{"id":13987,"date":"2026-07-17T19:02:03","date_gmt":"2026-07-17T17:02:03","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/emissionshandel-eu-will-strengere-regeln-und-wettbewerbsfaehigkeit-37978166-html-2\/"},"modified":"2026-07-17T19:02:03","modified_gmt":"2026-07-17T17:02:03","slug":"emissionshandel-eu-will-strengere-regeln-und-wettbewerbsfaehigkeit-37978166-html-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/emissionshandel-eu-will-strengere-regeln-und-wettbewerbsfaehigkeit-37978166-html-2\/","title":{"rendered":"Hintergrund: Fragen und Antworten zur Reform des EU-Emissionshandels"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Die EU will den Emissionshandel reformieren. Im Mittelpunkt: Wie man trotz strengerer Regeln die europ\u00e4ische Wettbewerbsf\u00e4higkeit aufrecht halten kann<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Die EU-Kommission will am Freitag eine Reform des Emissionshandelssystems vorschlagen. Der sogenannte ETS1-Handel ist das zentrale Instrument der Europ\u00e4ischen Union im Kampf gegen den Klimawandel. Im Kern bedeutet es: Wer klimasch\u00e4dliches Kohlendioxid ausst\u00f6\u00dft, muss daf\u00fcr einen Preis zahlen.<\/p>\n<p>Diese Kosten sollen ein Anreiz sein, auf klimafreundlichere oder sogar CO2-freie Techniken umzustellen. Das betrifft Kraftwerke, Industriebetriebe, Fluggesellschaften und Reedereien in der EU und in den genannten Nicht-EU-Mitgliedern. Nachfolgend die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.<\/p>\n<h2>Was ist der EU-Emissionshandel?<\/h2>\n<p>Der Emissionshandel (Emissions Trading System &#8211; ETS) ist das wichtigste Instrument zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen. Seit 2005 m\u00fcssen Industriebetriebe und Kraftwerke f\u00fcr jede Tonne CO2, die sie aussto\u00dfen, ein Zertifikat vorweisen, das sie kostenlos zugewiesen bekommen oder kaufen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dies schafft einen finanziellen Anreiz, in sauberere Technologien zu investieren. Das Gleiche gilt f\u00fcr Emissionen aus dem innereurop\u00e4ischen Flug- und Schiffsverkehr sowie f\u00fcr 50 Prozent der Emissionen aus internationalen Schiffsreisen zu oder von einem EU-Hafen.<\/p>\n<\/p>\n<h2>Wo gilt das System?<\/h2>\n<p>Das System greift in allen 27 EU-Staaten sowie f\u00fcr die Nicht-EU-Mitglieder Island, Liechtenstein und Norwegen. Zudem ist es mit dem Schweizer ETS verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien ist mit dem EU-Austritt ausgeschieden. Beide Seiten verhandeln aber \u00fcber eine Verkn\u00fcpfung des britischen mit dem EU-ETS. Auch L\u00e4nder wie China und S\u00fcdkorea haben einen CO2-Preis. Aber in der EU sind die Vorgaben am strengsten und am teuersten.<\/p>\n<h2>Wie funktioniert es?<\/h2>\n<p>Unternehmen m\u00fcssen jedes Jahr gen\u00fcgend CO2-Zertifikate vorweisen, um ihre Emissionen abzudecken. Das ETS begrenzt die Menge der j\u00e4hrlich auf den Markt gebrachten Zertifikate, um sicherzustellen, dass die Emissionen schrittweise sinken.