{"id":11416,"date":"2026-06-27T18:04:15","date_gmt":"2026-06-27T16:04:15","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/ines-geipel-der-mdr-und-der-blinde-braune-fleck-brd\/"},"modified":"2026-06-27T18:04:15","modified_gmt":"2026-06-27T16:04:15","slug":"ines-geipel-der-mdr-und-der-blinde-braune-fleck-brd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/ines-geipel-der-mdr-und-der-blinde-braune-fleck-brd\/","title":{"rendered":"Ines Geipel, der MDR und der blinde braune Fleck BRD"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Es gibt nichts Gutes, das nicht auch sein Schlechtes hat. Daran erinnert ein <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/nsdap-mitgliederkartei-ddr-osten-geipel,nsdap-kartei-kultur-news-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrag<\/a> des <em>MDR<\/em> vom Dienstag. Denn w\u00e4hrend in anderen Medien so langsam die Debatte \u00fcber die inzwischen (nach 85 Jahren!) offengelegte NSDAP-Mitgliederdatei beginnt, nutzt das <em>MDR<\/em>-Kulturdesk sofort die Gelegenheit, daraus eine Geschichte gegen die DDR zu stricken. Ausgerechnet.<\/p>\n<p>Als Zeugin dient dabei Ines Geipel, selbst Kind in der DDR durchaus gut integrierter Eltern, die es geschafft hat, als &#8222;Kronzeugin&#8220; \u00fcber Doping in der DDR ihre Karriere in den Westen zu retten. Was ihr allerdings v\u00f6llig abzugehen scheint, ist Kenntnis der Westgeschichte. Was selbstverst\u00e4ndlich n\u00fctzlich ist, wenn jemand als Rammbock gegen die DDR dienen soll, die angeblich ja den Antifaschismus nur oberfl\u00e4chlich zelebriert habe (im Gegensatz zur Bundesrepublik, die angeblich ernsthaft aufgearbeitet habe).<\/p>\n<p>Geipel, die sich l\u00e4ngst in die Rente zur\u00fcckziehen k\u00f6nnte (die dank Verrat und Professur bestens gepolstert ist), kann es auch nicht lassen, dem <em>MDR<\/em> die gew\u00fcnschten Stichworte zu liefern. Wo der <em>MDR<\/em> mit der\u00a0Behauptung einsteigt, die SED habe in den 1950ern so viele Mitglieder gehabt, wie Mitglieder der Nazipartei B\u00fcrger der DDR gewesen seien.<\/p>\n<p>Wobei diese\u00a0These\u00a0nat\u00fcrlich bereits geschummelt ist. Denn tats\u00e4chlich entspricht der Anteil der NSDAP-Mitglieder in der BRD nicht einfach dem Anteil an der deutschen Gesamtbev\u00f6lkerung. Es gab Wanderungsbewegungen: Die Nazis zog es in den Westen. Wobei auch Absprachen eine Rolle spielten, die noch vor dem Ende des zweiten Weltkriegs mit dem US-amerikanischen OSS getroffen worden waren. Oder mit den Briten. Andererseits zog es die \u00fcberlebenden Mitglieder der KPD in den Osten \u2013 so sehr, dass daf\u00fcr drakonische Strafen verh\u00e4ngt wurden, um die Parteistruktur im Westen zu erhalten. Wer in den Osten ging, wurde aus der Partei ausgeschlossen. Das macht man nicht, wenn da kein ernstes Problem ist. Nach dem Verbot der KPD im Westen 1956 wurde das etwas gelockert \u2013 wem eine Gef\u00e4ngnisstrafe drohte, der durfte in die DDR kommen.<\/p>\n<p>Man muss es auch ganz n\u00fcchtern wahrnehmen: Die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr Nazis, v\u00f6llig ungestraft davonzukommen, war im Westen deutlich h\u00f6her. Selbst f\u00fcr SS-Offiziere und Kriegsverbrecher. Die US-Soldaten hatten zwar in den ersten Wochen nach Kriegsende jeden erschossen, den sie mit einer Blutgruppent\u00e4towierung erwischten, aber nach Franklin Roosevelts Tod sorgte Harry Truman schnell f\u00fcr eine \u00c4nderung der Linie.