{"id":13406,"date":"2026-07-14T09:02:20","date_gmt":"2026-07-14T07:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/das-geschaftsmodell-krieg-wie-dauer-zur-dividende-wird-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-07-14T09:02:20","modified_gmt":"2026-07-14T07:02:20","slug":"das-geschaftsmodell-krieg-wie-dauer-zur-dividende-wird-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/das-geschaftsmodell-krieg-wie-dauer-zur-dividende-wird-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Das Gesch\u00e4ftsmodell Krieg: Wie Dauer zur Dividende wird | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Zwei Flugzeugtr\u00e4gergruppen, zwanzig Kriegsschiffe, 170 Luftangriffe \u2013 und die Stra\u00dfe von Hormus liegt still wie am ersten Kriegstag. Kein Sieg, keine Niederlage, nur ein Zustand, der sich selbst reproduziert. Wer das f\u00fcr ein Scheitern amerikanischer Kriegsf\u00fchrung h\u00e4lt, hat die eigentliche Frage noch nicht gestellt: Was, wenn Sieg nie das Ziel war? <\/p>\n<p>Diese Frage klingt zynisch. Sie ist es auch. Aber sie ist die einzige, die erkl\u00e4rt, warum die m\u00e4chtigste Milit\u00e4rmaschine der Geschichte gegen ein Land antritt, dessen Wirtschaftskraft einen Bruchteil der eigenen ausmacht \u2013 und drei Monate sp\u00e4ter nichts vorzuweisen hat au\u00dfer Zerst\u00f6rung, gestiegenen \u00d6lpreisen und einer Meerenge, die genauso blockiert ist wie am 28. Februar. Man muss nicht an eine<br \/>Verschw\u00f6rung glauben, um zu verstehen, warum das so ist. Man muss nur nachrechnen, wer an der Dauer verdient \u2013 und wer am Ende zahlt.<\/p>\n<p>Und man sollte dabei sofort eine naheliegende Fehldeutung beiseiter\u00e4umen: Es geht hier nicht um b\u00f6swillige Einzelpersonen, die im Hinterzimmer Kriege verl\u00e4ngern, weil sie daran verdienen wollen. Es geht um etwas Hartn\u00e4ckigeres \u2013 eine Anreizstruktur, die so beschaffen ist, dass sie Sieg und Frieden gleicherma\u00dfen bestraft und Eskalation und Dauer belohnt, unabh\u00e4ngig davon, wer gerade regiert oder was er pers\u00f6nlich will. Ein Verteidigungsminister, ein Notenbankchef, ein Fondsmanager kann ehrlich glauben, das Richtige zu tun, und trotzdem in einem System handeln, dessen R\u00fcckkopplungsschleifen ihn systematisch in Richtung Verl\u00e4ngerung dr\u00e4ngen. Genau das macht diese Struktur so widerstandsf\u00e4hig gegen Personalwechsel: Man tauscht den Pr\u00e4sidenten, den Minister, den General aus \u2013 und der Mechanismus bleibt bestehen, weil er nicht in K\u00f6pfen sitzt, sondern in Bilanzen, Vertr\u00e4gen und Wiederwahlzyklen.<\/p>\n<p><strong>Der Mythos vom Sieg als Kriegsziel<\/strong><\/p>\n<p>In jeder offiziellen Verlautbarung ist von Zielen die Rede: Freiheit der Schifffahrt, nukleare Nichtverbreitung, Regimewechsel, Stabilit\u00e4t am Golf. Keines dieser Ziele ist erreicht. Die Stra\u00dfe von Hormus wird nicht von der US-Marine kontrolliert, sondern von der Frage, wer bereit ist, das n\u00e4chste Schiff zu versichern. Der &#8222;s\u00fcdliche Korridor&#8220; entlang Omans, den Washington als Beweis der eigenen St\u00e4rke feiert, kommt zum Erliegen, sobald Iran ein einziges Mal Feuer er\u00f6ffnet. Das ist kein Detail am Rande \u2013 das ist der eigentliche Befund: Milit\u00e4rische Pr\u00e4senz erzeugt hier keine Kontrolle, sondern nur Kosten. Und Kosten sind, anders als Kontrolle, ein Gesch\u00e4ftsmodell.