{"id":14065,"date":"2026-07-18T16:02:08","date_gmt":"2026-07-18T14:02:08","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/deutschland-einig-paypal-land-doch-der-angriff-laeuft-37967724-html\/"},"modified":"2026-07-18T16:02:08","modified_gmt":"2026-07-18T14:02:08","slug":"deutschland-einig-paypal-land-doch-der-angriff-laeuft-37967724-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/deutschland-einig-paypal-land-doch-der-angriff-laeuft-37967724-html\/","title":{"rendered":"Zahlungsabwickler: Deutschland l\u00f6st sich aus dem Griff von Paypal"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Europa hat l\u00e4ngst eigene Zahlsysteme, nur Deutschland ist fest in Paypal-Hand. Gro\u00dfe Banken starten nun einen neuen Versuch, um hiesige Kunden vom US-Anbieter wegzulocken<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Wenn Rafa\u0142 Borkowski auf dem Markt Erdbeeren einkauft, dann z\u00fcckt er sein Handy. Der Mann aus der westpolnischen Stadt \u015awidnica \u00f6ffnet die App seiner Bank; er gibt die Handynummer der Erdbeerverk\u00e4uferin an, tr\u00e4gt die Summe ein und \u00fcberweist. Borkowski braucht kein Bargeld daf\u00fcr und keine Karte. Und auch keine Zahlungs-App wie Paypal. \u201eDas dauert keine zehn Sekunden, die H\u00e4ndlerin und ich machen das immer so\u201c, sagt Borkowski.<\/p>\n<p>F\u00fcr Situationen wie diese haben sie in Polen inzwischen ein eigenes Verb erfunden: blikn\u0105\u0107 \u2013 also etwa \u201ebliken\u201c. Entstanden ist es durch die Plattform, die den schnellen Kauf per Telefon m\u00f6glich macht: Blik \u2013 ein System f\u00fcrs mobile Zahlen, 2015 gestartet von einer Allianz sechs polnischer Banken. Heute hat Blik nach eigenen Angaben \u00fcber 21 Millionen Nutzer und wird von so gut wie jeder in Polen aktiven Bank angeboten. Das Prinzip: Niemand braucht eine neue App, sondern nutzt einfach die seiner Bank. Es geht nur darum, die Banken miteinander m\u00f6glichst einfach zu verbinden.<\/p>\n<\/p>\n<p>Lokal entwickelte Systeme wie Blik haben sich inzwischen \u00fcberall in Europa etabliert und sind in vielen L\u00e4ndern zum Marktf\u00fchrer aufgestiegen. Es gibt Bizum in Spanien, Swish in Schweden, Twint in der Schweiz oder Ideal in den Niederlanden. Sie werden genutzt, um die Rechnung nach einem Mittagessen zu teilen \u2013 aber inzwischen auch, um im Internet Schuhe zu kaufen oder \u00c4pfel im Supermarkt. Alles Plattformen mit Millionen von Nutzern, die aus dem Alltag kaum wegzudenken sind. Und alles Projekte europ\u00e4ischer Banken, die die betreffenden Daten in Europa speichern.<\/p>\n<p>Ausgerechnet im gr\u00f6\u00dften Land der EU aber hat sich bisher keine eigene Plattform durchsetzen k\u00f6nnen. Deutschland ist Paypal-Land. Die Zahlungs-App aus den USA \u2013 einst von den heutigen Multimilliard\u00e4ren Peter Thiel und Elon Musk aufgebaut \u2013 ist ein Platzhirsch, wenn es um die Frage geht, wie die Deutschen sich gegenseitig per Handy Geld schicken. Nach und nach sind die Amerikaner auch in den sonstigen Zahlungsverkehr vorgedrungen, zu Webshops und an Supermarktkassen. Im Onlinehandel ist die App heute in Deutschland Zahlungsform Nummer eins (siehe Grafik unten).