{"id":10557,"date":"2026-06-21T07:04:25","date_gmt":"2026-06-21T05:04:25","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/autonome-waffensysteme-koennen-sie-noch-geaechtet-werden\/"},"modified":"2026-06-21T07:04:25","modified_gmt":"2026-06-21T05:04:25","slug":"autonome-waffensysteme-koennen-sie-noch-geaechtet-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/autonome-waffensysteme-koennen-sie-noch-geaechtet-werden\/","title":{"rendered":"Autonome Waffensysteme: K\u00f6nnen sie noch ge\u00e4chtet werden?"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Die Information kursiert seit einigen Tagen, und es gibt auch bereits politische Reaktionen \u2013 zumindest der Erhard-Eppler-Kreis in Deutschland hat auf Grundlage dieser Meldung gefordert, es brauche ein internationales Verbot autonom entscheidender Waffensysteme.<\/p>\n<p>Die Meldung selbst stammt vom britischen popul\u00e4rwissenschaftlichen Magazin <em>New Scientist<\/em>, das zum Verlag der <em>Daily Mail<\/em> geh\u00f6rt, und <a href=\"https:\/\/www.newscientist.com\/article\/2529849-fully-autonomous-drones-have-killed-human-soldiers-for-the-first-time\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">erschien<\/a> am 10. Juni unter der \u00dcberschrift &#8222;V\u00f6llig autonome Drohnen haben erstmalig menschliche Soldaten get\u00f6tet&#8220;. Ort der Handlung soll die Ukraine gewesen sein, bereits vor zwei Jahren, und als Quelle angef\u00fchrt wird Alexander Kochanowski, der, wenn man nach der Formulierung im Artikel geht, am Rande einer Veranstaltung in der ukrainischen Botschaft mit dem Magazin gesprochen haben soll: &#8222;spoke to <em>New Scientist<\/em> at a press event hosted by the Ukrainian embassy&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Alexander Kochanowski habe erkl\u00e4rt, vor zwei Jahren seien Quadkopter-Drohnen getestet worden, die mithilfe eines KI-Modells selbstt\u00e4tig an der Front Ziele suchten. &#8222;Wir starten sie nur und wir wissen, dass alles tot sein wird \u2013 alles, was in diesem bestimmten Gebiet gefunden wird, wird tot sein&#8220;.<\/p>\n<p>Nun ist Alexander Kochanowski, ehemaliger Profi-E-Gamer, nicht nur Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, sondern auch Besitzer des ukrainischen Drohnenherstellers AeroCenter, der, das legt seine zweisprachige Webseite nahe, nicht nur f\u00fcr den ukrainischen Markt produziert, sondern zumindest auch auf den au\u00dferukrainischen zielt; da die Produkte nicht ins Ausland verkauft werden d\u00fcrfen, geht es dabei um Lizenzvertr\u00e4ge oder Koproduktionen. Auch wenn das bisher nicht \u00fcber Absichtserkl\u00e4rungen und Verhandlungen hinaus ist\u00a0\u2013 das Interesse ist klar. Und Kochanowski, der Jahre in einem sehr werbenahen Sport verbracht hat, d\u00fcrfte auch nicht ahnungslos sein, wie man das Interesse potenzieller Kunden weckt. Insofern ist seine Aussage durchaus mit Vorsicht zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber nur, weil man sich fragen muss, ob diese konkrete Geschichte wahr ist \u2013 die Forderung, sich damit auseinanderzusetzen oder politische Schritte zu unternehmen, um hier eine Grenze zu ziehen, ist dennoch angebracht. Denn es gab mindestens einen belegten Vorfall, der im Kern dieselbe Frage aufwirft: Ist es akzeptabel, wenn Waffen eingesetzt werden, ohne dass ein Mensch die Entscheidung dar\u00fcber trifft und die Verantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt? W\u00e4re es nicht vielmehr erforderlich, eine solche Entwicklung fr\u00fchzeitig zu unterbinden?<\/p>\n<p>Das Stichwort hierzu hei\u00dft &#8222;Lavender&#8220;. Es handelt sich dabei um ein Programm, das die israelische Armee zur Bestimmung der Ziele f\u00fcr Drohnenangriffe in Gaza einsetzte. Als Grundlage dienten unter anderem Mobilfunkdaten und soziale Medien, gekoppelt mit einem Trackingprogramm namens &#8222;Where is Daddy&#8220;, wo ist Papa. Allerdings\u00a0\u2013 das waren immer nur Indizien, und es stellte sich heraus, dass auch Polizisten oder Sanit\u00e4ter auf diese Weise zu Zielen erkl\u00e4rt wurden.