{"id":11376,"date":"2026-06-27T09:04:25","date_gmt":"2026-06-27T07:04:25","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/finnland-in-der-krise-ein-erfolgsmodell-geraet-ins-wanken\/"},"modified":"2026-06-27T09:04:25","modified_gmt":"2026-06-27T07:04:25","slug":"finnland-in-der-krise-ein-erfolgsmodell-geraet-ins-wanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/finnland-in-der-krise-ein-erfolgsmodell-geraet-ins-wanken\/","title":{"rendered":"Finnland in der Krise? Ein Erfolgsmodell ger\u00e4t ins Wanken"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Finnland sieht sich zunehmend mit wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert. Steigende Preise, wachsende Arbeitslosigkeit, K\u00fcrzungen bei \u00f6ffentlichen Dienstleistungen und der demografische R\u00fcckgang belasten das Land. Experten f\u00fchren die Ursachen nicht nur auf den Bruch\u00a0in den Wirtschaftsbeziehungen zu Russland zur\u00fcck, sondern sehen auch langfristige strukturelle Probleme als Ursache.<\/p>\n<h4><strong>Wenn das Leben unbezahlbar wird<\/strong><\/h4>\n<p>Das Leben in Finnland wird immer teurer. Nach Eurostat-Daten lag das Preisniveau dort im vergangenen Jahr etwa 21 Prozent \u00fcber dem EU-Durchschnitt. Besonders deutlich zeigt sich das bei Alkohol, der doppelt so viel kostet wie im EU-Durchschnitt. Lebensmittel sind rund sechs Prozent teurer. Auch die Kosten f\u00fcr den Schienen-, Stra\u00dfen-, Luft- und Wasserverkehr liegen laut dem finnischen Statistikamt um 47 Prozent \u00fcber dem EU-Durchschnitt. Bei Strom, Gas, Haushaltsger\u00e4ten und Kommunikationsdiensten bewegt sich das Preisniveau dagegen auf einem \u00e4hnlichen Niveau wie in anderen EU-L\u00e4ndern. Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit werden die hohen Lebenshaltungskosten f\u00fcr viele Haushalte jedoch zu einer immer gr\u00f6\u00dferen Belastung.<\/p>\n<h4 data-section-id=\"1i6anj3\" data-start=\"2277\" data-end=\"2314\"><strong>&#8222;Alle stehlen&#8220;<\/strong><\/h4>\n<p>Die Folgen der steigenden Lebenshaltungskosten machen sich zunehmend im Alltag bemerkbar. So berichteten finnische Medien im Sommer 2025 \u00fcber einen deutlichen Anstieg der Ladendiebst\u00e4hle. &#8222;Alle stehlen&#8220;, sagte die Leiterin eines Gesch\u00e4fts im S\u00fcden des Landes.\u00a0Der Einzelhandel reagierte mit versch\u00e4rften Sicherheitsma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>In Superm\u00e4rkten wurden alkoholische Getr\u00e4nke und hochwertige Fleischwaren weggeschlossen und Kunden teilweise aufgefordert, vor dem Verlassen des Gesch\u00e4fts ihre Taschen und Rucks\u00e4cke vorzuzeigen. Der Handelskonzern Kesko zeigte an Selbstbedienungskassen Bilder der \u00dcberwachungskameras, um auf die Video\u00fcberwachung hinzuweisen. Ein K-Market in Helsinki schaffte die Selbstbedienungskassen sogar vollst\u00e4ndig ab.<\/p>\n<p>Auch ein Blick ins Nachbarland Schweden verdeutlicht die Preisunterschiede. Seit dem 1. April wurde die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel dort von zw\u00f6lf auf sechs Prozent gesenkt. Die Preise fielen und viele Finnen fuhren zum Einkaufen \u00fcber die Grenze. Zus\u00e4tzlich profitieren sie vom Wechselkurs zwischen Euro und schwedischer Krone.