{"id":13867,"date":"2026-07-17T08:09:55","date_gmt":"2026-07-17T06:09:55","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/deutschland-2026-parallelen-mit-spanien-1936-von-werner-mueller\/"},"modified":"2026-07-17T08:09:55","modified_gmt":"2026-07-17T06:09:55","slug":"deutschland-2026-parallelen-mit-spanien-1936-von-werner-mueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/deutschland-2026-parallelen-mit-spanien-1936-von-werner-mueller\/","title":{"rendered":"Deutschland 2026: Parallelen mit Spanien 1936 | Von Werner M\u00fcller"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Prof. Dr. Werner M\u00fcller<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Am 17. Juli 1936, also vor genau 90 Jahren begann der spanische B\u00fcrgerkrieg mit einem Milit\u00e4rputsch, der aber in weiten Teilen des Landes nicht erfolgreich war. Bei den Wahlen vom 16.02.36 errang das linke Parteienb\u00fcndnis \u201eVolksfront\u201c (Frente Popular) eine Mehrheit von 278 Mandaten gegen\u00fcber 67 Sitzen f\u00fcr die Mitte-Rechts-Parteien und 128 Mandaten f\u00fcr die Nationalisten und Monarchisten. Ein Attentat vom 13. Juli auf den monarchistischen Oppositionsf\u00fchrer Jos\u00e9 Calvo Sotelo wurde zur Rechtfertigung benutzt; ein Milit\u00e4rputsch wird aber nicht in vier Tagen geplant. Es folgten 3 Jahre B\u00fcrgerkrieg und weitere 36 Jahre einer faschistischen Diktatur. Nur der au\u00dfenpolitischen Flexibilit\u00e4t des Diktators Franco war diese lange Regierungszeit zu verdanken. Es gelang ihm, dass Spanien nicht in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurde und er bot sich danach im Kalten Krieg den USA als Vasall an.<\/p>\n<p>Wenn man die Lage in Spanien von 1936 mit der von Deutschland in 2026 aus der Links-Rechts-Perspektive vergleicht, ergibt sich ein Spiegelbild. Es erscheint seitenverkehrt. 1936 war es die Rechte, die einen linken Wahlsieg nicht akzeptieren wollen. 2026 wird von Mitte-Links verk\u00fcndet, dass ein rechter Wahlsieg niemals akzeptiert werden d\u00fcrfe. Interessanter wird der Vergleich, wenn man von der Links-Rechts- in die Oben-Unten-Perspektive wechselt.<\/p>\n<p><strong>Entt\u00e4uschende Regierungen<\/strong><\/p>\n<p>Eine vom K\u00f6nig gest\u00fctzte Milit\u00e4rdiktatur unter General Primo de Rivera zwischen dem 13.09.23 und dem 28.01.30, mit der offiziell ein anarchistischer Umsturz verhindert werden sollte, konnte Spanien nicht stabilisieren. Nach seinem R\u00fccktritt und einer Demokratisierungsphase f\u00fchrten die Kommunalwahlen vom 12.04.31 zu einem klaren Sieg republikanischer Parteien, nach dem der K\u00f6nig ohne formale Abdankung ins italienische Exil ging. In Deutschland gibt es aktuell keine Milit\u00e4rdiktatur, aber es kann auf 16 Jahre einer \u201ealternativlosen\u201c Regierung unter Angela Merkel zur\u00fcckblicken. W\u00e4hrend ihrer Regierungszeit wurde sie mehrheitlich als erfolgreiche Krisenmanagerin angesehen. F\u00fcr ihre Politik w\u00e4hrend der Lehman- und der Griechenand-Krise erhielt sie Zustimmung. Wegen der von ihr erm\u00f6glichten Zuwanderung wurde sie aber bald kritisiert. Die Folgen f\u00fcr die Staatsfinanzen blieben ebenso den Nachfolgern \u00fcberlassen wie die planlose Corona-Politik. Nach Merkel mussten viele W\u00e4hler feststellen, dass es nach ihr mehr Probleme gab als zuvor, und dass deren L\u00f6sung eher schwieriger als einfacher geworden ist.