{"id":12189,"date":"2026-07-03T22:02:18","date_gmt":"2026-07-03T20:02:18","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/was-wir-als-realitat-wahrnehmen-hat-mit-der-wirklichkeit-nichts-zu-tun-von-dirk-c-fleck\/"},"modified":"2026-07-03T22:02:18","modified_gmt":"2026-07-03T20:02:18","slug":"was-wir-als-realitat-wahrnehmen-hat-mit-der-wirklichkeit-nichts-zu-tun-von-dirk-c-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/was-wir-als-realitat-wahrnehmen-hat-mit-der-wirklichkeit-nichts-zu-tun-von-dirk-c-fleck\/","title":{"rendered":"Was wir als Realit\u00e4t wahrnehmen, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun | Von Dirk C. Fleck"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk C. Fleck<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Der Physiker Ernst Senkowski (1922\u20132015) verglich das Gef\u00e4lle zwischen dem menschlichen Bewusstsein von der Welt und der Welt an sich mit einem Trichter, an dessen unterem Ende wir die Restbest\u00e4nde dessen empfangen, was an Einsichten oben hinein gegeben wird. Senkowski: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eOben ist das erweiterte System und unten sitzen wir. Jetzt<br \/>wird oben ein B\u00fcndel Heu hinein geworfen und bei uns landet allenfalls ein d\u00fcnner Strohhalm.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber selbst der d\u00fcnne Strohhalm, auf dem wir herumkauen d\u00fcrfen, vermittelt eines ganz klar: Wir sind endlich. So endlich wie alles, was sich um uns herum materialisiert hat oder noch materialisieren wird. Der Mensch besitzt nichts, weder seinen K\u00f6rper, der ihm jederzeit genommen werden kann, noch irgendeine andere Lebensversicherung. Von Urbeginn an starben Menschen, Tiere und Pflanzen dahin wie Schaumkronen auf dem Meer. \u201eDie Welt ist nichts Feststehendes,\u201c lese ich bei Albert Camus (1913\u20131960) \u201eund sie ist nicht allein Bewegung. Sie ist Feststehendes in Bewegung.\u201c Wir leben aus dem Nachlass Verstorbener und erleben uns inmitten von Todeskandidaten. Was machen wir also f\u00fcr ein Aufhebens um uns? An dieser Stelle passt das Goethe-Wort wie die Faust aufs Auge: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan kann die Erfahrung nicht fr\u00fch genug machen, wie entbehrlich man in<br \/>der Welt ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Trichter, von dem Ernst Senkowski sprach, l\u00e4sst uns von der Erkenntnis-Ernte nur einen d\u00fcnnen Strohhalm \u00fcbrig. Wir erkennen gerade noch die Cola, in die wir<br \/>unseren Strohhalm stecken. Wirklich vertraut sind wir nur mit dem kapitalistischen Cola-Imperium, seinen Gesetzen und scheinheiligen Werten. An ihm orientieren wir uns, das ist unser Ma\u00dfstab. Den Mut, den eigenen Intentionen nachzugehen und sein eigener Wahrheitssucher zu sein, bringen wenige Menschen in dieser ver\u00e4ngstigten, \u00fcberwachten und auf Sicherheit bedachten Leistungsgesellschaft auf, die mit Hilfe ihrer gleichgeschalteten Medien perfekt auszusortieren versteht, was nicht mit dem Strom schwimmt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eErst wenn unsere Zeit abgelaufen ist\u201c, schrieb ich einmal an anderer Stelle, \u201eund es ans Sterben geht, wohlm\u00f6glich erst in der Sekunde, wenn unser Atem rei\u00dft, wenn wir loslassen m\u00fcssen und keine M\u00f6glichkeit mehr besteht, sich ins vertraute Leben zur\u00fcckzubei\u00dfen, erst dann erkennen wir die Defizite, die unsere pers\u00f6nliche Geschichte gepr\u00e4gt haben. Erst dann sind wir empf\u00e4nglich f\u00fcr die Wahrheit, die wir so grandios verpasst haben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Leben ist eine Art Versuchskaninchen geworden, dem man seine Geheimnisse auf dem Seziertisch der Wissenschaft zu entrei\u00dfen versucht. Sie k\u00f6nnen aber noch so tief in den Mikro- oder Makrokosmos steigen, sie k\u00f6nnen die Dinge in Zahlen fassen oder ihnen Namen geben, dem g\u00f6ttlichen Mysterium kommen sie damit nicht auf die Spur. Es sind nur Zahlen und Namen, es sind nur Etiketten. Etiketten sind keine Weisheiten, Etiketten haben keine Seele. Und sie berauben uns der Ehrfurcht. Ein ehrf\u00fcrchtiger Mensch akzeptiert den Zusammenhalt materieller und nichtmaterieller Existenz, er wei\u00df, dass sich das Mysterium niemals zu Wissen reduzieren l\u00e4sst. Bewusstsein ist keine Frage des Lernens, es ist eine Frage des Verlernens geworden.<\/p>\n<p>Mit der von Max Planck begr\u00fcndeten Quantenphysik verf\u00fcgen wir nun \u00fcber eine M\u00f6glichkeit, eine Br\u00fccke zu bauen zwischen dem spirituellen Potential des Menschen und seinem Verstand. Nat\u00fcrlich hadert die klassische Physik noch mit dem jungen Wissenschaftszweig. Der Vorwurf lautet auf Verrat am Ideal eines rationalen Weltbildes, und schlimmer noch: auf Mystizismus. Dabei wird es h\u00f6chste Zeit, dass wir uns von der herk\u00f6mmlichen Denkweise verabschieden, die ja doch nur retten will, was der Verstand ihr diktiert. Unser Verstand ist dazu gedacht, die Welt zu manipulieren, damit wir sie auf unsere Art begreifen und greifen k\u00f6nnen, was f\u00fcr das \u00dcberleben der Spezies nat\u00fcrlich wichtig ist. Mit der eigentlichen Wahrheit aber hat das nichts zu tun. Was wir als Welt, als Realit\u00e4t wahrnehmen, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Realit\u00e4t kommt vom lateinischen Res, das Ding. Der Mensch lebt in einer dinglichen Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit ist viel mehr als das.