{"id":10570,"date":"2026-06-21T10:04:08","date_gmt":"2026-06-21T08:04:08","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/wie-man-das-denunziantentum-spielerisch-hoffaehig-macht-von-dirk-c-fleck\/"},"modified":"2026-06-21T10:04:08","modified_gmt":"2026-06-21T08:04:08","slug":"wie-man-das-denunziantentum-spielerisch-hoffaehig-macht-von-dirk-c-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/wie-man-das-denunziantentum-spielerisch-hoffaehig-macht-von-dirk-c-fleck\/","title":{"rendered":"Wie man das Denunziantentum spielerisch hoff\u00e4hig macht | Von Dirk C. Fleck"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk C. Fleck<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Ist eigentlich hinreichend bekannt, dass siebzig Prozent aller Verhaftungen, die von der Gestapo vorgenommen wurden, nicht auf eigenen Recherchen, sondern auf Hinweisen aus der Bev\u00f6lkerung beruhten? Diese Information in Verbindung mit den Impressionen, die ich w\u00e4hrend der RAF-Hysterie in den siebziger Jahren sammeln konnte, brachten mich Mitte der Achtzigerjahre auf die Idee f\u00fcr einen Spielfilm namens \u201eJACKPOT\u201c. Ich reichte das Expos\u00e9 bei der Filmf\u00f6rderungsanstalt in Berlin ein. Im ersten Absatz hei\u00dft es: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eJACKPOT ist eine realistische Fiktion. Unter realistischer Fiktion verstehe ich eine Zukunftsperspektive, die sich aufgrund der bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse schon heute abzeichnet. In JACKPOT wird fortgeschrieben, was mit der Datenerfassung l\u00e4ngst begonnen hat.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Hintergrund f\u00fcr diese Geschichte ist schnell erz\u00e4hlt. Ich hatte mir vorzustellen versucht, wie es einem Staat gelingen k\u00f6nnte, das Denunziantentum so spielerisch in die Gesellschaft zu integrieren, dass niemand Skrupel zu haben braucht, wenn er am Nachbarn, unter Freunden oder in der Familie Verrat \u00fcbt. Das geschieht in JACKPOT \u00fcber eine staatliche Lotterie, in der jede Woche eine siebenstellige Gewinnzahl ermittelt wird. Pro Runde werden zehn Millionen \u2014 Euro, Dollar, egal \u2014 ausgesch\u00fcttet. Sollte sich kein Gewinner finden, erh\u00f6ht sich der Jackpot automatisch um weitere zehn Millionen. In unserem Fall ist die auszusch\u00fcttende Summe auf hundert Millionen angeschwollen. Das Land liegt im Jackpot-Fieber. Die Spielregeln besagen, dass der Gewinner des Jackpots 50<br \/>Prozent des Gewinns ausbezahlt bekommt. Die anderen 50 Prozent erh\u00e4lt er, wenn es ihm gelungen ist, das ihm ausbezahlte Geld innerhalb eines Jahres unerkannt<br \/>auszugeben.<\/p>\n<p>Der Reiz der Lotterie besteht darin, dass jeder Teilnehmer im Spiel bleibt, und zwar \u00fcber die sogenannte Tipp-Stimme. Mit dieser Stimme kann er der Zentrale melden, wenn jemand in seinem Umfeld verhaltensauff\u00e4llig ist. Allerdings muss dem Tipp immer eine Begr\u00fcndung beigef\u00fcgt werden. Diese Begr\u00fcndungen sind es letztlich, mit denen die Pers\u00f6nlichkeitsprofile gem\u00e4stet werden, die der Staat von seinen B\u00fcrgern anlegt. Wer der Zentrale den Gewinner nennen kann, bekommt die anderen 50 Prozent des Gewinns zugesprochen.<\/p>\n<p>In JACKPOT wird die Geschichte eines Menschen erz\u00e4hlt, der von potenziellen Denunzianten umgeben ist und versucht, unter ihnen das gewonnene Verm\u00f6gen auszugeben, ohne aufzufallen. Es wird das Bild einer sich selbst zerfleischenden<br \/>Gesellschaft gezeichnet, in der Angst, Neid und Missgunst alles an zwischenmenschlicher Kommunikation zertr\u00fcmmern, was ein ertr\u00e4gliches Miteinander noch m\u00f6glich macht. <\/p>\n<p>Nach Monaten des Wartens fand ich folgenden Bescheid der Filmf\u00f6rderungsanstalt in meinem Briefkasten: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Antrag auf Zuerkennung von F\u00f6rderungshilfen (Zuschuss zur Herstellung eines Drehbuchs) f\u00fcr das Projekt PD 306\/85 JACKPOT wird abgelehnt. Der Bescheid ergeht geb\u00fchrenfrei. Begr\u00fcndung: Jackpot ist eine zu kleine Geschichte, um f\u00fcr einen abendf\u00fcllenden Spielfilm auszureichen. Zudem stellt die Kommission fest, dass Jackpot keine realistische Fiktion ist. Die Geschichte ist gr\u00e4sslich \u00fcberzogen und viel zu unglaubw\u00fcrdig. Die Ablehnung der Kommission erfolgte einstimmig.