{"id":12848,"date":"2026-07-09T19:05:07","date_gmt":"2026-07-09T17:05:07","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/stade-in-der-falle-der-vorurteile\/"},"modified":"2026-07-09T19:05:07","modified_gmt":"2026-07-09T17:05:07","slug":"stade-in-der-falle-der-vorurteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/stade-in-der-falle-der-vorurteile\/","title":{"rendered":"Stade: In der Falle der Vorurteile"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Das ist schon eine seltsame Geschichte rund um die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs beim Sechsfachmord in Stade. Schlie\u00dflich war sie un\u00fcbersehbar in dem ganzen Drama tief engagiert, wie der zwanzig Seiten lange Brief belegt, den sie Tage vor der Tat an mehrere Medien geschickt hatte, um zu belegen, dass der Vater unschuldig verfolgt werde.<\/p>\n<p>Auch wenn das f\u00fcr konservative Medien eine klare Sache scheint\u00a0\u2013 eine Mitarbeiterin einer NGO, die einen Migranten bedingungslos deckt und mittlerweile auch spurlos abgetaucht ist\u00a0\u2013, das wahre Problem an der ganzen Geschichte ist, dass sie sich so ereignet haben k\u00f6nnte, wie die Patentante des entzogenen Kindes das sah.<\/p>\n<p>Es gibt F\u00e4lle, in denen Jugend\u00e4mter \u00fcbergriffig handeln, ebenso sehr, wie es F\u00e4lle gibt, in denen sie das Handeln vers\u00e4umen. Es gibt sogar Vorf\u00e4lle, wie rund um die Haasenburg-Heime, bei denen man sich fragt, ob Korruption im Spiel ist. Und es gibt F\u00e4lle wie den Tod der kleinen Alicia, die vom Freund der Mutter get\u00f6tet wurde, weil das Jugendamt selbst auf Hinweise der Mutter nicht reagiert hatte.<\/p>\n<p>Ebenso gibt es F\u00e4lle, in denen Migranten zu Unrecht einer Tat verd\u00e4chtigt werden, so wie es sie bei Deutschen auch gibt. Und es gibt F\u00e4lle, in denen dies zu\u00a0Recht geschieht. Die Voraussetzung daf\u00fcr, beides unterscheiden zu k\u00f6nnen, ist, sich von den eigenen Vorurteilen nicht \u00fcberw\u00e4ltigen zu lassen. Weder in die eine Richtung noch in die andere.<\/p>\n<p>Das ist vermutlich deutlich schwerer f\u00fcr jemanden, der in irgendeiner Form im l\u00e4ngst durchstrukturierten Beratungsapparat sitzt. Denn abgesehen davon, dass das Eintreten f\u00fcr die Rechte der Beratenen der Auftrag ist, verleitet schon die reine Bequemlichkeit dazu, sich dann dauerhaft auf eine Seite zu schlagen. Distanz zu wahren oder wiederzufinden ist n\u00e4mlich anstrengend.<\/p>\n<p>Die Frau arbeitete als Beraterin in Teilzeit beim Verband binationaler Familien. In diesem Zusammenhang wird sie mit der Familie des T\u00e4ters nichts zu tun gehabt haben, weil der erstens nicht in Bremen wohnte, wo sie lebte und beriet, und\u00a0dessen Familie zweitens gar nicht binational ist, weil beide Elternteile t\u00fcrkischer Abstammung sind.<\/p>\n<p>Ich kenne diesen Verein aus Jahren, als er noch Initiative mit Ausl\u00e4ndern verheirateter Frauen hie\u00df. Dieser alte Name macht seinen Ursprung kenntlich\u00a0\u2013 es ging erst einmal um wechselseitige Unterst\u00fctzung bei dem ganzen \u00c4rger, den deutsche Beh\u00f6rden machen konnten. Beispielsweise ein Ehef\u00e4higkeitszeugnis verlangen, das im Grunde au\u00dferhalb Deutschlands niemand kennt; das dann, wenn es beschafft ist, nicht anerkennen. Oder ganz langsam arbeiten, damit zwischendrin einzelne Dokumente, die jeweils beglaubigt \u00fcbersetzt werden m\u00fcssen, nicht mehr g\u00fcltig sind (besagtes Ehef\u00e4higkeitszeugnis hatte eine G\u00fcltigkeit von sechs Monaten) und dann wieder neu beschafft werden mussten. Ja, man konnte wirklich Spa\u00df haben damit. Und wenn man einmal pers\u00f6nlich derartige Erfahrungen gemacht hat, liegt es nat\u00fcrlich nahe, das zu verallgemeinern. Oder als Ausdruck einer grunds\u00e4tzlichen Feindseligkeit zu sehen.