{"id":10581,"date":"2026-06-21T12:02:50","date_gmt":"2026-06-21T10:02:50","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/der-deal-den-keiner-erklaeren-kann\/"},"modified":"2026-06-21T12:02:50","modified_gmt":"2026-06-21T10:02:50","slug":"der-deal-den-keiner-erklaeren-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/der-deal-den-keiner-erklaeren-kann\/","title":{"rendered":"Der Deal, den keiner erkl\u00e4ren kann"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>G\u00fcnther Burbach.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>War da nicht gerade noch Frieden?<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Tagen wurde der \u00d6ffentlichkeit ein diplomatischer Durchbruch pr\u00e4sentiert. Aus Washington kamen gro\u00dfe Worte. Man habe die Lage entsch\u00e4rft. Die Schifffahrtswege sollten gesichert werden. Die Region stehe vor einer neuen Phase der Stabilit\u00e4t. Die Botschaft war eindeutig: Die Vereinigten Staaten h\u00e4tten einmal mehr bewiesen, dass sie die Dinge im Nahen Osten ordnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df offenbar niemand mehr so genau, was eigentlich gilt.<\/p>\n<p>Israel bombardiert erneut Ziele im Libanon. Iran droht wieder mit der Stra\u00dfe von Hormus. Die \u00d6lpreise reagieren nerv\u00f6s. Die B\u00f6rsen springen bei jeder neuen Meldung nach oben oder unten. Aus Washington kommen beschwichtigende Erkl\u00e4rungen, aus Teheran scharfe Warnungen, aus Jerusalem Sicherheitsargumente. Jeder erkl\u00e4rt, warum sein Handeln notwendig sei. Aber je l\u00e4nger man die Nachrichten verfolgt, desto einfacher wird eine Frage:<br \/>Haben wir jetzt Frieden oder nicht?<\/p>\n<p>Wenn die Antwort selbst wenige Tage nach dem angeblichen Durchbruch niemand mehr klar beantworten kann, dann ist m\u00f6glicherweise genau das das eigentliche Problem.<\/p>\n<p>Die Welt erlebt inzwischen eine seltsame Form der Geopolitik. Gro\u00dfe Erfolge werden verk\u00fcndet, w\u00e4hrend die Realit\u00e4t gleichzeitig in eine andere Richtung l\u00e4uft. Man erkl\u00e4rt Konflikte f\u00fcr einged\u00e4mmt, w\u00e4hrend an anderer Stelle bereits die n\u00e4chste Eskalation beginnt. Man spricht von Stabilit\u00e4t, w\u00e4hrend die M\u00e4rkte jede Stunde das Gegenteil einpreisen.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt die gr\u00f6\u00dfte Ironie dieser Tage darin, dass ausgerechnet der angebliche Friedensprozess vor allem eines sichtbar gemacht hat: die enorme Verwundbarkeit der globalen Ordnung.<\/p>\n<p>Denn die eigentliche Machtfrage wird heute nicht in Washington, Jerusalem oder Teheran entschieden. Sie entscheidet sich an den Finanzm\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Es reicht inzwischen eine einzige Meldung \u00fcber Hormus, und Milliarden beginnen sich zu bewegen. Ein Satz aus Teheran. Eine milit\u00e4rische Aktion im Libanon. Eine Erkl\u00e4rung aus Washington.<\/p>\n<p>Schon steigen oder fallen \u00d6lpreise. Energieunternehmen reagieren. Fluggesellschaften geraten unter Druck. Unternehmen rechnen ihre Kosten neu durch. H\u00e4ndler schlie\u00dfen Positionen. Algorithmen durchsuchen Nachrichtenagenturen und treffen Kauf- oder Verkaufsentscheidungen in Sekundenbruchteilen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die meisten Menschen schlafen, wechseln Milliarden den Besitzer. Die Bev\u00f6lkerung bekommt die Folgen sp\u00e4ter zu sp\u00fcren. An der Tankstelle. Bei der Heizkostenabrechnung. Beim Einkauf. \u00dcber steigende Transportkosten. \u00dcber neue Inflationssorgen. Der moderne Krieg reist nicht mehr nur in Panzern und Raketen um die Welt. Er reist in Preisen. Und genau deshalb sollte man sich nicht in milit\u00e4rischen Erfolgsmeldungen verlieren. Die wichtigere Frage lautet:<br \/>Was wurde eigentlich erreicht? Der Westen wollte Stabilit\u00e4t. Er diskutiert erneut \u00fcber Hormus. Der Westen wollte Berechenbarkeit. Er erh\u00e4lt erneut extreme Schwankungen an den Energiem\u00e4rkten. Der Westen wollte verhindern, dass Iran die Weltwirtschaft unter Druck setzen kann. Doch die halbe Welt diskutiert wieder dar\u00fcber, ob Teheran genau dazu in der Lage ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man argumentieren, dass Israel seine Sicherheitsinteressen verfolgt. