{"id":11326,"date":"2026-06-26T18:03:17","date_gmt":"2026-06-26T16:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/rentenreform-es-geht-um-viel-geld-und-noch-mehr-missverstaendnisse-37608400-html\/"},"modified":"2026-06-26T18:03:17","modified_gmt":"2026-06-26T16:03:17","slug":"rentenreform-es-geht-um-viel-geld-und-noch-mehr-missverstaendnisse-37608400-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/rentenreform-es-geht-um-viel-geld-und-noch-mehr-missverstaendnisse-37608400-html\/","title":{"rendered":"Kolumne: Bei der Rentenreform geht es um viel Geld \u2013 und noch mehr Missverst\u00e4ndnisse"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Die geplante Reform der Altersvorsorge erregt die Gem\u00fcter \u2013 auch die vieler Capital-Leser. Hier antwortet der Chefredakteur<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Es kommt nicht so oft vor, dass unsere Analysen und Kommentare eine solche Resonanz ausl\u00f6sen. <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.capital.de\/wirtschaft-politik\/rentenpaket--regierung-setzt-auf-komplettreform-ohne-abstriche-37588524.html?utm_medium=standard&amp;utm_source=rss\" title=\"Rentenpaket: \u201eKein Rosinenpicken\u201c: Regierung will Rentenreform komplett umsetzen\">Bei den Vorschl\u00e4gen der Regierungskommission zur Reform der Altersvorsorge<\/a>, unseren Einordnungen und Meinungsbeitr\u00e4gen dazu, war dies anders. Egal, ob es um die M\u00fctterrente ging, die die Kommissionsmitglieder in ihren Empfehlungen freundlich ausklammerten, oder um die vorgeschlagene Abschaffung der abschlagsfreien Fr\u00fchrente: Sie haben uns dazu eifrig geschrieben.\u00a0<\/p>\n<p>Daf\u00fcr zun\u00e4chst einmal ein herzliches Dankesch\u00f6n! Viele E-Mails, die oft kritisch ausfielen, weil wir bei Capital wiederum die Vorschl\u00e4ge im Gro\u00dfen und Ganzen f\u00fcr recht gelungen hielten, enthielten wertvolle Anregungen und Argumente.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr mich zeigten die vielen Zuschriften aber auch ein grunds\u00e4tzliches Problem,\u00a0das vor allem die Art betrifft, wie Politiker und, das muss ich selbstkritisch einr\u00e4umen, auch wir Journalisten oft \u00fcber das Rentensystem und die n\u00f6tigen Reformen sprechen und schreiben: Weder Reformkonzepte noch ihre Kommentierung durch uns k\u00f6nnen individuelle Lebensleistungen angemessen w\u00fcrdigen. In unserer Arbeit bleiben wir immer abstrakt \u2013 weil wir es gar nicht anders k\u00f6nnen (jedes Leben und jedes Arbeitsleben verl\u00e4uft ganz anders), und weil wir es auch ein St\u00fcck weit m\u00fcssen. Denn am Ende muss ja ein System ver\u00e4ndert werden, das f\u00fcr mehr oder weniger 80 Millionen Menschen funktionieren soll \u2013 und nicht nur f\u00fcr jeden ganz individuell.\u00a0<\/p>\n<p>Anders als im deutschen Steuersystem, das f\u00fcr jede Lebenslage, jede Not und jede noch so kleine Ausgabe eine eigene Regel und eine eigene Ausnahme von der Regel kennt, wurde im Rentensystem nicht versucht, alles individuell und gerecht f\u00fcr jeden und jede zu gestalten. Daf\u00fcr gibt es in der gesetzlichen Rentenversicherung vier bis f\u00fcnf Standardangebote\u00a0mit unterschiedlichen Voraussetzungen \u2013 und dann m\u00fcssen wir in 40, 45 oder 50 Berufsjahren versuchen, uns danach zu richten und das Beste daraus zu machen. Will man dieses System reformieren, doktert man automatisch an den Standards herum und nicht an der Frage, ob ein Set Bleistifte f\u00fcr 2,99 Euro von der Steuer absetzbar ist oder ein neuer Computer \u00fcber ein, drei oder sieben Jahre abgeschrieben werden darf.<\/p>\n<h2>Differenzierungen kommen zu kurz<\/h2>\n<p>In der Rentendebatte geht es um Verteilungsfragen, die immer schwierig und konfliktreich sind. Und es geht um Missverst\u00e4ndnisse und Fehlkommunikation, die die Diskussion nur noch schwieriger machen.\u00a0Differenzierungen, das f\u00e4llt mir immer wieder auf, kommen oft zu kurz. Und zwar auf allen Seiten.