{"id":11301,"date":"2026-06-26T14:11:50","date_gmt":"2026-06-26T12:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/zehn-jahre-brexit-die-scheidung-die-die-briten-jetzt-bedauern\/"},"modified":"2026-06-26T14:11:50","modified_gmt":"2026-06-26T12:11:50","slug":"zehn-jahre-brexit-die-scheidung-die-die-briten-jetzt-bedauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/zehn-jahre-brexit-die-scheidung-die-die-briten-jetzt-bedauern\/","title":{"rendered":"Zehn Jahre Brexit: Die Scheidung, die die Briten jetzt bedauern"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Galina Dudina<\/em><\/p>\n<p>Vor zehn Jahren war ich am Tag des Brexit-Referendums auf einer Gesch\u00e4ftsreise in Br\u00fcssel. Jenseits des Kanals lief die Abstimmung bereits, aber im europ\u00e4ischen Viertel war die Stimmung beinahe fr\u00f6hlich. Journalisten befragten EU-Vertreter nach dem Brexit, und diese wischten die Fragen mit Scherzen beiseite, als w\u00e4re das ganze Ding eher eine theatralische Unannehmlichkeit und kein m\u00f6gliches politisches Erdbeben.<\/p>\n<p>In privaten Gespr\u00e4chen stellte ich dabei den Leuten dieselbe Frage: Wenn Sie eine Wette abschlie\u00dfen m\u00fcssten, was w\u00fcrden Sie w\u00e4hlen? Alle sagten &#8222;Remain&#8220;. In Gro\u00dfbritannien selbst erschienen beinahe 13 Millionen W\u00e4hler \u00fcberhaupt nicht zur Abstimmung, offenkundig au\u00dferstande, sich die Gr\u00f6\u00dfenordnung dessen, was da kommen w\u00fcrde, vorzustellen.<\/p>\n<p>Wir waren alle naiv. Trump wurde in den Vereinigten Staaten noch nicht gew\u00e4hlt, das COVID-Desaster war noch nicht um die Welt gerollt und das Jahr 2022 hatte noch nicht begonnen. Am Morgen des 24. Juni 2016 konnte man die Nachricht, dass 51,9 Prozent der britischen W\u00e4hler entschieden hatten, die EU zu verlassen, nicht nur online lesen, sondern auch in den Gesichtern der Menschen in Br\u00fcssel. In Stra\u00dfencaf\u00e9s und rund um die B\u00fcros, wo sich die EU-Beamten zum Mittagessen trafen, sprachen die Leute ungl\u00e4ubig in ihre Mobiltelefone.<\/p>\n<p>Heute sagen 57 Prozent der Briten, der Brexit sei ein Fehler gewesen, und trotz der Verehrung, die in Gro\u00dfbritannien traditionell dem &#8222;Willen des Volkes&#8220; entgegengebracht wird, sind Politiker zunehmend dazu bereit, dar\u00fcber zu diskutieren, ob die Entscheidung eines Tages \u00fcberpr\u00fcft werden soll.<\/p>\n<p>Philip Rycroft, ein f\u00fchrender Beamter, der die Vorbereitungen f\u00fcr den Brexit im britischen Staatsapparat \u00fcberwachte, erkl\u00e4rte j\u00fcngst, der &#8222;Brexit ist nicht vorbei&#8220; und &#8222;wird nie vorbei sein&#8220;. Aus seiner Sicht sollte die politische Klasse Gro\u00dfbritanniens jetzt nicht nur \u00fcber engere Beziehungen zu Br\u00fcssel eine ehrliche Debatte f\u00fchren, sondern auch \u00fcber eine m\u00f6gliche R\u00fcckkehr in die Union.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheint das vern\u00fcnftig, denn nach zehn Jahren hat der Brexit den versprochenen Wirtschaftsaufschwung nicht geliefert. Das Pfund Sterling ist nicht massiv gestiegen und das Office for Budget Responsibility (ein Institut, das die Haushaltsgestaltung und Wirtschaftsprognosen \u00fcberpr\u00fcft) sch\u00e4tzt, dass die britische Wirtschaft langfristig um etwa vier Prozent kleiner sein wird, als sie innerhalb der EU gewesen w\u00e4re. Einige Wirtschaftswissenschaftler sch\u00e4tzen den Verlust an GDP pro Kopf auf\u00a0sechs bis acht Prozent.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien ist nicht einmal seiner Abh\u00e4ngigkeit vom Rest Europas entronnen. Die EU bleibt der gr\u00f6\u00dfte Handelspartner, mit etwa 41 Prozent der Exporte und fast der H\u00e4lfte der Importe, w\u00e4hrend der Brexit den britischen Unternehmen mehr Papierkram, Reibungen und Ungewissheit gebracht hat.<\/p>\n<p>Und doch ist das neue Gerede einer Wiedervereinigung nicht ganz die n\u00fcchterne strategische Umorientierung, die sie zu sein vorgibt. Sie geh\u00f6rt zu einer breiteren Nostalgie, die seit Jahresbeginn die sozialen Medien \u00fcberflutet, als Nutzer in vielen L\u00e4ndern anfingen, alte Fotografien und Erinnerungen unter dem Schlagwort &#8222;bring mein 2016 zur\u00fcck&#8220; zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Jene, die jetzt von einer R\u00fcckkehr nach dem Jahr 2016 tr\u00e4umen und zur\u00fcck in die EU wollen, sollten sich daran erinnern, wie die britische Mitgliedschaft tats\u00e4chlich aussah. Seit Gro\u00dfbritannien im Jahr 1973 der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft beitrat, verbrachte es Jahrzehnte damit, f\u00fcr sich einen Sonderstatus herauszuholen, und w\u00e4hrend es im Club war, war es doch nie ganz wie die anderen. Es behielt das Pfund, blieb au\u00dferhalb von Schengen, sicherte sich einen Rabatt bei den Haushaltsbeitr\u00e4gen und verhandelte in sensiblen Bereichen \u00fcber eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Es gibt wenig Grund, anzunehmen, dass Br\u00fcssel jetzt London dasselbe Paket wieder anbieten w\u00fcrde. Ein Gro\u00dfbritannien, das zur\u00fcckkehrt, w\u00fcrde eine weit weniger komfortable Mitgliedschaft akzeptieren m\u00fcssen, mit wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit vom Kontinent, Migrationsdruck, engerer Anpassung an EU-Regeln und steigenden Verteidigungsausgaben.