{"id":12496,"date":"2026-07-07T10:01:03","date_gmt":"2026-07-07T08:01:03","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/ingeborg-bachmann-ist-die-wahrheit-zumutbar-von-paul-clemente\/"},"modified":"2026-07-07T10:01:03","modified_gmt":"2026-07-07T08:01:03","slug":"ingeborg-bachmann-ist-die-wahrheit-zumutbar-von-paul-clemente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/ingeborg-bachmann-ist-die-wahrheit-zumutbar-von-paul-clemente\/","title":{"rendered":"Ingeborg Bachmann &#8211; Ist die Wahrheit zumutbar? | Von Paul Clemente"},"content":{"rendered":"<div><!--kg-card-begin: html--><br \/>\n<iframe title=\"Ingeborg Bachmann - Ist die Wahrheit zumutbar? | Von Paul Clemente\" width=\"560\" height=\"418\" src=\"https:\/\/tube4.apolut.net\/videos\/embed\/gUCNfeJ862mC4NTvGGAZqh\" allow=\"fullscreen\" sandbox=\"allow-same-origin allow-scripts allow-popups allow-forms\" style=\"border-radius: 8px\"><\/iframe><br \/>\n<!--kg-card-end: html--><\/p>\n<div class=\"kg-card kg-audio-card\">\n<div class=\"kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide\"><svg width=\"24\" height=\"24\" fill=\"none\"><path fill-rule=\"evenodd\" clip-rule=\"evenodd\" d=\"M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z\"><\/path><path fill-rule=\"evenodd\" clip-rule=\"evenodd\" d=\"M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z\"><\/path><path fill-rule=\"evenodd\" clip-rule=\"evenodd\" d=\"M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 .75-.75V5.133a.75.75 0 0 0-.225-.535l-.002-.002-3-2.883A.75.75 0 0 0 18 1.5H3ZM1.409.659A2.25 2.25 0 0 1 3 0h15a2.25 2.25 0 0 1 1.568.637l.003.002 3 2.883a2.25 2.25 0 0 1 .679 1.61V21.75A2.25 2.25 0 0 1 21 24H3a2.25 2.25 0 0 1-2.25-2.25V2.25c0-.597.237-1.169.659-1.591Z\"><\/path><\/svg><\/div>\n<div class=\"kg-audio-player-container\"><audio src=\"https:\/\/apolut.net\/content\/media\/2026\/07\/LBS-20260707-apolut.mp3\" preload=\"metadata\"><\/audio><\/p>\n<div class=\"kg-audio-title\">LBS 20260707 apolut<\/div>\n<div class=\"kg-audio-player\"><button class=\"kg-audio-play-icon\" aria-label=\"Play audio\"><svg viewbox=\"0 0 24 24\"><path d=\"M23.14 10.608 2.253.164A1.559 1.559 0 0 0 0 1.557v20.887a1.558 1.558 0 0 0 2.253 1.392L23.14 13.393a1.557 1.557 0 0 0 0-2.785Z\"><\/path><\/svg><\/button><button class=\"kg-audio-pause-icon kg-audio-hide\" aria-label=\"Pause audio\"><svg viewbox=\"0 0 24 24\"><rect x=\"3\" y=\"1\" width=\"7\" height=\"22\" rx=\"1.5\" ry=\"1.5\"><\/rect><rect x=\"14\" y=\"1\" width=\"7\" height=\"22\" rx=\"1.5\" ry=\"1.5\"><\/rect><\/svg><\/button><span class=\"kg-audio-current-time\">0:00<\/span><\/p>\n<div class=\"kg-audio-time\">\/<span class=\"kg-audio-duration\">615.864<\/span><\/div>\n<p><input type=\"range\" class=\"kg-audio-seek-slider\" max=\"100\" value=\"0\"><button class=\"kg-audio-playback-rate\" aria-label=\"Adjust playback speed\">1\u00d7<\/button><button class=\"kg-audio-unmute-icon\" aria-label=\"Unmute\"><svg viewbox=\"0 0 24 24\"><path d=\"M15.189 2.021a9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h1.794a.249.249 0 0 1 .221.133 9.73 9.73 0 0 0 7.924 4.85h.06a1 1 0 0 0 1-1V3.02a1 1 0 0 0-1.06-.998Z\"><\/path><\/svg><\/button><button class=\"kg-audio-mute-icon kg-audio-hide\" aria-label=\"Mute\"><svg viewbox=\"0 0 24 24\"><path d=\"M16.177 4.3a.248.248 0 0 0 .073-.176v-1.1a1 1 0 0 0-1.061-1 9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h.114a.251.251 0 0 0 .177-.073ZM23.707 1.706A1 1 0 0 0 22.293.292l-22 22a1 1 0 0 0 0 1.414l.009.009a1 1 0 0 0 1.405-.009l6.63-6.631A.251.251 0 0 1 8.515 17a.245.245 0 0 1 .177.075 10.081 10.081 0 0 0 6.5 2.92 1 1 0 0 0 1.061-1V9.266a.247.247 0 0 1 .073-.176Z\"><\/path><\/svg><\/button><input type=\"range\" class=\"kg-audio-volume-slider\" max=\"100\" value=\"100\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><img data-opt-id=82906242  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/GHOST_LY.jpg\" alt=\"Ingeborg Bachmann - Ist die Wahrheit zumutbar? | Von Paul Clemente\"><\/p>\n<p><strong>Zum Kinostart der Ingeborg Bachmann-Dokumentation<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201cDie Lyrische Beobachtungsstelle\u201d von<strong>\u00a0Paul Clemente.