\u00a0<\/p>\n<p>So will die Kommission ja niemandem etwas wegnehmen. Jeder, der heute schon seinen Ruhestand genie\u00dft, soll dies weiter tun d\u00fcrfen. Die allermeisten Reformvorschl\u00e4ge betreffen k\u00fcnftige Rentner und Rentnerinnen. Auch wird niemandem die Rente gek\u00fcrzt werden. Das gilt auch, wenn, wie von der Kommission vorgeschlagen, ab 2032 wieder der Nachhaltigkeitsfaktor greifen und das Rentenniveau langsam sinken soll. Es bedeutet lediglich, dass die Renten ab dann etwas langsamer steigen w\u00fcrden als L\u00f6hne und Geh\u00e4lter. Aber steigen werden sie weiterhin, zumindest wenn die Wirtschaft weiter w\u00e4chst und L\u00f6hne und Geh\u00e4lter dies auch tun. Und auch Abstriche bei der M\u00fctterrente h\u00e4tten allenfalls die n\u00e4chste Erh\u00f6hung ab dem kommenden Jahr betroffen, nicht bestehende Anspr\u00fcche, die schon ausgezahlt werden. Aber nun wird ja bei der M\u00fctterrente wahrscheinlich eh nichts passieren, insofern ist die Debatte m\u00fc\u00dfig \u2013 wenn auch die M\u00fctterrente so viel kostet, dass man daf\u00fcr die Deutsche Bahn generalsanieren k\u00f6nnte.\u00a0<\/p>\n<p>Zu den gro\u00dfen Missverst\u00e4ndnissen geh\u00f6rt auch die Idee, endlich Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen \u2013 eine Forderung, die in vielen E-Mails unserer Leser auftaucht. In einer ganz neuen Welt w\u00fcrde man sicher viele Sonderregeln f\u00fcr Beamte streichen und diese in die gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung einbeziehen. Aber wir haben diese neue Welt nicht. F\u00fcr all jene, die heute schon Beamte sind, gilt wie f\u00fcr alle, die heute Rentner sind, ein ziemlich weitreichender verfassungsrechtlicher Bestandsschutz ihrer Anspr\u00fcche. Neu regeln k\u00f6nnte man die Beamtenversorgung nur f\u00fcr alle, die neu in den Staatsdienst kommen \u2013 und das w\u00fcrde f\u00fcr Bund und L\u00e4nder teuer. Denn der Staat m\u00fcsste die alten Anspr\u00fcche und gleichzeitig Beitr\u00e4ge f\u00fcr die neuen Beamten bezahlen. Und ob sich noch Polizisten oder Richter und Staatsanw\u00e4lte f\u00fcr die neuen Konditionen finden lassen, wenn nicht zugleich ihre Geh\u00e4lter an jene in der Wirtschaft angeglichen werden, ist doch zumindest fraglich.\u00a0<\/p>\n<p>Interessanterweise gibt es noch zwei andere gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnisse rund um die Rente und ihre sich anbahnende Reform. Das erste Missverst\u00e4ndnis betrifft Friedrich Merz und seine doch ziemlich gebeutelte Koalition. Die Erleichterung, endlich etwas geschafft zu haben, oder zumindest die Aussicht darauf, dass diese Koalition doch eine gro\u00dfe Reform schaffen k\u00f6nnte, war am Dienstag dieser Woche im Kanzleramt mit H\u00e4nden zu greifen. Allerdings muss man sagen: Ob sich an die Zusage, alle 33 Vorschl\u00e4ge der Kommission m\u00fcssten nun ohne Abstriche umgesetzt werden, nach der Sommerpause noch alle in der Koalition erinnern werden, darf man bezweifeln. Wahrscheinlich ist, dass um die Ausgestaltung an vielen Stellen noch ein heftiger Streit entbrennen wird, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.capital.de\/wirtschaft-politik\/rentenreform-kommt-ganz-bald--drei-huerden-muss-merz-jetzt-ueberwinden-37593594.html?utm_medium=standard&amp;utm_source=rss\" title=\"Reform geplant: Diese drei H\u00fcrden muss Merz jetzt bei der Rente \u00fcberwinden\">wie die Analyse von Lisa Becke und Florian Schillat aufzeigt<\/a>.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p>Trotzdem, es stimmt schon: Die Koalition hat, entgegen allen Zweifeln, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.capital.de\/wirtschaft-politik\/wie-friedrich-merz-nach-einem-namen-fuer-sein-reformungetuem-sucht-37601116.html?utm_medium=standard&amp;utm_source=rss\" title=\"Reformen: Wie Friedrich Merz nach einem Namen f\u00fcr sein Reformunget\u00fcm sucht\">die historische Chance, einen gro\u00dfen gesellschaftlichen Konflikt zumindest f\u00fcr etliche Jahre zu befrieden<\/a>. Ob alle Rechnungen im Reformkonzept so aufgehen, wird man erst in zehn bis 15 Jahren sehen. Doch die Vorschl\u00e4ge, wenn sie denn so kommen, markieren das Ende einer Unt\u00e4tigkeit \u2013 und das ist schon ein gro\u00dfer Gewinn.