{"id":12590,"date":"2026-07-07T20:06:33","date_gmt":"2026-07-07T18:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/die-gefaehrliche-logik-der-nato-3-0\/"},"modified":"2026-07-07T20:06:33","modified_gmt":"2026-07-07T18:06:33","slug":"die-gefaehrliche-logik-der-nato-3-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/die-gefaehrliche-logik-der-nato-3-0\/","title":{"rendered":"Die gef\u00e4hrliche Logik der &#8222;NATO 3.0&#8220;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dmitri Trenin<\/em><\/p>\n<p>Die NATO tritt in ihre dritte \u00c4ra ein. Als sie vor einem Dreivierteljahrhundert gegr\u00fcndet wurde, sollte sie die Ausbreitung des Kommunismus eind\u00e4mmen und der milit\u00e4rischen Macht der Sowjetunion entgegenwirken. Mit anderen Worten: Sie sollte Westeuropa kapitalistisch und unter US-Kontrolle halten. Entgegen den damaligen Behauptungen der sowjetischen Propaganda war die NATO eher ein Verteidigungs- als ein Angriffsb\u00fcndnis. An dieser Haltung \u00e4nderte sich auch w\u00e4hrend all der Krisen des Kalten Krieges nichts.<\/p>\n<p>Als der Kalte Krieg endete und die Sowjetunion zusammenbrach, ging die NATO als Sieger hervor, obwohl sie diesen Sieg eigentlich nicht errungen hatte. Der von den USA gef\u00fchrte Milit\u00e4rblock weigerte sich, sich nach Erf\u00fcllung seiner urspr\u00fcnglichen Mission aufzul\u00f6sen. Stattdessen strebte er danach, zum alleinigen Sicherheitsgaranten f\u00fcr Europa zu werden. Er ging zur Offensive \u00fcber und f\u00fchrte Krieg gegen Serbien. Er weitete seine Eins\u00e4tze \u00fcber das B\u00fcndnisgebiet hinaus aus und zog in Afghanistan in den Krieg. Schlie\u00dflich begann eine massive Erweiterungswelle, in deren Zuge die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion in Osteuropa und sogar einige Ex-Sowjetrepubliken in das B\u00fcndnis aufgenommen wurden.<\/p>\n<p>Doch seine Politik gegen\u00fcber dem ehemaligen Gegner Russland schlug v\u00f6llig fehl. Es wies Moskaus Ersuchen um einen NATO-Beitritt zur\u00fcck und bot stattdessen eine Partnerschaft an, die sich letztlich als weitgehend wertlos erwies. Russlands Sicherheitsinteressen ignorierte es: Es war nicht bereit, seine Erweiterung bis an die russische Grenze zu stoppen, und lehnte Moskaus Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine gesamteurop\u00e4ische Sicherheitsordnung ab. Die Frage der NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, die der Kreml als unertr\u00e4gliche Bedrohung f\u00fcr seine nationale Sicherheit empfand, wurde zum Hauptgrund f\u00fcr den Ukraine-Krieg, der nun bereits im f\u00fcnften Jahr andauert.<\/p>\n<p>Dieser Dauerkrieg hat der NATO neuen Auftrieb verliehen. Russland wurde erneut zum Feind \u2013 dieses Mal stand ihm jedoch ein westliches B\u00fcndnis gegen\u00fcber, das weitaus st\u00e4rker und f\u00fcr eine Konfrontation mit Russland deutlich besser aufgestellt war. Mit der Ukraine an ihrer Seite kann die NATO deren Streitkr\u00e4fte einsetzen, um Russland direkt anzugreifen. Das Ziel der USA und Europas in diesem Krieg war, wie von Anfang an \u00f6ffentlich verk\u00fcndet, &#8222;Russland eine strategische Niederlage zuzuf\u00fcgen&#8220;. Was w\u00e4hrend des Kalten Krieges als unvorstellbar galt, ist jetzt im Stellvertreterkrieg des Westens gegen Russland denkbar geworden.