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Vierzig Jahre sp\u00e4ter ist der Begriff \u201erealistische Fiktion\u201c mehr als angebracht. Unter der Ampel-Regierung hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser ein \u201eGesetz zur Deradikalisierung der Republik\u201c in Vorbereitung. Die S\u00fcddeutsche Zeitung nannte den Plan eine \u201eLizenz zum Anschw\u00e4rzen\u201c. Faesers Entwurf sah vor, dem Verfassungsschutz deutlich mehr Macht zu geben. K\u00fcnftig sollten die Schlapph\u00fcte ihre Erkenntnisse an Unternehmen und Privatpersonen weitergeben d\u00fcrfen, wenn sich ein B\u00fcrger radikaler Ansichten verd\u00e4chtig gemacht hat. Hei\u00dft: Wenn jemand eine Wohnung oder einen Job sucht, h\u00e4tte der Verfassungsschutz das Recht gehabt, ihn beim potenziellen Vermieter oder Arbeitgeber anzuschw\u00e4rzen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der vierj\u00e4hrigen Corona-Plandemie, als das Fingerheben gegen den N\u00e4chsten quasi zur staatsb\u00fcrgerlichen Pflicht erhoben wurde, feierte das Denunziantentum fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Dass die EU beschlossen hat, Kritik an dem Gender-Wahnsinn mit Terrorismus und Menschenhandel gleichzustellen, ist ebenfalls mehr als eine realistische Fiktion, die aber von der Filmf\u00f6rderungsanstalt noch vor wenigen Jahren als gr\u00e4sslich \u00fcberzogen, unglaubw\u00fcrdig, zu klein und zu unbedeutend eingestuft wurde.<\/p>\n<p>Neuester Schock f\u00fcr alle, die es mit der Meinungsfreiheit halten, sind die geplanten beziehungsweise sich bereits in Umsetzung befindlichen Gesetzesvorhaben der Europ\u00e4ischen Kommission (EK) zur Bek\u00e4mpfung von Hassrede und Hasskriminalit\u00e4t in der Europ\u00e4ischen Union. Ende 2022 trat der Digital Services Act (DSA) in Kraft. Er verpflichtet die Plattformen der sozialen Medien dazu, \u201eillegale Inhalte\u201c zu melden und darauf zu reagieren. Zudem hat das Europ\u00e4ische Parlament gerade erkl\u00e4rt, dass der Schutz vor Hassrede und Hasskriminalit\u00e4t \u00fcber neue Kategorien wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung ausgeweitet werden soll. Damit ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Flagge der Meinungsfreiheit, die den Kern der Demokratie symbolisiert, ist eingeholt worden. Ob sie je wieder im Wind flattern wird, ist<br \/>zweifelhaft.<\/p>\n<p>Das Problem von uns Autoren ist, dass wir vorgreifen m\u00fcssen, wenn wir auf gesellschaftspolitische Entwicklungen und Gefahren hinweisen wollen. Aber selbst ein Science-Fiction-Autor sieht die Realit\u00e4t mittlerweile sehr schnell im R\u00fcckspiegel auf die \u00dcberholspur wechseln. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist meine Maeva-Trilogie, in der mindestens die H\u00e4lfte aller vorausgesagten Entwicklungen bereits eingetreten sind \u2013 sowohl die guten, als auch die schlechten.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Illustration eines Jackpot-Gewinns<br \/>Bildquelle: StudioGraphic \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck. Ist eigentlich hinreichend bekannt, dass siebzig Prozent aller Verhaftungen, die von der Gestapo vorgenommen wurden, nicht auf eigenen Recherchen, sondern auf Hinweisen aus der Bev\u00f6lkerung beruhten? 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