzlich eine recht sehenswerte Fernsehserie ausgestrahlt wurde \u2013 die politischen Beziehungen zu Kiew abbrach und beschloss, im Nordosten der Rus\u2019 einen eigenen Staat aufzubauen; unter den damaligen Umst\u00e4nden h\u00e4tte man ihn als Separatisten bezeichnen k\u00f6nnen, obwohl der Prozess der Abspaltung der Regionen zu jenem Zeitpunkt eine logische Entwicklung war.<\/p>\n<p>Die mongolische Invasion stellte die russischen F\u00fcrstent\u00fcmer angesichts der \u00fcberw\u00e4ltigenden Macht der Horde auf eine Stufe, ebnete jedoch den Weg f\u00fcr neue staatliche Projekte, die sich im Laufe des 14. Jahrhunderts entfalteten.<\/p>\n<p>Dieses Jahrhundert ist uns vor allem durch den Aufstieg des F\u00fcrstentums Moskau bekannt, das nach und nach die umliegenden Gebiete unter seine Herrschaft brachte. Die hellsten Sterne der russischen Geschichte waren zu jener Zeit jedoch die litauischen F\u00fcrsten, die \u2013 \u00e4hnlich wie die neuen War\u00e4ger \u2013 rasch einen riesigen Staat schufen und die s\u00fcdwestliche Rus, einschlie\u00dflich Kiew, mehr als hundert Jahre fr\u00fcher vom Joch der Horde losl\u00f6sten, als es Moskau gelang, sich davon zu befreien.<\/p>\n<p>Am Ende des 14. Jahrhunderts waren die russisch-orthodoxen Menschen und Gebiete in vier grundlegend unterschiedliche politische Projekte eingebunden: Nowgorod, das auf den Handel mit Europa ausgerichtet war und auf der Suche nach neuen Warenquellen immer weiter nach Osten und Norden vordrang; Moskau, das in den eurasischen Raum der Horde integriert war und sich bereits darauf vorbereitete, in den Kampf um die Vorherrschaft \u00fcber diesen Raum einzutreten; Polen, das sich f\u00fcr den europ\u00e4ischen Katholizismus entschieden und die Galizische Rus in sich eingegliedert hatte, die zuvor zum Regnum Rusiae, dem &#8222;K\u00f6nigreich der Rus&#8220;, geworden war; und das Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen, das sich in der Rolle eines Pufferstaates zwischen Ost und West wiederfand.<\/p>\n<p>Wenn wir vom Erbe Nowgorods sprechen, meinen wir fast immer ausschlie\u00dflich die republikanische Wetsche-Verfassung. Doch meiner Meinung nach ist das nicht das Wesentliche. Im 15. Jahrhundert besiegte Moskau Nowgorod, entfernte die Wetsche-Glocke, erbte jedoch die nord\u00f6stliche Ausrichtung der Nowgoroder Expansion und f\u00fcgte sie seiner eigenen s\u00fcd\u00f6stlichen Ausrichtung hinzu. Die Eroberung von Kasan und Astrachan war eine reine Angelegenheit Moskaus, ein Kampf um das Erbe der Horde, w\u00e4hrend die Entdecker des 16. und 17. Jahrhunderts, die um der Pelzabgaben willen bis zum Pazifik vordrangen, bereits die Erben der Nowgoroder &#8222;Uschkuiniki&#8220; (Piraten) waren.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise hat das geo\u00f6konomische Prinzip Nowgorods das weitere Schicksal Russlands nicht weniger gepr\u00e4gt als die hordnisch-byzantinische politische Tradition Moskaus, und dies wird besonders deutlich ab der Zeit des Zaren Peters des Gro\u00dfen. Denn Sankt Petersburg ist im Grunde genommen ein &#8222;Neu-Nowgorod&#8220;, gegr\u00fcndet auf den von den Schweden zur\u00fcckeroberten Nowgoroder Gebieten (und Peterhof ist zudem der Name eines deutschen Handelshofs in Nowgorod aus der Zeit der Hanse).<\/p>\n<p>Das postsowjetische Russland lebte bis zur milit\u00e4rischen Sonderoperation, bis zur &#8222;Wende nach Osten&#8220;, genau nach dem Nowgoroder Schema: als Rohstoff-Supermacht, die sich auf die Ressourcenbasis Sibiriens und der Arktis sowie auf westliche Absatzm\u00e4rkte st\u00fctzte.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, sowohl die Republik Nowgorod als auch der Moskauer Staat waren eigene Projekte des russischen Volkes. In Polen und Litauen hingegen haben sich die Russen nie als Herren gef\u00fchlt. Besonders bedauerlich ist dies im Hinblick auf das Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen, das trotz seiner mehrheitlich russischen Bev\u00f6lkerung nie zu einem weiteren russischen Projekt werden konnte; leider verf\u00fcgten die litauischen F\u00fcrsten zwar \u00fcber Energie und Willen, aber es fehlte ihnen an historischem Gesp\u00fcr. In Polen hingegen wurde der Weg zur Vernichtung der russischen und orthodoxen Identit\u00e4t methodisch beschritten. All dies f\u00fchrte jedoch weder im 16. noch im 17. Jahrhundert zur Entstehung des Ukrainertums in seinem heutigen, antirussischen Sinne, schuf jedoch den N\u00e4hrboden f\u00fcr dessen Entstehung.