<\/p>\n<p><strong>Die Zinsstruktur des Krieges<\/strong><\/p>\n<p>Kriege werden nicht aus der Portokasse gef\u00fchrt. Sie werden \u00fcber Anleihen, Sonderhaushalte und Kreditlinien finanziert \u2013 und jeder dieser Mechanismen hat einen Gl\u00e4ubiger, der an der Laufzeit verdient, nicht am Ausgang. Deutschlands &#8222;Sonderverm\u00f6gen Bundeswehr&#8220; ist daf\u00fcr ein Lehrst\u00fcck im Kleinen: Hundert Milliarden Euro, aufgenommen als Schulden, die \u00fcber Jahrzehnte bedient werden \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob die damit beschafften Waffensysteme je zum Einsatz kommen oder veralten, bevor sie ausgeliefert sind. Der Schuldendienst l\u00e4uft so oder so. Wer die Anleihen h\u00e4lt \u2013 Versicherungskonzerne, Pensionsfonds, die Zentralbank als K\u00e4ufer letzter Instanz \u2013, hat ein Interesse an einem Zustand: dass der Schuldner zahlungsf\u00e4hig bleibt und die n\u00e4chste Tranche braucht. Ein beendeter Krieg ist f\u00fcr diese Gl\u00e4ubigerstruktur kein Erfolg. Er ist das Ende eines Zahlungsstroms.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcstung als Wachstumsbranche<\/strong><\/p>\n<p>Man muss daf\u00fcr keine Innenansicht bem\u00fchen \u2013 die Aktienkurse liegen offen. Rheinmetall hat sich seit Kriegsbeginn in der Ukraine im Wert vervielfacht; RTX und Lockheed Martin verzeichnen seit Ausbruch des Iran-Kriegs Auftragseing\u00e4nge, die sich \u00fcber Jahre strecken. Ein R\u00fcstungskonzern verkauft keine einmaligen Produkte, sondern Wartungsvertr\u00e4ge, Munitionsnachschub, Ersatzteile \u2013 ein Gesch\u00e4ftsmodell, das strukturell auf Verl\u00e4ngerung angelegt ist, nicht auf Abschluss. Der Interessenkonflikt ist trivial und trotzdem folgenlos: Dieselben Staaten, die Friedensverhandlungen f\u00fchren, sind \u00fcber ihre eigenen R\u00fcstungsindustrien Gl\u00e4ubiger des Krieges, den sie zu beenden vorgeben.<\/p>\n<p><strong>Washingtons Dreht\u00fcr<\/strong><\/p>\n<p>Nirgendwo l\u00e4sst sich die Anreizstruktur so konkret nachweisen wie in der US-Personalpolitik selbst. Von den 32 Vier-Sterne-Gener\u00e4len und -Admiralen, die in den vergangenen f\u00fcnf Jahren in den Ruhestand gingen, wechselten 26 \u2013 \u00fcber 80 Prozent \u2013 als Vorstandsmitglieder, Berater oder Lobbyisten in die R\u00fcstungsindustrie. Das ist kein Einzelfall, sondern die Regel: Eine Untersuchung des Government Accountability Office z\u00e4hlte binnen f\u00fcnf Jahren 1.700 hochrangige Regierungsbeamte, die denselben Weg nahmen \u2013 rund 300 pro Jahr. Ein fr\u00fcherer Verteidigungsminister sa\u00df im Vorstand von General Dynamics, bevor er ins Amt kam; sein Nachfolger im Amt kam direkt von Boeing. Wer die Beschaffungsentscheidungen von morgen trifft, verhandelt heute schon seinen eigenen Marktwert von \u00fcbermorgen \u2013 eine Anreizstruktur, die niemand unterschreiben musste, weil sie sich von selbst reproduziert.<\/p>\n<p>Diese Dreht\u00fcr kostet: Allein die R\u00fcstungsbranche gab 2025 rund 200 Millionen Dollar f\u00fcr Lobbying aus, ein Anstieg von 24 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr \u2013 parallel zu einem geplanten Verteidigungshaushalt von 1,5 Billionen Dollar, 44 Prozent mehr als zuvor. Lockheed Martin allein investierte 2025 f\u00fcnfzehn Millionen Dollar in Lobbyarbeit und im ersten Quartal 2026 bereits \u00fcber vier Millionen weitere. Das ist keine Randnotiz der Kriegs\u00f6konomie, das ist ihr Betriebssystem: Wer die Entscheidungstr\u00e4ger von morgen anstellt, muss den Krieg von heute nicht pers\u00f6nlich wollen \u2013 er muss nur zulassen, dass ein System weiterl\u00e4uft, in dem Personalentscheidung und Beschaffungsentscheidung sich gegenseitig finanzieren.<\/p>\n<p><strong>Die Versicherungsblockade<\/strong><\/p>\n<p>Am Golf zeigt sich der reinste Fall dieser Logik. Iran muss nicht jedes Schiff versenken, um eine Route zu schlie\u00dfen. Es gen\u00fcgt, ab und zu eines zu treffen \u2013 der Rest erledigt der Versicherungsmarkt von selbst. Kriegsrisikopr\u00e4mien f\u00fcr Supertanker sind seit Kriegsbeginn von 0,125 auf bis zu 0,4 Prozent des Schiffswerts gestiegen, eine Viertelmillion Dollar zus\u00e4tzlich pro Durchfahrt. Kein Aufstand, keine Blockade, kein Schuss \u2013 nur eine Zahl in einer Versicherungspolice, die eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt wirtschaftlich stilllegt. Das ist Krieg als Kalkulationsgr\u00f6\u00dfe: Die Waffe ist hier nicht die Rakete, sondern die Pr\u00e4mie, die niemand demokratisch beschlossen hat und die trotzdem \u00fcber \u00d6l- und Gaspreise weltweit entscheidet.