<\/p>\n<p>In Spanien wurde 1931 die Republik ausgerufen und die danach abgehaltene Parlamentswahl hatte eine gro\u00dfe Mehrheit f\u00fcr die republikanischen und sozialistischen Kr\u00e4fte ergeben. Die neue Regierung unterst\u00fctzte eine Verm\u00f6gensumverteilung, f\u00fchrte Reformen wie den Achtstundentag ein und versuchte, die Armut in l\u00e4ndlichen Gebieten durch die Gew\u00e4hung von Pachtsicherheit f\u00fcr Landarbeiter zu bek\u00e4mpfen. Es war eine Politik f\u00fcr die Mittelschicht, einen Ausgleich mit den Arbeitern herzustellen und revolution\u00e4ren Stimmungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das entsprach der europ\u00e4ischen Strategie, die Macht zu teilen statt sie zu verlieren. Die Reformen stie\u00dfen auf Kritik vor allem in den wohlhabenden Teilen der Bev\u00f6lkerung, vor allem den Gro\u00dfgrundbesitzern. Denen gelang es bei einer Neuwahl am 19.11.33 mit gro\u00dfz\u00fcgigen Wahlkampfspenden und dem Mehrheitswahlrecht eine Mitte-Rechts-Mehrheit zu organisieren.<\/p>\n<p>In Deutschland \u00fcbernahm 2021 die Ampel-Koalition. Der Wahlerfolg lag wohl an der Person Olaf Scholz. Ein Sprichwort sagt: Unter den Blinden ist der Ein\u00e4ugige der K\u00f6nig. Die offensichtlich unf\u00e4hige gr\u00fcne Kanzlerkandidatin und eine schlechte Merkel-Kopie der Unionsparteien konnten die W\u00e4hler nicht \u00fcberzeugen. Scholz hatte mindestens Regierungserfahrung. Anders als in Spanien wurde die bisherige Politik im Kern nicht korrigiert. Mit Projekten wie dem Heizungsgesetz gelang es der Ampel aber schnell, die Normalb\u00fcrger und nicht die Oberschicht zu ver\u00e4rgern. Weitere Probleme wie die einseitige USA-orientierte Au\u00dfenpolitik, die Corona-Politik und wirtschaftlichen Probleme hatte die Ampel von Merkel geerbt, der Ampel wurden aber die Folgen angelastet. Das gilt besonders f\u00fcr die \u201eGashahn-Legende\u201c (in Anlehnung an die Dolchsto\u00df-Legende von 1919). <\/p>\n<p>Aus Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber den USA hat die Ampel kein russisches Gas mehr gekauft, und anschlie\u00dfend wurde die L\u00fcge verbreitet, Putin habe Europa den Gashahn zugedreht. Bei der vorgezogenen Neuwahl am 23.02.2025 erlebten die Parteien der zuvor zerbrochenen Ampel-Koalition eine vernichtende Niederlage.<\/p>\n<p><strong>Zugespitzte Lage<\/strong><\/p>\n<p>Einen Bergarbeiterstreik vom Oktober 1934 in Asturien lie\u00df die rechte spanische Regierung durch den sp\u00e4teren Diktator Franco mit Hunderten von Toten brutal beenden. Es folgte eine breite Verhaftungswelle, die auch liberale und sozialistische Spitzenpolitiker erfasste, und eine Zensur, von der die linken Zeitungen betroffen waren. Eine Regierung, die auf das eigene Volk schie\u00dfen lie\u00df, konnte die vorgezogenen Neuwahlen vom 16.02.36 trotz der massiven Unterst\u00fctzung durch die katholische Kirche nicht gewinnen. Sie predigte, es ginge um eine Wahl zwischen Jesus und Lenin, und nach dieser eigenen Aussage konnte sie die Wahlniederlage von Jesus gegen\u00fcber Lenin nicht akzeptieren.