<\/p>\n<h2><strong>Mailkonto gesperrt<\/strong><\/h2>\n<p>Es ist eine Dominanz, die lange keiner problematisch fand \u2013 bis Donald Trump erneut Pr\u00e4sident wurde, den Europ\u00e4ern mit allem M\u00f6glichen drohte und damit auch in Deutschland Angst vor einer Abh\u00e4ngigkeit von US-Techunternehmen ausl\u00f6ste. Was, wenn Trumps Freunde aus dem Silicon Valley beschlie\u00dfen, einen Bezahldienst in Deutschland abzuschalten, weil ihnen die Politik der Regierung nicht passt? Was, wenn die Nutzerdaten dazu dienen, das Zahlungsverhalten der Deutschen zu kontrollieren? Dass derlei Bef\u00fcrchtungen nicht v\u00f6llig grundlos sind, hat sich anderswo schon gezeigt. So sperrte Microsoft im Fr\u00fchjahr 2025 zeitweise das E-Mail-Konto des Chefankl\u00e4gers am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Der US-Regierung war sein Vorgehen gegen israelische Politiker ein Dorn im Auge.<\/p>\n<p>Die Angst vor Eingriffen aus Washington treibt nicht nur Politiker, sondern auch Konsumenten um. Umfragen der Bundesbank zeigen regelm\u00e4\u00dfig, dass die Deutschen ein steigendes Interesse an Zahlungsmodellen haben, die \u201eauf einer europ\u00e4ischen Infrastruktur beruhen\u201c.<\/p>\n<\/p>\n<p>Nun ist ein Konkurrent f\u00fcr Paypal auf den Plan getreten, der genau diesen Bedarf aufgreift: Wero, ein Projekt der European Payments Initiative (EPI). Es k\u00f6nnte auch in Deutschland das Spiel ver\u00e4ndern. Und dabei k\u00f6nnten die bereits bestehenden Projekte in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern eine entscheidende Rolle spielen. Es ist \u2013 wenn man so will \u2013 der bisher entschiedenste Versuch, f\u00fcr Deutschland und Europa eine Alternative zu Paypal zu finden.<\/p>\n<p>Die Ausgangslage: Deutschland ist auch deshalb bisher so abh\u00e4ngig von Paypal, weil alle Bezahldienste ihren Kundenstamm nach einem bestimmten Prinzip aufbauen. Am Anfang stehen immer die \u00dcberweisungen zwischen Freunden und Bekannten, die sogenannten Peer-to-Peer-(P2P)-Zahlungen. Mit ihnen wird kein Geld verdient, zumindest, solange kein Gesch\u00e4ft im Spiel ist. Sobald aber genug Nutzer dabei sind, werden professionelle H\u00e4ndler eingebunden und andere Dienste angeboten, f\u00fcr die die Plattformen Prozente verlangen k\u00f6nnen. So bezahlt der Pole Borkowski etwa auch seine Autobahnmaut \u00fcber Blik.<\/p>\n<h2><strong>Paypal lange untersch\u00e4tzt<\/strong><\/h2>\n<p>Einen \u00e4hnlichen Weg ging Paypal in Deutschland. \u201ePaypal konnte so unter dem Radar der Banken wachsen\u201c, sagt Georg Hauer. \u201eDie haben nach und nach Vertrauen aufgebaut.\u201c Hauer ist Berater f\u00fcr Fintechs, also junge Finanzunternehmen, die auf neue Technologien setzen. Er hat fr\u00fcher als Deutschlandmanager f\u00fcr die Neobank N26 gearbeitet und verfolgt die Entwicklungen auf dem Markt f\u00fcr Zahlungsl\u00f6sungen sehr aufmerksam. \u201eAls Paypal dann sp\u00e4ter in den H\u00e4ndlerbereich eingestiegen ist, war die Anwendung bereits weit verbreitet und damit die naheliegende L\u00f6sung\u201c, sagt er.