<\/p>\n<p>Die Zertifikate werden an Energieb\u00f6rsen gehandelt. Emissionsarme Firmen k\u00f6nnen dort \u00fcbersch\u00fcssige Zertifikate verkaufen, w\u00e4hrend gro\u00dfe Emittenten bei Bedarf zus\u00e4tzliche kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/p>\n<p>J\u00e4hrlich werden etwa 57 Prozent der ETS-Zertifikate verkauft. Der Rest wird kostenlos an die Industrie abgegeben. Dies soll deren Kosten senken und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber Firmen im Ausland sichern, die keine CO2-Abgaben zahlen.<\/p>\n<p>Die EU kontrolliert den Preis f\u00fcr CO2-Zertifikate nicht. Er liegt derzeit bei rund 80 Euro pro Tonne. Das System verf\u00fcgt aber \u00fcber eine \u201eMarktstabilit\u00e4tsreserve\u201c. Diese kann Zertifikate hinzuf\u00fcgen oder entziehen, wenn das Angebot stark schwankt. Dies kann dazu beitragen, Preisschwankungen zu kontrollieren.<\/p>\n<h2>Zeigt das ETS Wirkung?<\/h2>\n<p>Die CO2-Emissionen in den vom ETS1 erfassten Sektoren haben sich seit 2005 halbiert. Die meisten dieser Emissionssenkungen entfielen auf den Energiesektor. Hier hat der CO2-Preis dazu beigetragen, den Betrieb von Anlagen f\u00fcr erneuerbare Energien und von Gaskraftwerken rentabler zu machen als den von Kohlekraftwerken.<\/p>\n<p>Die Emissionen der Schwerindustrie gingen bis in die 2020er-Jahre jedoch kaum zur\u00fcck. Einige Unternehmen beklagen, dass die seither verzeichneten R\u00fcckg\u00e4nge eher auf Werksschlie\u00dfungen und Deindustrialisierung zur\u00fcckzuf\u00fchren seien. Als Gr\u00fcnde daf\u00fcr nennen sie die hohen Energiepreise in Europa und die schwache Nachfrage, nicht die F\u00f6rderung der Dekarbonisierung durch das ETS.<\/p>\n<\/p>\n<h2>Warum wird das ETS reformiert?<\/h2>\n<p>Es ist derzeit darauf ausgelegt, das EU-Klimaziel f\u00fcr 2030 zu erreichen. Ohne eine Anpassung w\u00fcrden die CO2-Zertifikate im Jahr 2039 auslaufen. Das muss ge\u00e4ndert werden, weil viele Industrie-Bereiche bis dahin noch keine Nullemissionen erreicht haben werden.<\/p>\n<p>Die Reform will das System \u00fcber die 2030er-Jahre hinaus verl\u00e4ngern und an das 2040er-Ziel der EU angleichen. Dieses sieht vor, die Netto-Emissionen bis 2040 um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Dies wurde voriges Jahr vereinbart.<\/p>\n<p>Die Reform findet allerdings inmitten einer politischen Gegenreaktion auf die gr\u00fcne Agenda Europas statt. Kritiker wie Italien und Polen argumentieren, dass diese die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Industrie untergr\u00e4bt.<\/p>\n<p>Eine zentrale Frage ist, ob die anstehende Reform das ETS schw\u00e4chen wird. Dies w\u00e4re dann eine Reaktion auf die Kritik einiger Regierungen und Unternehmen, dass das System Europa auf den Weltm\u00e4rkten benachteilige.<\/p>\n<\/p>\n<h2>Was steht auf dem Spiel?<\/h2>\n<p>Es geht um Hunderte Milliarden Euro und die Klimaziele der EU. Das ETS deckt etwa 40 Prozent aller EU-Emissionen ab. Ohne das System wird die EU ihre Ziele zur Emissionsreduzierung verfehlen.<\/p>\n<p>Seit 2013 hat das ETS Einnahmen in H\u00f6he von 260 Mrd. Euro erbracht. Etwa 75 bis 80 Prozent dieses Geldes flie\u00dfen in die nationalen Haushalte der EU-L\u00e4nder, der Rest in EU-Fonds zur Finanzierung von Investitionen in saubere Energien.