<\/p>\n<p><strong>Wiederaufbau als Anlageklasse<\/strong><\/p>\n<p>Wo Zerst\u00f6rung stattfindet, entsteht fast zeitgleich der n\u00e4chste Markt: der f\u00fcr ihre Behebung. Ukrainische Agrarfl\u00e4chen wechseln seit Kriegsbeginn in gro\u00dfem Stil den Besitzer, mit internationalen Fondsgesellschaften unter den K\u00e4ufern. Wiederaufbaufonds werden as Anlageprodukt strukturiert, bevor der erste Bagger auff\u00e4hrt. Das ist die konsequente Fortsetzung der Kriegs\u00f6konomie \u00fcber das Kriegsende hinaus: Zerst\u00f6rung erzeugt handelbare Anspr\u00fcche auf das, was danach kommt, und genau diese Anspr\u00fcche werden heute schon gehandelt, w\u00e4hrend der Konflikt l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Der Bev\u00f6lkerungspreis<\/strong><\/p>\n<p>Diese Ertr\u00e4ge sind nicht kostenlos \u2013 sie werden nur woanders verbucht. Energiepreise, Inflation, Milit\u00e4rhaushalte, die Sozialausgaben verdr\u00e4ngen: Die Rechnung f\u00fcr die Kriegsdauer bezahlen jene, die an keiner dieser Wertsch\u00f6pfungsketten beteiligt sind. Am extremsten zeigt sich das an der<br \/>Sanktionspolitik selbst: Eine im Lancet ver\u00f6ffentlichte Studie (Rodr\u00edguez et al.) beziffert die Zahl der Todesf\u00e4lle durch einseitige westliche Sanktionen zwischen 1971 und 2021 auf rund 38 Millionen \u2013 eine stille, langfristige Fortsetzung derselben Umverteilungslogik, nur ohne Frontlinie und ohne Kameras.<\/p>\n<p><strong>Warum niemand die Uhr anhalten will<\/strong><\/p>\n<p>Das ist der Kern des Kategorienfehlers, den westliche Kriegsf\u00fchrung immer wieder begeht: Sie behandelt den Gegner als Problem, das milit\u00e4risch zu l\u00f6sen sei, w\u00e4hrend der eigentliche Antrieb des Krieges gar nicht auf seine L\u00f6sung angelegt ist. Ein Sieg w\u00fcrde die Zinszahlungen beenden, die Auftragsb\u00fccher schlie\u00dfen, die Risikopr\u00e4mien senken, den Wiederaufbaumarkt verkleinern. Genau deshalb kehrt jeder dieser Kriege \u2013 Ukraine, Iran, davor Irak, Afghanistan, Libyen \u2013 in denselben Rhythmus zur\u00fcck: Eskalation, Waffenruhe, Bruch, erneute Eskalation.<\/p>\n<p>Das ist nicht das Versagen einzelner Pr\u00e4sidenten, Minister oder Gener\u00e4le \u2013 das w\u00e4re die bequeme Lesart, weil sie einen Schuldigen b\u00f6te und damit eine L\u00f6sung suggerierte: den Richtigen w\u00e4hlen, den Falschen austauschen. Die unbequeme Lesart ist die richtige: Trump, Biden, Bush, gleich welche Regierung \u2013 jede tritt in ein System ein, dessen Schienen l\u00e4ngst gelegt sind. Die Dreht\u00fcr zwischen Pentagon und R\u00fcstungskonzern, der Gl\u00e4ubiger, der an der Laufzeit verdient, der Versicherungsmarkt, der eine Meerenge lahmlegt, ohne dass ein Parlament je dar\u00fcber abgestimmt h\u00e4tte \u2013 das sind keine Ausnahmen vom System, das ist das System. Man kann es nicht durch bessere Politiker reparieren, weil das Problem nicht in den K\u00f6pfen der Politiker liegt, sondern in den Anreizen, die jeden von ihnen umgeben, sobald sie das Amt betreten. Ein Sieg w\u00fcrde diesen Geldstrom versiegen lassen \u2013 deshalb bleibt der Krieg nicht aus Bosheit unbeendet, sondern weil ein System, das sich selbst finanziert, niemanden braucht, der das absichtlich<br \/>will.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: steigender Aktienkurs<br \/>Bildquelle: Nigel Cap \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Zwei Flugzeugtr\u00e4gergruppen, zwanzig Kriegsschiffe, 170 Luftangriffe \u2013 und die Stra\u00dfe von Hormus liegt still wie am ersten Kriegstag. 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