<\/p>\n<p>Doch sehen wir auf Geipels Antwort. Die Zahl der NSDAP-Mitglieder sage etwas dar\u00fcber aus, &#8222;wie instrumentell Geschichtspolitik in der DDR betrieben wurde \u2013 all das wurde ja massiv \u00fcberdeckt. Die DDR war ein einziges Widerstandsland mit ausschlie\u00dflich Opfern&#8220;.<\/p>\n<p>Eine Aussage, die, ehrlich gesagt, bezogen auf die Niederlande oder \u00d6sterreich besser zutr\u00e4fe. Weil da tats\u00e4chlich viel zugedeckt wurde.<\/p>\n<p>Nun, es gibt statistische Daten, die den realen Umgang bezeugen. Den mit den Naziverbrechern. Die viermal so gro\u00dfe BRD er\u00f6ffnete 140.000 Verfahren, verurteilte aber nur 6.600 Personen und stellte 91.000 Verfahren ein. Die DDR er\u00f6ffnete bis zu 30.000 Ermittlungsverfahren (noch 1989 lief eine ganze Reihe davon), verurteilte 12.890 Personen und stellte nur 3.700 Verfahren ein.<\/p>\n<p>Zuvor hatte es aber noch die Justiz der Besatzungsm\u00e4chte gegeben, die unter anderem den N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozess gef\u00fchrt hatten. Hier hatte es denselben massiven Unterschied gegeben: im Westen waren 5.025 Personen verurteilt, davon 486 hingerichtet worden\u00a0\u2013 allerdings kamen viele Verurteilte Anfang der 1950er wieder frei, wie unter anderem die Angeklagten in den Prozessen gegen die deutsche Industrie. Die sowjetischen Milit\u00e4rtribunale (die allerdings auch bereits w\u00e4hrend des Krieges die Informationen \u00fcber die Kriegsverbrechen im Osten gesammelt hatten), hatten 45.000 verurteilt. Weitere 26.000 Verfahren hatten in der Sowjetunion stattgefunden.<\/p>\n<p>Wo wurde also \u00fcberdeckt?<\/p>\n<p>Was das &#8222;Widerstandsland&#8220; betrifft: Der Anteil der Exilanten und Widerstandsk\u00e4mpfer in den Regierungen der DDR betrug zu Beginn der DDR fast 100\u00a0Prozent; selbst Erich Honecker als letzter Regierungschef hatte noch zehn Jahre in Nazihaft verbracht. In der BRD war der einzige Kanzler, der wirklich Widerstand geleistet hatte, Willy Brandt, der daf\u00fcr von der Westpresse massiv angegriffen wurde. Ich habe die <em>Bild<\/em>-Schlagzeilen \u00fcber den &#8222;Verr\u00e4ter Herbert Frahm&#8220; noch selbst gesehen. Weniger als zehn Prozent der Minister unter Adenauer waren irgendwie von den Nazis verfolgt worden. Konrad Adenauer selbst hatte gerade mal einige Tage in Haft verbracht. Es ist aber belegt, dass er 1935, als er von einem Vertreter der illegalen KPD auf eine m\u00f6gliche Zusammenarbeit gegen Hitler angesprochen wurde, erkl\u00e4rt hatte, mit den Nazis k\u00f6nne man noch gute Gesch\u00e4fte machen.<\/p>\n<p>Ein Unterschied? Ja, dazu muss man aber dann noch Minister wie Theodor Oberl\u00e4nder nehmen, der einst der Verbindungsoffizier der Wehrmacht zum Bataillon Nachtigall war und damit das Pogrom in Lemberg kommandierte\u00a0&#8230; Vertriebenenminister unter Adenauer. Nur so zum Beispiel.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich alles nachlesen, im <a href=\"https:\/\/digisam.ub.uni-giessen.de\/ubg-ihd-hl\/content\/titleinfo\/3224155\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Braunbuch<\/a>. 1965 in der DDR erschienen und noch immer eine Sammlung, die zumindest eine Ahnung vermittelt, wie der Apparat in der BRD wirklich aussah.