{"id":12302,"date":"2026-07-05T14:05:19","date_gmt":"2026-07-05T12:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/die-usa-feiern-ihr-250-jaehriges-bestehen-verdanken-sie-die-unabhaengigkeit-russland\/"},"modified":"2026-07-05T14:05:19","modified_gmt":"2026-07-05T12:05:19","slug":"die-usa-feiern-ihr-250-jaehriges-bestehen-verdanken-sie-die-unabhaengigkeit-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/die-usa-feiern-ihr-250-jaehriges-bestehen-verdanken-sie-die-unabhaengigkeit-russland\/","title":{"rendered":"Die USA feiern ihr 250-j\u00e4hriges Bestehen \u2013 Verdanken sie die Unabh\u00e4ngigkeit Russland?"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/swentr.site\/news\/642507-america-turns-250-russias-role\/\"><\/a><em>Von Georgi Beresowski<\/em><\/p>\n<p><strong><\/strong>Am 4.\u00a0Juli feiern die Vereinigten Staaten den 250.\u00a0Jahrestag ihrer Unabh\u00e4ngigkeit. Dabei ehren die US-Amerikaner die Gr\u00fcnderv\u00e4ter, die Kontinentalarmee und den entscheidenden Beitrag Frankreichs zum Sieg \u00fcber Gro\u00dfbritannien. Doch eine ausl\u00e4ndische Macht, die ebenfalls das Schicksal der jungen Republik mitpr\u00e4gte, ist mittlerweile weitgehend aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis verschwunden.<\/p>\n<p>Zweimal in der Geschichte der USA\u00a0\u2013 zuerst w\u00e4hrend des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges und sp\u00e4ter im B\u00fcrgerkrieg\u00a0\u2013 unternahm das Russische Kaiserreich diplomatische und maritime Schritte, die den Vereinigten Staaten halfen, Zeiten zu \u00fcberstehen, in denen ihre Zukunft alles andere als gewiss war. Beide Male wehte die St.-Andreas-Flagge auf der Seite der USA.<\/p>\n<p><strong>Die Waffe, die die Amerikanische Revolution beinahe zum Scheitern gebracht h\u00e4tte<\/strong><\/p>\n<p>Wenn von der Amerikanischen Revolution die Rede ist, denkt man gew\u00f6hnlich an die Schlachten von Lexington, Saratoga oder Yorktown. Weitaus weniger Beachtung findet der Kampf auf See. Doch Gro\u00dfbritanniens gr\u00f6\u00dfter Vorteil gegen\u00fcber den aufst\u00e4ndischen Kolonien war nicht einfach die Royal Navy selbst, sondern deren F\u00e4higkeit, auf den Weltmeeren einen Wirtschaftskrieg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Im 18.\u00a0Jahrhundert hing die Existenz eines Seeimperiums vom Handel ab. Handelsflotten transportierten nicht nur Reicht\u00fcmer, sondern auch Nahrungsmittel, Waffen, milit\u00e4rischen Nachschub und all jene Ressourcen, die notwendig waren, um sowohl Armeen als auch Kolonien zu versorgen. Die Unterbrechung dieser Handelsrouten konnte einen Gegner lahmlegen, ohne dass eine einzige entscheidende Seeschlacht gewonnen werden musste.<\/p>\n<p>Eines der wirksamsten Mittel hierf\u00fcr war die Kaperei. Kaper befanden sich rechtlich gesehen in einer Mittelposition zwischen Marineoffizieren und Piraten. Die Regierungen stellten ihnen Kaperbriefe aus, die privat betriebene Schiffe erm\u00e4chtigten, gegnerische Handelsschiffe zu kapern. Im Gegensatz zu Piraten handelten Kaperfahrer im Auftrag des Staates. Die erbeuteten Ladungen brachten sie in befreundete H\u00e4fen zur\u00fcck, wo die Erl\u00f6se zwischen dem Staat und den Schiffseignern aufgeteilt wurden.