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum 100. Geburtstag: Ein Dokumentarfilm \u00fcber Ingeborg Bachmann. Titel: <em>\u201eJemand, der ich einmal war\u201c<\/em>. Drei Jahre nach Margarethe von Trottas Biopic versucht Regisseurin Regina Schilling eine weitere Ann\u00e4herung. Und die \u00e4hnelt einer Schatzsuche. Gehoben wurden Mitschnitte von Lesungen, Fotos aus Presse und Verlagsmagazinen. Au\u00dferdem st\u00fcrmte Schilling mit Darstellerin Sandra H\u00fcller in Bachmanns ehemaligen Wohnr\u00e4ume. Sie zeigt sogar Ausschnitte aus<em> \u201eRomanze in Moll\u201c<\/em>, einer melodramatischen Lovestory anno 1943, bei der alle Protagonisten an ihren Gef\u00fchlen verenden. Goebbels hasste diesen Film. F\u00fcr die junge \u00d6sterreicherin hingegen war er Kult.<\/p>\n<p>Bachmanns Wohnungen, ob in Wien oder in Rom, waren vor allem Orte der Arbeit, des Schreibens. Entsprechend das Mobiliar: B\u00fccherregale, Schreibtische. Sandra H\u00fcller durchschreitet sie, wagt ein dezentes St\u00f6bern. Aber der Geist der einstigen Bewohnerin bleibt fern. Alles ist hell und ruhig. Nichts verweist mehr auf den Horrortripp, in dem die Dichterin gefangen war:\u00a0<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe. (\u2026) Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Schecken kehrt auch nicht zur\u00fcck, als Sandra H\u00fcller in die Rolle der Poetin einsteigt. Wenn die Schauspielerin versucht, Bachmanns Texte in verschiedenen Stimm- und Tonlagen vorzutragen, erlebt man deren zahlreiche Bedeutungsebenen. Aber\u00a0 alles bleibt auf spielerischer Ebene.<\/p>\n<p>Fragt man die KI oder Bachmann-Fans nach Gr\u00fcnden, weshalb ihr Werk noch die Lekt\u00fcre lohnt, folgen Hinweise auf dessen gesellschaftskritische und politische Dimension: Als Kafka-Verehrerin habe sie die Sprache als Komplizin der Macht, als Herrschaftsinstrument zerlegt, die Rhetorik des Faschismus und patriarchaler Gewalt enttarnt.\u00a0<\/p>\n<p>Dieses Abarbeiten an sprachlicher Gewalt bestimmte sogar Bachmanns Partnerwahl. Neun Jahre lang fand sie in dem Lyriker Paul Celan einen kongenialen Geliebten. Seine Verse: Voller Wortsch\u00f6pfungen, f\u00fcr ein Sprechen \u00fcber Auschwitz. Darunter die <em>\u201eTodesfuge\u201c <\/em>und <em>\u201eEis,Eden\u201c<\/em>. Beschw\u00f6rungen unermesslicher \u00c4ngste, nicht enden k\u00f6nnender Alptr\u00e4ume.\u00a0<\/p>\n<p>Was heutige Bachmann-Rezensionen selten thematisieren: Es gibt bei ihr auch einen Schrecken, der sich politischer und psychologischer Deutungen entzieht. Eine Angst, die inzwischen als \u201eThanatophobie\u201c gilt, den man in den Zust\u00e4ndigkeitsbereich der Psychologie verschoben hat: Den Horror \u00fcber die Endlichkeit allen Lebens. Mitte des 20. Jahrhundert war er Bestandteil der \u201eExistenzphilosophie\u201c, sp\u00e4ter auch des \u201eExistenzialismus\u201c. Ein Denken, das vom Menschen fordert, sich &#8211; jenseits allt\u00e4glicher Zerstreuung &#8211; der eigenen Sterblichkeit zu stellen. Nicht, um sie zu \u201e\u00fcberwinden\u201c, sondern um im Aushalten der Angst dem Geschw\u00e4tz der Welt zu entkommen. Den Mut zum Eigentlichen aufzubringen.<\/p>\n<p>Ingeborg Bachmann, die eine berufliche Laufbahn als \u201ePhilosophin\u201c in Betracht zog, las in jungen Jahren die Schriften von Martin Heidegger. Dreiundzwanzigj\u00e4hrig reichte sie an der Universit\u00e4t Wien ihre Doktorarbeit ein. Titel: \u201e<em>Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers\u201c<\/em>. Unschwer zu erraten, was sie bei dem Schwarzw\u00e4lder Seins-Denker suchte: Besagte Angst und die Erkenntnis der Endlichkeit.