<\/p>\n<p>Eine vergleichbare Steuersenkung k\u00f6nne sich Finnland wegen der angespannten Staatsfinanzen nicht leisten, erkl\u00e4rte Tuomas Kosonen vom finnischen Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung VATT gegen\u00fcber dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender <em>Yle. <\/em>W\u00e4hrend die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel im Jahr 2026 von 14 auf 13,5 Prozent gesenkt wurde, blieb der allgemeine Mehrwertsteuersatz mit 25,5 Prozent unver\u00e4ndert \u2013 einer der h\u00f6chsten S\u00e4tze in Europa.<\/p>\n<h4 data-section-id=\"dewp9x\" data-start=\"2504\" data-end=\"2558\"><strong>Arbeitsmarkt unter Druck<\/strong><\/h4>\n<p>Die hohen Lebenshaltungskosten treffen Finnland in einer Phase zunehmender wirtschaftlicher Schw\u00e4che. Gleichzeitig ger\u00e4t auch der Arbeitsmarkt immer st\u00e4rker unter Druck. Die Arbeitslosigkeit hat inzwischen den h\u00f6chsten Stand des laufenden Jahrhunderts erreicht. Im Mai 2026 waren 376.000 Menschen ohne Arbeit \u2013 so viele wie seit 1998 nicht mehr. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei 308.000.<\/p>\n<p>Besonders stark stieg die Arbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-J\u00e4hrigen. In dieser Altersgruppe gab es 44.000 Arbeitslose mehr als im Vorjahr. Zwar erreicht die Arbeitslosigkeit im Mai wegen des Eintritts von Studierenden und Schulabg\u00e4ngern in den Arbeitsmarkt regelm\u00e4\u00dfig ihren saisonalen H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p>Laut Johanna Viinikka, leitende Expertin des Statistikamts, liegt die Quote jedoch auch bereinigt um saisonale Effekte auf einem Rekordniveau f\u00fcr das 21. Jahrhundert. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote stieg im Mai auf 10,8 Prozent, w\u00e4hrend die Besch\u00e4ftigungsquote auf 75,2 Prozent sank \u2013 der niedrigste Stand seit Anfang 2021. Damit weist Finnland inzwischen die h\u00f6chste Arbeitslosenquote unter den EU-Mitgliedstaaten auf und liegt vor Spanien und Griechenland.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung belastet auch den Staatshaushalt. F\u00fcr Arbeitslosenunterst\u00fctzung werden in diesem Jahr voraussichtlich 2,4 Milliarden Euro ausgegeben, das sind 322 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Wie angespannt der Arbeitsmarkt ist, zeigt der Wettbewerb um Saisonstellen: Auf rund 300 befristete Stellen bei der Fast-Food-Kette Hesburger gingen fast 27.000 Bewerbungen ein. F\u00fcr Sommerjobs bei Lidl bewarben sich mehr als 36.000 Menschen.<\/p>\n<p>Das finnische Ministerium f\u00fcr Arbeit und Wirtschaft rechnet damit, dass die Arbeitslosenquote bis Ende 2028 auf einem hohen Niveau bleiben wird.<\/p>\n<h4 data-section-id=\"fbzrc1\" data-start=\"2622\" data-end=\"2671\"><strong>Sozialabbau: Hunderte Geb\u00e4ude stehen leer<\/strong><\/h4>\n<p>Inzwischen machen sich die finanziellen Belastungen auch bei den \u00f6ffentlichen Dienstleistungen bemerkbar. So haben die Sozialdienste in Finnland ihre Versorgungsnetze deutlich verkleinert. Dadurch stehen rund 300 Geb\u00e4ude des Sozialwesens vollst\u00e4ndig leer und weitere fast 500 werden nur noch teilweise genutzt. Das entspricht mehr als einem Viertel aller sozialen Einrichtungen, die es 2023 im Land gab. Dar\u00fcber berichtet der Sender <em>Yle<\/em> unter Berufung auf eine Untersuchung des Verbands finnischer Kommunen und Regionen (Suomen Kuntaliitto).<\/p>\n<p>Viele Kommunen k\u00e4mpfen nun mit den Folgen. Fast ein Drittel von ihnen gab an, dass die Mieteinnahmen die laufenden Kosten leerstehender Geb\u00e4ude nicht decken. Notwendige Sanierungen k\u00f6nnen nur in etwa jedem zehnten Fall finanziert werden. Wie schwierig die Lage ist, zeigt das ehemalige Pflegeheim Iltarusko in Saarij\u00e4rvi. Trotz eines gesch\u00e4tzten Werts von rund 190.000 Euro fand sich nach seiner Schlie\u00dfung kein K\u00e4ufer. Gleichzeitig kostet der leerstehende Komplex die Gemeinde jedes Jahr etwa 35.000 Euro.