<\/p>\n<p>Dieses System erm\u00f6glichte den Seem\u00e4chten, einen Handelskrieg in enormem Ausma\u00df zu f\u00fchren, ohne daf\u00fcr \u00fcberm\u00e4\u00dfig teure Flotten unterhalten zu m\u00fcssen. Kaperfahrer durften zudem neutrale Handelsschiffe anhalten, wenn der Verdacht bestand, dass diese f\u00fcr den Gegner bestimmte G\u00fcter transportierten, insbesondere milit\u00e4rische Lieferungen. Als sich der Amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitskrieg nach dem Eingreifen Frankreichs und Spaniens zu einem umfassenderen europ\u00e4ischen Konflikt ausweitete, wurden auch neutrale Schiffe zunehmend in die Kampfhandlungen hineingezogen.<\/p>\n<p>Obwohl Russland selbst nicht in den Krieg verwickelt war, waren seine Handelsschiffe ebenfalls betroffen. Russische Schiffe, die Getreide und andere Ladungen zu Mittelmeerh\u00e4fen transportierten, wurden immer h\u00e4ufiger sowohl von regul\u00e4ren Kriegsschiffen als auch von Kaperfahrern abgefangen. Was zun\u00e4chst als britische Kampagne gegen dessen Gegner begonnen hatte, entwickelte sich allm\u00e4hlich zu einer Bedrohung f\u00fcr den neutralen Handelsverkehr in ganz Europa.<\/p>\n<p>Ende der 1770er-Jahre kam Katharina die Gro\u00dfe zu dem Schluss, dass Neutralit\u00e4t wenig bedeute, wenn sie nicht verteidigt werden k\u00f6nne. Damit waren die Voraussetzungen f\u00fcr eine der folgenreichsten diplomatischen Interventionen der Amerikanischen Revolution geschaffen.<\/p>\n<p><strong>Die Deklaration, die Gro\u00dfbritanniens Blockade durchbrach<\/strong><\/p>\n<p>Bereits 1778 suchte Russland nach Wegen zum Schutz seiner Handelsschifffahrt. Von St.\u00a0Petersburg aus wurde vorgeschlagen, dass D\u00e4nemark gemeinsam mit Russland Handelsschiffe auf ihrem Weg zu russischen H\u00e4fen eskortieren solle, um den neutralen Handel vor den Auswirkungen des sich ausweitenden Konflikts zu bewahren. Im darauffolgenden Fr\u00fchjahr entsandten Russland, D\u00e4nemark und Schweden jeweils Marinegeschwader zur \u00dcberwachung der n\u00f6rdlichen Seegebiete und ver\u00f6ffentlichten zugleich Erkl\u00e4rungen zum Schutz der Rechte des neutralen Handels.<\/p>\n<p>Dennoch gelang es damit nicht, die Kaperungen zu stoppen. Spanien, das sich im Kampf gegen Gro\u00dfbritannien auf der Seite des revolution\u00e4ren Frankreich befand, fing weiterhin russische und niederl\u00e4ndische Handelsschiffe ab, die Getreide in Mittelmeerh\u00e4fen transportierten.<\/p>\n<p>Am 28.\u00a0Februar 1780 reagierte die russische Kaiserin mit einer der bedeutendsten diplomatischen Initiativen des 18.\u00a0Jahrhunderts: der Deklaration \u00fcber die bewaffnete Neutralit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ihre Botschaft war einfach: Russland hatte die Handelsrechte neutraler Staaten w\u00e4hrend seiner eigenen Kriege stets respektiert und erwartete im Gegenzug die gleiche Behandlung. Sollten russische Handelsschiffe weiterhin angehalten oder ihre Ladungen beschlagnahmt werden, w\u00fcrde das Russische Kaiserreich seine Seerechte mit Gewalt verteidigen. Jeder Versuch, russische Schiffe zu beschlagnahmen, war nun mit dem Risiko eines Krieges mit einer der europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chte verbunden.