<\/p>\n<p>Seit dem Jahr 2025 wurde durch die Politik von US-Pr\u00e4sident Donald Trump ein Prozess der internen Umgestaltung der NATO in Gang gesetzt. Die Nationale Verteidigungsstrategie der USA \u00fcbertr\u00e4gt Europa eindeutig die Verantwortung f\u00fcr den &#8222;Umgang&#8220; mit Russland. Im Zuge der Neuausrichtung der globalen strategischen Priorit\u00e4ten durch Washington wird den europ\u00e4ischen Mitgliedern des B\u00fcndnisses somit auferlegt, eine gr\u00f6\u00dfere finanzielle und milit\u00e4rische Last zu \u00fcbernehmen. Angesichts des andauernden Krieges bedeutet dies eine weitaus st\u00e4rkere Einbindung in diesen Konflikt. Die europ\u00e4ischen Eliten, die lange Zeit z\u00f6gerten, die Verteidigungsausgaben zu erh\u00f6hen, und bef\u00fcrchteten, in Kriege hineingezogen zu werden, haben ihre Haltung inzwischen ge\u00e4ndert und die neuen Verpflichtungen und Risiken bereitwillig als Chance begriffen.<\/p>\n<p>Dieser Wandel hat seine Gr\u00fcnde. Derzeit wird die Militarisierung als treibende Kraft f\u00fcr die Wiederbelebung der ins Stocken geratenen Volkswirtschaften der EU-L\u00e4nder angesehen. Ein milit\u00e4risch st\u00e4rkeres Europa w\u00e4re strategisch autonomer in einer Welt, in der die USA ihre Verpflichtungen ihren Verb\u00fcndeten gegen\u00fcber zur\u00fcckfahren. Eine milit\u00e4rische Dimension der EU k\u00f6nnte zudem den Zusammenhalt der Union angesichts der wachsenden Herausforderungen festigen. Aus politischer Sicht erleichtern Aufr\u00fcstung und Mobilisierung angesichts des &#8222;Feindes vor den Toren&#8220; den herrschenden Eliten, ihre Gegner als &#8222;Handlanger des Kremls&#8220; zu brandmarken und so ihre Machtposition zu festigen. Ideologisch gesehen ist der Kampf gegen Russland (vorerst \u00fcber die Ukraine) zu einer neuen verbindenden Idee f\u00fcr Europa geworden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Russland bedeutet diese &#8222;NATO 3.0&#8220; vor allem eines: Erstmals seit der Niederlage Nazi-Deutschlands und seiner Verb\u00fcndeten im Jahr 1945 wird Europa wieder zu einem eindeutigen und unmittelbaren Gegner Russlands. In Moskau macht man sich keine Illusionen \u00fcber die feindselige Haltung der Vereinigten Staaten gegen\u00fcber Russland. Doch im Konflikt mit Russland h\u00e4lt sich Washington inzwischen eher im Hintergrund. W\u00e4hrend die NATO zu Zeiten des Kalten Krieges aus Sicht Russlands &#8222;Amerika in Europa&#8220; darstellte, sieht man in ihr heute ein von Amerika gest\u00fctztes Europa.<\/p>\n<p>Noch wichtiger ist, dass die &#8222;NATO 3.0&#8220; eindeutig in die Offensive \u00fcbergegangen ist und dabei weitreichende Ziele verfolgt. Die Strategie der europ\u00e4ischen Eliten gegen\u00fcber Russland ist nicht mehr die Abschreckung wie zu Zeiten des Kalten Krieges; das Ziel besteht vielmehr darin, Russland als Gro\u00dfmacht zu zerst\u00f6ren. Genau das ist mit &#8222;strategischer Niederlage&#8220; gemeint. Die Europ\u00e4er tr\u00e4umen davon, Russland als ernstzunehmenden Faktor in der Geopolitik Eurasiens auszuschalten: F\u00fcr sie w\u00fcrde dies die &#8222;Endl\u00f6sung&#8220; des seit Langem gef\u00fcrchteten &#8222;Russland-Problems&#8220; bedeuten.