<\/p>\n<p>Br\u00fcssel plant strengere Regeln f\u00fcr die Verwendung der ETS-Einnahmen \u2013 ein Schritt, der auf den Widerstand der nationalen Regierungen sto\u00dfen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Seit seiner Einf\u00fchrung hat die EU zudem kostenlose CO2-Zertifikate im Wert von 250 Mrd. Euro an die Industrie vergeben. Die Reform wird dar\u00fcber entscheiden, wie lange dies noch der Fall sein wird.<\/p>\n<h2>Wer will was?<\/h2>\n<p>Unternehmen wie der deutsche Chemiekonzern BASF fordern, den Kostenanstieg im ETS zu stoppen und die kostenlosen Zertifikate f\u00fcr die Industrie beizubehalten. Andere, wie der schwedische Stahlhersteller SSAB und der deutsche Zementkonzern Heidelberg Materials, haben stark in CO2-reduzierende Technologien investiert.<\/p>\n<\/p>\n<p>Sie w\u00fcnschen sich einen hohen ETS-Preis, um diesen Investitionen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Denn ihre hohen Ausgaben in klimafreundliche Produktion rechnen sich nur, wenn die Verursacher von Treibhausgasen h\u00f6here Preise zahlen.<\/p>\n<p>Die Regierungen sind \u00e4hnlich gespalten. Italien und Polen wollen das ETS schw\u00e4chen, w\u00e4hrend Schweden und D\u00e4nemark auf dessen Beibehaltung dr\u00e4ngen. In Deutschland hat Saarlands Ministerpr\u00e4sidentin Anke Rehlinger (SPD) Kanzler Friedrich Merz (CDU) davor gewarnt, den klimafreundlichen Umbau der deutschen Stahlindustrie durch eine ETS-Abschw\u00e4chung zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<h2>Welche Vorschl\u00e4ge werden erwartet?<\/h2>\n<p>Im Kern d\u00fcrfte die EU-Kommission eine Verl\u00e4ngerung des Systems bis in die 2040er-Jahre vorschlagen, um es flexibler zu gestalten. Erwartet wird zudem, dass die Industrie mehr kostenlose CO2-Zertifikate erh\u00e4lt. Dies soll aber an Investitionen in die Dekarbonisierung gekn\u00fcpft werden.<\/p>\n<p>Ferner k\u00f6nnte die j\u00e4hrliche verbindliche Minderungsrate f\u00fcr Emissionen gesenkt werden. Auch Industrien, die unter den CO2-Grenzausgleich fallen, sollen wom\u00f6glich l\u00e4nger als bis 2034 Gratis-Zertifikate bekommen.<\/p>\n<p>Im Gegenzug will die Kommission die EU-Staaten wohl verpflichten, einen gr\u00f6\u00dferen Teil ihrer Einnahmen in die betroffenen Industriebereiche zu investieren. Allein durch eine schnell umzusetzende Regel\u00e4nderung k\u00f6nnten Unternehmen zus\u00e4tzliche Gratis-Zertifikate im Wert von rund sechs Milliarden Euro erhalten.<\/p>\n<\/p>\n<h2>Wie geht es weiter?<\/h2>\n<p>Nach dem Vorschlag der Kommission am Freitag werden die EU-Mitgliedstaaten und das Europ\u00e4ische Parlament eigene \u00c4nderungen vorschlagen und die endg\u00fcltigen Regeln aushandeln. Dieser Prozess kann ein Jahr dauern.<\/p>\n<p>Es wird erwartet, dass die Kommission Teile ihres Vorschlags beschleunigt, damit sie noch in diesem Jahr verabschiedet werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren Regeln, um die Anzahl der kostenlosen Zertifikate zu erh\u00f6hen, die die Industrie ab diesem Jahr erh\u00e4lt.<\/p>\n<h2>Was bringen die ETS-Einnahmen Deutschland?