<\/p>\n<\/p>\n<p>Das Problem f\u00fcr die deutschen Banken: Sie hatten das Peer-to-Peer-Prinzip lange untersch\u00e4tzt und verschlafen. Oder sie versuchten, f\u00fcr die \u00dcberweisungen unter Bekannten Geb\u00fchren zu verlangen \u2013 wie im alten Bankgesch\u00e4ft. Dazu kam die traditionelle Liebe der Deutschen zum Bargeld \u2013 wozu da eine digitale Alternative? \u201eMan hat die Priorit\u00e4ten anders gesetzt und Peer-to-Peer-Zahlungen lange nicht als relevantes Gesch\u00e4ftsmodell gesehen\u201c, sagt Hauer.<\/p>\n<p>Als die deutschen Banken dann Mitte der 2010er-Jahre aufwachten und eigene Modelle anboten, hinkten sie hinterher: Die Bezahlverfahren Kwitt und Giropay waren nicht bei allen Kunden verf\u00fcgbar und kompliziert einzurichten, sie hatten zu wenige Nutzer und konnten sich nie wirklich durchsetzen. Ende 2024 wurden beide Dienste eingestellt.<\/p>\n<p>In anderen Staaten hingegen reagierten die Banken geschickter. 2016 taten sich etwa in Spanien 27 Banken zusammen, um Bizum zu gr\u00fcnden, ein System, das inzwischen nicht nur Millionen von Nutzern hat, sondern auch mit Zehntausenden von H\u00e4ndlern kooperiert. Da auch Vereine und Beh\u00f6rden im Land Bizum bald als Zahlungsmittel akzeptierten, wurde das System rasch popul\u00e4r: Spenden an Kirchen, aber auch Geb\u00fchren f\u00fcr Beh\u00f6rden oder das Honorar f\u00fcr die Nachhilfelehrerin lie\u00dfen sich so rasch abwickeln.<\/p>\n<p>\u201eSysteme sind erfolgreich, wenn sie einfach sind und gleichzeitig gut zu lokalen Gegebenheiten passen\u201c, sagt Hauer. \u201eWichtig ist eine niedrige Einstiegsh\u00fcrde, f\u00fcr Nutzer wie f\u00fcr H\u00e4ndler.\u201c Aus Sicht des Polen Borkowski spielte im Fall von Blik auch eine Art neu entdeckter Lokalpatriotismus eine Rolle. \u201eFr\u00fcher galt alles aus dem Westen als besser, heute werden viele polnische L\u00f6sungen bevorzugt \u2013 auch im Digitalbereich\u201c, sagt er. \u201eDie Leute identifizieren sich st\u00e4rker mit eigenen Marken.\u201c<\/p>\n<\/p>\n<p>Bisher galt: Die Plattformen in den einzelnen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sind kaum miteinander verkn\u00fcpft, viele Anbieter bedienen nur die heimische Bev\u00f6lkerung oder allenfalls noch die eines Nachbarstaats. Das aber schr\u00e4nkt letztlich alle ein. Chris Scheuermann will das \u00e4ndern. Der Manager der EPI hat die Aufgabe, Wero in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen und damit endlich auch im gr\u00f6\u00dften Markt der EU ein eigenes Bezahlsystem zu etablieren. Zumindest die Erfahrung daf\u00fcr bringt er mit: Er arbeitete einst mehr als vier Jahre bei Paypal und kennt die Konkurrenz und deren Methoden daher gut. Er bem\u00fcht sich, Optimismus zu verbreiten. \u201eIn Deutschland ist seit Anfang 2026 sehr viel passiert\u201c, sagt er. \u201eIch glaube, dass mittlerweile ein Kipppunkt da ist, an dem mehr und mehr Menschen Interesse daran haben, eine L\u00f6sung aus Europa zu nutzen.