<\/p>\n<p>In seinem Hauptwerk <em>\u201eSein und Zeit\u201c<\/em> erkl\u00e4rte der Philosoph, dass die Angst keinen konkreten Ausl\u00f6ser, keine bestimmte Bedrohung ben\u00f6tigt, nicht mit Furcht zu verwechseln ist. Die Endlichkeit als solche erzeugt Angst. Egal, woran man letztendlich stirbt: Der Knochenmann kommt in jedem Fall. In Heideggers Worten: <\/p>\n<blockquote><p>\u201e<em>Das Wovor der Angst ist v\u00f6llig unbestimmt. Dass das Bedrohende nirgends ist, liegt nicht daran, dass es dort nicht ist, sondern daran, dass es nirgends einen Halt gibt.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ingeborg Bachmanns ber\u00fchmter Satz <em>\u201eDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar\u201c<\/em> ist nicht allein auf historischer und politischer Ebene zu deuten, sondern auch im Sinne der Existenzphilosophie: Das Wissen um die eigene Endlichkeit ist zumutbar. Ob sie damit richtig lag?<\/p>\n<p>Die Dichterin bek\u00e4mpfte ihre Grundangst durch Kettenrauchen, Alkohol, Psychopharmaka und Liebesaff\u00e4ren. In den Mitschnitten sp\u00e4ter Lesungen wirkt sie aufgedunsen, ihr Tonfall hat etwas Weinerliches. Da konnte jemand nicht mehr. In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 schlief sie mit brennender Zigarette ein. Den Brand bemerkte sie zu sp\u00e4t. Eine Mega-Dosis an Bet\u00e4ubungsmitteln hatte das Schmerzempfinden ged\u00e4mpft. Im Krankenhaus starb Ingeborg Bachmann an den Verbrennungen und einen radikalen Entzug. Sie war erst 47 Jahre alt. In der 1990er Verfilmung ihres Romans <em>\u201eMalina\u201c<\/em> lie\u00df Regisseur Werner Schroeter die Wohnung der Heldin brennen, w\u00e4hrend die Trag\u00f6die ihren Lauf nimmt. Eine Anspielung auf den Tod der Autorin.\u00a0<\/p>\n<p>Nach all dem wird mancher fragen: Ist der 100. Geburtstag zugleich ihr 100. Todestag? Spiegelt ihr Werk tats\u00e4chlich nur unausweichliche Angst, Scheitern und Leiden? Nein. Das w\u00e4re eine Verk\u00fcrzung. Trotz allem. Deshalb verweisen wir zum Schluss auf ihr Gedicht <em>\u201eB\u00f6hmen liegt am Meer\u201c<\/em>, geschrieben 1964.<\/p>\n<p>Der Titel basiert auf einem geographischen Fehler. Den hatte sich William Shakespeare bei der Niederschrift seiner Tragikom\u00f6die <em>\u201eDas Winterm\u00e4rchen\u201c<\/em> geg\u00f6nnt: Darin schreibt er dem Binnenstaat B\u00f6hmen eine K\u00fcste zu. Ein \u201eFehler\u201c, der Shakespeares B\u00f6hmen zu einem Nicht-Ort erhebt. \u00dcbersetzt man \u201eNicht-Ort\u201c ins Altgriechische, wird \u201eUtopie\u201c daraus. Heimst\u00e4tte jener, die ihr Zuhause verloren haben. Im <em>\u201eWinterm\u00e4rchen\u201c <\/em>befiehlt der sizilianische K\u00f6nig Leontes die T\u00f6tung seiner Tochter. Der mit dem Mord beauftragte Diener verweigert die Anweisung und bringt das M\u00e4dchen stattdessen nach B\u00f6hmen, wo sie \u00fcberlebt. Zu dieser St\u00e4tte der Zuflucht l\u00e4dt auch Bachmann:<\/p>\n<p><em>\u201eIch will zugrunde gehen. <\/em><\/p>\n<p><em>Zugrund \u2013 das hei\u00dft zum Meer, dort find ich B\u00f6hmen wieder. <br \/>Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf. <br \/>Von Grund auf wei\u00df ich jetzt, und ich bin unverloren. <\/em><\/p>\n<p><em>Kommt her, ihr B\u00f6hmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe unverankert. Wollt ihr nicht b\u00f6hmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle. Spielt die Kom\u00f6dien, die lachen machen\u201c<\/em><\/p>\n<p>Trotz der Einladung: Ingeborg Bachmann hat ihr B\u00f6hmen leider nicht gefunden.<\/p>\n<p>\u00a0<strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor\u00a0f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung des Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Ein helles, leuchtendes Schl\u00fcsselloch offenbart ein strahlendes Licht aus einem unbekannten Raum, das in einer dunklen, strukturierten, grunchartigen Wand untergebracht ist<\/p>\n<p>Bildquelle: <u>mas arkaz<\/u>\u00a0\/ shutterstock\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>P\u00fcnktlich zum 100. Geburtstag: Ein Dokumentarfilm \u00fcber Ingeborg Bachmann. Titel: \u201eJemand, der ich einmal war\u201c. 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