<\/p>\n<p>Zur Wahrheit geh\u00f6rt aber auch: Eine Rentenreform wird keinen wirtschaftlichen Aufschwung bringen und auch keine Investitionsoffensive im Land. Zwar stellte Merz in Aussicht, die Einf\u00fchrung einer Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rente werde auch f\u00fcr Investitionen hierzulande sorgen. Aber dem muss man deutlich widersprechen: Die Idee der Kommission ist nur sinnvoll, wenn das Geld f\u00fcr die Aktienrente gerade nicht in Deutschland, sondern weltweit angelegt wird. Ja, ein Bruchteil davon wird auch im Land bleiben, aber das wird nicht viel \u00e4ndern an der wirtschaftlichen Lage.\u00a0<\/p>\n<h2>Die Reformen k\u00f6nnen das Land langfristig ver\u00e4ndern<\/h2>\n<p>F\u00fcr eine Wirtschaftswende, von der der Kanzler so gerne spricht, w\u00e4ren Entlastungen n\u00f6tig, und die gestalten sich immer noch schwierig. Bis n\u00e4chste Woche wollen Union und SPD eine Einigung bei der Steuerreform hinbekommen, vielleicht kommt da ja noch was. Die Rentenreform jedenfalls wird, so sinnvoll sie ist, eher ein dickes Minus in den Haushaltskassen hinterlassen \u2013 genau wie die geplanten Gesundheits- und die Pflegereformen. F\u00fcr die Konjunktur ist das nicht gut, und ob die angestrebte Steuerreform die Belastungen bei Rente, Gesundheit und Pflege ausgleichen kann, ist offen. Wir haben einmal \u00fcberschlagen, was die Reformpl\u00e4ne Sie ganz pers\u00f6nlich kosten k\u00f6nnten \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.capital.de\/geld-versicherungen\/rente--steuern--pflege--was-bedeuten-die-reformen-fuer-mich--37602296.html?utm_medium=standard&amp;utm_source=rss\" title=\"Koalitionspl\u00e4ne: Rente, Steuern, Pflege: Was bedeuten die Reformen f\u00fcr mich?\">schauen Sie gerne einmal nach<\/a>, wenn Sie an diesem Wochenende eine kalte Dusche brauchen. \u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p>Ein letztes Missverst\u00e4ndnis betrifft die angedachte Kapitaldeckung in der Rente selbst. Nur weil die B\u00f6rsen noch einigerma\u00dfen gut laufen und soeben den ersten Billion\u00e4r der Welt hervorgebracht haben \u2013 mit einem Firmenimperium, das eindrucksvoll, vor allem aber eindrucksvoll fragil ist \u2013, hei\u00dft das nicht, dass es in den n\u00e4chsten f\u00fcnf bis zehn Jahren immer so weiter gehen muss. Eher sollten wir realistisch sagen: Es kann demn\u00e4chst auch wieder ordentlich rappeln, vielleicht stehen die Indizes in ein oder zwei Jahren sogar 30 bis 50 Prozent niedriger als heute. Niemand wei\u00df das. Auf Sicht von zehn oder 15 Jahren haben die B\u00f6rsen solche Einbr\u00fcche aber immer aufgeholt und sogar deutlich mehr Gewinn gebracht. Das ist die Perspektive der Reform.\u00a0<\/p>\n<p>Auch die Schweden, auf die nun alle immer verweisen, wurden nicht innerhalb von drei oder f\u00fcnf Jahren zu einem Volk von Aktion\u00e4ren. Das hat rund 30 Jahre gedauert. Und solange wird es auch hier dauern. Aber die Reformen dieses Jahres, das schon beschlossene Altersvorsorgedepot und die neue Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rente, k\u00f6nnen wichtige Impulse setzen und das Land langfristig ver\u00e4ndern. Das Beispiel Schweden zeigt genau dies, wie wir in einer gro\u00dfen Geschichte erst vor wenigen Wochen nachgezeichnet haben und <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.capital.de\/geld-versicherungen\/finanzplatz-stockholm--was-hinter-dem-schwedischen-ipo-boom-steckt-37488784.html?utm_medium=standard&amp;utm_source=rss\" title=\"Finanzmetropole: Finanzplatz Stockholm: Was hinter dem schwedischen IPO-Boom steckt\">die ich Ihnen noch einmal ans Herz legen m\u00f6chte<\/a>. Auch dies w\u00e4re ein gro\u00dfer Fortschritt und ein historischer Erfolg f\u00fcr die so oft gescholtene Koalition.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Die geplante Reform der Altersvorsorge erregt die Gem\u00fcter \u2013 auch die vieler Capital-Leser. 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