{"id":10501,"date":"2026-06-20T16:10:56","date_gmt":"2026-06-20T14:10:56","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/der-spiegel-und-unser-krieg-gegen-russland\/"},"modified":"2026-06-20T16:10:56","modified_gmt":"2026-06-20T14:10:56","slug":"der-spiegel-und-unser-krieg-gegen-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/der-spiegel-und-unser-krieg-gegen-russland\/","title":{"rendered":"Der Spiegel und &#8222;Unser Krieg gegen Russland&#8220;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Sowas kommt wohl raus, wenn man nicht wei\u00df, wo man hin soll, zwischen der Propaganda von heute und der Wahrheit von gestern: ein Titelbild mit &#8222;Unser Krieg gegen Russland&#8220;, dessen erstes Wort die ganze erste Person Plural aufruft, mit der man heutzutage in Deutschland so gern bel\u00e4stigt wird. &#8222;Unsere Demokratie&#8220;. &#8222;Unsere Werte&#8220;.<\/p>\n<p>Freud h\u00e4tte daran seine Freude, denn die Wahrheit liegt in diesem Fall nicht tief begraben; anders als die Erinnerung an das Unternehmen Barbarossa, den \u00dcberfall am 22. Juni 1941 und all die Gr\u00e4uel, die folgten. Die sind n\u00e4mlich mitnichten &#8222;verscharrt&#8220;, nur oberfl\u00e4chlich bedeckt, wie im Text behauptet wird, den zu kochen es ganzer f\u00fcnf <em>Spiegel<\/em>-Redakteure bedurfte.<\/p>\n<p>Die Wahrheit erblickte nur kurz das Licht der (west-)deutschen \u00d6ffentlichkeit, genau in der Zeitspanne zwischen der Fernsehdokumentationsreihe &#8222;Der unvergessene Krieg&#8220;, die die USA und die Sowjetunion gegen Ende des Kalten Kriegs gemeinsam produzierten (in den USA 1978 erstmals gezeigt), und der Wehrmachtsausstellung 1995 \u2013 die selbst schon am Ende dieser kurzen Pause steht, weil bereits die Erinnerungspolitik zur Ausl\u00f6schung der DDR an dieser Wahrheit zog und zerrte und die offizielle Politik schwer damit besch\u00e4ftigt war, die alte M\u00e4r von rot gleich braun wieder aufzupolieren.<\/p>\n<p>Ganz zu schweigen von heute. Die <em>FAZ<\/em> reagierte schnell und mit Emp\u00f6rung auf den <em>Spiegel<\/em>-Titel und erkl\u00e4rte, der <em>Spiegel<\/em> &#8222;spielt Putins Propaganda in die H\u00e4nde&#8220;. Darauf folgt dann die erwartbare Suada \u00fcber das &#8222;verzerrte Geschichtsbild&#8220; des Kremls. Die kurze Atempause zwischen dem ersten und dem zweiten Kalten Krieg ist nun einmal schon lang vergessen.<\/p>\n<p>Der <em>Spiegel<\/em>-Artikel selbst, \u00fcbertitelt mit &#8222;Die verscharrte Schuld&#8220;, beginnt mit Gebein: &#8222;\u00dcber Jahrzehnte ausgeblichen, das schwarze Knochenmark im Inneren vertrocknet.&#8220; Es geht um ein Massengrab von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in Friedrichsfelde bei Berlin.<\/p>\n<p>Und dann kommt eine sehr kurze Beschreibung des Kriegs im Osten. Ohne zu erw\u00e4hnen, dass die Ausl\u00f6schung der vorhandenen Bev\u00f6lkerung geplant war, beginnend mit dem Aushungern zum Versorgen der Wehrmacht, und ohne zu erw\u00e4hnen, wie zentral in den Nazipl\u00e4nen die Zerlegung der Sowjetunion in m\u00f6glichst viele Kleinstaaten war, und welche Rolle die Kollaborateure spielten, die ukrainischen wie die baltischen, nicht zu vergessen die russischen der Wlassow-Armee.