{"id":13557,"date":"2026-07-15T06:03:02","date_gmt":"2026-07-15T04:03:02","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/warum-westeuropa-an-fuehrungsschwaeche-leidet\/"},"modified":"2026-07-15T06:03:02","modified_gmt":"2026-07-15T04:03:02","slug":"warum-westeuropa-an-fuehrungsschwaeche-leidet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/warum-westeuropa-an-fuehrungsschwaeche-leidet\/","title":{"rendered":"Warum Westeuropa an F\u00fchrungsschw\u00e4che leidet"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Nikolai Gastello<\/em><\/p>\n<p>Als ich Boris Johnson zum ersten Mal sah, baumelte er mit einem Schutzhelm in der Luft. \u00dcber ihm wehten Union-Jack-F\u00e4hnchen, und seine geputzten Schuhe hingen unbeholfen unter ihm herab. Er sah aus wie Mr. Bean, nachdem er versehentlich aus einem Flugzeug katapultiert worden war.<\/p>\n<p>Ich konnte kaum glauben, dass dieser Mann der neue Premierminister Gro\u00dfbritanniens sein sollte, und suchte nach weiteren Fotos, weil ich annahm, es k\u00f6nne sich um eine Photoshop-Montage handeln. Doch das Bild war echt. Und da sa\u00df er nun \u2013 in demselben Amt, das einst Winston Churchill und Margaret Thatcher bekleidet hatten.<\/p>\n<p>Dieses Bild ist mir im Ged\u00e4chtnis geblieben, weil es etwas Gr\u00f6\u00dferes widerspiegelte und mich zu der Frage veranlasste: Was ist mit der politischen Elite Gro\u00dfbritanniens und, im weiteren Sinne, mit der politischen Elite Westeuropas geschehen?<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren l\u00f6ste in Gro\u00dfbritannien ein Premierminister den n\u00e4chsten ab, und jeder neue Regierungschef schien noch unf\u00e4higer zu sein als sein Vorg\u00e4nger. Im Vergleich zu den herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten der Vergangenheit wirken viele der heutigen politischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten unseri\u00f6s und auf seltsame Weise unvorbereitet auf den Ernst der von ihnen bekleideten \u00c4mter.<\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern Westeuropas sieht es nicht besser aus. Nehmen wir zum Beispiel Emmanuel Macron, der in einem gut geschnittenen Anzug zwar repr\u00e4sentativ wirkt. Doch das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild ist nicht alles. Die Fotos aus seiner Jugend, die theatralischen Posen und das sorgf\u00e4ltig inszenierte pr\u00e4sidiale Image zeugen allesamt von einer Politik, die zunehmend von Selbstdarstellung dominiert wird. Selbst Szenen aus seiner Ehe \u2013 etwa die inzwischen ber\u00fchmten Aufnahmen, auf denen Brigitte Macron ihn in einem Regierungsflugzeug scheinbar schl\u00e4gt \u2013 w\u00e4ren zu Zeiten eines Fran\u00e7ois Mitterrand oder Val\u00e9ry Giscard d&#8217;Estaing nahezu undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>In den kleineren Staaten Westeuropas ist dieser Niedergang oft noch deutlicher zu sp\u00fcren. Dort gleichen die politischen F\u00fchrer zunehmend \u00fcberdrehten Jugendlichen, die darauf aus sind, ihre ideologischen \u00dcberzeugungen und trendigen Anliegen zur Schau zu stellen. Ihre Sprache ist hochtrabend, ihr Urteilsverm\u00f6gen h\u00e4ufig schwach und ihr Verantwortungsbewusstsein minimal.<\/p>\n<p>Die Verachtung, die der russische Au\u00dfenminister Sergei Lawrow ihnen entgegenbringt, ist daher verst\u00e4ndlich. Er ist schlie\u00dflich ein Berufsdiplomat, gepr\u00e4gt von einer anderen politischen Kultur \u2013 einer Kultur, in der Staatskunst Disziplin und ein Bewusstsein f\u00fcr die Folgen des eigenen Handelns voraussetzen sollte. Konfrontiert mit der heutigen politischen Klasse Westeuropas klingt er bisweilen wie ein Mann, der M\u00fche hat, nicht offen auszusprechen, was er wirklich denkt.