{"id":14083,"date":"2026-07-18T19:02:39","date_gmt":"2026-07-18T17:02:39","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/jens-spahns-ruecktritt-ist-richtig-und-brandgefaehrlich-37984858-html\/"},"modified":"2026-07-18T19:02:39","modified_gmt":"2026-07-18T17:02:39","slug":"jens-spahns-ruecktritt-ist-richtig-und-brandgefaehrlich-37984858-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/jens-spahns-ruecktritt-ist-richtig-und-brandgefaehrlich-37984858-html\/","title":{"rendered":"Meinung: Nach dem Spahn-R\u00fccktritt steht der Kanzler vor einem Scherbenhaufen"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Innerhalb von 72 Stunden verspielt Jens Spahn seine Karriere. Sein R\u00fccktritt war unausweichlich \u2013 und ist f\u00fcr die Koalition dennoch ein gef\u00e4hrliches Menetekel<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Jens Spahn ist zur\u00fcckgetreten, und so brutal es ist, wegen der Geburt eines Kindes einen politischen Top-Job zu verlieren: Der Schritt ist richtig, auch in der Geschwindigkeit. Weil Spahn sich f\u00fcr eine Leihmutter im Ausland entschied, um die hiesige Rechtslage und die eigene Parteilinie zu umgehen, wurde er innerhalb von Tagen regelrecht toxisch f\u00fcr die politische Mitte. Wer den Anschein erweckt, \u00fcber dem Gesetz zu stehen und sich sein eigenes Recht zu schaffen, verst\u00e4rkt genau jenen Politikverdruss und die Wut auf die Eliten noch, von dem die extremen Parteien in diesen Zeiten so profitieren.<\/p>\n<p>Wer glaubt, jetzt werde alles wieder gut, irrt. Dieser R\u00fccktritt trifft eine ohnehin labile Koalition ins Mark, und es ist v\u00f6llig offen, ob jetzt eine neue Ordnung eintritt oder zus\u00e4tzliches Chaos. Spahn mag ein Spitzenpolitiker gewesen sein, der viel zu h\u00e4ufig in der Grauzone unterwegs war und oft genug so wirkte, als k\u00fcmmere ihn vor allem sein eigenes Fortkommen. Aber er hatte auch Bindekraft, war im Maschinenraum einer der wenigen Profis, die die Union noch hat.\u00a0<\/p>\n<p>Gerade zuletzt war Spahn auch einer, der am Erfolg dieser Regierung interessiert schien, die manche schon leichtfertig als letzte Patrone der Demokratie bezeichnet haben. Hinter den Kulissen, als \u00fcber die Reformen verhandelt wurde, zeigte er eine Rolle, die man \u00f6ffentlich selten wahrnahm: integrierend, verl\u00e4sslich. Auch wegen Spahn ist Union und SPD etwas gelungen, das man zumindest als halbwegs pr\u00e4sentabel bezeichnen kann.<\/p>\n<h2>Fall Spahn: Merz kann einen Urfehler der Anfangszeit korrigieren<\/h2>\n<p>Jetzt ist er weg. Und Friedrich Merz hat eine neue Chance, glauben manche. Nat\u00fcrlich liegt in dieser Lage auch eine Chance. Der Kanzler ist den vielleicht unbeliebtesten Politiker des Landes losgeworden, ohne gro\u00df k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen. Ein Anruf am Samstagvormittag gen\u00fcgte, um ihm die aussichtslose Lage zu verdeutlichen. Niemand wird Spahns Skandale vermissen, niemand seine politischen Instinktlosigkeiten. Und Merz kann einen Urfehler in der Aufstellung jetzt korrigieren: Das Zentrum der Union, mit dem Dreieck Merz, seinem Kanzleramtschef und Spahn war von Anfang an instabil, weil das Vertrauen fehlte.<\/p>\n<p>Andererseits durchkreuzt der Spahn-R\u00fccktritt das schwarz-rote Drehbuch in heftiger Art und Weise. In nicht einmal zwei Monaten beginnt die Landtagswahlserie im Osten, und eigentlich hatten Merz und seine Leute darauf gehofft, sich neu pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen, sachorientiert, entschlossen. Niemand macht wegen der Reformen Luftspr\u00fcnge vor Begeisterung, aber immerhin waren sie ein kleines Zeichen daf\u00fcr, dass diese Regierung handeln kann, ideologische Gr\u00e4ben noch zusch\u00fctten kann, das Zeitalter des Kompromisses noch nicht vollst\u00e4ndig verabschiedet ist.\u00a0<\/p>\n<p>Dass es jetzt erst mal nur ums Personal gehen wird, ist schon schwierig genug. Weitaus gef\u00e4hrlicher ist, was der Fall Spahn offengelegt hat: eine Machtverschiebung in den Parteien der Mitte. Immer weniger werden sie von oben nach unten gef\u00fchrt, sondern von unten nach oben. Damit werden sie unberechenbarer, schwerer steuerbar. Mit jedem Tag, an dem die AfD in Umfragen vornliegt, w\u00e4chst in Union und SPD die Panik davor, weitere Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren \u2013 und gleichzeitig die Sehnsucht danach, die reine Lehre zu vertreten und Abweichungen zu verhindern.\u00a0<\/p>\n<h2>Die Macht der Chatgruppen k\u00f6nnte auch Merz selbst bald zu sp\u00fcren bekommen<\/h2>\n<p>Spahn ist nicht gest\u00fcrzt, weil Merz ihn zum R\u00fccktritt aufforderte. Der Kanzler gratulierte ihm ja h\u00f6flich, als dieser ihn von der Leihmutter und der Geburt seines Kindes informierte. Merz setzte sich erst an die Spitze der Bewegung, als ihm schwante, wie aussichtslos es w\u00e4re, sich noch auf die Seite des Fraktionschefs zu schlagen. Nein, Spahn st\u00fcrzte, weil er (wie Merz) offenbar v\u00f6llig untersch\u00e4tzte, wie schnell Identit\u00e4tsthemen in verunsicherten Parteien explodieren k\u00f6nnen. In brosiusgersdorfscher Geschwindigkeit bahnte sich die Wut der Basis ihren Weg nach oben, \u00fcber Chatgruppen und Briefe, \u00fcber soziale Medien und Massenanrufe. Spahn, der zun\u00e4chst zu glauben schien, die Funktion\u00e4rsebene werde ihn sch\u00fctzen, blieb nur der R\u00fcckzug.<\/p>\n<\/p>\n<p>Ja, Merz hat einen Rivalen weniger. Aber die Union sollte sich mit allem, was sie hat, daf\u00fcr einsetzen, dass die Wahlen im Osten nicht v\u00f6llig schiefgehen. Wer jetzt noch nicht kapiert hat, was die Stunde geschlagen hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Enden die Wahlen im Desaster, wird die Wut wieder nach Berlin schwappen, \u00fcber Chatgruppen und die sozialen Medien. Dann aber gegen den Kanzler selbst.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel ist eine \u00dcbernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland geh\u00f6rt. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Innerhalb von 72 Stunden verspielt Jens Spahn seine Karriere. 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