<\/p>\n<p>Ja, das w\u00e4re auch schwierig, weil das zu sehr ans Heute erinnert. Und es ist zu wichtig, an die Stelle der Sowjetunion ein ethnisiertes B\u00fcndel zu setzen und davon zu schreiben, dass &#8222;Russen&#8220; als Zwangsarbeiter gehalten wurden. Auch wenn eben jene, die sich auch nur ansatzweise derart als Ukrainer verstanden, wie das heute in Kiew erz\u00e4hlt wird, vor allem aus einer kleinen Region im Westen stammten, die bis 1939 nicht einmal Teil der Sowjetunion war: Galizien. Und die &#8222;Ukrainerinnen&#8220;, von denen die Rede ist, sich selbst als ukrainische Sowjetb\u00fcrgerinnen beschrieben h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&#8222;Viele wissen bis heute wenig dar\u00fcber, was ihre V\u00e4ter, Gro\u00dfv\u00e4ter und Urgro\u00dfv\u00e4ter in der Sowjetunion angerichtet haben, wie sie mordeten und halfen, Menschen nach Deutschland zu verschleppen, und wie viele Osteurop\u00e4er auf deutschem Boden zu Tode kamen.&#8220;<\/p>\n<p>Das klingt f\u00fcr jeden, der die Geschichte kennt, sehr schr\u00e4g. Denn es gab Verb\u00fcndete der Nazis in Osteuropa, die sogar am \u00dcberfall auf die Sowjetunion beteiligt waren. Rum\u00e4nische Einheiten beispielsweise. Und eben das Bataillon Nachtigall, oder sp\u00e4ter die Waffen-SS-Division Galizien. Richtig, die, die in die Schlagzeilen geriet, als das kanadische Parlament beim Besuch Selenskijs einem ihrer Mitglieder stehend applaudierte.<\/p>\n<p>Das erw\u00e4hnt der <em>Spiegel<\/em> nat\u00fcrlich nicht. Aber ziemlich schnell wird abgeleitet, dass das Gedenken politisch aufgeladen sei, weil &#8222;der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin&#8220; den Krieg, den er heute in der Ukraine f\u00fchre, &#8222;mit dem Kampf gegen &#8222;neue Nazis&#8220; rechtfertigt&#8220;. &#8222;Eine b\u00f6swillige Instrumentalisierung der Geschichte&#8220;.<\/p>\n<p>Jeder Stadtplan von Kiew zeigt eine gro\u00dfe, breite Stra\u00dfe mit dem Namen Stepan-Bandera-Allee. Sie f\u00fchrt genau nach Babi Yar. Es war keine russische Spezialeinheit, die zu Propagandazwecken die lieben, netten Kiewer Beh\u00f6rden mit vorgehaltener Waffe zwang, diese Stra\u00dfe so umzubenennen. Das taten die Ukrainer, die angeblich keine &#8222;neuen Nazis&#8220; sein sollen, von ganz alleine.<\/p>\n<p>Die Wehrmacht habe sich verrechnet, wird weiter erz\u00e4hlt, dann gibt es einen halben Satz zur Blockade von Leningrad und einen ganzen Satz zur Ideologie: &#8222;In der nationalsozialistischen Ideologie galten alle Slawen als &#8218;Untermenschen&#8216;, die es zu unterjochen galt.&#8220; Schon das ist besch\u00f6nigend \u2013 das Ziel war \u00fcberwiegend Ausrottung, nicht Unterjochung. Denn am Ende, das kann man im Generalplan Ost nachlesen, sollte das eroberte Land mit deutschen Siedlern best\u00fcckt und &#8222;germanisiert&#8220; werden (wem dabei Assoziationen an einige Ereignisse der Gegenwart kommen, hat einen weiteren Grund entdeckt, warum der <em>Spiegel<\/em> so oberfl\u00e4chlich bleiben muss).