{"id":14014,"date":"2026-07-18T08:05:07","date_gmt":"2026-07-18T06:05:07","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/russisches-erdgas-findet-in-europa-einen-neuen-fuersprecher\/"},"modified":"2026-07-18T08:05:07","modified_gmt":"2026-07-18T06:05:07","slug":"russisches-erdgas-findet-in-europa-einen-neuen-fuersprecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/russisches-erdgas-findet-in-europa-einen-neuen-fuersprecher\/","title":{"rendered":"Russisches Erdgas findet in Europa einen neuen F\u00fcrsprecher"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Olga Samofalowa<\/em><\/p>\n<p>In der ersten H\u00e4lfte des Jahres 2026 importierten die L\u00e4nder der Europ\u00e4ischen Union eine Rekordmenge an Fl\u00fcssigerdgas (LNG) aus dem gr\u00f6\u00dften russischen LNG-Projekt. Die Europ\u00e4er kauften das gesamte von &#8222;Jamal-LNG&#8220; von &#8222;Nowatek&#8220; produzierte Erdgas auf \u2013 9,89 Millionen Tonnen. Das sind 18 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Am meisten russisches LNG kauften Frankreich, Belgien und Spanien. Die gesamte Menge k\u00f6nnte die Europ\u00e4er 6 Milliarden Euro gekostet haben.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass das gr\u00f6\u00dfte russische Projekt zur Produktion von Fl\u00fcssigerdgas trotz Sanktionen und Verboten nach wie vor eine Schl\u00fcsselrolle im Leben Europas spielt.<\/p>\n<p>Das erste Verbot gilt bereits seit April dieses Jahres: Br\u00fcssel hat die Lieferung von LNG aus Russland im Rahmen von Kurzzeitvertr\u00e4gen untersagt. Doch dies hatte keinerlei Auswirkungen. Und nun stellt sich akut die Frage, wie ernst Br\u00fcssel es mit seinem Vorhaben meint, russisches LNG ab dem 1. Januar 2027 vollst\u00e4ndig zu verbieten. Denn schon jetzt ist klar, dass sich die Lage im Winter in Bezug auf die Gasversorgung nicht gerade g\u00fcnstig entwickelt, und ein Verzicht auf den zweiten gro\u00dfen LNG-Lieferanten ist offensichtlich unangebracht.<\/p>\n<p>Allerdings spricht sich nur Griechenland offen dagegen aus. Athen lehnt das 21. Paket der antirussischen Sanktionen der Europ\u00e4ischen Union ab, das ein Verbot des Transports von russischem LNG in Drittl\u00e4nder beinhaltet, da man die eigene Reederei Dynagas sch\u00fctzen will. Ein Transitverbot f\u00fcr russisches LNG w\u00fcrde das Unternehmen nach Ansicht der griechischen Beh\u00f6rden faktisch ruinieren.<\/p>\n<p>Dynagas ist auf den Transport von Rohstoffen aus der arktischen Anlage &#8222;Jamal-LNG&#8220; spezialisiert, und f\u00fcnf der 27 Gastanker des Unternehmens sind spezielle eisbest\u00e4ndige Tanker der Klasse Arc7 mit einem Wert von jeweils rund 300 Millionen US-Dollar. In Griechenland wird betont, dass das Unternehmen diese Schiffe nicht auf anderen Routen einsetzen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Doch wovor f\u00fcrchtet sich Griechenland? Igor Juschkow, leitender Analyst des Fonds f\u00fcr nationale Energiesicherheit und Dozent am Lehrstuhl f\u00fcr Politikwissenschaft der Finanzuniversit\u00e4t bei der Regierung der Russischen F\u00f6deration, sagt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Erstens bef\u00fcrchtet Athen, dass &#8218;Jamal-LNG&#8216; gegen Griechenland wegen Vertragsbruchs klagen wird, da das Gas nicht wie vereinbart mit den Gastankern eines griechischen Unternehmens transportiert wurde, und eine Vertragsstrafe fordern wird. Zweitens wird nach der K\u00fcndigung des Vertrags mit &#8218;Jamal-LNG&#8216; niemand mehr die f\u00fcnf Gastanker der Arktis-Klasse Arc7 ben\u00f6tigen. Solche Schiffe werden nur f\u00fcr arktische LNG-Anlagen ben\u00f6tigt, in warmen Gew\u00e4ssern sind sie unrentabel. Dort w\u00fcrden teure Schiffe ungenutzt herumstehen, die zudem noch gewartet werden m\u00fcssten.