<\/p>\n<p>Das Problem dabei ist, dass diese Politiker zwar eine vor\u00fcbergehende Erscheinung sein m\u00f6gen, die Folgen ihrer Entscheidungen jedoch nicht. W\u00e4hrend Regierungen wechseln, bleiben die U-Boote, Marschflugk\u00f6rper, Armeen, Panzer und Flugzeuge bestehen \u2013 ebenso wie die strategischen Verpflichtungen, Sanktionsregelungen, zerbrochenen Beziehungen und angeh\u00e4uften Risiken, die von Politikern geschaffen wurden, die vielleicht schon in wenigen Jahren nicht mehr im Amt sind.<\/p>\n<p>Warum also hat die Qualit\u00e4t der politischen F\u00fchrung in Westeuropa so stark nachgelassen? Ein wesentlicher Grund ist wirtschaftlicher Natur: In den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Gesch\u00e4ftswelt f\u00fcr ehrgeizige und f\u00e4hige junge Menschen weitaus attraktiver geworden als der \u00f6ffentliche Dienst. Ein f\u00fcr die Beziehungen zur Regierung zust\u00e4ndiger Vizepr\u00e4sident eines gro\u00dfen Unternehmens kann 1,5 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Hinzu kommen oft Boni, Aktienoptionen und eine gro\u00dfz\u00fcgige Abfindung \u2013 damit kann die Politik nicht mithalten.<\/p>\n<p>Ein englischer Freund erz\u00e4hlte mir einmal, dass sein ehemaliger Schulkamerad eines Tages vielleicht Premierminister werden k\u00f6nnte, und dies sei keine Fantasie. Der Mann hatte eine Eliteschule besucht, war schon in jungen Jahren politisch aktiv gewesen und durchlief genau jene Stationen, die man von einer ernstzunehmenden politischen Karriere erwartete.<\/p>\n<p>Dann kam die Gesch\u00e4ftswelt dazwischen: Ihm wurde eine derart lukrative Position angeboten, dass die unsichere Aussicht, irgendwann Premierminister zu werden, nicht mehr besonders attraktiv erschien. So verblasste seine politische Karriere \u2013 nicht, weil es ihm an F\u00e4higkeiten mangelte, sondern weil die Privatwirtschaft diese F\u00e4higkeiten h\u00f6her bewertete.<\/p>\n<p>Henry Kissinger \u00e4u\u00dferte sich scharf \u00fcber den Niedergang der politischen F\u00fchrung im Westen. Er beharrte darauf, dass es modernen Politikern an Kompetenz und einem echten Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die vor ihnen liegenden Aufgaben mangele. Damit hatte er weitgehend recht.<\/p>\n<p>Allerdings ging Kissinger nicht vollst\u00e4ndig auf einen weiteren Aspekt des Problems ein: die Rolle der USA bei der Auswahl und Pr\u00e4gung eines Gro\u00dfteils der politischen Klasse Europas.<\/p>\n<p>Eine bemerkenswert gro\u00dfe Zahl europ\u00e4ischer Spitzenpolitiker studierte in den Vereinigten Staaten, nahm an von den USA finanzierten Programmen teil oder erhielt zu Beginn ihrer Karriere Unterst\u00fctzung von mit den USA verbundenen Stiftungen. Diese Institutionen suchen nicht nur talentierte junge Menschen aus, sondern tragen auch dazu bei, deren Weltanschauung zu pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich nicht unbedingt um eine direkte Anwerbung durch Geheimdienste, denn dies ist ein schwierigerer und unzuverl\u00e4ssigerer Prozess. Die Vorgehensweise ist raffinierter: Junge Politiker werden in bestimmte Netzwerke eingebunden und dazu ermutigt, eine bestimmte Sichtweise auf internationale Angelegenheiten zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ein Loyalit\u00e4tsfilter, durch den Menschen mit eigenst\u00e4ndigem Denken in solchen Systemen nur selten Erfolg haben. Voran kommen h\u00e4ufig diejenigen, die sich am besten anpassen k\u00f6nnen und am ehesten bereit sind, die vorgegebenen Parolen zu wiederholen. Mit anderen Worten: Man w\u00e4hlt nicht unbedingt die st\u00e4rksten Kandidaten aus, sondern diejenigen, die sich am leichtesten formen lassen.