<\/p>\n<p>Die Ziele, die von diesem Programm ermittelt wurden, wurden danach nicht weiter gepr\u00fcft. Als diese Tatsache bekannt wurde, hie\u00df es: &#8222;Quellen sagten, dass die einzige vorgeschriebene \u00dcberpr\u00fcfung durch einen Menschen, ehe die H\u00e4user vermeintlicher &#8222;einfacher K\u00e4mpfer&#8220; bombardiert wurden, in einer einzigen Kontrolle bestand: sicherzustellen, dass das von der KI gew\u00e4hlte Ziel m\u00e4nnlich und nicht weiblich war.&#8220; Was nichts daran \u00e4nderte, dass dieses Programm viele Frauen und Kinder das Leben kostete \u2013 schlie\u00dflich waren mit Vorliebe die Wohnh\u00e4user das Ziel der Drohnenangriffe.<\/p>\n<p>Der Einsatz von Lavender war schon sehr nahe dran an einer vollautomatischen Ermordung durch eine maschinelle Entscheidung. Letzten Endes fehlte nur noch die Startautomatik f\u00fcr die Drohnen, da die \u00dcberpr\u00fcfung \u00e4u\u00dferst oberfl\u00e4chlich war. Und w\u00e4hrend sich die Geschichte der autonom t\u00f6tenden Drohnen auf eine einzige, noch dazu pers\u00f6nlich interessierte, Quelle beruft, ist Lavender gut dokumentiert.<\/p>\n<p>Beides miteinander, die ukrainische Geschichte und Lavender, erinnert an Cyberpunk-Geschichten, in denen per Gesichtserkennung gesteuerte Drohnen die Helden der Geschichte jagen. Eine Vorstellung, die nicht mehr weit von der Realisierung entfernt ist; die Frage ist nur, wie bewaffnet diese Drohnen sein d\u00fcrfen und ob bei ihrem Einsatz noch ein Mensch beteiligt ist, der unter Umst\u00e4nden daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen werden kann.<\/p>\n<p>Die israelische R\u00fcstungsfirma Elbit (ja, jene, gegen die sowohl die Angeklagten von Palestine Action in Gro\u00dfbritannien als auch die Ulm5 in Deutschland protestiert haben, in ihren jeweiligen Tochterunternehmen) hat auf R\u00fcstungsmessen bereits einen autonomen Kampfroboter namens M-RCV vorgestellt, der keinerlei externe Steuerung mehr ben\u00f6tigt. Das Auftauchen derartiger Maschinen steht also unmittelbar vor der T\u00fcr, und selbst wenn man nicht die Risiken bem\u00fchen will, die k\u00fcnstliche Intelligenz wom\u00f6glich eigenst\u00e4ndig ausl\u00f6sen kann, bleibt die Frage der menschlichen Verantwortung.<\/p>\n<p>&#8222;Eine blo\u00dfe Regulierung dieser Systeme gen\u00fcgt nicht. Wer sie zu kontrollieren versucht, statt sie zu \u00e4chten, er\u00f6ffnet ein Wettr\u00fcsten, das zwangsl\u00e4ufig in die Katastrophe f\u00fchrt&#8220;, schreibt der Erhard-Eppler-Kreis in seinem <a href=\"https:\/\/www.erhard-eppler-kreis.de\/wp-content\/uploads\/go-x\/u\/7ea2f7ae-d3b5-4b2a-9363-13cc23c3130e\/Pressemitteilung_EEK_Autonome_Waffensysteme.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Aufruf<\/a>. &#8222;Eine FPV-Drohne \u2013 eine kleine, ferngesteuerte Drohne mit Live-Kamera f\u00fcr wenige hundert Euro \u2013 l\u00e4sst sich mit einem entsprechenden Modul zur autonom t\u00f6tenden Waffe aufr\u00fcsten. Deshalb bleibt allein die vollst\u00e4ndige \u00c4chtung dieser Waffenkategorie \u2013 so, wie sie bei biologischen und chemischen Waffen, bei Antipersonenminen und bei Streumunition gelungen ist.&#8220;<\/p>\n<p>Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, dass viele dieser \u00c4chtungen bedroht oder bereits gefallen sind. Die Ukraine hat sowohl Antipersonenminen als auch Streumunition h\u00e4ufig eingesetzt, gerade die ber\u00fcchtigten Schmetterlingsminen, die von spielenden Kindern leicht f\u00fcr Spielzeug gehalten werden. Und bezogen auf Biowaffen wurden gerade erst s\u00e4mtliche Vermutungen \u00fcber US-Biowaffenprogramme gewisserma\u00dfen amtlich best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, w\u00e4re es \u00fcberf\u00e4llig, wieder in Erinnerung zu rufen, dass derartige Schritte durchaus gelingen k\u00f6nnen \u2013 wenn sie von entsprechenden Kontrollmechanismen begleitet werden, die in Bezug auf Biowaffen etwa von den USA \u00fcber Jahrzehnte verhindert wurden.