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Michail Wakiljan, Experte des Instituts f\u00fcr die Entwicklung von Technologien im Energiesektor, hebt hervor, dass diese f\u00fcnf Schiffe der Eisklasse Arc7 zwar in normalen Gew\u00e4ssern fahren k\u00f6nnten, ihr Einsatz dort jedoch wirtschaftlich unrentabel sei. Er erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p><em>&#8222;F\u00fcr den Eigner besteht das Risiko, Auftr\u00e4ge zu verlieren, Wertverluste bei den Schiffen hinnehmen zu m\u00fcssen oder sie notgedrungen an nicht-westliche K\u00e4ufer verkaufen zu m\u00fcssen. Die griechische Schifffahrt wird insgesamt nicht ohne Arbeit bleiben. Hier geht es um konkrete, teure Verm\u00f6genswerte von Dynagas, die f\u00fcr ein russisches Arktis-Projekt gebaut wurden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Igor Juschkow meint, dass Athen nun versuchen werde, entweder eine Ausnahme von den Sanktionen oder eine Garantie zu erwirken, dass man ihnen erlaubt, diese Gastanker an &#8222;Nowatek&#8220; zu verkaufen, ohne dass ihnen daf\u00fcr Konsequenzen drohen.<\/p>\n<p>Die enorme Nachfrage nach russischem LNG im ersten Halbjahr dieses Jahres l\u00e4sst sich anhand mehrerer Gr\u00fcnde erkl\u00e4ren. Erstens ist seit M\u00e4rz katarisches LNG aufgrund des Nahost-Konflikts und der Zerst\u00f6rung der Infrastruktur vom Weltmarkt verschwunden. Au\u00dferdem war Katar nach den USA und Russland der drittgr\u00f6\u00dfte LNG-Exporteur in die EU. Sergei Tereschkin, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von der Handelsplattform Open Oil Market, sagt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Lieferungen von russischem LNG stiegen von 11,4 Milliarden Kubikmetern im ersten Halbjahr 2025 auf 13,4 Milliarden Kubikmeter in diesem Jahr. Der Anstieg der Lieferungen hing weitgehend mit den Folgen der faktischen Sperrung der Stra\u00dfe von Hormus zusammen: Die LNG-Importe in die EU aus L\u00e4ndern au\u00dferhalb der USA und Russlands gingen im gleichen Zeitraum von 16 Milliarden auf 10 Milliarden Kubikmeter (in regasifiziertem \u00c4quivalent) zur\u00fcck.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Zweitens sind die Gaspreise in Europa gestiegen, sodass es rentabler wurde, Gas dort zu verkaufen. Igor Juschkow erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Europa hat die Heizperiode mit niedrigen F\u00fcllst\u00e4nden in den Untergrundspeichern hinter sich gebracht, hinzu kam ein Mangel an Gas aus Katar. W\u00e4hrend Asien aufgrund des Mangels und der steigenden Gaspreise auf Kohle umsteigen konnte, war dies in Europa nicht m\u00f6glich, da dies aufgrund der notwendigen Zahlungen f\u00fcr Treibhausgasemissionen unrentabel ist. Das hei\u00dft, Asien hat Gas durch Kohle ersetzt, w\u00e4hrend die EU auf anderes LNG ausweichen musste. Die Preise sind gestiegen, um irgendeine andere Gasquelle nach Europa zu locken.