<\/p>\n<p>Wobei das in Bremen im Jahr 2026 doch anders aussehen d\u00fcrfte als im M\u00fcnchen des Jahres 1990. Damals war es vermutlich schwerer, eine Ehe zu schlie\u00dfen, als es heute ist, eingeb\u00fcrgert zu werden. Nur\u00a0\u2013 pers\u00f6nliche Erinnerungen sind ausgesprochen haltbar und passen sich nicht an, auch wenn sich das Verhalten von Beh\u00f6rden ver\u00e4ndert hat. Nachdem die Frau, die das Fluchtfahrzeug fuhr, 65\u00a0Jahre alt sein soll, kann genau dieses Auseinanderfallen eigener Erlebnisse und aktueller Wirklichkeit ein wichtiges Puzzleteil sein, das dazu f\u00fchrte, dass sie an dieser Katastrophe mitwirkte.<\/p>\n<p>Dann ist da noch das eigenartige und sehr deutsche Ph\u00e4nomen des umgekehrten Rassismus. Statt alle Ausl\u00e4nder als b\u00f6se zu sehen, sieht man alle Ausl\u00e4nder als gut. Eine ziemlich schr\u00e4ge, aber leider ebenso verbreitete Einstellung, die ihre Tr\u00e4ger auch noch f\u00fcr antirassistisch halten, ohne zu merken, dass ihr Gegen\u00fcber, so wie alle Menschen, \u00fcber das volle Spektrum menschlicher Eigenschaften verf\u00fcgt. Also durchaus ein b\u00f6sartiges, kriminelles Arschloch sein kann, ein hemmungsloser Egoist, ein durchtriebener Betr\u00fcger, oder, wie es im vorliegenden Fall sein k\u00f6nnte, falls die Informationen \u00fcber die Verfahren in der T\u00fcrkei stimmen, ein bereits dreimal geschiedener Mann, der seine eigene Tochter missbraucht haben soll.<\/p>\n<p>Wusste das die Kindsmutter? Wusste das die Fahrerin? Vermutlich nicht. Das Jugendamt Hannover wusste es jedenfalls auch nicht, sonst w\u00e4re das Hilfeplangespr\u00e4ch, das den Morden vorausging, vermutlich anders verlaufen. H\u00e4tte es Hinweise darauf gegeben? Vermutlich ja, aber nur aufmerksame Augen h\u00e4tten sie wahrgenommen. Die Patentante hatte sich offenkundig entschieden, den Vater als Opfer zu sehen; unter diesen Voraussetzungen gehen derartige Anzeichen einfach unter.<\/p>\n<p>Allerdings\u00a0\u2013 angesichts der detaillierten Schilderung der Vorf\u00e4lle rund um dieses Hilfeplangespr\u00e4ch in Stade fragt man sich doch, ob ihr nicht h\u00e4tten Zweifel kommen m\u00fcssen. Ob man derart blind sein kann. Denn es hei\u00dft, das Gespr\u00e4ch h\u00e4tte stattgefunden, in ruhiger Atmosph\u00e4re, dann sei der Kindsvater zum Auto gegangen und habe die Waffe geholt. In derselben Zeit sei der Leiter des Mutter-Kind-Heims aus dem Haus gekommen, und der Vater habe ihn noch vor dem Haus erschossen. Beide Handlungen, das Holen der Waffe aus dem Auto und die Ermordung des Heimleiters, muss die Patentante eigentlich mitbekommen haben (das Haus ist nicht so gro\u00df, dass man Sch\u00fcsse auf der Stra\u00dfe nicht h\u00f6rt). Sie h\u00e4tte sich daraufhin mitsamt Fahrzeug entfernen k\u00f6nnen. Sie hat es nicht getan, sondern blieb hinter dem Steuer sitzen, bis der Mann im Geb\u00e4ude noch f\u00fcnf weitere Personen erschossen hatte und wieder ins Auto einstieg.<\/p>\n<p>Kann die Verleugnung von Wirklichkeit so weit gehen, dass sie Gesehenes und Geh\u00f6rtes v\u00f6llig verdr\u00e4ngt? Leider ja. 2016 gab es einen Vorfall, der illustrierte, wie weit das gehen kann: Damals wurde Selin G\u00f6ren, Bundessprecherin des Jugendverbands der Linken, von Fl\u00fcchtlingen vergewaltigt. Sie meldete bei der Polizei nur einen Diebstahl, damit die Tat nicht &#8222;von Rechten instrumentalisiert&#8220; werden k\u00f6nne. Aber mehr noch\u00a0\u2013 sie schrieb einen Entschuldigungsbrief an einen fiktiven Fl\u00fcchtling, wie leid es ihr tue, dass er in einer rassistischen Gesellschaft lebe\u00a0&#8230; Dieser Brief verursachte mir damals \u00dcbelkeit. Schlie\u00dflich geh\u00f6re ich noch zu einer Generation Frauen, die in der Presse Aussagen deutscher Politiker lesen konnte, viele Frauen seien selbst schuld, wenn