<\/p>\n<p>&#8222;Solange ein Mensch den letzten Befehl gibt&#8220;, schreibt der Eppler-Kreis, &#8222;bleibt im T\u00f6ten ein Rest moralischer Gegenwart: Einer kann z\u00f6gern, sich weigern, erkennen, dass dort ein Kind l\u00e4uft und kein Feind. Autonome Systeme schneiden diesen Faden durch; sie verarbeiten nur noch Signale \u2013 W\u00e4rmebilder, Bewegungsmuster, Silhouetten \u2013 und Leben wird zur Klassifikation. Die Nutzung k\u00fcnstlicher Intelligenz zur eigenst\u00e4ndigen Auswahl und T\u00f6tung von Menschen markiert damit einen zivilisatorischen Bruch, dessen langfristige Folgen f\u00fcr Krieg, Sicherheit und menschliche Kontrolle heute kaum absehbar sind.&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zeigt die historische Erfahrung etwa im Hitlerfaschismus, dass die Zur\u00fccknahme des menschlichen Faktors, die weitgehende Entfernung der pers\u00f6nlichen Verantwortung die Barbarei erleichtert. Das Opfer hat kein Gesicht mehr. Es ist nur noch ein Objekt, eine Zahl; die Technik stellt jenen Zustand der Dehumanisierung her, der in den Vernichtungslagern der Nazis noch mithilfe von Gefangenenkleidung und eint\u00e4towierten Nummern hergestellt werden musste. W\u00e4re Gaza so m\u00f6glich gewesen, wenn die israelischen Soldaten jeder einzelnen Familie, jedem einzelnen Kind pers\u00f6nlich gegen\u00fcbergestanden w\u00e4ren, nicht durch das Zielfernrohr eines Gewehrs oder durch die Kameraoptik einer Drohne, sondern von Angesicht zu Angesicht?<\/p>\n<p>&#8222;Autonome T\u00f6tungssysteme&#8220;, fordert der Eppler-Kreis, sollte man als &#8222;eigenst\u00e4ndige, v\u00f6lkerrechtlich verbotene Waffenkategorie behandeln, (&#8230;) den Massenvernichtungswaffen darin vergleichbar, dass sie sich jeder wirksamen Kontrolle entziehen, wenn auch nicht in ihrer Sprengkraft \u2013 und ihren Einsatz als Kriegsverbrechen zu kodifizieren.&#8220;<\/p>\n<p>Die Bundesregierung solle sich in diesem Sinne einsetzen, so die aus der SPD entsprungene Gruppe, damit bis Ende dieses Jahres ein v\u00f6lkerrechtlich verbindliches Verbot \u00fcber die UN erfolgen k\u00f6nne. Diese Bundesregierung d\u00fcrfte das jedoch kaum tun, au\u00dfer, es g\u00e4be starken gesellschaftlichen Druck daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Daran mag man zweifeln: Eine Anfang des Jahres von <em>Politico<\/em> durchgef\u00fchrte Umfrage ergab, dass gerade in Deutschland jeder Dritte einen Einsatz autonomer Systeme sogar besser findet als eine Entscheidung durch Menschen. Auf eine absurde Weise dominiert hier die Bef\u00fcrchtung, andernfalls selbst zum T\u00e4ter zu werden, die Entscheidung. Das war noch nicht die Mehrheit der Befragten, und noch bestanden 47 Prozent auf Menschen als Entscheidern, aber es belegt einen Verlust moralischer Ma\u00dfst\u00e4be \u2013 f\u00fcnf Jahre zuvor hatten auch in Deutschland noch 70 Prozent Bedenken bei autonom agierenden Waffensystemen.<\/p>\n<p>Aber die menschliche Verantwortung schwindet nicht, sie verlagert sich nur immer weiter nach vorne. Und letzten Endes stimmt das ja auch \u2013 Verantwortung f\u00fcr menschenverachtende Handlungen haben, das sollten gerade wir Deutsche wissen, nicht nur jene, die sie ausf\u00fchren, sondern auch jene, die sie geschehen lassen.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/international\/271358-kriegssimulationen-in-95-prozent-faelle\/\">Kriegssimulationen: In 95 Prozent der F\u00e4lle griffen KIs zu Atomwaffen <\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v70wjj0\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Die Information kursiert seit einigen Tagen, und es gibt auch bereits politische Reaktionen \u2013 zumindest der Erhard-Eppler-Kreis in Deutschland hat auf Grundlage dieser Meldung gefordert, es brauche ein internationales Verbot autonom entscheidender Waffensysteme. 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