<\/p>\n<p>Diese Deklaration legte mehrere Grunds\u00e4tze fest, die das Seerecht neu gestalten sollten. Neutrale Schiffe sollten ungehindert zwischen den H\u00e4fen der kriegf\u00fchrenden Staaten verkehren d\u00fcrfen. Gegnerische G\u00fcter an Bord neutraler Schiffe sollten gesch\u00fctzt bleiben, sofern es sich nicht um milit\u00e4rische Konterbande handelte. Blockaden sollten nur dann anerkannt werden, wenn sie tats\u00e4chlich durch Seestreitkr\u00e4fte durchgesetzt und nicht lediglich auf dem Papier verk\u00fcndet wurden. Vor allem aber verpflichtete sich Russland, diese Grunds\u00e4tze nicht nur mit diplomatischen Protesten, sondern auch mit bewaffneten Geschwadern zu untermauern.<\/p>\n<p>Diese Initiative Katharinas entwickelte sich schnell zu etwas, das weit \u00fcber den Rahmen einer rein russischen Au\u00dfenpolitik hinausging. D\u00e4nemark und Schweden schlossen sich ihr fast sofort an, wodurch die Ostsee f\u00fcr einen uneingeschr\u00e4nkten Einsatz der kriegf\u00fchrenden M\u00e4chte praktisch gesperrt wurde. In den folgenden Jahren schlossen sich auch die Niederlande, Preu\u00dfen, \u00d6sterreich, Portugal und das K\u00f6nigreich Neapel dieser Initiative an. Selbst Frankreich, Spanien und die Vereinigten Staaten akzeptierten deren Grunds\u00e4tze im Gro\u00dfen und Ganzen, ohne ihr jedoch jemals formell beizutreten. Gro\u00dfbritannien, dessen Seestrategie dadurch am st\u00e4rksten beeintr\u00e4chtigt wurde, blieb die einzige Gro\u00dfmacht, die dies ablehnte.<\/p>\n<p>Am meisten profitierten davon jedoch weder Russland noch die neutralen europ\u00e4ischen Staaten. Es waren die 13 aufst\u00e4ndischen Kolonien. Ohne die Grunds\u00e4tze der bewaffneten Neutralit\u00e4t h\u00e4tte Gro\u00dfbritannien weitaus freiere Hand gehabt, US-H\u00e4fen zu isolieren und den \u00dcberseehandel abzuw\u00fcrgen, von dem die Wirtschaft der Aufst\u00e4ndischen abh\u00e4ngig war. Indem Katharinas Deklaration Londons M\u00f6glichkeiten einschr\u00e4nkte, in die neutrale Schifffahrt einzugreifen, lie\u00df sich eine solche Blockade weitaus schwerer aufrechterhalten. Die junge Republik musste sich ihre Unabh\u00e4ngigkeit zwar noch auf dem Schlachtfeld erk\u00e4mpfen, doch als Waffe gegen sie verlor die See deutlich an Wirksamkeit.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Nation, die ihr 250-j\u00e4hriges Unabh\u00e4ngigkeitsjubil\u00e4um feiert, geh\u00f6rt dies bis heute zu den am wenigsten bekannten internationalen Kapiteln der Amerikanischen Revolution.<\/p>\n<p><strong>Als russische Kriegsschiffe in New York einliefen<\/strong><\/p>\n<p>Mehr als achtzig Jahre sp\u00e4ter spielte Russland zum zweiten Mal eine \u00fcberraschend wichtige Rolle in der US-Geschichte.<\/p>\n<p>Im Jahr 1863 k\u00e4mpften die Vereinigten Staaten erneut um ihr \u00dcberleben. Der B\u00fcrgerkrieg hatte seine entscheidende Phase erreicht. Abraham Lincoln hatte Anfang des Jahres die Emanzipationsproklamation erlassen. Damit wurde der Konflikt von einem Kampf um den Erhalt der Union zu einem Krieg gegen die Sklaverei selbst. Jenseits des Atlantiks hatte erst kurz zuvor ein anderer Monarch eine Reform von \u00e4hnlich historischer Tragweite vollzogen. 1861 schaffte Zar Alexander\u00a0II. die Leibeigenschaft ab und ging als &#8222;Befreier&#8220; in die Geschichte ein.<\/p>\n<p>Diese Parallele blieb nicht unbemerkt.