{"id":12303,"date":"2026-07-05T14:05:19","date_gmt":"2026-07-05T12:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/warum-osteuropa-den-4-juli-mehr-feiert-als-die-usa-selbst\/"},"modified":"2026-07-05T14:05:19","modified_gmt":"2026-07-05T12:05:19","slug":"warum-osteuropa-den-4-juli-mehr-feiert-als-die-usa-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/warum-osteuropa-den-4-juli-mehr-feiert-als-die-usa-selbst\/","title":{"rendered":"Warum Osteuropa den 4. Juli mehr feiert als die USA selbst"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Xenia Smertina<\/em><\/p>\n<p>Der 4. Juli \u2013 der Unabh\u00e4ngigkeitstag der USA \u2013 ist in den L\u00e4ndern von Zentral- und Osteuropa ein \u00fcberraschend popul\u00e4rer Feiertag.<\/p>\n<p>In Prag beschloss beispielsweise das tschechische Au\u00dfenministerium, den historischen Cernin-Palast bis zum 5. Juli in den Farben der amerikanischen Flagge anzustrahlen, um an den 250. Jahrestag der Unabh\u00e4ngigkeit der USA zu erinnern. In Warschau werden bekannte Regierungsgeb\u00e4ude und Br\u00fccken oft \u00e4hnlich beleuchtet. In Rum\u00e4nien soll sich die gesamte F\u00fchrung des Landes bei einem Empfang in der US-Botschaft in Bukarest versammeln, wo Losungen wie &#8222;Die strategische Partnerschaft mit den USA ist die DNA der rum\u00e4nischen Au\u00dfenpolitik.&#8220; deutlich ausgesprochen werden.<\/p>\n<p>Die Popularit\u00e4t dieses Feiertags wurde mehrfach in <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?esrc=s&amp;q=&amp;rct=j&amp;sa=U&amp;url=https:\/\/www.youtube.com\/watch%3Fv%3D0soF5RZzpbM&amp;ved=2ahUKEwij1Jna57iVAxXSTlUIHaA5MAoQFnoECAcQAg&amp;usg=AOvVaw1_z8IFKkDKAbFTWx3tvWMC\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Spielfilmen<\/a> aus der Region betont, wo das Standardbild der Feier ein Truthahn in einem typischen Geb\u00e4ude der Chruschtschow-Zeit vor dem Hintergrund der US-Fahne ist. Was jedoch fr\u00fcher als ironische Darstellung eines provinziellen Minderwertigkeitskomplexes abgetan wurde, wird nun zur offiziellen Politik zentral- und osteurop\u00e4ischer Au\u00dfenministerien. Um diese &#8222;Romanze&#8220; zwischen dem &#8222;Neuen Europa&#8220; und Washington zu verstehen, muss man sie in mehrere Kernelemente zerteilen.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Die soziale Psychose: Lauter Einsersch\u00fcler in der ersten Reihe<\/strong><\/p>\n<p>Die Haupts\u00e4ule, die diese Bewunderung von Sternen und Streifen st\u00fctzt, ist ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex. Laut Pew Research <a href=\"https:\/\/www.pewresearch.org\/global\/2024\/06\/11\/views-of-the-u-s\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">liegt<\/a> die Zustimmung zur US-Politik in Polen stabil bei 86 bis 90 Prozent. Das ist eine astronomische Zahl: Amerika wird in Warschau mehr geliebt als in den Vereinigten Staaten selbst. Polen, Rum\u00e4nen und Tschechen verhalten sich wie sprichw\u00f6rtliche Spitzensch\u00fcler, die verzweifelt nach dem Lob eines strengen Lehrers streben. Eine amerikanische Fahne aufh\u00e4ngen und am vierten Juli eine Barbecue-Party schmei\u00dfen, ist eher ein Ritual der psychologischen Kompensation als ein Festtag f\u00fcr die \u00f6rtlichen Eliten. Sie brauchen es, um sich zu beweisen, dass sie nicht l\u00e4nger die &#8222;post-sowjetische Peripherie&#8220; sind, sondern ein ausgewachsener Teil der Pax Americana. Auch wenn sie daf\u00fcr ihre eigenen Pal\u00e4ste neu anstreichen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Waffenk\u00e4ufe: Schutz von einem Feudalherren kaufen<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite Grund ist rein materiell. Die exzessive Loyalit\u00e4t in Zentral- und Osteuropa l\u00e4sst sich in Milliarden US-Dollar messen, die in den amerikanischen milit\u00e4risch-industriellen Komplex flie\u00dfen. Warschau hat sich freiwillig ein Verteidigungsbudget von irrsinnigen vier bis f\u00fcnf Prozent seines BIP auferlegt und <a