<\/p>\n<p>Dann gibt es eine kleine Personality-Geschichte zur &#8222;Aufarbeitung&#8220;, getragen von der Enkelin eines Generals. Drunter macht es der <em>Spiegel<\/em> nicht. Das liegt vermutlich an der sozialen Zusammensetzung der Sch\u00fcler jener Journalistenschulen, in denen der <em>Spiegel<\/em> seinen Nachwuchs pfl\u00fcckt \u2013 neben den Kunststudenten die handverlesenste Anh\u00e4ufung obersten B\u00fcrgertums, die sich findet. Die Geschichten der Proleten, die in diesen Krieg geschickt wurden, die in seinen Panzern verbrannten oder zwischen den Ruinen von Stalingrad verhungerten, die sehen anders aus. Herr General betrachtete das alles wohlversorgt aus der Etappe, und seine Enkelin zieht das Fazit, er habe B\u00f6ses getan, ohne b\u00f6se gewesen zu sein, weil das Blut an den H\u00e4nden seiner Untergebenen klebte.<\/p>\n<p>Es ist nicht die Unzug\u00e4nglichkeit des Bundesarchivs, die die Wahrnehmung dessen blockiert hat, was nach dem 21. Juni 1941 geschah. Eine \u00d6ffnung der Personalakten der Wehrmacht h\u00e4tte, wie eine \u00d6ffnung der Mitgliederkartei der Nazipartei, Ende der 1960er die Republik ersch\u00fcttert und wom\u00f6glich von ihrem finsteren Erbe reinigen k\u00f6nnen, aber heute, f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter? Sind die Naziakten eine Werbekampagne f\u00fcr den <em>Spiegel<\/em>. Man m\u00fcsste zumindest \u00fcber den Artikel 131 Grundgesetz sprechen, der die ganzen willf\u00e4hrigen Nazis wieder in den Staatsapparat zur\u00fcckbef\u00f6rderte, in der Bundesrepublik, damit diese Daten noch \u00fcberhaupt etwas bewirkten.<\/p>\n<p>Der &#8222;Sieg \u00fcber Nazi-Deutschland&#8220; gelte in Russland &#8222;bis heute als wichtigste S\u00e4ule des staatlich propagierten Geschichtsbilds, eine Art zweiter Gr\u00fcndungsmythos der Nation, die sich als Bezwingerin des Faschismus versteht&#8220;. Ist das verwunderlich, wenn man wei\u00df, dass es ein Kampf um das \u00dcberleben nicht nur der Nation, sondern all ihrer Menschen war, deren Vernichtung geplant war? Wobei man auch hier nicht vergessen darf, dass nach 1992 nicht nur in der Ukraine, sondern noch schneller in den baltischen L\u00e4ndern diese Verehrung f\u00fcr die Nazikollaborateure begann. Was eben genau signalisierte, dass man dieses Ringen nicht zu den Akten legen und vergessen kann. Und gerade diese Verehrung dieser alten Kollaborateure wurde vom Westen gezielt gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><em>&#8222;Den Krieg gegen die Ukraine m\u00f6chte Putin als Fortsetzung des &#8218;Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges&#8216; verstanden wissen, weil damals auch ukrainische Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer mit Hitler kollaborierten. Eine absurde Geschichtsverdrehung, die aber zeigt, wie stark das &#8218;Unternehmen Barbarossa&#8216; im Russland der Gegenwart nachwirkt&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Nein, es wird an keinem Punkt erl\u00e4utert, warum das eine &#8222;absurde Geschichtsverdrehung&#8220; sein soll. Warum auf einmal der nach dem Modell von &#8222;Heil Hitler&#8220; gebastelte ukrainische Nazigru\u00df &#8222;Slawa Ukraini&#8220; keinen Bezug mehr zu den als Nationalhelden inthronisierten Bandera und Schuschkewitsch haben soll. Aber so, wie der Halbsatz &#8222;in Leningrad lie\u00df die Wehrmacht in einer 872 Tage dauernden Blockade mehr als eine Million Zivilisten verhungern&#8220;\u00a0\u2013 was Deutschland \u00fcbrigens bis heute nicht als Genozid anerkennt \u2013 nicht einmal ansatzweise vermittelt, von welchem Schrecken hier die Rede ist, so ist der Halbsatz, dass &#8222;auch ukrainische Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer mit Hitler kollaborierten&#8220; eine ungeheuerliche Verharmlosung. Jener Truppen, vor denen sich laut damaligen Dokumenten selbst die deutschen SS-Wachen in Auschwitz gruselten.