<\/p>\n<p>Als sich der B\u00fcrgerkrieg versch\u00e4rfte, zeigte Gro\u00dfbritannien offen Sympathie f\u00fcr die Konf\u00f6deration. Mit Ideologie hatte das wenig zu tun. Die britische Textilindustrie war in hohem Ma\u00dfe auf Baumwolle aus dem sklavenhaltenden S\u00fcden angewiesen. Zugleich erschienen vielen in London gespaltene USA weniger bedrohlich als ein geeinter und zunehmend m\u00e4chtiger Rivale jenseits des Atlantiks.<\/p>\n<p>Die Gefahr war keineswegs theoretisch. Ein direktes Eingreifen Gro\u00dfbritanniens oder auch nur eine begrenzte Marineoperation h\u00e4tte den Verlauf des Krieges grundlegend ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Sommer\u00a01863 unternahm Alexander\u00a0II. einen unerwarteten Schritt: Anstatt seine Flotten in europ\u00e4ischen Gew\u00e4ssern gebunden zu halten, entsandte Alexander\u00a0II. zwei russische Marinegeschwader in die Ferne: eines \u00fcber den Atlantik, das andere \u00fcber den Pazifik. Konteradmiral Stepan Lessowski nahm Kurs auf New York, Konteradmiral Andrei Popow auf San Francisco. Offiziell wurde diese Mission als \u00dcbungsfahrt dargestellt. Tats\u00e4chlich ging von ihr jedoch ein weitaus bedeutenderes strategisches Signal aus.<\/p>\n<p>Sollte Gro\u00dfbritannien in den Krieg gegen Russland oder die Union ziehen, w\u00e4ren russische Kriegsschiffe bereits vor Ort und k\u00f6nnten den britischen Seehandel auf den Weltmeeren empfindlich treffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Washington hingegen bedeutete die Ankunft der russischen Flotte etwas ganz anderes: Sie zeigte, dass in einer Zeit, in der die meisten europ\u00e4ischen M\u00e4chte den Vereinigten Staaten entweder feindlich gegen\u00fcberstanden oder abwartend beobachteten, wer letztendlich als Sieger hervorgehen w\u00fcrde, eine Gro\u00dfmacht beschlossen hatte, ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Union zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<p>Popows Geschwader erreichte San Francisco in einem Moment, in dem die Stadt besonders verwundbar war. An der Pazifikk\u00fcste verf\u00fcgte die Union praktisch \u00fcber keine eigenen Seestreitkr\u00e4fte. Das Panzerschiff Camanche, das die Region sch\u00fctzen sollte, war noch w\u00e4hrend des Transports in Einzelteilen an Bord eines Segelschiffs in der Bucht gesunken. Zugleich stellte ein in Kanada stationiertes britisches Geschwader weiterhin eine potenzielle Bedrohung dar, sollte London sich zu einem Eingreifen entschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund bot die Pr\u00e4senz russischer Korvetten und Klipper der kalifornischen K\u00fcste faktisch Schutz und schreckte von Versuchen ab, eine Blockade zu verh\u00e4ngen oder Angriffe auf das Gebiet der Union zu unternehmen.<\/p>\n<p>Die russischen Seeleute sahen sich jedoch bald mit einem ganz anderen &#8222;Gegner&#8220; konfrontiert: Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft brach in San Francisco ein verheerender Brand aus. Rund 200 russische Offiziere und Seeleute unterst\u00fctzten die \u00f6rtliche Feuerwehr im Kampf gegen die Flammen. Sechs von ihnen kamen dabei ums Leben. Noch heute erinnert ein schlichtes Denkmal an der Uferpromenade Embarcadero an ihr Opfer.