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hatte der russische LNG-Lieferant &#8222;Jamal-LNG&#8220; keine gro\u00dfe Wahl: entweder LNG nach Asien (\u00fcber Europa und den Suezkanal) oder nach Europa zu liefern. Es liegt auf der Hand, dass die Lieferung von Gas auf den europ\u00e4ischen Markt schneller (k\u00fcrzerer Transportweg) und aufgrund der in diesem Jahr h\u00f6heren Preise rentabler ist. Juschkow meint:<\/p>\n<p><em>&#8222;Von Januar bis Mai ist der \u00f6stliche Teil der Nordostpassage vereist, und der Transport von LNG ist nur mit Gastankern der h\u00f6chsten Eisklasse m\u00f6glich, von denen &#8218;Jamal-LNG&#8216; insgesamt nur 14 besitzt. Im Juni und Juli besteht bereits die M\u00f6glichkeit, den \u00f6stlichen Teil der Nordostpassage zu befahren, und bereits ein oder zwei Gastanker sind nach China gefahren. Schlie\u00dflich gibt es einen Vertrag mit der chinesischen CNPC \u00fcber LNG-Lieferungen, der erf\u00fcllt werden muss. Unter solchen Umst\u00e4nden ist es in der ersten Jahresh\u00e4lfte nat\u00fcrlich rentabler, nach Europa zu liefern, selbst wenn die Preise auf dem europ\u00e4ischen und dem asiatischen Markt identisch w\u00e4ren.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Er merkt an, dass das Eigentumsrecht an dem LNG bereits beim Verladen auf den Tanker im Hafen von Sabetta auf den K\u00e4ufer \u00fcbergeht, weshalb die Entscheidung, wohin die Ladung verschifft wird, vom Eigent\u00fcmer des Brennstoffs getroffen wird. Kommerzielle Unternehmen treffen diese Entscheidung danach, wo der Erl\u00f6s h\u00f6her ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Dabei hatte das im April von Br\u00fcssel verh\u00e4ngte Verbot des Kaufs von russischem LNG im Rahmen von Kurzzeitvertr\u00e4gen keinerlei Auswirkungen, und der Handel im Rahmen von Langzeitvertr\u00e4gen l\u00e4uft weiter. Ab dem 1. Januar 2027 tritt jedoch ein vollst\u00e4ndiges Verbot f\u00fcr russisches LNG in Kraft. Und die Lage entwickelt sich bereits jetzt ung\u00fcnstig. Juschkow hebt hervor:<\/p>\n<p><em>&#8222;Es ist bereits Mitte des Sommers, und die Europ\u00e4er sind mit der Einspeisung von Gas in die Untergrundspeicher weit im R\u00fcckstand. Sie haben mit der Einspeisung gez\u00f6gert, da sie auf die \u00d6ffnung der Stra\u00dfe von Hormus und einen R\u00fcckgang der Gaspreise gewartet haben. Doch darauf haben sie vergeblich gewartet. Derzeit kosten 1.000 Kubikmeter 655 US-Dollar. Und es ist bereits klar, dass die Europ\u00e4er die Vorgabe einer 90-prozentigen F\u00fcllung der unterirdischen Gasspeicher definitiv nicht erreichen werden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der Verzicht auf russisches LNG werde im Winter sicherlich nicht unbemerkt bleiben, so der Experte. Er sagt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Um die Situation zu entsch\u00e4rfen, m\u00fcsste Europa im Gegenteil viel mehr Gas in die unterirdischen Speicher einspeisen als \u00fcblich. In Wirklichkeit wird aber weniger als \u00fcblich eingepumpt werden. Das ist schlecht, da dies im Winter eine Erh\u00f6hung der laufenden Importe erfordern wird, selbst ohne Ber\u00fccksichtigung des Verbots von russischem LNG. Und ein Embargo f\u00fcr unser Gas wird im Winter zu einem noch st\u00e4rkeren Anstieg der Nachfrage nach laufenden Importen f\u00fchren. Ein Ersatz ist nur durch anderes LNG m\u00f6glich, entweder durch steigende Preise oder durch eine Verringerung des Verbrauchs. Sollte es zu einem extremen Preisanstieg kommen, k\u00f6nnte der Ersatz von Gas durch Kohle selbst unter Ber\u00fccksichtigung der CO\u2082-Abgaben rentabel werden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Europa werde etwa 15 bis 20 Millionen Tonnen russisches LNG pro Jahr ersetzen m\u00fcssen, betont Michail Wakiljan. Er meint:<\/p>\n<p><em>&#8222;Ein physisches Defizit l\u00e4sst sich durch zus\u00e4tzliche Lieferungen aus den USA, einen Teil afrikanischen LNGs und eine Senkung des europ\u00e4ischen Verbrauchs vermeiden. Auf einen raschen Anstieg der Lieferungen aus Katar zu setzen, ist schwieriger, da die katarischen Exporte nach der Sperrung der Stra\u00dfe von Hormus nur noch mit Unterbrechungen laufen und sich der Ausbau des North Pars Gas Field verz\u00f6gern k\u00f6nnte. Daher werden die USA der Hauptnutznie\u00dfer sein.