<\/p>\n<p>In aktuellen Umfragen in Deutschland zeigen sich ca. 80 % der Befragten mit der Regierung Merz unzufrieden. Ein einschneidendes Ereignis wie den Oktober 1934 gab es in Deutschland von 2026 (noch) nicht. Die propagandistische Zuspitzung weist aber Parallelen auf. So unsinnig wie der Gegensatz Jesus gegen Lenin von 1936 ist die mediale Gleichsetzung der AfD mit der NSDAP. Sie setzt die herrschenden Politiker unter Zugzwang, einen m\u00f6glichen Wahlsieg der AfD nicht akzeptieren zu d\u00fcrfen. Besonders aus der Aussage der Veranstalter der misslungenen Blockade des AfD-Parteitags vom 04.\/05.07.26, \u201eauch FaschistInnen mit Presseausweis sind FaschistInnen\u201c, weshalb gewaltsame Angriffe auf Journalisten legitim seien, sowie die <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153409&amp;ref=apolut.net\"><u>Aussage<\/u><\/a> <\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eAn alle Parteien, insbesondere CDU und BSW: Das hier ist unsere explizite Warnung! Wenn ihr es wagt, den Faschist*innen an die Macht zu helfen, macht ihr euch zu unserem n\u00e4chsten Aktionsziel<\/em>.\u201c <\/p><\/blockquote>\n<p>zeigen die Bereitschaft, die Demokratie dann beseitigen zu wollen, wenn \u201edie Falschen\u201c die Wahlen gewinnen sollten. Das wohl unzutreffend Kurt Tucholsky zugeschriebene Zitat \u201eWenn Wahlen etwas \u00e4nderten, w\u00e4ren sie l\u00e4ngst verboten.\u201c ist aktueller denn je.<\/p>\n<p><strong>Bedrohung von Oben<\/strong><\/p>\n<p>Hier zeigt sich die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die Demokratie. Sie wird immer von Oben bedroht, niemals von Unten. Ob links-oben oder rechts-oben, ob links-unten oder rechts-unten, ist Nebensache. Die Herrschenden verteidigen ihre Macht. In diesem Zusammenhang sei an die Weigerung der Herrschenden erinnert, trotz nachgewiesener Unstimmigkeiten und des extrem knappen Ergebnisses des BSW bei der Bundestagswahl von 2025 eine Neuausz\u00e4hlung der Stimmen zu vorzunehmen. Eine <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/tkp.at\/2025\/02\/25\/wahlanfechtung-wegen-wahlbehinderung-der-auslandsdeutschen\/?ref=apolut.net\"><u>Wahlanfechtung<\/u><\/a> wegen der Wahlbehinderung von ca. 200.000 Auslandsdeutschen wurde noch nicht einmal auf die Tagesordnung des Wahlpr\u00fcfungsausschusses gesetzt. Schon diese zwei Beispiele zeigen, dass es den Herrschenden nicht um den W\u00e4hlerwillen geht.<\/p>\n<p>Eine selbsternannt-linke Oberschicht, die keine Gemeinsamkeiten mehr mit der Arbeiterklasse von vor 90 Jahren hat, verteidigt die staatlichen Zuwendungen f\u00fcr ihre NGOs und hat nichts dagegen, die Interessen der Pharma- oder der R\u00fcstungsindustrie zu vertreten. Die arbeitenden und steuerzahlenden Menschen, die inzwischen weitgehend AfD w\u00e4hlen, sind immer weniger bereit, die Zeche zu bezahlen und in zuk\u00fcnftigen Kriegen zu sterben. Die herrschende Politik befindet sich in einer Sackgasse, aber die herrschenden Politiker zeigen keine Bereitschaft zur Umkehr.<\/p>\n<p>Auch der internationale Rahmen ist eine Bewertung wert. Die spanischen Putschisten wurden von Mussolinis Italien und Hitlers Deutschland unterst\u00fctzt. Der verd\u00e4chtige General Franco wurde Anfang 1936 mit seinen Soldaten nach Spanisch-Marroko versetzt und konnte im Juli nicht in den Putsch eingreifen. Darauf organisierte die deutsche Legion Condor eine Luftbr\u00fccke. Frankreich wollte der spanischen Republik zur Hilfe kommen, aber die konservative britische Regierung verhinderte das. <\/p>\n<p>In 2026 w\u00fcrde die EU nach Einmischungen in die Wahlen in Rum\u00e4nien, Moldawien und