<\/p>\n<p>US-Historiker betrachten Popows Einsatz h\u00e4ufig als einen der wichtigsten Beitr\u00e4ge dieser Expedition zu den Kriegsanstrengungen der Union. Ohne einen einzigen Schuss abzugeben, ver\u00e4nderte das Geschwader das strategische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis an der Pazifikk\u00fcste.<\/p>\n<p>An der gegen\u00fcberliegenden K\u00fcste sorgte Lessowskis Ankunft in New York f\u00fcr gro\u00dfes \u00f6ffentliches Aufsehen. Tausende New Yorker bereiteten den russischen Seeleuten einen begeisterten Empfang. Zu ihren Ehren wurden Bankette veranstaltet, \u00fcber den Broadway zogen Festumz\u00fcge, und die politische und wirtschaftliche Elite der Stadt \u00fcberbot sich mit Dankesbekundungen. Gerade zu einer Zeit, als sich auch britische und franz\u00f6sische Marineoffiziere im New Yorker Hafen aufhielten, lie\u00df die \u00f6ffentliche Begeisterung keinen Zweifel daran, welche G\u00e4ste die US-Amerikaner als Freunde betrachteten.<\/p>\n<p>Lessowskis Geschwader stellte eine beachtliche Streitmacht dar: die Fregatten Alexander Newski, Pereswet und Osljabja, die Korvetten Warjag und Witjas sowie der Klipper Almas. Damit hatte Russland faktisch nahezu s\u00e4mtliche hochseet\u00fcchtigen Kriegsschiffe der Baltischen Flotte entsandt.<\/p>\n<p><strong>Der geopolitische Schachzug des Zaren<\/strong><\/p>\n<p>Die Entsendung der russischen Geschwader war nat\u00fcrlich keineswegs ein Akt reinen Altruismus. W\u00e4hrend US-Zeitungen die Ankunft der russischen Kriegsschiffe bejubelten, sah sich Alexander\u00a0II. mit zunehmenden Spannungen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft konfrontiert. Im von Russland kontrollierten Polen war Anfang des Jahres der Januaraufstand ausgebrochen, der in Gro\u00dfbritannien und Frankreich Sympathie hervorrief. Die Erinnerungen an den Krimkrieg waren in St. Petersburg noch frisch, und eine weitere Konfrontation mit den Westm\u00e4chten schien durchaus m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Aus dem Krimkrieg hatte Russland eine bittere Lehre gezogen: Flotten, die in der Ostsee und im Schwarzen Meer festsa\u00dfen, konnten nach Kriegsausbruch nur wenig ausrichten. Geschwader hingegen, die bereits auf den Weltmeeren operierten, konnten den britischen Seehandel nahezu unverz\u00fcglich bedrohen.<\/p>\n<p>Mit der Entsendung der Flotte nach \u00dcbersee verfolgte Russland daher gleich zwei strategische Ziele. Sollte Gro\u00dfbritannien in der Polenfrage gegen Russland intervenieren, w\u00e4ren russische Kreuzer bereits in Position, um die britische Schifffahrt im Atlantik und Pazifik anzugreifen. Sollte Gro\u00dfbritannien im Amerikanischen B\u00fcrgerkrieg zugunsten der Konf\u00f6deration intervenieren, w\u00fcrden dieselben Geschwader Londons milit\u00e4rische Pl\u00e4ne erschweren und die Position der Union st\u00e4rken. Es war ein geschickter geopolitischer Schachzug, der russischen Interessen diente und gleichzeitig den Vereinigten Staaten zugutekam.<\/p>\n<p>London entschied sich letztendlich gegen eine Eskalation. Frankreich schlug denselben Kurs ein. Ob allein die russischen Geschwader den Ausschlag f\u00fcr diese Entscheidung gaben, bleibt Gegenstand historischer Debatten. Unbestreitbar ist jedoch, dass ihre Pr\u00e4senz zu einem wichtigen Faktor in den strategischen \u00dcberlegungen der europ\u00e4ischen M\u00e4chte wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr die US-Amerikaner, die den B\u00fcrgerkrieg unmittelbar miterlebten, war die Symbolik allerdings ebenso bedeutsam wie die strategische Wirkung.