<\/h2>\n<p>Die Einnahmen aus der Versteigerung der ETS1-Zertifikate flie\u00dfen bisher in den Klima- und Transformationsfonds (KTF). Dort finanzieren sie unter anderem die Umstellung auf klimafreundliche Heizungen, Industriedekarbonisierung und Entlastungen bei den Stromkosten.<\/p>\n<p>K\u00fcnftig sollen die Einnahmen aber auch dazu beitragen, Finanzierungsl\u00fccken im Kernhaushalt zu schlie\u00dfen. F\u00fcr 2027 rechnet die Bundesregierung insgesamt mit rund 5,2 Mrd. Euro aus dem ETS1: Etwa 2,5 Mrd. Euro sollen im KTF verbleiben, w\u00e4hrend 2,7 Mrd. Euro erstmals direkt in den Bundeshaushalt umgeleitet werden.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung rechtfertigt dies damit, dass auch aus dem Kernhaushalt klimapolitische Ausgaben finanziert w\u00fcrden. Dazu z\u00e4hlt sie etwa die F\u00f6rderung des \u00d6kostroms, wof\u00fcr 2027 etwa 16 Mrd. Euro aus dem Bundeshaushalt veranschlagt werden.<\/p>\n<\/p>\n<h2>Was unterscheidet das EU-ETS vom deutschen CO2-Preis?<\/h2>\n<p>Nicht zu verwechseln ist das EU-ETS1 mit der deutschen CO2-Bepreisung f\u00fcr W\u00e4rme und Verkehr. W\u00e4hrend das ETS1 vor allem Kraftwerke, Industrie, Luftverkehr und Schifffahrt erfasst, gilt der nationale Emissionshandel insbesondere f\u00fcr Benzin, Diesel, Heiz\u00f6l und Erdgas.<\/p>\n<p>Verpflichtet sind dabei die Unternehmen, die diese Brennstoffe in Verkehr bringen. Sie geben die Kosten meist an Verbraucher weiter. Der Preis wird gesetzlich festgelegt.<\/p>\n<p>F\u00fcr 2026 liegt der Preiskorridor bei 55 bis 65 Euro pro Tonne CO2. Das soll auch 2027 so bleiben. Ab 2028 soll das nationale System durch den neuen europ\u00e4ischen Emissionshandel ETS2 abgel\u00f6st werden.<\/p>\n<h2>Wo kommt der CO2-Grenzausgleich ins Spiel?<\/h2>\n<p>Der CO2-Grenzausgleich (CBAM) soll Importe bestimmter Waren mit einem CO2-Preis belegen, wenn bei ihrer Herstellung im Ausland geringere oder keine vergleichbaren Klimakosten angefallen sind. So soll verhindert werden, dass europ\u00e4ische Hersteller durch den ETS1 benachteiligt werden.<\/p>\n<p>Er gilt zun\u00e4chst f\u00fcr Stahl, Zement, Aluminium, D\u00fcngemittel, Wasserstoff und Strom. 2027 m\u00fcssen Importeure erstmals Zertifikate f\u00fcr Einfuhren des Jahres 2026 abgeben. Zugleich sollen die kostenlosen ETS1-Zertifikate schrittweise abgebaut werden.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die ETS1-Reform ber\u00fchrt daher auch die Frage, wie schnell die kostenlosen ETS1-Zertifikate auslaufen k\u00f6nnen, solange der CBAM noch L\u00fccken hat. Industrie und mehrere Mitgliedstaaten dr\u00e4ngen deshalb auf l\u00e4ngere oder flexiblere ETS1-Gratiszuteilungen, m\u00f6glichst gekoppelt an Investitionen in klimafreundliche Technologien.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Schwachpunkt des CBAM ist aus Sicht der Industrie das Exportgesch\u00e4ft: W\u00e4hrend Importe durch den Grenzausgleich belastet werden, gibt es f\u00fcr Exporte keinen vergleichbaren Ausgleich. Europ\u00e4ische Hersteller m\u00fcssen daher trotz kostenloser ETS-Zuteilungen einen Teil ihrer CO2-Kosten auf Auslandsm\u00e4rkten selbst tragen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Die EU will den Emissionshandel reformieren. 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