<\/p>\n<p>Der Kommunalverband bezeichnet diese Entwicklung als &#8222;schwarzen Schwan&#8220; f\u00fcr die Gemeinden. Mit den Schlie\u00dfungen gingen Arbeitspl\u00e4tze verloren, der Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang beschleunigte sich und die Steuereinnahmen sanken. Laut dem Verband k\u00f6nnten weitere K\u00fcrzungen im Sozialbereich sogar zu Zusammenschl\u00fcssen von Kommunen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb des Sozialwesens w\u00e4chst die Zahl leerstehender Immobilien. In Helsinki stehen ehemalige Krankenhausgeb\u00e4ude leer, deren Unterhaltung Millionen kostet. Der Grenzgemeinde Virolahti droht wegen ihrer schwierigen Finanzlage ein Zusammenschluss mit der benachbarten Stadt Hamina.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versch\u00e4rfen die Beh\u00f6rden die Regelungen f\u00fcr den Erwerb von Immobilien durch russische Staatsb\u00fcrger. So verhinderten das finnische Verteidigungsministerium und ein Gericht in Turku im Jahr 2023 den Kauf eines ehemaligen Pflegeheims in Kankaanp\u00e4\u00e4 durch eine Familie aus Sankt Petersburg. Als Begr\u00fcndung wurden Sicherheitsbedenken genannt.<\/p>\n<h4><strong>Demografischer R\u00fcckgang trotz Migration<\/strong><\/h4>\n<p>Neben den wirtschaftlichen Problemen hat sich auch die demografische Lage Finnlands versch\u00e4rft. Erstmals seit drei Jahren ist die Bev\u00f6lkerung des Landes wieder geschrumpft. Seit Jahresbeginn 2026 sank die Einwohnerzahl um rund 2.700 Menschen und lag Ende April bei etwa 5,65 Millionen. Hauptgrund hierf\u00fcr ist der nat\u00fcrliche Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang: In den ersten vier Monaten des Jahres starben 20.700 Menschen, w\u00e4hrend nur 15.400 Kinder geboren wurden. Dadurch sank die Einwohnerzahl um 5.700 Menschen.<\/p>\n<p>Die Zuwanderung, die in den vergangenen Jahren f\u00fcr ein Bev\u00f6lkerungswachstum gesorgt hatte, konnte diesen R\u00fcckgang nicht ausgleichen. Zwar verzeichnete Finnland zwischen Januar und April 2026 einen Wanderungs\u00fcberschuss von 2.600 Menschen, doch der Zustrom ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte und Studenten ging Ende 2025 deutlich zur\u00fcck. Die Arbeitsmigration sank im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent.<\/p>\n<p>Auch die Abwanderung bestimmter Gruppen verst\u00e4rkt diese Entwicklung. Laut Medienberichten verlassen zahlreiche Ukrainer Finnland, wenn sie ihren Status des vor\u00fcbergehenden Schutzes wegen fehlender Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten nicht verl\u00e4ngern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Statistikamt wies zudem darauf hin, dass die Zahl der dauerhaft in Finnland lebenden Kinder und Jugendlichen unter 17 Jahren erstmals unter eine Million gefallen ist. Wirtschaftsexperten sehen die alternde Bev\u00f6lkerung als eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen des Landes. Forschungen zufolge k\u00f6nnte in den kommenden 20 Jahren fast ein Drittel des finnischen Wohnungsbestands frei werden.