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre und angesichts der Bedrohung durch die Hisbollah w\u00e4re es politisch kaum vorstellbar, dass eine israelische Regierung erkl\u00e4rt, man werde trotz wahrgenommener Gefahren einfach abwarten. Aus israelischer Sicht geht es um Abschreckung und die Verhinderung neuer Angriffe. Ebenso nachvollziehbar ist allerdings, dass Iran die j\u00fcngsten Entwicklungen v\u00f6llig anders darstellt. In Teheran sieht man sich seit Jahren milit\u00e4risch, wirtschaftlich und politisch unter Druck gesetzt und verweist regelm\u00e4\u00dfig auf das Recht, auf Entwicklungen in der Region zu reagieren.<\/p>\n<p>Beide Seiten k\u00f6nnen ihre Sichtweise erkl\u00e4ren. Aber keine dieser Erkl\u00e4rungen beantwortet die entscheidende Frage: Warum steht die Welt wenige Tage nach einem angeblichen diplomatischen Durchbruch schon wieder vor derselben Unsicherheit wie zuvor?<\/p>\n<p>Vielleicht deshalb, weil die eigentliche Macht des Iran niemals ausschlie\u00dflich in Raketen, Drohnen oder Stellvertretergruppen lag. Die eigentliche Macht liegt in der Geografie. Die Stra\u00dfe von Hormus bleibt eine der empfindlichsten Stellen der Weltwirtschaft. Ein erheblicher Teil des weltweiten \u00d6lhandels passiert diese schmale Meerenge. Deshalb reagiert die Welt bereits auf die M\u00f6glichkeit einer St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Und genau hier wird es unerquicklich. Denn wenn nach Krieg, Sanktionen und monatelanger Eskalation erneut dieselbe Diskussion gef\u00fchrt wird, dann muss die Frage erlaubt sein, ob die Ausgangslage des Westens tats\u00e4chlich besser geworden ist.<\/p>\n<p>Man muss daf\u00fcr weder Anh\u00e4nger der iranischen F\u00fchrung noch Gegner der amerikanischen Au\u00dfenpolitik sein. Man muss lediglich feststellen:<\/p>\n<p>Die Nervosit\u00e4t ist zur\u00fcck.<br \/>Die Unsicherheit ist zur\u00fcck.<br \/>Die Abh\u00e4ngigkeit ist zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und die Welt reagiert wieder genauso empfindlich wie vor den gro\u00dfen Ank\u00fcndigungen. Das sollte zu denken geben. Denn moderne Politik neigt immer st\u00e4rker dazu, Erfolg \u00fcber Kommunikation zu definieren. Pressekonferenzen werden zu historischen Momenten erkl\u00e4rt. Verhandlungen werden als Durchbruch bezeichnet. Erkl\u00e4rungen werden zu Siegen erhoben. Die Realit\u00e4t ist h\u00e4ufig komplizierter. Ein wirklicher Durchbruch w\u00fcrde bedeuten, dass die Welt nach der Vereinbarung weniger verwundbar ist.<\/p>\n<p>Davon kann momentan keine Rede sein. Ein wirklicher Durchbruch w\u00fcrde bedeuten, dass die Energiem\u00e4rkte ruhiger werden. Das Gegenteil ist der Fall. Ein wirklicher Durchbruch w\u00fcrde bedeuten, dass neue milit\u00e4rische Zwischenf\u00e4lle nicht sofort die n\u00e4chste globale Nervosit\u00e4t ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Genau das erleben wir aber erneut. Vielleicht ist deshalb nicht Iran der gro\u00dfe Gewinner dieser Tage. Vielleicht ist auch nicht Israel der Gewinner. Und m\u00f6glicherweise sind es erst recht nicht die Vereinigten Staaten. Der eigentliche Gewinner hei\u00dft Unsicherheit.