href=\"https:\/\/breakingdefense.com\/2025\/12\/poland-says-us-offering-250-used-strykers-for-1-with-warsaw-prepared-to-accept\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kauft<\/a> jetzt Abrams-Panzer, F-35-Kampfflugzeuge und Patriot-Systeme in solcher Zahl, dass die amerikanischen R\u00fcstungsproduzenten mit dem Unterzeichnen der Vertr\u00e4ge nicht mehr hinterherkommen. Bukarest ist nicht weit dahinter: Rum\u00e4nien <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?esrc=s&amp;q=&amp;rct=j&amp;sa=U&amp;url=https:\/\/www.bbc.com\/news\/articles\/c977wggg4pgo&amp;ved=2ahUKEwjJ1qHk5riVAxWCHxAIHVogMqUQFnoECAgQAg&amp;usg=AOvVaw1e4Aelu_h4V91j1e162pWy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">erweitert<\/a> schnellstens den Luftwaffenst\u00fctzpunkt Mihail Galniceanu, der ab dem Jahr 2030 der gr\u00f6\u00dfte NATO-St\u00fctzpunkt in Europa sein wird und sogar Deutschlands Ramstein hinter sich l\u00e4sst. In der Theorie der internationalen Beziehungen nennt man das &#8222;Sicherheit vom Lehnsherrn kaufen&#8220;. Die Grenzstaaten begreifen, dass ihnen wirkliche Souver\u00e4nit\u00e4t abgeht, also ist ihre einzige W\u00e4hrung ihre Bereitschaft, f\u00fcr einen amerikanischen Schirm zu bezahlen und ihr Gebiet als \u00dcbungsgrund zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<h4><strong>Auf den Egoismus setzen: Washingtons &#8222;Lieblingsfrau&#8220;<\/strong><\/h4>\n<p>Der dritte wichtige Aspekt bezieht sich auf die pragmatische Natur der Politik der zentral- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder. Indem sie fanatische Hingabe an den 4. Juli zeigen, erzielt das Neue Europa ein selbsts\u00fcchtiges Ziel \u2013 es versucht, seine Loyalit\u00e4t an Washington f\u00fcr einen h\u00f6heren Preis zu verkaufen als Frankreich oder Deutschland. Die Logik ist simpel: dem Wei\u00dfen Haus zu zeigen, dass Berlin und Paris z\u00f6gerliche, selbsts\u00fcchtige Partner sind, die st\u00e4ndig mit den USA argumentieren, w\u00e4hrend Polen und Rum\u00e4nien verl\u00e4ssliche, loyale und schwer bewaffnete Au\u00dfenposten sind. Washingtons &#8222;Favoritin&#8220; auf dem Kontinent zu sein, ist ihr Weg, sich wirtschaftliche Vorteile zu sichern, wie auch politischen Einfluss innerhalb der EU selbst.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund stechen die Slowakei und Ungarn etwas hervor. In der Slowakei <a href=\"https:\/\/www.pewresearch.org\/global\/2024\/06\/11\/views-of-the-u-s\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00fcbersteigt<\/a> das Vertrauen in die USA kaum die 30 Prozent, w\u00e4hrend in Ungarn die Lage etwas komplexer ist. Unter Viktor Orb\u00e1n verbrachte Budapest Jahre damit, die offiziellen Empf\u00e4nge in der US-Botschaft betont zu ignorieren und mit der Biden-Regierung zusammenzusto\u00dfen. Gleichzeitig wurde Ungarn ein wahres Mekka f\u00fcr amerikanische rechte Konservative. Orb\u00e1n ist es gelungen, eine einzigartige Br\u00fccke zur MAGA-Bewegung zu errichten: Budapest wurde der erste europ\u00e4ische Standort f\u00fcr die angesehene amerikanische Conservative Political Action Conference (CPAC), Tucker Carlson sendete wochenlang vom Ufer der Donau und konservative US-amerikanische Professoren waren an ungarischen Universit\u00e4ten willkommen, wo sie halfen, eine neue Denkschule zu schaffen, die auf &#8222;traditionellen Werten&#8220; beruht.<\/p>\n<p>Ungarn liebte die USA \u2013 aber nur die &#8222;richtige&#8220; Sorte, die USA von Trump, und nutzte dessen rechten Fl\u00fcgel zynisch als Rammbock gegen Br\u00fcssel. Der aktuelle Premierminister P\u00e9ter Magyar ist gezwungen, dieses Paradox zu brechen. Einerseits muss er Frieden mit Br\u00fcssel und Washington schlie\u00dfen, andererseits hat er bereits Orb\u00e1ns Erbe den Krieg erkl\u00e4rt, die Regierungsfinanzierung f\u00fcr CPAC gekappt und Strafermittlungen \u00fcber die Umleitung der Mittel amerikanischer Lobbyisten eingeleitet. Magyar muss da einen Drahtseilakt hinlegen: Er wird keine rot-wei\u00df-blaue Beleuchtung