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum <em>MDR<\/em>. Die Konvertitin Geipel bekommt die H\u00e4ppchen selbstverst\u00e4ndlich mundgerecht vorgelegt. Etwa mit der Bemerkung, &#8222;mehr als ein Viertel der fr\u00fchen SED-Mitglieder&#8220; sei &#8222;vorher in der NSDAP&#8220; gewesen. Und Geipel erwidert scheinweise: &#8222;Wir sollten schauen, dass es zu einer inneren Demokratisierung kommen kann und nicht einfach eine Skandalgeschichte nach der anderen hier sozusagen die Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene bedient.&#8220; Gefragt sei &#8222;Biografiearbeit&#8220;.<\/p>\n<p>Ja, schon witzig irgendwie, wenn diese West-\u00dcberl\u00e4uferin da irgendeinen Effekt herbeifabuliert, ohne die mindeste Ahnung zu haben, wie bedeutsam der Zugang zu diesen Informationen einst im Westen gewesen w\u00e4re und wie l\u00e4cherlich die Wirkung, die sie heute noch haben. Die ganze NSDAP-Mitgliedsdatei befand sich \u00fcber Jahrzehnte in den H\u00e4nden der US-Amerikaner und geriet erst nach 1989 in bundesdeutsche Archive. Da wurde dann aber, obwohl es derartige Forderungen gab, noch lange nicht freigegeben. Schlie\u00dflich war der letzte bundesdeutsche Minister mit bekannter NSDAP-Geschichte, der bayerische Justizminister Alfred Seidl, erst 1981 zur\u00fcckgetreten.<\/p>\n<p>Geipel hat ihrer profitablen Karriere jede Wahrnehmung der Schattenseiten der Westrepublik geopfert. Sie redet davon, die &#8222;Ged\u00e4chtniskorridore des Landes&#8220; w\u00fcrden sich &#8222;noch mal neu sortieren&#8220;, vor allem im Verh\u00e4ltnis Ost-West. &#8222;Dass wir endlich aufh\u00f6ren, uns die Dinge r\u00fcberzuschieben, sondern sagen: Hitler war eine Geschichte aller Deutschen. Wir sind eine T\u00e4tergesellschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Nein. Da muss ich mich deutlich verweigern. Denn die Nachgeborenen haben die Wahl; sie m\u00fcssen nicht den Pfaden ihrer Vorv\u00e4ter folgen. Ich habe nachgesehen; meine beiden Gro\u00dfv\u00e4ter waren bereits 1932 in der NSDAP. Aber ich habe mit zw\u00f6lf in M\u00fcnchen kommunistische Flugbl\u00e4tter verteilt und durfte mir daf\u00fcr hundertfach anh\u00f6ren, in ein Arbeitslager oder ins Gas zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Osten, behauptet Geipel, habe &#8222;immer noch einen l\u00e4ngeren Weg&#8220;, und das habe &#8222;mit diesem stillgestellten DDR-Narrativ zu tun&#8220;.<\/p>\n<p>Ein l\u00e4ngerer Weg wohin? Zur Kriegsl\u00fcsternheit, zum Russenhass und all diesen anderen Dingen, die gerade wieder nach oben schwappen? Auch institutionell \u2013 man vergleiche einmal die \u00c4nderungen des Beamtenrechts, die Nancy Faeser einf\u00fchrte, mit dem &#8222;Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums&#8220; von 1933. &#8222;Der Osten hat hier noch mal andere H\u00fcrden abzur\u00e4umen&#8220;?<\/p>\n<p>Nichts da. Ich machte 1981 in Bayern Abitur; das Geschichtsbuch endete damals im Jahr 1918. Alles, was ich \u00fcber die Zeit zwischen 1933 und 1945 wei\u00df, musste ich mir selbst suchen, wei\u00df ich aus Erz\u00e4hlungen ehemaliger H\u00e4ftlinge oder deren Angeh\u00f6riger, aus dem, was es im Westen so an Literatur \u00fcber Widerstand und Verfolgung oder die Kontinuit\u00e4t gab. Aus B\u00fcchern von Autoren wie Bernt Engelmann. Die, auch das sollte man sagen, viele Informationen aus der DDR erhielten. \u00dcber Personen wie Oberl\u00e4nder beispielsweise.