Ungarn kein Problem damit haben, wenn Deutschland ein Landtagswahlergebnis ignorieren w\u00fcrde. Zudem h\u00e4tte das Tradition. Schon am 07.02.2020 forderte die damalige Bundeskanzlerin, eine demokratische Wahl eines th\u00fcringischen Ministerpr\u00e4sidenten m\u00fcsse r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden, was dann auch passierte. Allenfalls aus den USA w\u00e4re mit Kritik, mit einer aktiven Parteinahme aber nicht zu rechnen. Die Einflussnahme der EU-B\u00fcrokratie ist auf einer anderen Ebene auch eine Bedrohung von Oben.<\/p>\n<p><strong>Spanische L\u00f6sung?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn die deutschen Politiker eine \u201espanische L\u00f6sung\u201c anstreben, dann wird das nur eine modernisierte Fassung sein k\u00f6nnen, die nat\u00fcrlich m\u00f6glichst wenig offensichtliche \u00c4hnlichkeiten mit dem spanischen Vorbild von 1936 haben darf. Ein traditioneller Milit\u00e4rputsch ist nicht zu erwarten, denn die Bundeswehr ist anders als die spanische Armee von 1936 kein eigenst\u00e4ndiges Machtzentrum. Wahrscheinlicher w\u00e4re ein Parteiverbot im Eilverfahren, ohne Beweisaufnahme und ohne faires Verfahren. Das umfangreiche aber methodisch schlechte Gutachten der Gesellschaft f\u00fcr Freiheitsrechte k\u00f6nnte von dem politisch zuverl\u00e4ssig besetzten Bundesverfassungsgericht 1:1 \u00fcbernommen werden. Faktisch w\u00e4re auch das ein Staatsstreich, aber er h\u00e4tte eine verfassungskonforme Fassade. Die Rolle der katholischen Kirche w\u00fcrden die Mainstream-Medien, die Rolle Hitler-Deutschlands und Mussolini-Italiens die EU \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Die zentrale Frage wird sein, ob es den Herrschenden mit der absurden Gleichsetzung von AfD und NSDAP gelingen wird, einen Wahlsieg der AfD zu verhindern. In Spanien gelang das 1936 mit der Zuspitzung auf \u201eJesus oder Lenin\u201c nicht. In Deutschland sind die Erfolgsaussichten aber h\u00f6her, denn die Herrschenden haben es nur mit einer einzigen Partei zu tun und nicht mit einem Volksfront-B\u00fcndnis. Bei einer erfolgreichen Propaganda w\u00e4re ein Staatsstreich \u00fcberfl\u00fcssig. Im Herbst 2026 geht es auch zun\u00e4chst nur um Landtagswahlen.<\/p>\n<p>Vieles an diesem Szenario ist nat\u00fcrlich Spekulation. Es ist aber festzuhalten: Die Brandmauer-Parteien haben 2026 die gleiche Einstellung zu demokratischen Wahlen wie 2020 Angela Merkel oder 1936 die spanischen Putschisten sowie ihre Anh\u00e4nger unter den Monarchisten und Nationalisten. Wenn demokratische Wahlen ein \u201efalsches Ergebnis\u201c haben, m\u00fcssen sie r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht oder auf eine andere Weise korrigiert werden!<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Dr. Werner M\u00fcller, ehem. Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Mainz, seit 2023 pensioniert und wohnhaft in Spanien.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Wachsfigur des ehem. spanischen Diktators Francisco Franco<br \/>Bildquelle: Yuri Turkov \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Prof. Dr. Werner M\u00fcller. Am 17. Juli 1936, also vor genau 90 Jahren begann der spanische B\u00fcrgerkrieg mit einem Milit\u00e4rputsch, der aber in weiten Teilen des Landes nicht erfolgreich war. 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