<\/p>\n<p>Insbesondere ist das Kennzeichen des Ukrainertums, bei allem Getue um die &#8222;Unabh\u00e4ngigkeit&#8220;, seine Subjektlosigkeit. Wenn sich Menschen nicht als\u00a0Akteure\u00a0der Geschichte f\u00fchlen, dann denken sie nur daran, wem sie dienen sollen, an wen sie sich am vorteilhaftesten verkaufen k\u00f6nnen, wie sie ihren derzeitigen Herrn betr\u00fcgen und wie sie zu einem neuen \u00fcberlaufen k\u00f6nnen. Bei aller Gr\u00f6\u00dfe der Figur Bogdan Chmelnizkis ist es schwer zu vergessen, wie die Saporoschjer nacheinander mal dem russischen Zaren, mal dem polnischen K\u00f6nig, mal dem t\u00fcrkischen Sultan die Treue schworen. So waren diese Menschen nirgendwo zu Hause und immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht.<\/p>\n<p>Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte Russland fast alle historischen Gebiete der urspr\u00fcnglichen Rus zur\u00fcckerobert, doch dieses &#8222;Fast&#8220; erwies sich als verh\u00e4ngnisvoll: Im Zuge der Teilungen Polens wurde die leidgepr\u00fcfte galizische Rus dem \u00d6sterreichischen Reich zugeschlagen. Daher entwickelte sich das Nationalbewusstsein der Russinen (wie die einheimischen orthodoxen Slawen genannt wurden) au\u00dferhalb des allrussischen Kontexts, nach dem Vorbild der Nationalismen anderer slawischer V\u00f6lker dieses Reiches \u2013 der Tschechen, Slowaken, Kroaten und Slowenen. Unter ihnen gab es (wie \u00fcbrigens auch bei den Tschechen zu jener Zeit) eine starke russophile Intelligenzija, doch die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden f\u00f6rderten gerade jene Aktivisten, die sich als &#8222;Ukrainer&#8220; bezeichneten, und sie arbeiteten mit den russischen &#8222;Ukrainophilen&#8220; zusammen. Das Ukrainertum wurde gezielt im galizischen Reagenzglas wie ein Gift gez\u00fcchtet, das die russische Einheit vergiften sollte. Doch dieses Reagenzglas selbst war bereits f\u00fcnf Jahrhunderte zuvor entstanden, als der westlichste Teil der Rus in einem fremden Zivilisationsprojekt gefangen war.<\/p>\n<p>Stalin vollendete nach dem Gro\u00dfen Sieg im Zweiten Weltkrieg die Wiedervereinigung der Ostslawen, doch es war zu sp\u00e4t: Das galizische Gift, das in den Organismus der sowjetischen Ukraine gelangt war, begann zu wirken. Den Nationalisten blieb nichts anderes \u00fcbrig, als auf Gorbatschow zu warten, um das riesige Gebiet in Besitz zu nehmen, auf dem am Ende der Sowjet\u00e4ra 52 Millionen Menschen lebten.<\/p>\n<p>Diese traurige Geschichte l\u00e4sst dennoch Raum f\u00fcr Optimismus. Wie sehr die Russophobie in der Ukraine auch eskalieren mag, das politische Ukrainertum wird niemals zu einem eigenst\u00e4ndigen\u00a0Akteur werden und ist unf\u00e4hig, ein eigenst\u00e4ndiges Dasein in der Geschichte zu f\u00fchren. Es wird seine derzeitigen Herren genauso bestehlen und verraten wie alle vorherigen. Und die einfachen Einwohner der Ukraine (oder dessen, was nach dem aktuellen Konflikt von ihr \u00fcbrigbleibt) werden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter begreifen, dass &#8222;zu den eigenen Leuten geh\u00f6ren&#8220; bedeutet, zu den Russen zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/vz.ru\/opinions\/2026\/6\/18\/1427731.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist am 18. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Igor Karaulow<\/strong> ist ein russischer Dichter und Publizist.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/283075-bild-vom-schrecklichen-russland-politisches\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das Bild vom &#8222;schrecklichen Russland&#8220; \u2013 ein politisches Instrument des Westens <\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v79aavo\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Igor Karaulow In letzter Zeit sto\u00dfe ich im Internet auf ausf\u00fchrliche \u00c4u\u00dferungen verschiedener Blogger, die sich f\u00fcr oder gegen die These &#8222;Lenin hat die Ukraine geschaffen&#8220; aussprechen. 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