sie vergewaltigt w\u00fcrden, weil sie sich zu offenherzig kleideten. Das gab es noch bis in die 1980er. F\u00fcr uns war es eine Errungenschaft, als das endlich aufh\u00f6rte. Und dann sieht man, wie eine junge Frau diese Errungenschaft preisgibt, damit nur ja nicht die Falschen in Verdacht geraten&#8230;<\/p>\n<p>Dahinter steckt im Zusammenhang von 2016 nat\u00fcrlich noch ein anderes Detail: dass diejenigen, die da von der Bundesregierung so gro\u00dfz\u00fcgig als arme syrische Opfer aufgenommen worden waren, durchaus auch syrische Islamisten waren, bis hin zu IS-Mitgliedern, so, wie sich unter aufgenommenen Tschetschenen viele echte Terroristen fanden. Dass also die Annahme, da k\u00f6nne und m\u00fcsse man die Gesamtheit vor einem Verdacht sch\u00fctzen, die Zusammensetzung dieser Gesamtheit \u00fcbersah, die sehr wohl h\u00e4tte unterschieden werden m\u00fcssen in die einen und die anderen.<\/p>\n<p>Das aber wird bis heute nicht getan. Stattdessen wurde es seit 2015 geradezu zum Kult gemacht, alles zu verleugnen, was dem Bild des Migranten als armes, unschuldiges Opfer widerspricht. Obwohl dieses Bild genauso entmenschlicht wie sein Gegenteil. Nur\u00a0\u2013 sobald man kein armes, unschuldiges Opfer mehr sieht, sondern beispielsweise einen durchaus gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen jungen Mann, der eben eigentlich kein &#8222;Schutzbed\u00fcrftiger&#8220; ist, sondern jemand, der seine materiellen Interessen verfolgt, stellt man sich die Frage, warum man ihn dann eben wie ein armes, unschuldiges Opfer behandeln sollte, mit subsidi\u00e4rem Schutz und allem Hokuspokus. Aber mit diesem Gedanken steht man sofort auf der Seite der &#8222;B\u00f6sen&#8220;. Also darf er nicht gedacht werden.<\/p>\n<p>Und diese Haltung wird seit mehr als zehn Jahren konsequent einge\u00fcbt und eingefordert. Das ist dann so best\u00e4ndig eingemei\u00dfelt, dass selbst Ereignisse, die normalerweise ersch\u00fcttern m\u00fcssten, das ganze Konstrukt in Frage stellen, wie eben jener Moment, in dem der Heimleiter erschossen wurde, vor\u00fcberziehen k\u00f6nnen, als w\u00e4ren sie nicht real. \u00c4hnliches kennt man auch aus anderen Zusammenh\u00e4ngen, im Umgang mit der Energiekrise und mit dem Ukraine-Konflikt beispielsweise, aber da sind die Folgen nicht so unmittelbar (wenn auch im Falle der Ukraine nicht weniger blutig). Nachdem es in vielen politischen Fragen in Deutschland nicht mehr m\u00f6glich scheint, sich auf eine Realit\u00e4t zu einigen oder, das trifft es besser, bestimmte Teile der Realit\u00e4t umfassend anzuerkennen, werden solche Momente extremer Blindheit m\u00f6glich. Nicht nur das, sie werden fast zum Allgemeinzustand.<\/p>\n<p>Die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs, das erst nach zehn Kilometern zum Stehen kam, d\u00fcrfte inzwischen wieder in der wirklichen Welt angekommen sein und erkannt haben, dass sie bei einem Verbrechen mitgewirkt hat. Die Tatsache, dass sie untergetaucht ist, legt das nahe. Wenn, dann war das sicher ein schmerzhaftes Erwachen. Aber in nicht allzu ferner Zukunft wird sie merken, dass diese Realit\u00e4t dennoch besser ist als jene, die sie sich zuvor gebaut hatte. Ein Moment, den man mittlerweile f\u00fcr das ganze Land erhoffen muss.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema \u2013<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/266185-zehn-jahre-koelner-silvesternacht\/\">Zehn Jahre K\u00f6lner Silvesternacht\u00a0\u2013 Ein Muster, das weiter wirkt<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v79wxi4\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Das ist schon eine seltsame Geschichte rund um die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs beim Sechsfachmord in Stade. 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