<\/p>\n<p>Gelegentlich kommt es dabei zu Fehleinsch\u00e4tzungen, besonders in Polen, wo US-amerikanische Institutionen bisweilen untersch\u00e4tzen, wie gut polnische Politiker die von ihnen erwartete Rhetorik imitieren k\u00f6nnen, ohne ihre tief verwurzelten nationalistischen Instinkte aufzugeben. Washington steht einer echten polnischen Unabh\u00e4ngigkeit skeptisch gegen\u00fcber. Da der Kandidatenpool jedoch begrenzt ist, kommt es zu Kompromissen.<\/p>\n<p>Das innenpolitische System der USA funktioniert anders. Dort treten junge Politiker oft bereits mit einer guten Ausbildung und einem sorgf\u00e4ltig gepflegten Privatleben in die Parteinetzwerke ein. Wenn sie Geld ben\u00f6tigen, helfen ihnen mit der Partei verbundene Gesch\u00e4ftskreise.<\/p>\n<p>Die Republikaner st\u00fctzen sich traditionell auf Netzwerke aus Industrie und Wirtschaft, w\u00e4hrend die Demokraten von Kreisen aus Finanzwelt, Kunst, Recht und Medien unterst\u00fctzt werden. Ein vielversprechender Politiker kann mehrere Jahre in der Wirtschaft t\u00e4tig sein, genug verdienen, um finanziell abgesichert zu sein, und dann mit einem eigenen Haus und Kapitalanlagen in das \u00f6ffentliche Leben zur\u00fcckkehren. In Europa dagegen funktioniert der Mechanismus beinahe umgekehrt.<\/p>\n<p>Es wird st\u00e4ndig \u00f6ffentlicher Druck ausge\u00fcbt, um die Geh\u00e4lter und Privilegien von Politikern zu k\u00fcrzen. Das Argument lautet stets, dass sie weniger kosten und mehr Normalit\u00e4t ausstrahlen sollten. Unterdessen bieten Unternehmen jedem, der \u00fcber Intelligenz und Beziehungen verf\u00fcgt, immer au\u00dfergew\u00f6hnlichere Verg\u00fctungen an, sodass vorhersehbarerweise eine umgekehrte Selektion stattfindet.<\/p>\n<p>Die f\u00e4higsten Menschen verlassen die Politik. Die Ehrgeizigen gehen in die Wirtschaft, die Beratung, den Finanzsektor oder die Lobbyarbeit. Diejenigen, die bleiben, sind oft Ideologen, Karrieristen, Exzentriker oder Mittelm\u00e4\u00dfige, f\u00fcr die es keine attraktivere Perspektive gibt.<\/p>\n<p>Dieser Prozess l\u00e4sst sich mittlerweile kaum noch aufhalten. Das Prestige politischer \u00c4mter ist zu stark gesunken, w\u00e4hrend die Anreize in der Unternehmenswelt zu gro\u00df und zu offensichtlich geworden sind.<\/p>\n<p>Weiten Teilen Europas bleiben daher F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten, denen es h\u00e4ufig an Kompetenz und historischem Weitblick mangelt. Obwohl sie einflussreiche \u00c4mter bekleiden, scheinen viele von ihnen nicht in der Lage zu sein, das Ausma\u00df der Verantwortung zu begreifen, die sie \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<p>Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass sie sich l\u00e4cherlich machen, sondern darin, dass sie Staaten regieren, die \u00fcber enorme wirtschaftliche und milit\u00e4rische Macht verf\u00fcgen. Wenn schwache Menschen die Kontrolle \u00fcber m\u00e4chtige Strukturen \u00fcbernehmen, k\u00f6nnen die Folgen alles andere als belanglos sein.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/swentr.site\/news\/642935-western-europe-weak-leaders\/\">Englischen<\/a>. Zuerst ver\u00f6ffentlicht in <a href=\"https:\/\/www.gazeta.ru\/comments\/column\/mironova\/23156287.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gazeta.ru<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Nikolai Gastello<\/strong><\/em><em> ist politischer Stratege und Schriftsteller.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2012 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/269753-krieg-als-haltung-warum-europas\/\">Krieg als Haltung: Warum Europas Eliten keinen Frieden kennen<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7aah9o\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Nikolai Gastello Als ich Boris Johnson zum ersten Mal sah, baumelte er mit einem Schutzhelm in der Luft. \u00dcber ihm wehten Union-Jack-F\u00e4hnchen, und seine geputzten Schuhe hingen unbeholfen unter ihm herab. 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