<\/p>\n<p>Da wird die \u00f6ffentliche Meinung kompliziert, denn w\u00e4hrend viele Briten engere Beziehungen vorziehen w\u00fcrden, oder theoretisch sogar einen Wiedereintritt, unterst\u00fctzen nur 36 Prozent eine R\u00fcckkehr ohne die alten Ausnahmen. Anders gesagt: Sie wollen die verlorene Stabilit\u00e4t der EU-Mitgliedschaft, aber nicht notwendigerweise die Verpflichtungen, die sie jetzt mit sich br\u00e4chte.<\/p>\n<p>Britannien k\u00f6nnte auch entdecken, dass sein Platz in der europ\u00e4ischen Schlange ein anderer ist und ein neuer Antrag hinter Albanien, Bosnien und Herzegowina, der Ukraine und Moldawien landen k\u00f6nnte. Das ehemalige Empire, das einst Rabatte und Ausnahmen aushandelte, k\u00f6nnte als nur ein weiterer Bewerber zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Sowohl der Brexit als auch das derzeitige Bedauern des Brexits sind daher weit eher emotional als rational. Es ist kein Zufall, dass die h\u00e4ufigste Metapher daf\u00fcr die Scheidung ist, und viele Menschen wissen aus Erfahrung, dass einen ehemaligen Partner zu vermissen nicht immer bedeutet, dass eine Vers\u00f6hnung m\u00f6glich ist, oder weise.<\/p>\n<p><em><strong>Galina Dudina <\/strong><\/em><em>ist Kolumnistin der Tageszeitung &#8222;Kommersant&#8220; in Moskau. Dort <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/8738086?from=author_1\">erschien<\/a> der Artikel urspr\u00fcnglich.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/swentr.site\/news\/642032-ten-years-after-brexit\/\">Englischen<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/europa\/263871-verarmte-grossbritannien-bereut-nun-seine\/\">Das verarmte Gro\u00dfbritannien bereut nun seine Flucht aus der Europ\u00e4ischen Union <\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v79gul2\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Galina Dudina Vor zehn Jahren war ich am Tag des Brexit-Referendums auf einer Gesch\u00e4ftsreise in Br\u00fcssel. Jenseits des Kanals lief die Abstimmung bereits, aber im europ\u00e4ischen Viertel war die Stimmung beinahe fr\u00f6hlich. Journalisten befragten EU-Vertreter nach dem Brexit, und diese wischten die Fragen mit Scherzen beiseite, als w\u00e4re das ganze Ding eher eine theatralische [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4846,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_gspb_post_css":"","_uag_custom_page_level_css":"","fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-11301","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik"],"blocksy_meta":[],"uagb_featured_image_src":{"full":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=1920&resize=1920,1080&ssl=1",1920,1080,true],"thumbnail":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=150&resize=150,150&ssl=1",150,150,true],"medium":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=300&resize=300,300&ssl=1",300,300,true],"medium_large":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=768&resize=768,0&ssl=1",768,0,true],"large":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=1024&resize=1024,1024&ssl=1",1024,1024,true],"1536x1536":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=1536&resize=1536,1536&ssl=1",1536,1536,true],"2048x2048":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=2048&resize=2048,2048&ssl=1",2048,2048,true],"trp-custom-language-flag":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=18&resize=18,12&ssl=1",18,12,true]},"uagb_author_info":{"display_name":"admin","author_link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/author\/admin\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Von Galina Dudina Vor zehn Jahren war ich am Tag des Brexit-Referendums auf einer Gesch\u00e4ftsreise in Br\u00fcssel. Jenseits des Kanals lief die Abstimmung bereits, aber im europ\u00e4ischen Viertel war die Stimmung beinahe fr\u00f6hlich. Journalisten befragten EU-Vertreter nach dem Brexit, und diese wischten die Fragen mit Scherzen beiseite, als w\u00e4re das ganze Ding eher eine theatralische&hellip;","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11301"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11301\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4846"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}