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ein Verbot werde in jedem Fall die Zahl der Lieferanten verringern und den Preis im Vergleich zu einer Situation, in der russisches Gas auf dem Markt verbliebe, in die H\u00f6he treiben, f\u00fcgt er hinzu.<\/p>\n<p>Eine Prognose der Preise sei unm\u00f6glich, doch im Winter k\u00f6nnten sie im ung\u00fcnstigsten Fall sogar \u00fcber 1.000 US-Dollar steigen, gibt Igor Juschkow zu Bedenken. Das h\u00e4nge davon ab, wie streng der Winter wird, ob katarisches LNG auf den Weltmarkt kommt und so weiter. Bei einem kalten Winter und anhaltenden Lieferengp\u00e4ssen aus Katar seien Wakiljan zufolge starke Preisspr\u00fcnge m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Was den russischen LNG aus dem Projekt &#8222;Jamal-LNG&#8220; angehe, so werde dieser \u00fcber den Suezkanal auf die asiatischen M\u00e4rkte gelangen, vor allem nach Indien, S\u00fcd- und Ostasien, so Juschkow. F\u00fcr Russland als Staat stelle die Situation kein gro\u00dfes Problem dar, da f\u00fcr LNG-Lieferungen bislang Null- oder Vorzugss\u00e4tze bei Steuern und Z\u00f6llen gelten.<\/p>\n<p>Der Verlust der griechischen eisg\u00e4ngigen Gastanker k\u00f6nnte jedoch die Exportmengen von &#8222;Jamal-LNG&#8220; stark beeintr\u00e4chtigen, da es keinen Ersatz daf\u00fcr gebe und solche Tanker auf dem Sekund\u00e4rmarkt nicht zu kaufen seien, so der Experte. Michail Wakiljan meint:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Anlage bleibt eines der wettbewerbsf\u00e4higsten russischen LNG-Projekte, doch die Aufrechterhaltung der bisherigen Mengen nach 2027 ist bislang nicht garantiert. Bei einem Mangel an Schiffen oder Abnehmern sind vor\u00fcbergehende K\u00fcrzungen der Lieferungen und der Produktion m\u00f6glich. Die \u00f6stliche Route \u00fcber die Nordostpassage bleibt saisonabh\u00e4ngig, die Lieferung nach Asien \u00fcber die westliche Route ist deutlich l\u00e4nger. \u00c4ltere Gastanker sind nicht in der Lage, Arc7-Schiffe auf dem winterlichen Abschnitt zwischen Sabetta und den eisfreien Gew\u00e4ssern zu ersetzen. Daher sind f\u00fcr das Projekt steigende Transportkosten, Preisnachl\u00e4sse f\u00fcr Abnehmer und sinkende Rentabilit\u00e4t wahrscheinlich.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ein g\u00fcnstigeres Szenario w\u00e4re, wenn &#8222;Nowatek&#8220; die eisg\u00e4ngigen Gastanker von dem griechischen Unternehmen erwerben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/vz.ru\/economy\/2026\/7\/17\/1435344.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist zuerst am 17. Juli 2026 auf der Website der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Olga Samofalowa<\/strong> ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220;.<\/em><\/p>\n<\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v79caok\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Olga Samofalowa In der ersten H\u00e4lfte des Jahres 2026 importierten die L\u00e4nder der Europ\u00e4ischen Union eine Rekordmenge an Fl\u00fcssigerdgas (LNG) aus dem gr\u00f6\u00dften russischen LNG-Projekt. Die Europ\u00e4er kauften das gesamte von &#8222;Jamal-LNG&#8220; von &#8222;Nowatek&#8220; produzierte Erdgas auf \u2013 9,89 Millionen Tonnen. Das sind 18 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 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