<\/p>\n<h4 data-section-id=\"tlt8d2\" data-start=\"2740\" data-end=\"2765\"><strong>Migri baut Stellen ab<\/strong><\/h4>\n<p>Inzwischen wirkt sich der R\u00fcckgang der Migration auch auf die Infrastruktur f\u00fcr Zuwanderer aus. So plant die finnische Migrationsbeh\u00f6rde Migri, mehrere Servicestellen im Osten des Landes zu schlie\u00dfen. Diese Entscheidung hat bei Grenzst\u00e4dten, Hochschulen und Wirtschaftsvertretern f\u00fcr Kritik gesorgt. Sie warnen, dass dadurch die Integration ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte erschwert und Unternehmen bei der Suche nach Personal behindert werden k\u00f6nnten. Dies berichtet der Sender <em>Yle.<\/em><\/p>\n<p>Migri begr\u00fcndet die Ma\u00dfnahme mit notwendigen Einsparungen. Durch die Schlie\u00dfung der Standorte in Kuopio, Lahti und Kuhmo will die Beh\u00f6rde bis Ende 2027 mehr als zwei Millionen Euro an Mietkosten sparen. Auch in der Zentrale in Helsinki soll die genutzte B\u00fcrofl\u00e4che reduziert werden. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Migrationsbeh\u00f6rde mehrere Aufnahmezentren geschlossen. Als Grund nannte sie damals einen deutlichen R\u00fcckgang der Zahl ausl\u00e4ndischer Asylbewerber.<\/p>\n<h4><strong>Die Folgen des Bruchs mit Russland<\/strong><\/h4>\n<p>Experten zufolge ist die aktuelle Lage in Finnland also das Ergebnis mehrerer Faktoren. Neben den Folgen des Bruchs mit Russland spielen vor allem langfristige strukturelle Probleme eine Rolle: Finnland geh\u00f6rt seit Jahren zu den teuersten L\u00e4ndern Europas. <em>&#8222;Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind unter anderem hohe Arbeitskosten, eine starke Steuerbelastung, ein kleiner Binnenmarkt und hohe Logistikkosten&#8220;<\/em>, erkl\u00e4rt Pawel Sewostjanow, Dozent f\u00fcr politische Analyse und sozialpsychologische Prozesse an der Moskauer Plechanow-Universit\u00e4t f\u00fcr Wirtschaft.<\/p>\n<p>Auch die hohe Besteuerung vieler Produkte tr\u00e4gt zum Preisniveau bei. <em>&#8222;Finnland verfolgt bewusst eine Politik der hohen Besteuerung, insbesondere bei Alkohol und Tabak. Das wirkt sich auch auf Transport- und andere Kosten aus&#8220;,<\/em>\u00a0erkl\u00e4rt\u00a0Tatjana Asson, Dozentin f\u00fcr internationales Business an der Finanzuniversit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland hat die Situation laut Sewostjanow zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft. Bis 2022 geh\u00f6rte Russland zu den wichtigsten Handelspartnern Finnlands. Nach dem R\u00fcckgang des Handels musste Helsinki russische Energietr\u00e4ger ersetzen, was die Kosten f\u00fcr Energie und Importe erh\u00f6hte. Zusammen mit den h\u00f6heren Verteidigungsausgaben habe dies das Wirtschaftswachstum gebremst und das Haushaltsdefizit vergr\u00f6\u00dfert, erkl\u00e4rt Asson.<\/p>\n<p>Gleichzeitig betonen die Experten, dass Finnland bereits vor der Verschlechterung der Beziehungen zu Russland zu den teuersten Volkswirtschaften Europas geh\u00f6rte. Die aktuelle Situation sei daher weniger eine Folge einzelner Entscheidungen als vielmehr das Ergebnis langfristiger Besonderheiten des finnischen Wirtschaftsmodells, die sich mit den Folgen des geopolitischen Bruchs \u00fcberlagerten.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema <\/strong>\u2013 <a href=\"https:\/\/freedert.online\/europa\/253056-finnland-zahlt-hohen-preis-fuer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Finnland zahlt einen hohen Preis f\u00fcr seinen Bruch mit Russland<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v72hya4\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finnland sieht sich zunehmend mit wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert. 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