<\/p>\n<p>Es sind die Leerstellen, die diesen Text so sehr ins Falsche rutschen lassen. Nicht einmal taucht der d\u00fcstere Gedanke auf, wie die Welt auss\u00e4he, h\u00e4tte die Sowjetunion das Nazireich nicht niedergerungen. Die beschriebenen Planungsl\u00fccken der Wehrmacht klingen so, als w\u00e4re es w\u00fcnschenswert gewesen, sie h\u00e4tte es besser gemacht, als w\u00e4ren diese Fehler nicht ein Teil dessen gewesen, was die Menschheit vor einem Sieg der Nazis bewahrt hat.<\/p>\n<p>Besonders schr\u00e4g klingt das dann zusammen mit dem aktuellen Geschrei des Luftwaffenchefs Generalleutnant Holger Neumann, technisch gesehen der Nachfolger von Hermann G\u00f6ring, der erkl\u00e4rt, die Luftwaffe k\u00f6nne jederzeit gegen Russland in den Krieg ziehen, &#8222;fight tonight&#8220;. Fast jeder sowjetische Film, in dem der 22. Juni 1941 eine Rolle spielt, beginnt mit einem Luftangriff auf friedlich schlafende Menschen.<\/p>\n<p>Und es waren nicht Planungsfehler der Wehrmacht, veraltete Stra\u00dfenkarten oder die ber\u00fchmten vergessenen langen Unterhosen f\u00fcr den Winter, an dem das Unternehmen Barbarossa scheiterte, sondern der Widerstandswillen der Sowjetmenschen. Dem in dem ganzen langen Artikel genau ein Satz gewidmet ist: &#8222;Vor allem standen sie einem Gegner gegen\u00fcber, der sich viel st\u00e4rker wehrte, als die Gener\u00e4le geglaubt hatten.&#8220;<\/p>\n<p>Nun, schon 2014, beim Putsch auf dem Maidan, wettete der Westen wieder darauf, Russland werde zerfallen. Dieser Hintergedanke verbarg sich hinter der NATO-Osterweiterung, und mit diesem Hintergedanken wurden 2022 die Friedensverhandlungen in Istanbul sabotiert. Aber die Fantasien des Amts Rosenberg (das im Text auch nicht vorkommt) funktionierten seitdem ebenso wenig, wie sie das nach dem 22. Juni 1941 taten. Die <em>Spiegel<\/em>-Mannschaft hat mit ihrem Titelbild mehr \u00fcber sich verraten, als sie verraten wollte. Denn letzten Endes war und ist es ihr Krieg gegen Russland.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2014\u00a0<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/russland\/212617-verbrecherische-kriegsfuehrung-fsb-veroeffentlicht-aussagen\/\">&#8222;Verbrecherische Kriegsf\u00fchrung&#8220; \u2013 FSB ver\u00f6ffentlicht Aussagen eines Wehrmachtsgenerals<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v76ko8k\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Sowas kommt wohl raus, wenn man nicht wei\u00df, wo man hin soll, zwischen der Propaganda von heute und der Wahrheit von gestern: ein Titelbild mit &#8222;Unser Krieg gegen Russland&#8220;, dessen erstes Wort die ganze erste Person Plural aufruft, mit der man heutzutage in Deutschland so gern bel\u00e4stigt wird. &#8222;Unsere Demokratie&#8220;. &#8222;Unsere Werte&#8220;. 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