<\/p>\n<p>Nachdem die russischen Erfolge auf dem ukrainischen Schlachtfeld bei europ\u00e4ischen Politikern und Medien lange Zeit f\u00fcr Missmut gesorgt hatten, geben sie sich nun triumphierend. Sie hoffen, die Langstreckendrohnen, an deren Produktion f\u00fcr die Ukraine und Einsatz gegen Ziele in Russland sie beteiligt sind, k\u00f6nnten sich als Wunderwaffe dieses Krieges erweisen. Nun wollen sie deren Schlagkraft weiter erh\u00f6hen, indem sie Kiew auf \u00e4hnliche Weise zun\u00e4chst mit Langstrecken-Marschflugk\u00f6rpern und anschlie\u00dfend mit ballistischen Raketen versorgen. Diese Waffen, so die Hoffnung, sollen das Schicksal Russlands ein f\u00fcr alle Mal besiegeln.<\/p>\n<p>Doch dazu wird es nicht kommen. Der grundlegende Irrtum im europ\u00e4ischen Denken besteht in der Annahme, Russland werde eher eine Niederlage, seinen Niedergang und seinen Zerfall hinnehmen, als sein derzeitiges Waffenarsenal einzusetzen. Dabei geht es keineswegs nur um Atomwaffen, auch wenn eines Tages der Punkt erreicht werden k\u00f6nnte, an dem deren Einsatz unumg\u00e4nglich w\u00e4re. Bislang hat der Kreml bemerkenswerte Zur\u00fcckhaltung gezeigt \u2013 sowohl beim Einsatz seiner schlagkr\u00e4ftigeren konventionellen Mittel als auch bei Angriffen auf besonders bedeutende und \u00f6ffentlichkeitswirksame Ziele. Es gibt viele Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diese Zur\u00fcckhaltung, doch es w\u00e4re leichtsinnig \u2013 ja sogar fatal \u2013 zu glauben, dass entweder die russische F\u00fchrung oder das russische Volk jemals vor der NATO kapitulieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das enorme Defizit der europ\u00e4ischen NATO-F\u00fchrer an moderner strategischer Kultur \u2013 kaum \u00fcberraschend, nachdem Europa seine Sicherheit acht Jahrzehnte lang den Vereinigten Staaten \u00fcberlassen hatte \u2013 und ihre blinde Russophobie haben Europa auf einen direkten Konfrontationskurs mit Russland gebracht. Diese Russophobie ist ein Ergebnis des tief sitzenden, althergebrachten europ\u00e4ischen Rassismus und der realen oder vermeintlichen Ressentiments gegen Russland, die sich \u00fcber die letzten f\u00fcnf Jahrhunderte angeh\u00e4uft haben. Die &#8222;NATO 3.0&#8220; bedeutet Krieg. Sollte es tats\u00e4chlich so weit kommen, wird es keine NATO mehr geben.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/swentr.site\/news\/642647-nato-militarism\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Englischen<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dmitri Trenin<\/em><\/strong><em> ist Forschungsprofessor an der Higher School of Economics und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen. Er ist au\u00dferdem Mitglied des Russischen Rates f\u00fcr Internationale Angelegenheiten (RIAC, russisch: RSMD).<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/europa\/283201-karaganow-zum-moeglichen-atomwaffeneinsatz-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Karaganow zum m\u00f6glichen Atomwaffeneinsatz: &#8222;Deutschland wird als Erstes leiden&#8220;<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-vk\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/vk.com\/video_ext.php?oid=-134310637&amp;id=456292291\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dmitri Trenin Die NATO tritt in ihre dritte \u00c4ra ein. 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