\u201c<\/p>\n<\/p>\n<p>Die EPI verfolgte mit Wero von Anfang an ein anderes Konzept als bei allen bisherigen Versuchen in Deutschland: Der Zahlungsdienst war von vornherein l\u00e4nder\u00fcbergreifend gedacht. Zun\u00e4chst schlossen sich Banken aus Deutschland, Frankreich und Belgien zusammen. Die Deutsche Bank ist beteiligt, aber auch Sparkassen, Volksbanken oder die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Neobank Revolut. \u00c4hnlich wie bei den nationalen Alternativen wurden die Kunden zun\u00e4chst mit Peer-to-Peer-Zahlungen ins System gezogen. Bei einigen gab es sogar ein 5-Euro-Guthaben als Lockangebot zum Start. Und auch wenn Wero in Deutschland noch weit hinter Paypal liegt, der Trend geht doch sichtbar nach oben.<\/p>\n<h2><strong>Mehr M\u00e4rkte ins System<\/strong><\/h2>\n<p>Die Zahl der Nutzer, die Wero in Deutschland aktiviert haben, hat sich seit 2025 fast verdreifacht, auf jetzt ann\u00e4hernd neun Millionen. Noch nicht viel im Vergleich zu den nationalen Angeboten in Polen oder Spanien. Doch es bedeutet Wachstum. Um nun aber noch schneller zu wachsen, arbeiten Scheuermann und seine Kollegen vor allem daran, weitere europ\u00e4ische M\u00e4rkte ins System zu holen. Ende 2025 \u00fcbernahm die EPI den Dienst Ideal und holte sich damit die beliebteste Zahll\u00f6sung der Niederlande ins Haus, mit Millionen von Nutzern. Mit den Spaniern von Bizum wiederum wird daran gearbeitet, deren System mit Wero kompatibel zu machen. \u201eIch kann diesen spanischen Nutzer dann per P2P so erreichen, wie ich auch einen deutschen oder franz\u00f6sischen Nutzer erreiche\u201c, erkl\u00e4rt Chris Scheuermann. Im Juni schlossen sich zudem Erste Bank und die Raiffeisen-Gruppe aus \u00d6sterreich dem EPI-Verbund an, auch dort d\u00fcrfte bald das gelb-schwarze Wero-Logo auftauchen.<\/p>\n<p>Aus Sicht des Fintechberaters Hauer ist Wero \u201edas vielversprechendste paneurop\u00e4ische Projekt seit Langem\u201c. Allerdings sieht der Finanzexperte auch Probleme. \u201eDer Roll-out ist langsam, da er Land f\u00fcr Land und Bank f\u00fcr Bank erfolgt\u201c, sagt Hauer. \u201eDas ist ein struktureller Nachteil gegen\u00fcber Paypal.\u201c Zudem nutzt Wero bisher die Rechenzentren von Amazon Web Services, also einem US-Unternehmen. Bei der EPI, so sagt es Scheuermann, arbeitet man daran, \u201edie Abh\u00e4ngigkeit von au\u00dfereurop\u00e4ischen Anbietern schrittweise zu verringern\u201c.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die entscheidende Schlacht wird ohnehin woanders geschlagen \u2013 im Onlinehandel. Und da rangiert Wero in Deutschland noch unter \u201eferner liefen\u201c. Den Ticketanbieter Eventim hat man gewonnen und den Matratzenh\u00e4ndler Bett1. Aber die gro\u00dfen Fische wie Lidl, dm oder Ikea lassen noch auf sich warten.<\/p>\n<p>Aus Sicht von Hauer geht es darum, so rasch wie m\u00f6glich noch ganz andere Funktionen anzubieten. Der Fintech-Experte schw\u00e4rmt von asiatischen Angeboten wie Alipay oder Wechat, mit denen man auch Zugtickets buchen oder Taxis rufen kann. \u201eDer Schl\u00fcssel ist, ein \u00d6kosystem zu schaffen, das \u00fcber reine Zahlungen hinausgeht\u201c, sagt Hauer. Aber vielleicht w\u00e4re ein eigenes Bezahlsystem, das \u00fcberall in Europa funktioniert, schon mal ein Anfang.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Europa hat l\u00e4ngst eigene Zahlsysteme, nur Deutschland ist fest in Paypal-Hand. 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