<\/p>\n<p>&#8222;Wir k\u00f6nnen die Massenm\u00f6rder im Osten nicht mehr befragen, sie sind tot&#8220;, meint Geipel. Das stimmt sicherlich. Die im Westen sind es auch, allerdings weitaus seltener, weil sie verurteilt wurden, die vergingen eher an Altersschw\u00e4che, unter Genuss einer gro\u00dfz\u00fcgigen Pension. Aber die Daten \u00fcber Verurteilungen zeigen, dass das Angebot an &#8222;Massenm\u00f6rdern im Osten&#8220; weitaus geringer gewesen sein d\u00fcrfte. Ganz anders im Westen. Gerade erst hat die Journalistin Gaby Weber, die seit vielen Jahren unter anderem an der Geschichte arbeitet, wie Adolf Eichmann etwa vom BND gedeckt wurde (selbst eine erlesene Sammlung von Kriegsverbrechern), einen weiteren Prozess um die Freigabe der BND-Akten <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/news\/urteil-zu-akten-ueber-eichmann-festnahme--geheimdienst-bnd-darf-schwaerzen-37497260.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">verloren<\/a>, weil die Akten immer noch der Bundesrepublik schaden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&#8222;Verbunkerung&#8220;, &#8222;Geschichtsvakuum&#8220;\u00a0\u2013 solche wie Geipel haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die kurze klare Sicht auf die NS-Traditionen der Bundesrepublik (etwa von 1981 bis 1990) mit Vorw\u00fcrfen gegen die DDR wieder zuzukleistern. Ohne auch nur ansatzweise wahrzunehmen, dass die Bundesrepublik als Staat begann, in dem Nazirichter Recht sprachen, Nazigener\u00e4le eine Armee aufbauten, Nazipolizisten (die \u00fcbrigens alle in die Morde im Osten involviert waren) die Staatsmacht sicherten, Naziindustrielle \u00fcber die Wirtschaft entschieden (nur zwei Stichworte: Hermann Josef Abs und Hanns Martin Schleyer). Selbst die reichlich perversen Erziehungsvorstellungen der Nazis blieben mit dem Buch &#8222;Die deutsche Mutter&#8220; \u00fcber Jahrzehnte pr\u00e4gend.<\/p>\n<p>Egal, im Osten war das alles schlimmer, behauptet Geipel. Mit solcher Verve kann man das nur behaupten, wenn man nicht den leisesten Schimmer hat, welche Verwerfungen und welchen Schmerz dieser elende Zustand in der Geschichte der Bundesrepublik ausgel\u00f6st hat. Die RAF war das Produkt dieses entsetzlichen Schweigens. Und der Naziparagraf\u00a0175 im Strafgesetzbuch verschwand in der BRD erst nach der Wiedervereinigung, weil das Nazirecht nur in kleinen Dosen aus den Gesetzb\u00fcchern entfernt wurde.<\/p>\n<p>Und seit es die Legende von den &#8222;zwei Diktaturen&#8220; gibt, der Adenauersche braune Sumpf also gewisserma\u00dfen die Absolution erhalten hat, schwindet auch das Wissen um die wahre Geschichte der Bundesrepublik. Darum muss man dann solch dummes Geschw\u00e4tz lesen wie das von Geipel und zusehen, wie das bundesrepublikanisierte Deutschland immer mehr Puzzleteile der alten Gesinnung wieder hervorkramt.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/279195-remilitarisierung-deutschlands-renaissance-geistes-oder-revanchismus\/\">Remilitarisierung Deutschlands: Renaissance des Geistes oder Revanchismus?<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v6udmec\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Es gibt nichts Gutes, das nicht auch sein Schlechtes hat. Daran erinnert ein Beitrag des MDR vom Dienstag. 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