<\/p>\n<p>Ich hatte vor Jahren das Gl\u00fcck, den Quantenphysiker Hans-Peter D\u00fcrr (1929\u20132014) anl\u00e4sslich eines Abendessens kennenzulernen. Ich erinnere mich an die Geduld und<br \/>Hingabe, mit der er uns G\u00e4sten das Wesen der Quanten nahe zu bringen versuchte. Die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde, gefiel ihm. Er blickte uns<br \/>eindringlich an: \u201eDie Quantenphysik hat herausgefunden, dass Geist und Materie sich zueinander verhalten wie die Ahnung zum Gedanken.\u201c In der kleinen Pause, die er entstehen lie\u00df, konnte man uns denken h\u00f6ren. \u201eBevor wir einen konkreten Gedanken fassen, gehen wir durch ein Stadium, wo wir sagen, ich habe eine Ahnung,\u201c fuhr D\u00fcrr<br \/>fort. <\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnd jetzt frage ich Sie, was ist eine Ahnung? Man kann es nicht sagen. Wenn wir n\u00e4mlich \u00fcber das sprechen, was eine Ahnung ist, verwandeln wir die Ahnung schon in etwas konkretes, in Bilder. Aber die Ahnung kommt, bevor man gesprochen hat. Ich will es mal pathetisch ausdr\u00fccken: Sie k\u00fcsst unser Herz und formt unsere Seele. Sie verbindet uns mit dem allumfassenden Ganzen \u2013 man kann es auch Gott nennen. Wir k\u00f6nnen also sagen, die Wirklichkeit hat mehr die Form einer Ahnung, bevor ein konkreter Gedanke in unserem Kopf willkommen ist. Aber wenn der da ist, verschwindet die Ahnung. Eigentlich handelt es sich jedes Mal um einen wahren Massenmord an gedankliche Angeboten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Faszinierende an dieser Privatvorlesung war die Intensit\u00e4t, mit der sie vorgetragen wurde. Hans-Peter D\u00fcrr schien l\u00e4chelnd durch einen anderen Raum zu schreiten. \u201eDas ist mit unserem herk\u00f6mmlichen Physikverst\u00e4ndnis nicht vereinbar,\u201c nahm er seine Rede wieder auf. \u201eIn unserer Realit\u00e4t ist nicht m\u00f6glich, was in der Quantenwelt passiert. Und dennoch passiert nur, was dort vorgeschrieben ist. Ich m\u00f6chte es vergleichen mit dem Schreiben eines Gedichtes. Die Natur hat vor, ein Gedicht zu schreiben, Inhalt und Form stehen noch nicht fest. Aber sie wei\u00df, dass es nie ein Gedicht geben wird, wenn die Buchstaben gegeneinander k\u00e4mpfen, um herauszufinden, welcher von ihnen der Bessere ist. Also sorgt sie daf\u00fcr, dass sie sich arrangieren und erste Kombinationen bilden, die zun\u00e4chst nur ein f\u00fcrchterliches Blabla ergeben. Aber dieses Blabla ist bereits eine erste Ausdrucksform, die h\u00f6her zu bewerten ist, als der einzelne Buchstabe. Die Kooperation hat sich also bew\u00e4hrt. Mit der Zeit differenziert sich das Blabla aus und bildet Worte, die sich irgendwann zu S\u00e4tzen f\u00fcgen. So ungef\u00e4hr funktioniert Evolution. Welches Gedicht am Schluss entsteht, ist nicht vorherbestimmt. Die Sch\u00f6pfung der Welt ist ein andauernder Prozess und in jedem Augenblick ein Gesamtkunstwerk. Nichts und niemand kann sich aus diesem Prozess herausnehmen. Das ist keine Behauptung, das ist ein Naturgesetz.\u201c<\/p>\n<p>An dieser Stelle h\u00e4tte ich ein weiteres Goethe-Wort parat: \u201eIn dem Augenblick, in dem man sich endg\u00fcltig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle m\u00f6glichen Dinge, die sonst nie geschehen w\u00e4ren, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten f\u00fcr zahlreiche unvorhergesehene Zuf\u00e4lle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so ertr\u00e4umt haben k\u00f6nnte. Was immer du tun kannst oder wovon du tr\u00e4umst, fang es an. In der K\u00fchnheit liegt Genie, Macht und Magie.\u201c<\/p>\n<p>Hans-Peter D\u00fcrr griff wieder zum Besteck, das er zu Beginn seiner Ausf\u00fchrungen beiseite gelegt hatte: \u201eDer Mensch hat sehr wohl die M\u00f6glichkeit, seine Zukunft zu gestalten,\u201c sagte er abschlie\u00dfend. \u201eDie Zukunft ist offen und deshalb brauchen wir das Instrument der Hoffnung. Hoffnung kann realisiert werden! Sie ist praktisch die Energiequelle der Zukunft. Die Naturgesetze sagen uns, wir k\u00f6nnen mit der Zukunft spielen, kreativ spielen.\u201c<\/p>\n<p>Ilse Aichinger (1921\u20132016) formuliert es noch ein wenig klarer: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs ist alles zum letzten Mal. Wenn wir das einsehen w\u00fcrden, ginge uns die Liebe auf.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Quantengrafik<br \/>Bildquelle: Vink Fan \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk C. 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