<\/p>\n<p>Sie hat wieder einmal bewiesen, wie wenig robust die globale Ordnung geworden ist. Sie hat gezeigt, dass die Weltwirtschaft nach wie vor an wenigen empfindlichen Punkten h\u00e4ngt. Und sie hat deutlich gemacht, dass politische Erfolgsmeldungen manchmal nur so lange funktionieren, bis die n\u00e4chste Rakete startet, die n\u00e4chste Drohung ausgesprochen wird oder die n\u00e4chste Eilmeldung \u00fcber die Bildschirme l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Die vielleicht bitterste Erkenntnis lautet deshalb: Nach Monaten der Eskalation, nach Verhandlungen, Sanktionen, Drohungen und gro\u00dfen Worten ist die Welt nicht beruhigter als zuvor. Sie ist nerv\u00f6ser. Und solange wenige Ereignisse im Libanon ausreichen, um die halbe Welt wieder \u00fcber Hormus, \u00d6lpreise und Lieferketten diskutieren zu lassen, sollte man mit Siegesmeldungen vorsichtig sein.<\/p>\n<p>Denn Frieden erkennt man nicht an Pressekonferenzen. Man erkennt ihn daran, dass die Welt nicht mehr bei jeder Meldung aus dem Nahen Osten die Luft anh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/g\/StreetOnCamara_Comeback?ref=apolut.net\">StreetOnCamara_Comeback<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Reuters\u2028: US und Iran erreichen vorl\u00e4ufiges Abkommen, das die Wieder\u00f6ffnung der Stra\u00dfe von Hormus sowie die Lockerung von Sanktionen und die Freigabe eingefrorener iranischer Verm\u00f6genswerte vorsieht. \u2028<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/asia-pacific\/us-iran-reach-peace-deal-signing-set-friday-pakistan-says-2026-06-14\/?ref=apolut.net\">https:\/\/www.reuters.com\/world\/asia-pacific\/us-iran-reach-peace-deal-signing-set-friday-pakistan-says-2026-06-14\/<\/a><\/p>\n<p>Associated Press (AP): \u2028Iran k\u00fcndigt erneut die Schlie\u00dfung der Stra\u00dfe von Hormus an und macht israelische Milit\u00e4raktionen im Libanon sowie angebliche Verst\u00f6\u00dfe gegen Vereinbarungen verantwortlich. \u2028<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/6e23fb5f37e23427dbfc2bc80c59bda8?ref=apolut.net\">https:\/\/apnews.com\/article\/6e23fb5f37e23427dbfc2bc80c59bda8<\/a><\/p>\n<p>Reuters\u2028: Die USA weisen Irans Behauptung zur\u00fcck und erkl\u00e4ren, der Schiffsverkehr durch die Stra\u00dfe von Hormus laufe weiter. \u2028<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/us-forces-monitoring-strait-hormuz-ensure-it-stays-open-2026-06-20\/?ref=apolut.net\">https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/us-forces-monitoring-strait-hormuz-ensure-it-stays-open-2026-06-20\/<\/a><\/p>\n<p>Reuters: \u2028Entw\u00fcrfe des Abkommens sehen die Freigabe eingefrorener iranischer Verm\u00f6genswerte und Ausnahmen bei \u00d6lsanktionen vor.\u2028 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/asia-pacific\/iran-peace-deal-looms-while-new-military-action-flares-near-strait-hormuz-2026-06-13\/?ref=apolut.net\">https:\/\/www.reuters.com\/world\/asia-pacific\/iran-peace-deal-looms-while-new-military-action-flares-near-strait-hormuz-2026-06-13\/<\/a><\/p>\n<p>Reuters\u2028: Das Abkommen l\u00e4sst wesentliche Konfliktpunkte wie die Spannungen im Libanon, das iranische Raketenprogramm und langfristige Sicherheitsfragen weitgehend offen. \u2028<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/deal-calm-now-risks-ahead-2026-06-17\/?ref=apolut.net\">https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/deal-calm-now-risks-ahead-2026-06-17\/<\/a><\/p>\n<p>The Guardian\u2028: Neue israelische Luftangriffe im Libanon belasten die Waffenruhe und stellen die Belastbarkeit der j\u00fcngsten diplomatischen Vereinbarungen infrage.\u2028 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2026\/jun\/20\/israeli-strikes-southern-lebanon-reports-renewed-ceasefire?ref=apolut.net\">https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2026\/jun\/20\/israeli-strikes-southern-lebanon-reports-renewed-ceasefire<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>G\u00fcnther Burbach.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>War da nicht gerade noch Frieden?<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Tagen wurde der \u00d6ffentlichkeit ein diplomatischer Durchbruch pr\u00e4sentiert. 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