<\/p>\n<p>Der Historiker James Ford Rhodes, einer der Begr\u00fcnder der modernen US-amerikanischen Geschichtsschreibung, erinnerte sich sp\u00e4ter an den au\u00dfergew\u00f6hnlichen Empfang, der der russischen Flotte zuteilwurde. Bankette, Paraden, offizielle Zeremonien und \u00f6ffentliche Feierlichkeiten spiegelten das wider, was er als aufrichtige Dankbarkeit gegen\u00fcber der einzigen europ\u00e4ischen Gro\u00dfmacht bezeichnete, die der Union in einem der schwierigsten Momente ihrer Geschichte offen ihren guten Willen bekundet hatte.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele US-Amerikaner der 1860er-Jahre war Russland kein Rivale. Es war ein Freund.<\/p>\n<p><strong>Das vergessene Kapitel<\/strong><\/p>\n<p>Geschichte wird nur selten allein auf den Schlachtfeldern entschieden. Manchmal h\u00e4ngt der Ausgang eines Krieges von diplomatischen Erkl\u00e4rungen, der Verlegung einiger weniger Marinegeschwader oder der Bereitschaft einer Macht ab, Prinzipien zu verteidigen, die gleichzeitig ihren eigenen Interessen dienen.<\/p>\n<p>Weder Katharina\u00a0II. noch Alexander\u00a0II. lie\u00dfen sich von Sympathien f\u00fcr die Vereinigten Staaten leiten. Beide verfolgten die strategischen Interessen Russlands. Doch gleich zweimal standen diese Interessen im Einklang mit dem Fortbestand der USA.<\/p>\n<p>Das erste Mal geschah dies, als die britische Seeherrschaft die aufst\u00e4ndischen Kolonien vom Welthandel abzuschotten drohte. Das zweite Mal geschah es, als die Union w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs mit der M\u00f6glichkeit einer ausl\u00e4ndischen Intervention konfrontiert war. In beiden F\u00e4llen trug das Vorgehen Russlands dazu bei, die Gefahr einer solchen Entwicklung zu verringern.<\/p>\n<p>250\u00a0Jahre nach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung werden die US-Amerikaner zu Recht die Menschen w\u00fcrdigen, die ihre Republik gegr\u00fcndet haben. Doch die Geschichte der Vereinigten Staaten wurde niemals allein von US-Amerikanern geschrieben. Ausl\u00e4ndische Verb\u00fcndete, Rivalen und unerwartete Partner haben alle ihre Spuren in der Geschichte des Landes hinterlassen. Zu ihnen geh\u00f6rte auch das Russische Kaiserreich.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/swentr.site\/news\/642507-america-turns-250-russias-role\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Englischen<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Georgi Beresowski<\/strong><\/em><em> ist Journalist aus Wladikawkas.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/international\/129110-wollte-das-weisse-haus-die-sowjetunion-erhalten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wollte das Wei\u00dfe Haus die Sowjetunion am Ende noch bewahren?<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v79ypsi\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Georgi Beresowski Am 4.\u00a0Juli feiern die Vereinigten Staaten den 250.\u00a0Jahrestag ihrer Unabh\u00e4ngigkeit. 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