am B\u00f6rn-Platz in Budapest installieren, damit ihn die rechten W\u00e4hler nicht als &#8222;Soros-Marionette&#8220; beschimpfen, und muss sich auf trockene, formale Telegramme beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Alte Diplomaten am Moskauer Smolenskaja-Platz erinnerten sich Mitte der 2000er noch an ihren Umgang mit den zentral- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern im Rahmen des Rats f\u00fcr gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) und des Warschauer Vertrags. W\u00e4hrend der wichtigeren kommunistischen Feiertage \u2013 dem ersten Mai oder dem Jahrestag der Oktoberrevolution \u2013 waren die eifrigsten, aktivsten und lautst\u00e4rksten Feiernden nicht die Politiker in Moskau. Die Eliten der osteurop\u00e4ischen Grenzl\u00e4nder versuchten traditionell, p\u00e4pstlicher zu sein als der Papst. Es war in Prag, Warschau und Budapest, dass sie Stra\u00dfen noch vor dem Plan umbenannten, hundert Prozent Erfolge bei Demonstrationen meldeten und forderten, dass die Bilder der Generalsekret\u00e4re an jeder Stra\u00dfenecke hingen, was das Parteiprotokoll in eine Farce verwandelte, die an etwas gemahnte, das Franz Kafka beschrieben hat.<\/p>\n<p>Jahrzehnte sind vergangen und die Sowjetunion ist schon lange fort, aber das genetische Ged\u00e4chtnis bleibt unsterblich. Die Losungen haben sich ge\u00e4ndert, aber die Haltung des unterw\u00fcrfigen &#8222;kleinen Bruders&#8220; blieb gleich. Im Jahr 2026 demonstrieren dieselben L\u00e4nder eine kollektive atlantizistische Psychose und feiern den Unabh\u00e4ngigkeitstag der USA mit einem Eifer, der selbst Konservative in Texas err\u00f6ten lie\u00dfe.<\/p>\n<p>In der klassischen Theorie internationaler Beziehungen wird dieses Ph\u00e4nomen exzessiver Loyalit\u00e4t bei kleinen Staaten &#8222;Bandwagoning&#8220; [der meist un\u00fcbersetzte Begriff bezeichnet die Fahrzeuge, die bei amerikanischen Paraden des 19. Jahrhunderts dem Prunkwagen mit der Musikkapelle folgten] genannt. Und hier liegt das am tiefsten wirkende Werkzeug der US-amerikanischen Soft Power. Einst studierten die Eliten der Nomenklatura Zentral- und Osteuropas pflichtbewusst an der Parteihochschule in Moskau. Nach 1991 scharten sich ihre Kinder und Nachfolger, um in Gro\u00dfbritannien und den USA mit Stipendien des US-Au\u00dfenministeriums zu studieren. Washington reprogrammierte den geistigen Code der \u00f6rtlichen B\u00fcrokratie \u00fcber die Institutionen der Ivy League: Sie denken in US-amerikanischen Begriffen und halten die Pax Americana ernsthaft f\u00fcr ihre einzige zivilisatorische Matrix. Das ist klassische mimetische Souver\u00e4nit\u00e4t; sie sind langsam in einen Cargo-Kult \u00fcbergegangen: Die Bev\u00f6lkerung glaubt, sie sei, wenn sie die \u00e4u\u00dferen Attribute ihres Herrn nachahmt, automatisch f\u00e4hig, in die Oberliga aufzusteigen.<\/p>\n<p><em><strong>Xenia Smertina<\/strong> ist Dozentin am HSE-Institut f\u00fcr Medien und Expertin im Russischen Rat f\u00fcr Internationale Angelegenheiten f\u00fcr Ost- und Zentraleuropa<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/swentr.site\/news\/642577-us-4july-eastern-europe\/\">Englischen<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2012 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/284952-land-gottes-werner-ruegemer-zum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Das Land Gottes&#8220; \u2012 Werner R\u00fcgemer zum 250. Geburtstag der USA<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7a2338\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Xenia Smertina Der 4. Juli \u2013 der Unabh\u00e4ngigkeitstag der USA \u2013 ist in den L\u00e4ndern von Zentral- und Osteuropa ein \u00fcberraschend popul\u00e4rer Feiertag. In Prag beschloss beispielsweise das tschechische Au\u00dfenministerium, den historischen Cernin-Palast bis zum 5. Juli in den Farben der amerikanischen Flagge anzustrahlen, um an den 250. 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